Forschung zu neuen Herausforderungen für Kapitalismus und Demokratie – MPIfG-Projektverbund in Chile

Aldo Madariaga

17. Mai 2022

Im MPIfG-Projektverbund „Sozioökonomische Transformationen in Chile“ kooperiert das Institut seit November 2019 mit vier chilenischen Universitäten. Rund 40 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler untersuchen hier Transformationsprozesse in Kapitalismus und Demokratie vor dem Hintergrund globaler Prozesse der Finanzialisierung und Digitalisierung, des Klimawandels, der zunehmenden sozialen Ungleichheit und disruptiver populistischer Strömungen.

Im Jahr 2019 hat das MPIfG einen Projektverbund mit vier chilenischen Universitäten gegründet, um ein innovatives interdisziplinäres Forschungsvorhaben zu starten. Im MPIfG-Projektverbund „Sozioökonomische Transformationen in Chile“ kooperieren das Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung (MPIfG), die Universidad Diego Portales in Chile und drei weitere chilenische Universitäten: die Universidad Mayor, die Universidad Central und die Universidad Alberto Hurtado. Seit November 2019 untersucht der Projektverbund aktuelle Transformationsprozesse in Kapitalismus und Demokratie angesichts des stetig wachsenden Einflusses globaler Prozesse der Finanzialisierung und Digi­talisierung, des Klimawandels, der zunehmenden Ungleichheit und disruptiver populistischer Strömungen. Für eine fundierte Analyse des Umgangs von Gesellschaften mit diesen unterschiedlichen wirtschaftlichen, politischen, sozialen und ökologischen Herausforderungen konzentriert der Projektverbund seine Arbeit auf drei Forschungsbereiche.

Erwartungen der Öffentlichkeit an politische und wirtschaftliche Entwicklungen und Prozesse

Dieser Bereich erforscht die Transformation des öffentlichen Wirtschaftsraums. Im Fokus stehen die Konstruktion ökonomischer Erwartungen und Zukunftsaussichten in der Auseinandersetzung über „ökonomische Fakten“ in sozialen Netzwerken und in den Medien sowie die Rolle der Eliten in diesen Prozessen. Dabei nimmt das Team um Felipe González (Universidad Central und Leiter der Max-Planck-Partner­gruppe zur Erforschung von Ökonomie und Öffentlichkeit in Chile) in einem ersten Schwerpunkt den in der Öffentlichkeit geführten ökonomischen Diskurs und das Verhältnis zwischen Politik und Medien in den Blick. Die Analyse der Rolle von Eliten, der zweite Schwerpunkt, umfasst ­sowohl die Bewertung von Elitenpräferenzen als auch grundlegendere Untersuchungen zu Eliten in Politik und Wirtschaft.

Staatliche Interventionen im Bereich der Wirtschaft

Dieser Forschungsbereich, geleitet von Aldo Madariaga, widmet sich der Transformation der politischen Entscheidungsprozesse. Die Forschung konzen­triert sich hier auf die Akteure, die Entscheidungen der öffentlichen Funk­tionsträger beeinflussen, die zugrunde liegenden Einflussmechanismen und die Art und Weise, wie sich dies in neuen politischen Maßnahmen niederschlägt. Ein erstes Politikfeld, das untersucht wird, ist der Klimawandel. Dafür werden politische Hintergründe und soziale Auswirkungen der Umweltzerstörung, vor allem Wasserknappheit, analysiert und umweltfreundliche Wachstumsstrategien betrachtet. Ein zweites Politikfeld befasst sich mit der fortschreitenden Automatisierung und der Zukunft der ­Arbeit. Wie wirkt sich die Automatisierung durch den technologischen Wandel auf Politik und den demokratischen Kapitalismus aus? Welche Folgen hat die Auto­matisierung in Bereichen wie dem Agrar­sektor in Chile? Und wie gelingt es internationalen Organisationen, Debatten zur Automatisierung und zur Zukunft der Arbeit zu führen? Das sind einige der Fragen, die im Fokus der Forschungsarbeit stehen. Das dritte und letzte Politikfeld umfasst Wachstumsmodelle und ihre politischen Dynamiken: Hier liegt der Fokus der Forschung auf dem neoliberalen Wachstum und seinen Wechselwirkungen mit den Bemühungen der Wirtschaftseliten, ihre Machtressourcen zu erweitern, sowie auf den politischen und ökonomischen Auswirkungen peripherer Wachstumsstrategien in Abhängigkeitskontexten.

Der Staat als bedeutender Akteur in Wirtschaft und Politik

Hier stehen die Transformationsprozesse von Staaten mit Blick auf die Wechselwirkungen zwischen Besteuerung und Verschuldung im Zentrum der Forschungsarbeit. Der von Jorge Atria (Universidad Diego Portales) geleitete Forschungsbereich analysiert staatliche Transforma­tionsprozesse mit Bezug zur aktuellen Umweltkrise. Er untersucht den Zusammenhang zwischen Naturkatastrophen und Fiskalreformen und ergründet, wie Prozesse der staatlichen Expansion (vor allem durch Fördermittel und Transferleistungen) in Chile zum Erhalt des auf Rohstoffförderung ausgerichteten Wirtschaftsmodells und der Machtposition der Privatwirtschaft beigetragen haben. Wichtige Erkenntnisse lieferten bereits die Untersuchung der historischen Entwicklung des chilenischen Fiskalpakts und eine landesweite Studie, die systematisch Wahrnehmungen, Einstellungen und Steuerpräferenzen im Zusammenhang mit Steuerehrlichkeit, Steuerlasten, öffentlichen Ausgaben und der Rolle des Staates auswertet.

