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 MPIfG Books

 

 

Jens Beckert
Unverdientes Vermögen:
Soziologie des Erbrechts

 

 

 
Frankfurt a.M.: Campus, 2004
424 Seiten | ISBN 3-593-37592-3
27,90 € | SFr 48,80
Buch beim Verlag bestellen: www.campus.de.

 

 

 

Abstract | Inhalt | Autor | Pressestimmen | Rezension (FR, 8.12.2004)


 

 

Abstract


 
Die Aufbaugeneration der Bundesrepublik vererbt gegenwärtig ihren Vermögensbesitz. Zum ersten Mal im 20. Jahrhundert kann eine Generation unter Bedingungen dauerhafter wirtschaftlicher Prosperität Vermögen bilden und dieses an die nächste Generation übertragen. Ein Prozess, der von großer gesellschaftspolitischer Bedeutung ist, wie die aktuellen Debatten zeigen. So sagte der saarländische SPD-Vorsitzende Heiko Maas im August 2004 in einem Interview mit der Netzeitung zum Thema Erbschaftssteuer, "dass diejenigen, die über ein hohes Vermögen verfügen, auch einen Beitrag leisten sollen, damit wichtige öffentliche Aufgaben in Deutschland finanzierbar bleiben".
 
Über die Frage, wie sich die private Vermögensvererbung mit dem Selbstverständnis der Leistungsgesellschaft und dem Prinzip der sozialen Solidarität vereinbaren lässt, diskutieren Politiker, Philosophen, Juristen, Wirtschaftswissenschaftler und Soziologen seit über 200 Jahren. Die Vermögensvererbung ist dabei nicht nur unter normativen Gesichtspunkten umstritten. Die Folgen des "unverdienten Vermögens" für die Familie, für die Wirtschaft und für die Demokratie wurden ebenso kontrovers debattiert. Jens Beckert zeichnet die Auseinandersetzungen um das Erbrecht in Deutschland, Frankreich und den Vereinigten Staaten nach und zeigt, dass in jedem der drei Länder andere Aspekte im Vordergrund stehen. In den USA sind es die Chancengleichheit und die Gefahr der Vermögenskonzentration für die Demokratie, in Deutschland der Zusammenhalt der Familie und soziale Gerechtigkeit, in Frankreich das Prinzip der Gleichheit und die Struktur von Familienbeziehungen. Beckert nutzt die Perspektive des Erbrechts, um die Evolution normativer Strukturen moderner Gesellschaften und das Verhältnis von Individuum, Familie und Gesellschaft zu erhellen und ebnet damit einer Soziologie der Erbschaft in Deutschland den Weg.
 

 

Inhalt


 
1
1.1
1.2

2

2.1
2.2
2.3
2.4

3
3.1
3.2
3.3
3.4

4
4.1
4.2
4.3
4.4

5
5.1
5.2
5.3
5.4

6
Einleitung
Erbrecht und der Wandel sozialer Solidarität
Gesellschaftliche Dimensionen des Erbrechts

Das Recht zu vererben. Testierfreiheit und die Individualität
des Eigentums
Frankreich: Gleichheit versus Freiheit der privaten Eigentumsverfügung
Deutschland: Testierfreiheit versus Familie und soziale Gerechtigkeit
Vereinigte Staaten: Chancengleichheit versus individuelle Verfügungsfreiheit
Schluss

Gleichheit und Inklusion: Die Erbrechte in der Familie
Das Gleichheitsprinzip im gesetzlichen Erbrecht
Die Ehepartner im Intestaterbrecht
Die erbrechtliche Integration nichtehelicher Kinder
Schluss

Politische Struktur und Erbrecht: Die Auflösung der Fideikommisse
Die zweifache Abschaffung der Substitutionen in Frankreich
Die verschleppte Aufhebung der Eigentumsbindung in Deutschland
Die Abschaffung der Entails in der amerikanischen Revolution
Schluss

Soziale Gerechtigkeit durch Umverteilung? Die Besteuerung von Erbschaften
Chancengleichheit versus Privateigentum: Die Nachlassbesteuerung in den USA
Familiensinn versus soziale Gerechtigkeit: Die Erbschaftssteuer in Deutschland
Zerstörung des Volksvermögens? Die progressive Erbschaftssteuer in Frankreich
Schluss

Konklusion: Diskurse und Institutionen
   

 

Autor


 
Prof. Dr. Jens Beckert ist Direktor am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, Köln.


