Forschungsgruppe "Vermögen und soziale Ungleichheit"


Teilprojekt "Reichtum in Deutschland: Strukturen, Kontinuitäten und Brüche"

Daria Tisch

Am oberen Ende der Vermögensverteilung in Deutschland findet sich eine kleine Gruppe von Familien oder Einzelpersonen, die über Vermögen von mindestens mehreren Hundert Millionen Euro verfügen. In verschiedenen Teilprojekten, ausgehend von Daten aus sogenannten Reichenlisten, wird das Projekt „Reichtum in Deutschland: Strukturen, Kontinuitäten und Brüche“ zur Erklärung der Schaffung, der Stabilität, des Wachstums und des Verlustes von Vermögen beitragen.

Zu Beginn des Projekts müssen Datenbanken erstellt oder zusammengefügt werden. Der Zugang zu verschiedenen relevanten Datenquellen wird derzeit geprüft und kann noch erweitert werden. Die Daten gehen zum Teil bis in das Kaiserreich zurück. Auf Grundlage der Daten soll Aspekten der übergeordneten Forschungsfrage nachgegangen werden. Der genaue Zuschnitt des Projektes ergibt sich erst auf Grundlage der letztlich verfügbaren Daten und der Forschungsinteressen der beteiligten Forscherinnen und Forscher. Mögliche Schwerpunkte und Fragestellungen sind:
 

1) Struktur des Reichtums in Deutschland (2000–2020)

Bei einigen an der Spitze der Vermögensverteilung stehenden Familien geht die Reichtumserlangung bis in das 19. Jahrhundert oder sogar weiter zurück, andere sind erst während der letzten Jahrzehnte reich geworden. In dem Projekt werden die gegenwärtig reichsten Familien in Deutschland betrachtet. Dabei geht es zunächst um die Beschreibung wichtiger Charakteristika dieser Familien: Wie ist das Vermögen investiert? In welchen Industrien engagieren sie sich überwiegend? Welche Rolle spielt die Familie in der Unternehmensführung? Welche Eigentümerstrukturen und Rechtsformen bestehen? Welche politischen Einflussmöglichkeiten, welches zivilgesellschaftliche Engagement und welche Netzwerkstrukturen lassen sich erkennen? Anhand der Daten soll etwa folgenden Fragen nachgegangen werden:
  • Wie unterscheiden sich Familien und Vermögensstrukturen in Abhängigkeit des „Alters“ des Vermögens? Was sind die strukturellen Unterschiede zwischen ererbtem und selbst erwirtschaftetem Reichtum? Gibt es über Zeit betrachtet einen Strukturwandel des Vermögens von unternehmerischer Tätigkeit zu reinem Portfoliomanagement?
  • Das zentrale materielle Interesse reicher Familien besteht im Vermögenserhalt beziehungsweise dessen Mehrung. Hierfür muss das Vermögen erfolgreich investiert werden und vor Zugriffen des Staates und dysfunktionaler Familienmitglieder geschützt werden. Durch welche rechtlichen Institutionen, Vorkehrungen beim Generationenübergang und welche Formen der politischen und gesellschaftlichen Einflussnahme werden die materiellen Interessen geschützt? Was erklärt den Erfolg superreicher Familien, also ihren Verbleib an der Spitze der Vermögensverteilung?
  • Nicht immer gelingt der Vermögenserhalt. Welche Faktoren sind ausschlaggebend für den wirtschaftlichen Misserfolg?

2) Kontinuität und Diskontinuität von Reichtum in Deutschland im 20. Jahrhundert

Ein zweiter Fragenkomplex zielt auf die Erforschung der langfristigen Kontinuität und der Brüche des Reichtums in Deutschland während eines langen Zeitraums. Wie entwickelt sich das Vermögen der „Superreichen“ des späten Kaiserreichs während des 20. Jahrhunderts? Allgemein geht es um die Frage, was den langfristigen Erfolg oder Misserfolg von Familien beim Erhalt und Ausbau ihrer Reichtumsposition in Deutschland erklärt. Dabei sollen vor allem folgende Fragen einbezogen werden:
  • Wie unterscheiden sich Familien, die ihr Vermögen erhalten oder weiter vermehren konnten, von jenen, denen dies nicht gelang? Welche Rolle spielen dabei Industriezweig, Höhe des Ausgangsvermögens, Konfession, politische Verbindungen, Rechtssystem und Rechtsreformen, Familienstrukturen und geografische Faktoren.
  • Welche Rolle spielen die radikalen politischen und wirtschaftlichen Umbrüche von 1919, 1929, 1933, 1945 und 1989 für die Kontinuität von Vermögensbesitz?
  • Welchen Strukturwandel der betrachteten Vermögen gibt es im Zeitverlauf? Welche Rolle spielen Unternehmertum, Diversifizierung, Wechsel der Industrie, Rechtsformen und Unternehmensverkäufe?

3) Die Ökonomie des Adels

Eine dritte Fragestellung ist ebenfalls historisch angelegt und widmet sich speziell dem unter den Reichen des späten Kaiserreichs prominent vertretenen Adel.
  • Welche Kontinuität hat der Adel im Hinblick auf seine Vermögensposition während des 20. Jahrhunderts?
  • Unterscheiden sich die Vermögensstrategien und -strukturen des reichen Adels von denen anderer hochvermögender Familien?

 



MPIfG: Projekt "Forschungsgruppe "Vermögen und soziale Ungleichheit"" | http://www.mpifg.de/projects/leibniz-research-group/projects-1_de.asp
[Zuletzt geändert 20.05.2021 13:06]