Das Forschungsprogramm des MPIfG


 
Das Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung befindet sich zurzeit in der dritten Programmperiode seit seiner Gründung im Jahr 1985. Im Mittelpunkt der Programme stand und steht – aus jeweils unterschiedlicher Perspektive betrachtet – die Steuerung und Koordination moderner Gesellschaften. In den Änderungen des Programms spiegeln sich sowohl die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung und Theoriebildung als auch die realen Veränderungen in der Organisation von Wirtschaft und Politik wider, die zur Formulierung neuer forschungsleitender Fragen führten.
 
Schwerpunkt des ersten Forschungsprogramms von 1986 bis 1995 waren historisch und international vergleichende Untersuchungen zur Interaktion zwischen staatlicher Steuerung und gesellschaftlicher Selbstorganisation in ausgewählten staatsnahen Sektoren. Besondere Aufmerksamkeit galt dabei dem Gesundheitssystem, dem Wissenschafts- und Forschungssystem sowie technischen Infrastrukturen, insbesondere der Telekommunika­tion. Ziel war eine realistische, praktisch anwendbare sozialwissenschaftlich fundierte Theorie der Steuerung moderner Gesellschaften durch Zusammenwirken eines interventionistischen Staates und einer sich selbst organisierenden Gesellschaft.
 
Das zweite Forschungsprogramm wurde von 1996 bis 2005 realisiert und war eine Antwort auf die wachsende Bedeutung von Märkten und Wettbewerb selbst in solchen Sektoren, die früher staatlich geschützt und kontrolliert waren. So wurde beispielsweise der Telekommunikationssektor, der bis in die Mitte der 1990er-Jahre als Staatsmonopol organisiert war, privatisiert und dereguliert. Ideologischer Wandel und eine veränderte Wahrnehmung der Realität mögen dazu beigetragen haben, dass in den 1990er-Jahren Märkte immer wichtiger wurden. Ein weiterer Grund war aber ein langfristiger Rückgang nationalstaatlicher Regelungskapazitäten als Folge der Internationalisierung – einschließlich der europäischen Integration – und des internationalen Regimewettbewerbs. Die neu entstehenden Formen der Mehrebenenpolitik sowie die Konsequenzen wirtschaftlicher Liberalisierung für Staaten und Regierungen wurden daraufhin zu Forschungsschwerpunkten am MPIfG.
 
Heute erfordert der anhaltende Übergang von staatlicher Regulierung zu marktgesteuerten Formen sozialer Ordnung noch größere Aufmerksamkeit gegenüber der Funktionsweise der Wirtschaft und ihrer Interaktion mit dem Staat und anderen gesellschaftlichen Teilsystemen. Märkte sind zu den Kerninstitutionen der Steuerung von Güterproduktion und -distribution geworden. Die gegenwärtige Forschung am MPIfG befasst sich daher mit den sozialen, kulturellen und politischen Voraussetzungen des Funktionierens von Märkten. Zahlreiche Projekte untersuchen, wie Märkte und Unternehmen in historische, institutionelle, politische und kulturelle Zusammenhänge eingebettet sind. Dabei erforschen sie die sozialen und politischen Prozesse, die wirtschaftliche Beziehungen im Zeitablauf gestalten. Ziel ist die Entwicklung eines empirisch fundierten Verständnisses der sozialen und politischen Grundlagen – oder auch der "Verfassung" – moderner Wirtschaftsordnungen sowie der Zusammenhänge zwischen sozialem, politischem und wirtschaftlichem Handeln.
 
Dass die Wirtschaft zum Mittelpunkt des Interesses eines Forschungsinstituts geworden ist, das sich der Gesellschaftsforschung verschrieben hat, ergibt sich aus der derzeitigen Transformation des "eingebetteten Liberalismus", der sozioökonomischen Ordnung nach dem Zweiten Weltkrieg. Solange diese Ordnung intakt war, gehorchte der moderne Kapitalismus politischen Interventionen, die gleichermaßen wirtschaftliche Effizienz und sozialen Frieden förderten. Gegenwärtig jedoch scheint sich die kapitalistische Wirtschaft weitgehend aus der Obhut von Politik und Staat gelöst zu haben und hat damit begonnen, dem politischen System ihre eigenen Bedingungen aufzuerlegen. Inmitten eines historischen Prozesses weltweiter Liberalisierung scheinen kapitalistische Märkte stärker denn je – und auf jeden Fall stärker als nach dem Zweiten Weltkrieg – die Konditionen festzulegen, unter denen andere soziale Sphären funktionieren. In der sich seit 2008 immer wieder aktualisierenden Finanz- und Wirtschaftskrise ist diese Entwicklung erkennbar: Insbesondere die staatlichen Rettungsmaßnahmen lassen den Staat eher als Geisel denn als politischen Gestalter der Wirtschaft erscheinen.
 
