Fünf Fragen an Marina Hübner
Referentin in der Abteilung II, Bundeshaushalt im Bundesministerium der Finanzen | Doktorandin und Postdoktorandin am MPIfG von 2014 bis 2019.
Marina, Du hast am MPIfG promoviert und anschließend als Postdoc gearbeitet. Wie hat diese Zeit Deinen weiteren beruflichen Weg geprägt?
Als ich 2014 hier als Doktorandin anfing, war die Eurokrise in vollem Gange und auch die Nachwehen der globalen Finanzkrise noch stark spürbar. Am Institut versammelten sich damals viele kluge Köpfe aus aller Welt, um den Ursachen dieser Krisen auf den Grund zu gehen – und ich hatte die Chance, Teil dieses inspirierenden Umfelds zu sein. Das hat mich enorm motiviert und fachlich nachhaltig geprägt. Auf das am MPIfG erworbene analytische Rüstzeug – die Art, wie ich politische und wirtschaftliche Zusammenhänge betrachte und Probleme strukturiert angehe – greife ich auch heute noch in meiner Arbeit als Referentin im Bundesministerium der Finanzen zurück.
An welches Erlebnis am MPIfG erinnerst Du Dich noch heute besonders gut?
Die fünf Jahre am Institut waren so intensiv und prägend, dass es mir tatsächlich schwerfällt, ein einzelnes Erlebnis herauszugreifen. Besonders in Erinnerung geblieben sind mir jedoch die lebhaften Diskussionen etwa in den Doktorandenkolloquien: intellektuell fordernd, manchmal kontrovers, aber immer inspirierend. Ebenso beeindruckend waren die Vorträge internationaler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die neue Perspektiven eröffneten. Viele der besten Ideen entstanden allerdings oft in einem informellen Setting: bei Gesprächen auf der Dachterrasse des Instituts oder bei gemeinsamen Mittagessen beim „Steh-Italiener“ in der Severinstraße. Und dann gab es die besonderen Rituale – das Kölsch zu Karneval mit der „Karnavalsband“ des legendären Ernst Braun oder der traditionelle Pflaumenkuchen zum Start ins Wintersemester. Diese Mischung aus intellektueller Schärfe und Gemeinschaftsgefühl war einzigartig.
Heute arbeitest Du als Referentin in der Haushaltsabteilung im Bundesministerium der Finanzen in Berlin. Was macht Deine aktuelle Tätigkeit für Dich besonders spannend?
Haushalt ist Politik in Zahlen. Haushaltsentscheidungen sind keine rein technischen Rechenübungen, sondern Ausdruck klarer politischer Prioritätensetzungen. Daran, wofür Mittel bereitgestellt werden – und wofür nicht –, lässt sich ablesen, welche Ziele eine Regierung verfolgt und welche Schwerpunkte sie setzt. An der Umsetzung dieser Entscheidungen bin ich als Referentin in der Haushaltsabteilung inhaltlich beteiligt. Diese unmittelbare Nähe zu politischen Entscheidungsprozessen und die Verantwortung für die Erarbeitung tragfähiger Lösungen machen meine Tätigkeit besonders spannend und zugleich sehr erfüllend.
Welchen Rat würdest Du heutigen Doktorandinnen und Doktoranden mit auf den Weg geben?
Ich würde ihnen raten, sich nicht zu sehr von äußeren Erwartungen leiten zu lassen, sondern mutig den eigenen Interessen und der eigenen Neugier zu folgen. Risiken und Unsicherheiten gehören dazu, und gerade aus Herausforderungen entstehen die wertvollsten Lernmöglichkeiten. Außerdem würde ich empfehlen, sich Zeit für Reflexion und Pausen zu nehmen, um langfristig produktiv zu bleiben. Darüber hinaus lohnt es sich, früh ein starkes Netzwerk aufzubauen, denn Unterstützung, Austausch und unterschiedliche Perspektiven sind unbezahlbar. Und nicht zuletzt würde ich ihnen raten, den eigenen Fähigkeiten zu vertrauen und der eigenen Intuition zu folgen.
Und zum Schluss: Welches Buch hat Dich zuletzt richtig gefesselt?
Zuletzt hat mich das Buch „Roman eines Schicksallosen“ von Imre Kertész tief bewegt. Das autobiografisch inspirierte Buch schildert die Erfahrungen eines Jugendlichen in Auschwitz und Buchenwald – in einer nüchternen, fast sachlichen Sprache, die gerade dadurch umso eindringlicher wirkt. Besonders beeindruckt hat mich die Perspektive des Erzählers, der das Unfassbare ohne Pathos beschreibt und so die Absurdität und Grausamkeit des Lagersystems umso deutlicher macht. Die Lektüre war emotional fordernd, zugleich aber auch literarisch wie gedanklich außerordentlich eindrucksvoll. Vor allem aber ist das Buch eine Mahnung gegen das Vergessen. Es erinnert eindringlich daran, Verantwortung für die Erinnerung an die Vergangenheit zu übernehmen.
Das Interview führte Ida Seljeskog.