Die Arbeit des Projektverbunds wurde seit seiner Startphase ab November 2019 von der Covid-19-Pandemie beeinträchtigt. Bislang waren die zur Anknüpfung engerer Kontakte und Arbeitsbeziehungen so wichtigen Präsenz-Workshops sowohl in Chile als auch mit internationaler Beteiligung in Köln nicht möglich. Da die institutionenübergreifende Zusammenarbeit jedoch ein wesentliches Anliegen des Projektverbunds ist, wurden erhebliche Anstrengungen unternommen, um die Forschungskooperation auch über den Austausch zwischen den Projektverantwortlichen und Forschungsbereichskoordinatoren hinaus zu fördern. Das hat die Kooperation auf vielfache Weise gestärkt.

Jeder Forschungsbereich besteht aus kleineren Forschungsclustern, in denen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem In- und Ausland um eine verstärkte Kooperation bemühen, indem sie gemeinsame Artikel zu zahlreichen Themen planen. So wurden etwa auf Initiative von Felipe González die Ergebnisse aus seinem Forschungsbereich mit den Ergebnissen der Max-Planck-Partnergruppe zur Erforschung von Ökonomie und Öffentlichkeit zusammengeführt. Und Arianna Tassinari (MPIfG), Fabio Bulfone (ehemaliger wissenschaftlicher Mitarbeiter am MPIfG) und Aldo Madariaga planen ein Sonderheft zum Thema „Periphere Wachstumsstrategien“.

Auf drei zentralen virtuellen Veranstaltungen konnten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zusammenkommen und ihre Forschungsergebnisse diskutieren. Im März 2021 veranstaltete der Projektverbund ein Seminar, das die beiden Forschungsgruppen erstmals für die Dauer von drei Tagen zusammenbrachte. Die Teilnehmenden hatten die Möglichkeit, sich kennenzulernen und sich mit den Arbeitsbereichen der Kolleginnen und Kollegen vertraut zu machen, Feedback zu geben und Kommunikationskanäle aufzubauen, die seitdem die Kooperationsbeziehungen aktiv unterstützen. Am Workshop „Whither Democratic Capitalism? Transformations, Struggles, and Imaginaries of the Future Economy in Europe and Latin America“ mit 12 Präsentationen nahmen 32 Forschende des Projektverbunds teil. Ein weiterer wichtiger Kooperationsimpuls ging von einer Minikonferenz mit dem Titel „Imagined Capitalist Transformations and the Politics of the Future Economy“ im Rahmen der SASE-Konferenz im Juli 2021 aus. Aldo Madariaga, Jens Beckert, Felipe González und Jorge Atria organisierten gemeinsam mit Guadalupe Moreno (ehemalige MPIfG-Doktorandin) sechs Fachpanels mit insgesamt 22 Vorträgen und 35 Teilnehmenden aus Forschungsinstitutionen in aller Welt. Auf einem im Dezember 2021 gemeinsam von Felipe González und dem MPIfG durchgeführten Workshop mit dem Titel „The Economy, the News, and the Public“ haben Forschende aus den Bereichen Wirtschaftssoziologie und Medienstudien die Rolle der Medien bei der Gestaltung des öffentlichen Diskurses über Wirtschaft diskutiert und damit einen fruchtbaren Austausch von empirischen Erkenntnissen, theoretischen Perspektiven und methodischen Ansätzen zwischen den beiden Forschungsbereichen initiiert.

Darüber hinaus stärken zwei aktuelle Ini­tiativen des Projektverbunds den wissenschaftlichen Austausch: Chilenische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verbringen Forschungsaufenthalte am MPIfG und Nachwuchswissen­schaftlerinnen und -wissenschaftler können durch Austauschprogramme an der Universidad Diego Portales forschen. Der Erfolg dieser vielfältigen Initiativen unter den schwierigen Bedingungen einer Pandemie verspricht Gutes für die Kooperationspläne des Projektverbunds.


Projektverbund „Sozioökonomische Transformationen in Chile“

Der MPIfG-Projektverbund „Sozioökonomische Transformationen in Chile“ untersucht aktuelle Transformationsprozesse in drei Kernbereichen, die sich auf die Wirtschaft der Zukunft auswirken werden: in der Öffentlichkeit, wo Erwartungen an ökonomische Prozesse entstehen, in der Politik, wo Eingriffe in die Wirtschaft beschlossen werden, und im Staat als einem maßgeblichen Akteur in der Wirtschaft. Die Forschung konzen­triert sich auf Lateinamerika und Europa, zwei Weltregionen, die als exemplarisch für ihre unterschiedlichen Dynamiken in Kapitalismus und Demokratie gelten.

Der Projektverbund wird gemeinsam vom MPIfG in Köln und der Universidad Diego Portales in Santiago betrieben und bezieht drei weitere chilenische Universitäten mit ein: Universidad Mayor, Universidad Central de Chile und Universidad Alberto Hurtado. Dr. Aldo Madariaga, Professor an der Universidad Diego Portales und ehemaliger Doktorand am MPIfG, und Prof. Dr. Jens Beckert, Direktor am MPIfG, leiten gemeinsam den Projektverbund und koordinieren ein Team von mehr als vierzig Forschenden aus den genannten Einrichtungen.

Der Projektverbund wird von der nationalen chilenischen Agentur für Forschung und Entwicklung (Agencia Nacional de Investigación y Desarrollo, ANID) im Rahmen ihres internationalen Kooperationsprogramms sowie von der Max-Planck-Gesellschaft finanziert.

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