Das Verstehen der Funktionsweise der Wirtschaft wird damit zur Voraussetzung für das Verstehen weiterer sozialer Lebensbereiche. Dies schließt auch Politik und Staat mit ein, die zunehmend von einem anscheinend selbst gesteuerten Prozess der Marktausdehnung angetrieben werden. Insbesondere die politische Ökonomie kann es sich nicht länger leisten, die Wirtschaft als neutrale Einheit zu behandeln, die – losgelöst von der Gesellschaft – bestimmten und unveränderlichen "Gesetzen" von Ursache und Wirkung unterliegt und von der Politik zum Wohle der Allgemeinheit strategisch in Dienst gestellt werden kann. Wenn die Wirtschaft nicht mehr wie eine neutrale Maschine zur Hervorbringung materiellen Wohlstands funktioniert, ist es für die politische Ökonomie zunehmend geboten, die in ihrem Inneren stattfindenden Abläufe wieder in die Welt des sozialen Handelns zu integrieren.
 
Obwohl also das aktuelle Programm die Wirtschaft in den Mittelpunkt des Forschungsinteresses rückt, bedeutet dies nicht, dass die Arbeit am MPIfG wirtschaftswissenschaftliche Forschung repliziert. Anders als das neoklassische Standardmodell untersuchen die Projekte am MPIfG die moderne kapitalistische Wirtschaft als Form einer historischen sozialen Ordnung mit realen Akteuren in einmaligen historischen Kontexten und versuchen dabei, sich auf einige der Wurzeln der soziologischen und wirtschaftswissenschaftlichen Theorie zurückzubesinnen, insbesondere auf die Traditionen der Wirtschaftssoziologie und der politischen Ökonomie als Gesellschaftstheorien. Die Rückgewinnung einer Gesellschaftstheorie der Wirtschaft ist derzeit noch Programm. Gleichwohl zeigen abgeschlossene sowie laufende Forschungsprojekte bereits mehrere Richtungen, die es wert sind, verfolgt zu werden:
 
1.
Eine Theorie der Wirtschaft als soziale Ordnung muss sich auf empirisch und historisch vorhandene statt auf theoretisch konstruierte Präferenzen von Akteuren stützen. Anders ausgedrückt bedarf es einer Handlungstheorie, die die Bildung von Präferenzen als einen sozialen Prozess auffasst, der durch die Identitäten der Akteure sowie die Wahrnehmung ihrer Interessen in historischen sozialen Kontexten geprägt wird. Dieser Ansatz unterscheidet sich maßgeblich von "Rational-Choice"-Theorien, auch wenn in bestimmten Zusammenhängen die Annahme instrumenteller Rationalität durchaus praktischen Nutzen haben kann. Egoistisch-rationale Nutzenmaximierung kann in bestimmten Fällen und sozialen Kontexten eine wirksame, gesellschaftlich gebilligte Handlungsdisposition sein. Beschäftigt man sich allerdings mit empirisch gegebenen Präferenzen, so sind die unvermeidlichen Beschränkungen der Akteure hinsichtlich ihrer kognitiven Fähigkeiten sowie ihrer Fähigkeit, Vorhersagen zu treffen, ernst zu nehmen. Sie sind als wesentliche und nicht als vernachlässigbare Merkmale menschlichen Handelns aufzufassen. Um die Präferenzen von Akteuren zu erklären und die vielfältigen Beschränkungen der "Rational-Choice"-Modelle menschlichen Handelns zu überwinden, befasst sich die Forschung am MPIfG mit soziologischen Handlungstheorien und Theorien der kulturellen Evolution. Dies steht im Gegensatz zu psychologisch-naturalistischen Ansätzen, die annehmen, dass Präferenzen und Verhalten "fest verdrahtete" Produkte einer naturgeschichtlichen, der biologischen Evolution entstammenden Vergangenheit sind.
 
