Robert Habeck telefoniert mit ernster Miene vor einer verspiegelten Fläche

Klimaschutz als Bedrohung?

Philipp Golka

Ein Klimaschutzgesetz, das bis zu 70 Prozent der Kosten erstattet und trotzdem scheitert. Warum half staatliche Entlastung nichts gegen die Wut über „Habecks Heizungs-Hammer“? Eine Analyse von 112 TikTok-Videos mit insgesamt 26 Millionen Aufrufen liefert eine überraschende Antwort: Der Diskurs folgte keiner Risikoabwägung, sondern einer Bedrohungslogik, die Klimapolitik als bewusste Schädigung durch einen vermeintlich übergriffigen Staat darstellte.

„Habecks Heizungs-Hammer“ – als die Bild-Zeitung im Februar 2023 einen Entwurf des Gebäudeenergiegesetzes (GEG) unter dieser Überschrift veröffentlichte, begann eine der heftigsten klimapolitischen Kontroversen der jüngeren deutschen Geschichte. Innerhalb weniger Monate verschärfte das Gesetz die Konflikte in der Ampelkoalition, ließ die Zustimmungswerte der Grünen einbrechen und trug maßgeblich zum vorzeitigen Scheitern der Regierung bei. Bereits im April 2025 hielt der Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung die weitgehende Abschaffung des Gesetzes fest. Kern der Kontroverse waren die potenziellen Kosten, die durch das GEG auf die Bürger*innen zukämen. Doch obwohl die Ampelregierung innerhalb von nur zwei Monaten mit dem Kabinettsbeschluss vom April 2023 eine staatliche Kostenübernahme von bis zu 70 Prozent vorsah, blieb dieser Versuch, den Widerstand durch finanzielle Entlastung zu entschärfen, nahezu wirkungslos. Wie konnte ein Klimaschutzgesetz in einer Gesellschaft, die Klimaschutz mehrheitlich befürwortet, politisch so verheerend wirken – und warum half es nicht einmal, als der Staat den Großteil der Kosten übernahm? Diesen Fragen gehe ich gemeinsam mit Franziska Heimrich anhand der GEG-Debatte in einem Teilprojekt meines Forschungsprojekts „Klimabezogene Bedrohungen privater Vermögen“ am MPIfG nach.

Vierzig Jahre Risikogesellschaft

Einen Rahmen für dieses Phänomen liefert Ulrich Becks Risikogesellschaft, vierzig Jahre nach ihrem Erscheinen aktueller denn je. Beck argumentierte darin, dass moderne Gesellschaften wesentlich durch den Umgang mit Risiken geprägt werden, die sie im Zuge der technologischen Modernisierung selbst erzeugen. Sein Buch erschien kurz nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl – und auch heute sehen sich Gesellschaften einer Fülle von Gefahren gegenüber: von Gesundheitsgefahren über technologische Umwälzungen durch Künstliche Intelligenz bis hin zum Klimawandel. Doch die Gesellschaften, die mit diesen Gefahren konfrontiert werden, haben sich seit 1986 tiefgreifend verändert.

"Die ökonomische Sicherheit aller Gruppen lässt sich nicht gleichzeitig gewährleisten."

Die Klimakrise erzeugt zwei gegenläufige Risikoprobleme. Auf der einen Seite verursachen klimatische Veränderungen vielschichtige wirtschaftliche Verluste – von Ernteausfällen bis zu Flutschäden. Diese Folgen des Klimawandels sind bereits spürbar, werden sich aber künftig noch verschärfen. Auf der anderen Seite erzwingt die zur Eindämmung des Klimawandels notwendige Dekarbonisierung der Wirtschaft – also die schrittweise Abkehr von Kohle, Öl und Gas – ihrerseits erhebliche ökonomische Verluste. Zwar eröffnet die Energiewende – etwa durch erneuerbare Energien oder die Elektrifizierung des Verkehrs – auch neue wirtschaftliche Chancen; unter Einbeziehung der vermiedenen Klimaschäden verweist eine Vielzahl wissenschaftlicher Studien auf eine insgesamt positive ökonomische Bilanz des Klimaschutzes. Dennoch müssen dazu profitable Wirtschaftszweige wie die Förderung fossiler Energien aufgegeben oder drastisch verkleinert werden. Die Klimakrise stellt Gesellschaften damit vor ein Verlustdilemma: Die ökonomische Sicherheit unterschiedlicher Gruppen von Vermögenseigentümer*innen lässt sich nicht gleichzeitig gewährleisten. Zwar mag Dekarbonisierung langfristig und gesamtgesellschaftlich die wesentlich profitablere Option sein, jedoch trifft dies nicht unbedingt kurzfristig und für alle gleichermaßen zu.

