Wissensansprüche in der Krise


Wissensansprüche in der Krise

1. April 2022

14. Institutstag des MPIfG am 18. und 19. November 2021

Wessen Wissen zählt? Und was wissen wir sicher? In Zeiten der Corona-Pandemie mit Lockdowns und Lockerungen und von sich stetig weiterentwickelndem Wissen über Ursachen und Bekämpfung des Virus thematisierte der vierzehnte Institutstag des MPIfG Wissensansprüche in der Krise. Die Veranstaltung warf die Frage auf, welches Wissen in einer Krisensituation bedeutsam ist, aber auch, in welcher Weise Wissenschaft politisiert wird. Somit prägte die Corona-Pandemie den Institutstag auch im Jahr 2021, mit Blick auf das Thema wie auch durch das hybride Veranstaltungsformat.

In seinem Eröffnungsvortrag erklärte Rudolf Stichweh (Forum Internationale Wissenschaft, Universität Bonn), wie, wann und warum in der Wissenschaft die Vorstellung von globalen Problemen aufgekommen ist, und zeichnete eine kurze Geschichte des Wissenschaftssystems und seines Verhältnisses zu Politik und Gesellschaft nach.

Lisa Suckert (MPIfG) und Matthias Thiemann (Sciences Po) präsentierten in einem Panel ihre Forschungsarbeiten zur Rolle von Expertise in zwei unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten. Suckert analysierte, welche Bedeutung Expertenwissen in der Argumentation der unterschiedlichen Lager in der Brexit-Kampagne zukam. Thiemann beleuchtete zwei konkurrierende Formen der Zentralbankexpertise und ihre Auswirkungen auf das Zentralbankhandeln der letzten sechzig Jahre.

In einem Panel mit politischem Fokus stellte Lea Elsässer (Universität Münster) ihre Forschungsergebnisse zu sozialer Repräsentation in Parlamenten vor. Sie legte dar, dass Arbeiterinnen und Arbeiter sowie Menschen ohne akademischen Abschluss in Parlamenten unterrepräsentiert sind und dass das Fehlen von deren Perspektive auch zu substanzieller Unterrepräsentation führen kann. Philip Manow (Universität Bremen) zeigte, welche politischen Auswirkungen die Corona-Pandemie vor allem in Deutschland hatte, und ging dabei auch auf die Rolle der Wissenschaft ein.

Beim hybriden Podiumsgespräch zum Thema „Deutschland nach der Wahl: Wie werden die Weichen jetzt gestellt?“ reflektierten Hauptstadtjournalistinnen und -journalisten das Thema des Institutstags aus der Perspektive von Medienschaffenden. Nico Fried (Süddeutsche Zeitung), Katharina Hamberger (Deutschlandradio), Bernd Ulrich (Die Zeit) und Ulrike Winkelmann (taz) diskutierten mit der Moderatorin Ferdos Forudastan (MPIfG-Kuratorium, CIVIS-Medienstiftung) über die Situation nach der Bundestagswahl sowie die Rolle der Wissenschaft und der Medien in der Pandemie.


Werner Eichhorst, Susanne K. Schmidt, Donato Di Carlo (v. l. n. r.)

Zeitschriftenpreis 2021

Im Jahr 2021 erhielt Donato Di Carlo den Zeitschriftenpreis des Vereins der Freunde und Ehemaligen des MPIfG für seinen Artikel „Understanding Wage Restraint in the German Public Sector: Does the Pattern Bargaining Hypothesis Really Hold Water?“ (Industrial Relations Journal, 2020). Die Jury, bestehend aus Susanne K. Schmidt (Universität Bremen), Armin Schäfer (Universität Münster) und Ulrich Dolata (Universität Stuttgart), würdigte Di Carlos Arbeit als „eine spannende empirische und theoretische Dekonstruktion einer zentralen Aussage der Vergleichenden Politischen Ökonomie“.

Di Carlo widerlegt die weit verbreitete These, dass Lohnkoordinierung als zentrale Erklärung für die deutsche Lohnzurückhaltung zu sehen sei. Einen Grund für ihr Überdauern sieht er in der Fixierung der Vergleichenden Politischen Ökonomie auf die Exportwirtschaft und einer relativen Nicht-Beachtung des öffentlichen Sektors. Nur über eine Intensivierung der Forschung in diesem Bereich könne das Rätsel der deutschen Lohnzurückhaltung gelöst werden.

Der Zeitschriftenpreis ist mit 750 Euro dotiert und wird jährlich im Rahmen des Institutstags für den besten Artikel einer Wissenschaftlerin oder eines Wissenschaftlers des MPIfG in einer begutachteten Fachzeitschrift vergeben.

Di Carlo ist derzeit wissenschaftlicher Mitarbeiter am MPIfG. Zuvor war er Doktorand an der International Max Planck Research School on the Social and Political Constitution of the Economy (IMPRS­SPCE) und Max Weber Fellow 2020/21 am Europäischen Hochschulinstitut (EUI).

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