2.
Will man die Wirtschaft als soziales System erklären, so ist ein empirisch-analytischer Ansatz erforderlich statt eines funktionalistischen und effizienztheoretischen, normativen Ansatzes. Eine Theorie der sozialen und politischen Verfassung der Wirtschaft kann sich – anders als die meisten modernen Wirtschaftswissenschaften – nicht mit der Untersuchung zufriedengeben, inwieweit wirtschaftliche Prozesse die "Effizienz" des Ressourceneinsatzes maximieren. Stattdessen muss sie versuchen zu verstehen, wie Akteure in bestimmten sozialen Kontexten wirtschaftliche Effizienz definieren und wie und warum sie auf dieser Grundlage handeln oder nicht. Daher müssen auch die mit Wirtschaft verbundenen kulturellen Strukturen und Bedeutungen – unter Beachtung von deren Entwicklung im Zeitablauf – in die Untersuchung einbezogen werden.
 
3.
Zu den zentralen Themen jeder Gesellschaftstheorie der Wirtschaft müssen die sozialen Voraussetzungen zählen, die Märkte zu stabilen Arenen sozialer Interaktion bei der Produktion und dem Tausch von Gütern machen. Zu diesen zählen beispielsweise fest verankerte Eigentumsrechte, verlässlicher Rechtsschutz – insbesondere vor staatlicher Willkür – sowie Steuersysteme, die keinen enteignenden Charakter haben. Damit Markttausch überhaupt stattfinden kann, müssen Akteure in der Lage sein, stabile Erwartungen hinsichtlich der Ergebnisse von Entscheidungen unter Ungewissheit zu bilden. Gleichzeitig werden diese Erwartungen auf Konkurrenzmärkten stetig von Akteuren unterminiert, die sich durch die Veränderung der Spielregeln zu ihren Gunsten einen höheren Nutzen zu verschaffen hoffen. Forschung und Theorie haben drei Koordinationsprobleme identifiziert, denen Marktakteure sich gegenübersehen: das Wertproblem, das Problem des Wettbewerbs und das Kooperationsproblem. Üblicherweise werden diese Probleme aus einer Mikroperspektive untersucht, wobei man den wirtschaftlichen Tauschprozess vom Standpunkt der Akteure aus betrachtet. Die gefundenen Lösungen hingegen werden unter Bezugnahme auf die sozialen Makrostrukturen erklärt, in die die Akteure eingebettet sind. Zu ihnen gehören Institutionen, soziale Netzwerke und kognitive Strukturen. Aus gesamtgesellschaftlicher Perspektive betrachtet schränken diese auch die Reichweite von Märkten und Kommodifizierung ein, indem sie Bereiche sozialer Stabilität gegenüber der Volatilität selbstregulierender relativer Preise abschirmen.
 
4.
Eine Gesellschaftstheorie der Wirtschaft geht davon aus, dass Gesellschaften und soziale Strukturen letztlich weder als Ergebnisse ökonomischer Rationalisierung erklärt noch vollständig im Dienste ökonomischer Effizienz umgebaut werden können. Selbst im modernen Kapitalismus ist die effiziente Allokation von Ressourcen nur ein sozialer Wert unter mehreren. Mit einigen von ihnen befindet sie sich in einem unlösbaren Dauerkonflikt. So kann Rationalisierungsdruck Interessen an der Vorhersehbarkeit sozialer Beziehungen und der Stabilität sozialer Strukturen verletzen und das soziale Leben einem Ausmaß an Unbeständigkeit aussetzen, das Teile der Gesellschaft aus verschiedenen und womöglich miteinander kollidierenden Gründen inakzeptabel finden. Gesellschaften werden deshalb durch die Ausdehnung von Märkten oft tief gespalten, wenn es um die Frage geht, welche Grenzen der Kommodifizierung von Arbeitskraft, Kapital, Natur und anderen "fiktiven Waren" zu setzen sind. Solche Spaltungen können gesellschaftliche Gegenbewegungen zur Ökonomisierung auslösen, die versuchen, bestimmte Bereiche des sozialen Lebens von ökonomischer Rationalisierung freizuhalten. "Marktkämpfe" dieser Art werden üblicherweise als politische Konflikte über Umverteilungspolitiken, Art und Umfang des Sozialstaats oder die angemessene Rolle politischer Demokratie in Bezug zur kapitalistischen Wirtschaft ausgetragen. Die grundlegende Bedeutung dieser Marktkämpfe für moderne Gesellschaften liegt darin, dass nutzenmaximierendes, ökonomisch-rationales Handeln als Variante sozialen Handelns vom Vorhandensein sozialer Beziehungen und Institutionen abzuhängen scheint, die unter anderem auf Vertrauen, Gegenseitigkeit und Gleichheit gegründet sind. Dies bringt die Möglichkeit ins Spiel, dass egoistisch-rationales wirtschaftliches Handeln die sozialen Bedingungen untergraben kann, die es für sein andauerndes Gelingen benötigt, und dass gesellschaftliche Bewegungen gegen die Ausdehnung von Märkten paradoxerweise und unbeabsichtigt dafür sorgen können, dass rationale Nutzenmaximierung, wo sie sozial erlaubt ist, tatsächlich betrieben werden kann. Wirtschaftssoziologie und politische Ökonomie müssen hinreichend komplexe begriffliche Werkzeuge entwickeln, um sich in die Lage zu versetzen, diese zentralen Themen der modernen Soziologie und politischen Ökonomie bearbeiten zu können.
 