Klimapolitik als Machtkamp 

Wie gehen Gesellschaften mit diesem Dilemma um? Und inwiefern prägen diese ökonomischen Risiken die Klimapolitik? Jeff Colgan, Jessica Green und Thomas Hale entwickelten vor einigen Jahren ein Modell, welches das Zustandekommen sowie die Akzeptanz von Klimapolitik durch ökonomische Risiken erklärt. Klimapolitik, so ihr Argument, ist das Ergebnis eines Machtkampfs zwischen Eigentümer*innen von Vermögenswerten, die entweder vom Klimawandel bedroht sind (zum Beispiel küstennahe Immobilien) oder von Klimapolitik betroffen wären (zum Beispiel die Ölindustrie).

Aus soziologischer Perspektive ist ein solches Modell jedoch fragwürdig, weil es soziales Handeln ausschließlich auf materielle Interessen zurückführt und die Rolle gesellschaftlicher Diskurse und kultureller Werte übersieht. Eine weitere Schwäche des politökonomischen Modells liegt darin, dass viele Akteure gar nicht wissen, welchen klimabezogenen Risiken ihr Vermögen tatsächlich ausgesetzt ist. Der Grund dafür liegt in der Struktur moderner Finanzmärkte: Ein Großteil der globalen Vermögenswerte wird nicht direkt gehalten, sondern über Fonds verwaltet, die sowohl Unternehmen aus dem fossilen Energiesektor als auch klimagefährdete Branchen wie Landwirtschaft, Ernährung oder Versicherungen enthalten. Viele Kapitaleigentümer*innen können daher kaum beurteilen, ob sie stärker vom Klimawandel oder von Klimapolitik finanziell betroffen sind.

Darüber hinaus sind Vermögenswerte in unterschiedlichen sozialen Kontexten eingebettet. Ein Verlust in einem ohnehin volatilen Aktiendepot mag sozial vollkommen anders wirken als ein Verlust gleicher Höhe in Bezug auf ein privates Eigenheim. Die soziale Wirkung (antizipierter) Verluste hängt also von ihrer kontextabhängigen sozialen Deutung ab. Dies bedeutet zudem, dass sich Risiken nicht einfach als Anfangsbedingungen sozialen Handelns voraussetzen lassen. Sie entstehen vielmehr als Ergebnis sozialer Prozesse der Selektion, Konstruktion und Organisation – das heißt, sie müssen wahrgenommen, benannt und als handlungsrelevant anerkannt werden. Daraus ergibt sich eine weiterführende Frage: Werden die erwarteten Verluste durch Klimawandel und Klimapolitik überhaupt gesellschaftlich als Risiken verhandelt?

26 Millionen Aufrufe gegen ein Gesetz

Um diese Frage zu beantworten, wurde in einem Teilprojekt des hier vorgestellten Forschungsprojekts der Diskurs um das Gebäudeenergiegesetz der vorherigen rot-grün-gelben Bundesregierung untersucht. Der Fall des GEG ist für die vorliegende Forschungsfrage besonders aufschlussreich, da er einen seltenen natürlichen Test für das politökonomische Erklärungsmodell darstellt: Dem politökonomischen Modell zufolge hätte die staatliche Kostenübernahme von bis zu 70 Prozent die Akzeptanz der Klimaschutzmaßnahme GEG deutlich steigern müssen. Das geschah jedoch nicht und das GEG blieb trotz dieser Änderungen äußerst unpopulär.