 
Pressestimmen


 
"This is an impressive study that deserves many readers not only in economic sociology but also in other social sciences. It is impressive in the following ways: (1) by virtue of being the first major comparative study of inheritance in the social sciences that I know of; (2) by virtue of the author's attempt to infuse his analysis with an interesting theoretical perspective, centered around a sociological version of discourse analysis; and (3) by virtue of the author's erudition when it comes to inheritance law."
(Richard Swedberg in: Economic Sociology, European Electronic Newsletter 6[2], 2005)
 
"Beckerts Habilitationsschrift unternimmt es, die Kontroversen über dieses Thema auf eine historisch-soziologische Grundlage zu stellen, indem er die gesellschaftswissenschaftlichen und politischen Auseinandersetzungen um das Erbrecht in Deutschland, Frankreich und den USA vom späten 18. Jh. bis heute systematisch mittels einer quantitativen Argumentationsanalyse untersucht. Dabei gelingt es dem Verfasser, am Beispiel des Erbrechts die umfassende und sehr allgemeine soziologische These von der Individualisierung sämtlicher Lebensbereiche als zentralem Kennzeichen der Moderne grundsätzlich infragezustellen."
(Monika Wienfort in: Humanities. Sozial- und Kulturgeschichte [H-Soz-u-Kult, 12. April 2005)
 
"Beckert gelingt es, mit seiner materialreichen Studie die Entscheidungsprozesse zum jeweiligen Erbrechtsmodell transparent zu machen."
(Aus: "Wem gehört das alles?", Frankfurter Rundschau, 8.12.2004)
 
"Eine Pflichtlektüre für jeden Politiker, der mit Erbrecht befasst ist."
(Aus: "Die Erfüllung der Pflicht gegenüber dem Staat nach dem Tod", Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.9.2004)
 

Rezension

Frankfurter Rundschau vom 8.12.2004

 
Wem gehört das alles?
Und warum eigentlich? - Jens Beckert entwirft eine Soziologie des Erbrechts, von Thomas Kreuder
 
Wer hat noch nicht an sie gedacht oder gar verzweifelt herbei gewünscht: Verwandte oder andere Personen, die einem ihr hoffentlich beträchtliches Vermögen vererben ? Die Aussichten dafür sind gut und werden noch besser. Die Aufbaugeneration kommt allmählich in die Jahre … In rund 50 Jahren hat sich ungestört von Krieg und vergleichbaren Katastrophen Einiges angesammelt: bei schätzungsweise 150 bis 200 Milliarden Euro liegt der Wert der Nachlässe jährlich.
 
Wie schön also, dass Vermögen von Todes wegen übertragbar ist, was den Begünstigten die Perspektive sorgenfreien Lebens eröffnen kann. Doch so selbstverständlich, wie der Gedanke nahe liegt und offenbar tief im allgemeinen Bewusstsein wurzelt, ist die Angelegenheit nicht. Mit dem Tode endet nämlich auch die Eigentümerstellung, so dass das Vermögen Verstorbener durchaus auch an den Staat fallen oder in anderer Weise unter der Allgemeinheit verteilt werden könnte. Verhindert wird solch fiskalischer oder anderweitig konfiskatorischer Zugriff durch das Erbrecht.
 
Bei seiner Untersuchung zur Entstehung des heutigen Erbrechts, hat Jens Beckert, Professor für Gesellschaftstheorie in Göttingen, die Entwicklung in Deutschland, Frankreich und den USA verglichen und versucht, eine allgemeine Soziologie des Erbrechts zu entwerfen. Dabei beschränkt sich Beckert nicht darauf, lediglich die jeweiligen Inhalte der Erbschaftsregeln und deren Hintergründe in den jeweiligen Ländern darzulegen. Im Rahmen einer "verstehenden Erklärung" im Weberschen Sinne spiegelt der Autor die diskursiven Prozesse zur Erbrechtsentwicklung in den drei Ländern an den jeweiligen tatsächlichen Verhältnissen und den parallel dazu geführten Debatten der anderen Beispielsstaaten. So kann Beckert herausarbeiten, dass die heutigen Erbschaftsregeln Produkt gesellschaftlicher Diskussion und Rechtsetzung und keine naturrechtlich vorgegebene Selbstverständlichkeit sind, und zugleich aufzeigen, aus welchen Motiven und vor welchen Hintergründen die verschiedenen Regelungen sich herausgebildet haben.
 