5.
Eine Gesellschaftstheorie der Wirtschaft darf ihren Forschungsgegenstand nicht abstrakt definieren, sondern muss ihn in den konkreten historischen Formen auffassen, in denen er erscheint. Die heutzutage überwiegende Form der Wirtschaft ist der moderne Kapitalismus. Zu den Themen, die sich hieraus ergeben, gehören die gegenwärtigen "Globalisierungs-" und Liberalisierungsprozesse, die Art, in der sich die nach dem Zweiten Weltkrieg entstandene politisch-ökonomische Ordnung inner- und außerhalb Europas verändert, sowie rapider technischer Wandel einschließlich eines sich ändernden Bedarfs an beruflichen Qualifikationen und neuer Formen der Entlohnung. Die Forschung am MPIfG hat wichtige Beiträge zur Untersuchung der "Varianten des Kapitalismus" geleistet. Sie muss sich jedoch gleichermaßen mit dessen Gemeinsamkeiten befassen, das heißt mit den gemeinsamen Entwicklungstrends, denen nationale kapitalistische Ökonomien derzeit unterliegen.
 
6.
Die Untersuchung "der Wirtschaft" einer sozialen Ordnung in der historischen Form des modernen Kapitalismus legt einen institutionalistischen Ansatz nahe. Dieser erforscht die Struktur und Entwicklung der kollektiv sanktionierten sozialen Normen, die ökonomisches Handeln als Unterfall sozialen Handelns steuern. Institutionenforschung hat am MPIfG eine lange Tradition, in der seit jeher davon ausgegangen wurde, dass Institutionen einen "Unterschied machen" – ob als Beschränkung oder als Chance. Institutionenforschung am MPIfG ist nicht effizienztheoretisch orientiert (weder in einem präskriptiven noch in einem funktionalistischen Sinn), sondern empirisch-analytisch, und sie befasst sich mit den Interessen und Zielen realer Akteure, die im Rahmen von sozialen Institutionen und in Reaktion auf diese handeln. Hierdurch unterscheidet sie sich vom neoklassischen Standardmodell oder dem "Rational-Choice"-Ansatz der politischen Ökonomie, die ökonomisches Handeln und ökonomische Institutionen entweder als Ergebnis von Zwängen zu maximaler Effizienz oder unter Bezug auf ideale Bedingungen für diese zu erklären suchen.
 
