Die Positionen der politischen Elite Italiens zur europäischen Währungsintegration im Wandel, 1958–2022
Lucio Baccaro und Joshua Cova
Ein wichtiger Ansatz in der Forschung zur europäischen Integration hebt die Verlagerung vom „permissiven Konsens“ zum „einschränkenden Dissens“ (Hooghe und Marks 2009) hervor. Dieser Wandel ist in Italien besonders deutlich zu beobachten – einst ein starker Befürworter von „mehr Europa“, zählt es heute zu den eurokritischsten Ländern. Während sich die bisherige Forschung vor allem auf die öffentliche Meinung und den Euroskeptizismus der Parteien konzentriert hat, untersucht dieses Projekt die sich wandelnden Wahrnehmungen der politischen Eliten. Ziel ist es, systematisch zu rekonstruieren, wie sich die Haltung der politischen Eliten Italiens gegenüber der Europäischen Währungsunion im Laufe der Zeit und über Parteien hinweg entwickelt hat. Die Studie untersucht den Umfang des anfänglichen „permissiven Konsenses“, Zeitpunkt und Art aufkommender Spaltungen sowie die Neubewertung der Vor- und Nachteile der europäischen Währungsintegration durch die Parteien. Außerdem wird die Unterstützung für den „vincolo esterno“, den durch die europäische Währungsintegration auferlegten äußeren Zwang, untersucht. Ein neuartiger methodischer Ansatz ermöglicht die Nutzung weiterentwickelter Analysemethoden: Die Digitalisierung historischer Parlamentsprotokolle und Durchbrüche in der Verarbeitung natürlicher Sprache, insbesondere durch Large Language Models, machen eine induktive Untersuchung der Präferenzen politischer Entscheidungsträger möglich.