Wolfgang Streeck wird 80 Jahre alt

27. Oktober 2026

Am 27. Oktober 2026 feiert Wolfgang Streeck, Direktor emeritus am MPIfG, seinen 80. Geburtstag. Streeck gehört zu den einflussreichsten Sozialwissenschaftlern Deutschlands. Seine Forschungen liegen an der Schnittstelle zwischen Soziologie, Politikwissenschaft und politischer Ökonomie. 1995 an das MPIfG berufen, hat er die Diskussion über das Spannungsverhältnis zwischen demokratischer Politik und kapitalistischer Wirtschaft entscheidend geprägt.

Streeck studierte Soziologie in Frankfurt am Main und New York. Nach seiner Rückkehr aus New York 1974 arbeitete er als wissenschaftlicher Assistent an der Universität Münster und ab 1976 als Research Fellow am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). 1986 wurde er an der Universität Bielefeld habilitiert. Von 1988 bis 1995 war er Professor für Soziologie und Industrielle Beziehungen an der University of Wisconsin-Madison. 1995 wurde er als Direktor an das Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln berufen, um die Nachfolge der Soziologin Renate Mayntz anzutreten. Bis 1997 leitete er das Institut gemeinsam mit ihr und dem Politikwissenschaftler Fritz W. Scharpf, bis 2003 mit Scharpf und von 2005 bis 2014 mit dem Wirtschaftssoziologen Jens Beckert.

Streecks Arbeiten haben maßgeblich zur Erforschung der Arbeitsbeziehungen in der Nachkriegsdemokratie und der Folgen von Internationalisierung und europäischer Integration für die politische Ökonomie fortgeschrittener Industriegesellschaften beigetragen. Er zählt zu den Mitbegründern der vergleichenden Kapitalismusforschung und hat wesentliche Beiträge zur Erforschung von Liberalisierungsprozessen und institutionellem Wandel geleistet. Im Mittelpunkt seiner Arbeit stand immer wieder die Auseinandersetzung mit dem „deutschen Modell“ eines korporativen Kapitalismus sowie mit der europäischen Wirtschafts- und Fiskalintegration.

Seine internationale Karriere führte ihn als Gastprofessor an namhafte Hochschulen und Forschungseinrichtungen, darunter als Theodor-Heuss-Professor an die New School for Social Research in New York, das Europäische Hochschulinstitut in Florenz, die Bocconi-Universität in Mailand, die University of Warwick, das Instituto Juan March in Madrid sowie die Sciences Po in Paris. Neben seiner Forschung war er als Politikberater tätig, unter anderem als Mitglied der Arbeitsgruppe Benchmarking des Bündnisses für Arbeit (1998–2001) sowie der Regierungskommission zur Modernisierung der Unternehmensmitbestimmung, die 2005 von Gerhard Schröder eingesetzt wurde und 2006 unter Angela Merkel ihren Bericht vorlegte.

Streeck erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter 2002 die Ernennung zum Commendatore della Repubblica Italiana durch den italienischen Staatspräsidenten, 2011 den Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen und 2012 den Preis der Deutschen Gesellschaft für Soziologie für herausragende Leistungen auf dem Gebiet der öffentlichen Wirksamkeit der Soziologie. Er ist Mitglied der Academia Europaea, der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der British Academy sowie Ehrenmitglied der Society for the Advancement of Socio-Economics.

Besonders breit rezipiert wurde seine Monografie Gekaufte Zeit: Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus, die aus seinen Frankfurter Adorno-Vorlesungen hervorging. Darin zeichnet er den Wandel des Verhältnisses von Demokratie und Kapitalismus vom Ende der Nachkriegszeit bis zur globalen Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008 nach. Das Buch wurde in 17 Sprachen übersetzt.

Auch nach seiner Emeritierung ist Streeck bis heute am MPIfG wissenschaftlich aktiv geblieben. Der 2016 erschienene Essayband How Will Capitalism End? ist insbesondere im angelsächsischen Raum viel diskutiert worden. Zuletzt beschäftigte er sich mit dem, was er als Entmachtung demokratischer Institutionen durch die Globalisierung beschreibt, sowie mit der Rolle des Nationalstaats im 21. Jahrhundert. 2021 erschien dazu die Monografie Zwischen Globalismus und Demokratie: Politische Ökonomie im ausgehenden Neoliberalismus, 2024 folgte als erweiterte englische Übersetzung Taking Back Control? States and State Systems After Globalism. Mit der Arbeitsrechtsprofessorin Ruth Dukes veröffentlichte er 2022 Democracy at Work: Contract, Status and Post-Industrial Justice, eine Studie über Arbeitsbeziehungen und Arbeitsformen in entwickelten Volkswirtschaften. Ebenfalls gemeinsam mit Ruth Dukes entstand Institutionalising Class Conflict: Otto Kahn-Freund and the Political Economy of Labour Law, das 2027 bei Cambridge University Press erscheint.

Am 29. Oktober würdigt das Institut Streecks 80. Geburtstag mit einem Empfang. Die Laudatio hält der Politikwissenschaftler Philip Manow.

In einem ausführlichen Interview mit dem Journalisten Mathias Greffrath und Martin Höpner, Forschungsgruppenleiter am MPIfG, blickt Streeck auf seine akademische Laufbahn zurück und zeichnet anhand prägender Stationen und wiederkehrender Themen sein Leben und Werk nach. Das Interview und eine umfassende Publikationsbibliothek sind auf der Website des Instituts abrufbar.

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