7.
Wirtschaftssoziologie und politische Ökonomie am MPIfG teilen die wachsende Unzufriedenheit der gegenwärtigen Wirtschaftswissenschaften mit deren etablierten Modellen rationalen Handelns ("Homo oeconomicus"). Anders als die Verhaltensökonomie und im Widerspruch zu dem von ihr als Alternative angebotenen biologisch-naturalistischen Ansatz investiert die Forschung am MPIfG in eine Theorie sozialen Handelns als der aussichtsreichsten Möglichkeit, zu einem tieferen Verständnis und einer besseren theoretischen Abbildung der Wirtschaft als ein sozial und politisch konstituiertes Handlungssystem zu gelangen. Dies bedeutet nicht, dass Forschung und Theoriebildung am MPIfG wichtige Neuentwicklungen in der Wirtschaftstheorie ignorieren. Besonderes Interesse finden dabei Arbeiten, die Ungleichgewicht und Wandel den herausragenden Platz einräumen, den sie verdienen, sowie Arbeiten von Wirtschaftshistorikern, die die Stabilität "ineffizienter" institutioneller Strukturen im Zeitablauf erkennen und zu erklären versuchen. Dasselbe gilt für Arbeiten, die sich mit den temporären und perio­dischen Eigenschaften wirtschaftlicher Prozesse und Entwicklungen befassen, sowie für Forschungen der evolutionären Ökonomie, beispielsweise im Sinne Schumpeters. Versuche, die Präferenzen von Akteuren zu endogenisieren, statt sie als gegeben oder unproblematisch zu behandeln, sind ebenso von Interesse wie wirtschaftswissenschaftliche Theorien, die Ungewissheit ernst nehmen und die Bedeutung der Offenheit der Zukunft für wirtschaftliches Handeln anerkennen.
 
8.
Institutionalistische soziale und politische Analysen befassen sich mit formalen und informellen Institutionen. Die politische Ökonomie untersucht Ursprung, Wandel, Funktionsweise, Interaktionen und Auswirkungen der formalen politischen und rechtlichen Institutionen, die in modernen Gesellschaften das wirtschaftliche Handeln steuern. Im Gegensatz dazu betrachtet die Wirtschaftssoziologie auch informelle Institutionen, soziale Netzwerke und kulturelle Sinngebungen, soweit sie wirtschaftliches Handeln regeln, auch wenn sie nicht Bestandteil des politisch-rechtlichen Komplexes sind. Diese Unterscheidung ist jedoch nicht kategorisch. Darüber hinaus ist die Art und Weise, in der die verschiedenen gesellschaftlichen Makrostrukturen in der realen Welt interagieren, von großem systematischen Interesse, weil politische wie soziale Institutionen in kulturelle Kontexte und soziale Netzwerke eingebettet sind. Letztere wiederum werden häufig durch politische und rechtliche Interventionen geformt. Dass Wirtschaftssoziologie und politische Ökonomie am MPIfG Seite an Seite arbeiten, gibt ihnen die einzigartige Gelegenheit, ihre jeweiligen traditionellen (Selbst-)Beschränkungen zu überwinden: Während die Wirtschaftssoziologie oft die Rolle politisch-rechtlicher Institutionen im Wirtschaftsleben unterschätzt, übersieht die politische Ökonomie nicht selten die kulturelle und "moralische" Dimension der Wirtschaft.
 
9.
Ein Thema, das von der politischen Ökonomie oft vernachlässigt wird, während es für die Wirtschaftssoziologie essenziell ist, ist die kulturelle und moralische Dimension wirtschaftlichen sozialen Handelns. Zum Beispiel hängt wirtschaftliches Wachstum von steigender Nachfrage ab, die wiederum von Bedürfnissen abhängt, die durch soziale Prozesse der Präferenzbildung geschaffen und stabilisiert werden. Insbesondere in fortgeschrittenen kapitalistischen Wirtschaftsordnungen hängt das anhaltende Wachstum von kulturellen Mechanismen ab, die das bestehende Niveau der Bedürfnisbefriedigung abwerten und Nachfrage für neue, "bessere" Konsummittel generieren. Darüber hinaus wird Wirtschafts- und Sozialpolitik durch Ideen und öffentliche Diskurse geformt, deren Bedeutung für die politische Ökonomie bisher noch nicht gänzlich verstanden worden ist. Außerdem sind die Debatten, die in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern über das angemessene Verhalten von Unternehmen und Individuen auf Märkten sowie über die legitimen Ziele von Sozialpolitik geführt werden, voll von gegensätzlichen Vorstellungen von Fairness und "sozialer Gerechtigkeit". Deren Einfluss auf die Funktionsweise der Wirtschaft ist, obwohl zweifellos wichtig, noch weitgehend unerforscht.
 