„Die staatliche Kostenübernahme erschien nicht als Entlastung, sondern als weitere Bedrohung.“

Was erklärt das Ausbleiben der akzeptanzsteigernden Wirkung der staatlichen Kostenübernahmen? Um das herauszufinden, untersuchten wir den Diskurs um das GEG von März 2023 bis zum Frühjahr 2024. Dabei konzentrierten wir uns auf soziale Medien – denn eine der zentralen gesellschaftlichen Veränderungen seit Becks Risikogesellschaft ist das Aufkommen von Social-Media-Plattformen. Ein erheblicher Teil der politischen Öffentlichkeit findet inzwischen dort statt, wird dabei aber durch die Algorithmen und die spezifische Medialität der Plattformen geprägt – verkürzte Aufmerksamkeitsspannen und die Logik von Reichweite und Empörung – und unterscheidet sich strukturell von den printmedialen Diskursen der Nachkriegszeit. Politische Debatten in sozialen Medien sind häufig stärker emotionalisiert und personifiziert und können dadurch eine eigene Dynamik entfalten.

Für unsere Untersuchung analysierten wir 112 der meistgeschauten TikTok-Videos zum GEG. Diese erreichten zusammen gut 26 Millionen Wiedergaben; zum Vergleich: Die Tagesschau hat eine durchschnittliche Reichweite von rund 9 Millionen. Das zentrale Ergebnis unserer Untersuchung: Der Social-Media-Diskurs um das GEG folgte einer Bedrohungslogik, in der die staatliche Kostenübernahme nicht als risikomindernde Maßnahme erschien, sondern als eine weitere Bedrohungsquelle. Kennzeichnend war, dass der Diskurs zwar antizipierte finanzielle Verluste thematisierte, diese aber zur Konstruktion einer Täter-Opfer-Beziehung instrumentalisierte.

Logik der Bedrohung

Diese Logik der Bedrohung entfaltete sich auf zwei Ebenen. Erstens wurden die geschätzten Schadensausmaße teils massiv übertrieben, um den Eindruck einer Opfergemeinschaft zu erzeugen. In einem Video etwa lief ein Influencer unter der Überschrift „Alle wertlos“ durch eine Straße mit Fachwerkhäusern und behauptete, alle dort sichtbaren Gebäude seien – „wie Millionen von Gebäuden in Deutschland“ – aufgrund des GEG „nichts mehr wert“. Zweitens unterstellten die Videos den politisch Verantwortlichen negative Absichten: Das eigentliche Ziel des Gesetzes – die Dekarbonisierung der Wärmeerzeugung – wurde in der Regel nicht genannt. Stattdessen wurde das Bild eines elitären Netzwerkes entworfen, das aus „grünlinker Ideologie“ heraus versuche, die Marktwirtschaft in eine staatlich gelenkte „Planwirtschaft“ umzubauen. In dieser Deutungslogik wurde auch die staatliche Kostenübernahme zur Bedrohungsquelle. Die damit verbundene finanzielle Erleichterung für private Haushalte wurde in den Videos so gut wie gar nicht thematisiert. Stattdessen rückten die staatlichen Ausgaben selbst ins Zentrum der Bedrohungserzählung: Da sie teilweise über Schulden finanziert würden, wurden sie als „Wohlstandsvernichtungspolitik“ gebrandmarkt.

Von der Risiko- zur Bedrohungsgesellschaft

Aus diesen ersten Befunden lassen sich wichtige Erkenntnisse ableiten. Die erste betrifft eine strukturelle Besonderheit der Dekarbonisierung: Anders als bei den meisten Risiken, die als unerwünschte Nebenfolgen technologischen Wandels entstehen, erfordert die Dekarbonisierung den gezielten staatlichen Abbau funktionierender und profitabler Wirtschaftszweige, um schlimmere Klimafolgen zu verhindern. Wie Timur Ergen (Universität Bremen und ehemals MPIfG) und Luuk Schmitz (MPIfG) jüngst in der Fachzeitschrift Regulation & Governance herausgearbeitet haben, besteht gerade in dieser Aufgabe des „managing decline“ – des kontrollierten Rückbaus – eine zentrale Herausforderung und Besonderheit staatlichen Handelns in der Klimakrise. Die TikTok-Studie ergänzt diese Perspektive um eine weitere Herausforderung, die sich aus der Notwendigkeit der sozialen Deutung staatlichen Handelns ergibt. Gerade weil Dekarbonisierung zwangsläufig eine intentionale, staatlich herbeigeführte Entwertung fossiler Vermögenswerte bedeutet, lässt sie sich im Rahmen einer Täter-Opfer-Beziehung eines Bedrohungsdiskurses als bewusste Schädigung deuten – mit dem Staat oder politischen Akteuren in der Täterrolle. Dadurch kann es zu einer Problemverlagerung (problem shift) kommen, die sich negativ auf die Akzeptanz von Klimapolitik auswirken kann: In dem Maße, in dem gesellschaftlich primär über die Absichten der handelnden Akteure diskutiert wird, gerät die Frage nach der gesellschaftlichen Bewältigung des Klimawandels in den Hintergrund.