Bereits der Einstieg, die Diskussion zur Testierfreiheit zeigt, dass modernes Erbrecht ein bestimmtes gesellschaftliches Niveau voraussetzt. Wird Vermögen nicht einem Einzelnen, sondern der Familie oder Clan zugerechnet, stellt sich die Frage nach individuellen Rechten nicht, über den Tod hinaus Vermögensverfügungen zu treffen. Zugleich unterliegt die Testierfreiheit Beschränkungen, die von Land zu Land unterschiedlich sind. In Deutschland etwa hat sich bis heute ein eher archaisches Modell erhalten, das als Empfänger einer Erbschaft Familienangehörige präferiert und lediglich einen Teil des Vermögens zur freien Disposition des Erblassers stellt.

 
In den USA dagegen herrscht fast völlige Testierfreiheit, weil dynastische Vermögenskonzentrationen gerade ausgeschlossen werden sollten; Wohlstand sollte dem ideologischen Leitmotiv der amerikanischen Gesellschaft folgend auf individuellen Leistungen und nicht auf Zuwendungen anderer beruhen. In Frankreich schließlich gaben im Zuge der Revolution politische Gründe den Ausschlag für Begrenzungen der Testierfreiheit. So durfte der Erblasser wegen des Gleichheitsprinzips bestimmte Erben nicht bevorzugen und ihnen das gesamte Vermögen zuwenden.
 
In Wahrheit sollten mit einer möglichst egalitären Verteilung des Erbes vor allem Adel und Kirche geschwächt werden, da so die Güter nicht mehr nur auf einen Nachkommen übertragen oder dem Klerus zugewendet werden konnten. Vergleichbare Diskurse finden sich zum gesetzlichen Erbrecht, das heißt zum Vorrang naher Verwandter in der Erbfolge bei Fehlen eines Testaments, der Gleichstellung der Kinder und dem Erbanteil von Ehegatten, über die Auflösung von Fideikommissen, also testamentarischen Verfügungsbeschränkungen und Regelungen zur weiteren Erbfolge, die vorgaben, dass das Grundvermögen der Familie ungeteilt jeweils auf den ältesten Sohn überging, bis hin zur Besteuerung von Erbschaften.

 
In allen drei untersuchten Ländern ist ein dominierendes Grundmuster ablesbar, das beispielsweise in Deutschland die Familie in den Vordergrund rückt, Familienmitglieder durch Beschränkungen bei der Testierfreiheit schützt, diese im Rahmen der gesetzlichen Erbfolge privilegiert und schließlich bei der Erbschaftssteuer fast völlig von der Steuerlast befreit. In den USA hingegen korrespondiert die fast grenzenlose Testierfreiheit mit zeitweise hohen Steuersätzen, da nach den dortigen Vorstellungen kein Begünstigter Anspruch auf ungeschmälerten Erwerb einer Erbschaft hat.
 
Beckert gelingt es, mit seiner materialreichen Studie die Entscheidungsprozesse zum jeweiligen Erbrechtsmodell transparent zu machen. Dabei wird deutlich, auf welch hohem philosophischen und sozialwissenschaftlichen Niveau die Debatten in Frankreich und den USA geführt wurden. In diesen beiden Ländern waren die Diskussionen über das Erbrecht Auseinandersetzungen über konträre gesellschaftspolitische Konzepte bzw. über Ansätze gesellschaftlicher Steuerung und Umgestaltung.
 
In Deutschland hingegen spielten derartige Überlegungen kaum eine Rolle, selbst sozialistische Politiker schenkten dem Erbrecht kaum Aufmerksamkeit. Wie Beckert zeigt, sind die Grundlagen des Erbrechts in den letzten 250 Jahren stabil geblieben, so dass die Verwurzelung seiner Inhalte im gesellschaftlichen Bewusstsein Teil der normativen Struktur geworden ist, in denen sich künftige Diskussionen bewegen werden. Für Deutschland heißt dies, dass sich wenig ändern wird und sich die aktuelle Erbengeneration auf "unverdientes Vermögen" freuen kann.
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