10.
Institutionenforschung am MPIfG, insbesondere in der Tradition der politischen Ökonomie, war zunehmend historischer Institutionalismus. Dieser erkennt die Bedeutung historischer Erbschaften für die "Pfade" an, entlang derer Institutionen und soziale Ordnungen sich wandeln. Er berücksichtigt ebenfalls die Möglichkeit, dass die Prinzipien, die das Wirtschaftsleben steuern, in verschiedenen historischen Zeiträumen unterschiedlich sein können ("Periodizität"). Viele zurzeit am Institut durchgeführte Forschungsprojekte gehen von einer dynamischen Perspektive aus und untersuchen politisch-ökonomische Institu­tionen in ihren historischen Kontexten. Dabei werden Institutionen nicht durch unterstellte Effizienzeffekte erklärt, sondern als Momente in Prozessen endogenen oder exogenen institutionellen Wandels. Tatsächlich ist am MPIfG der institutionelle Wandel zu einem der zentralen Themen in Theoriebildung und empirischer Analyse geworden. Ihn zu verstehen ist auch für die Untersuchung der Herausbildung stabiler Tauschstrukturen auf der Mikro­ebene notwendig. Gleichzeitig erscheint das Wissen darüber, wie Märkte in gesellschaftliche Handlungsmuster integriert sind, als unverzichtbar für Erklärungen der Funktionsweise der Makroökonomie und der Gesellschaft insgesamt.
 
11.
Die moderne kapitalistische Wirtschaft als soziales und politisches System lässt sich nur aus einer internationalen und transnationalen Perspektive untersuchen. Das entscheidende Element der modernen kapitalistischen Entwicklung ist die rapide und universelle Ausdehnung von Märkten über nationale Grenzen hinaus. Während die kapitalistische Wirtschaftsordnung endgültig zu einem weltumspannenden System wird, folgen regulierende Institutionen und einbettende soziale Strukturen dieser Entwicklung nur langsam. Dies bietet Marktakteuren eine beispiellose Fülle neuer strategischer Optionen. Gleichzeitig wird der Aufbau grenzüberschreitender Institu­tionen ein beherrschendes Thema für nationale Gesellschaften, die versuchen, sich auf die Einschränkungen und Möglichkeiten einzustellen, die die neue Welle wirtschaftlicher Internationalisierung und "Globalisierung" mit sich bringt. Die Forschung am MPIfG zur Institutionenbildung und zum institutionellen Wandel muss daher das sich entwickelnde Verhältnis zwischen internationaler Ausdehnung der Märkte und einer noch überwiegend national geprägten sozialen Ordnung noch stärker als bisher zum Thema machen.
 
Die Forschung am MPIfG in ihrer dritten Programmperiode versucht, wirtschaftliche Strukturen und Prozesse unter Bezugnahme auf die sozialen und institutionellen Strukturen zu erklären, in die wirtschaftliches Handeln eingebettet ist. Sie geht von der Annahme aus, dass weder gesellschaftliche noch wirtschaftliche Phänomene durch allgemeine "Rational-Choice"-Theorien ausreichend erklärt werden können und in Bezug auf historisch jeweils spezifische Kontexte sozialer, kultureller und politischer Art betrachtet werden müssen. Letztlich erfordert dies eine Mikrofundierung der institutionellen Analyse in einer Theorie sozialen Handelns, die nicht nur die Beschränkungen und Chancen berücksichtigt, die soziale Institutionen bieten, sondern auch die kulturellen Bedeutungen, die Akteure den sozialen Strukturen und sich selbst zuweisen ("handlungsorientierter Institutionalismus"). Indem die Forschung am MPIfG die historische und kulturelle Einbettung wirtschaftlichen Handelns anerkennt, versucht sie, gegenwärtige Phänomene zu erklären. Dabei sucht sie Anschluss an die Traditionen der klassischen Soziologie und politischen Ökonomie, in denen wirtschaftliches Handeln als soziales Handeln und wirtschaftliche Beziehungen als soziale Beziehungen behandelt werden.


Die Forschungsarbeit am MPIfG findet in Projekten statt, die teils von einzelnen Wissenschaftlern, teils von international kooperierenden Forschergruppen durchgeführt werden.
 
Das MPIfG betrachtet internationale Zusammenarbeit als die aussichtsreichste organisatorische Form vergleichender Forschung. Zahlreiche Gastwissenschaftler bereichern das Forschungsprogramm.

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