Damit offenbart sich eine gesellschaftliche Dynamik, die sich von Ulrich Becks Risikogesellschaft unterscheidet. Für Beck waren Risiken unausweichliche Nebenfolgen technologischer Modernisierung, aber sie setzten zugleich gesellschaftliche Prozesse ihrer Bearbeitung in Gang, die häufig ihrerseits neue Risiken und Ungleichheiten erzeugten. Doch trotz aller Ungleichheiten in der Risikoverteilung blieb die kollektive Auseinandersetzung mit diesen Risiken das Ziel des Diskurses. Der hier identifizierte Bedrohungsdiskurs folgt einer anderen Logik.

Materielle Risiken dienen primär als Mittel, um eine Täter-Opfer-Beziehung zu konstruieren, und nicht als Ausgangspunkt für die Suche nach Lösungen. Dies wirft die Frage auf, ob und inwiefern gegenwärtige Gesellschaften zunehmend durch eine solche Bedrohungslogik strukturiert werden – wir uns also von einer Risiko- in eine Bedrohungsgesellschaft entwickeln –, welche Faktoren diese Entwicklung erklären und welche Folgen sich daraus ergeben. Diese Fragen werden das Forschungsprojekt in den nächsten Jahren beschäftigen.

Von Beck zum Backlash?

Vierzig Jahre nach dem Erscheinen der Risikogesellschaft lässt sich diese in einem anderen Licht bewerten. Für Beck zeichnete sich die Moderne gerade durch die Erzeugung von Gefahren wie Umwelt und Klimaproblemen aus, die durch ihr Ausmaß zu einer Gefahr für die Moderne selbst wurden. Doch in dem Maße, in dem heutige Gesellschaften ihre selbst erzeugten Gefahren in einem Täter-Opfer- Schema anstelle sozialer und technologischer Lösungen bearbeiten, lässt sich rückblickend eine weitere Errungenschaft der Moderne festhalten. Durch ihre Eingrenzung von Gefahren als Risiken machte sie diese überhaupt erst gesellschaftlich verhandel- und bearbeitbar. In der Folge entwickelten sich lokale, nationale und internationale Institutionen – von Behörden des Gesundheitsschutzes bis hin zum Weltklimarat –, die Risiken modellieren und quantifizieren und damit lenkend in politische Prozesse eingreifen. In einer Bedrohungsgesellschaft dienen Gefahren primär als Werkzeug, um eine soziale Grenze zwischen (vermeintlichen) Opfern von (vermeintlich) destruktiv handelnden Akteuren zu erzeugen.

„In einer Bedrohungsgesellschaft dienen Gefahren als Werkzeug, um soziale Grenzen zu erzeugen.“

Das verändert die Rolle der Institutionen, die gesellschaftliche Risiken modellieren und quantifizieren: Wer Gefahren als gesamtgesellschaftliches Problem beschreibt, stellt sich damit gegen politische Projekte, die auf solchen Grenzziehungen aufbauen. Der Weg von der Risikogesellschaft zur Bedrohungsgesellschaft ist deshalb geprägt von Angriffen auf eben jene – meist wissenschaftlichen – Institutionen, die uns Gefahren als gemeinsam zu bewältigende Probleme verstehen lassen. Wie moderne Gesellschaften auf diese Angriffe reagieren können, ist daher eine der drängendsten politischen Fragen der Gegenwart.

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