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 MPIfG - Aus der Forschung - Interview

 

 

„Die Familie ist kein vormodernes Relikt“:
Start der Forschungsgruppe Vermögen und soziale Ungleichheit


Jens Beckert
 

 
Vermögen ist nicht gleich verteilt in der Gesellschaft und diese Ungleichverteilung ist in den letzten Jahrzehnten größer geworden. Mit einem neuen Forschungsteam will MPIfG-Direktor Jens Beckert die Hintergründe dieser Entwicklung untersuchen. Im Interview erklärt er, warum der Fokus dabei auf den Wohlhabendsten in der Gesellschaft und deren Familien liegt.
 
Das Interview führten Gudrun Löhrer und Anna Röttger.
 

 
Gudrun Löhrer: Herr Beckert, Sie haben schon früher zum Thema Erbschaften und Vermögen geforscht. Nun haben Sie das Thema wieder aufgenommen und bauen einen eigenen Forschungsbereich dazu auf: Was gab den Anstoß hierzu?
 
Jens Beckert: Auch nach meiner Habilitationsschrift zur Vermögensvererbung war für mich die Untersuchung der langfristigen Kontinuität von Vermögen weiterhin ein faszinierendes Thema. Natürlich hat das Thema nach der Finanzkrise 2008 und insbesondere auch nach der Veröffentlichung des Buchs von Thomas Piketty „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ 2014 enorm an Aufmerksamkeit gewonnen. Es ist viel stärker in die Öffentlichkeit gedrungen, wie ungleich Vermögen in der Gesellschaft verteilt ist und dass diese Ungleichverteilung in den letzten vierzig Jahren noch größer geworden ist. Hieraus ergeben sich interessante wissenschaftliche Fragestellungen, denen ich gerne mit einer neuen Forschungsgruppe nachgehen möchte.
 
Löhrer: Welche übergeordnete Fragestellung wird der Forschungsbereich haben?
 
Ich möchte das Verhältnis von großen Vermögen und Familie in den Vordergrund stellen. Das heißt, es geht um eine Betrachtung von sehr wohlhabenden Familien und die Frage, ob und wie es diesen Familien gelingt, ihr Vermögen zu erhalten und zu mehren. Das soll unter anderem in historischer Perspektive geschehen, etwa in einem Forschungsprojekt, das sich mit der Frage der Kontinuität von Familienvermögen im 20. Jahrhundert in Deutschland beschäftigt. Der Fokus liegt auf den vermögensreichsten Familien vom Anfang des 20. Jahrhunderts mit den Eckdaten Inflation 1923, Weltwirtschaftskrise 1929, Enteignungen des jüdischen Vermögens und dem Zweiten Weltkrieg. Die Fragestellung ist hier, inwieweit diese Familien ihre sozialen Positionen durch die politischen Turbulenzen hindurch halten können. Wir vermuten, dass die Krisen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu Vermögensverlusten für viele Familien geführt haben. Nach 1945 hatten wir bis heute eine sehr stabile Phase. Wir vermuten daher auch eine viel größere Stabilität der Vermögen. Das Projekt wird den Fokus auf Deutschland legen, da die Vermögensforschung hier bisher ein eher randständiges Dasein fristet.
 
Löhrer: Wie sorgen Familien für die Kontinuität von Vermögen?
 
Die Familien müssen zunächst einmal wirtschaftlich erfolgreich bleiben. Die großen Vermögen in Deutschland sind in der Regel mit Unternehmenseigentum verbunden, oft führen die Eigentümerinnen und Eigentümer auch die operativen Geschäfte. Den Familien muss es gelingen, ihre Unternehmen auf der Erfolgsspur zu halten. Ganz wichtig sind auch die familiären Herausforderungen, die sich gerade in der Erbproblematik widerspiegeln. Vermögen können an intrafamiliären Konflikten wie Erbteilungsfragen, aber auch Scheidungen scheitern. Kinder nehmen unter Umständen die ihnen zugedachten Rollen nicht an. Die Familien versuchen dies durch sehr bewusste Lenkung des Sozialisationsprozesses zu verhindern, etwa durch die Auswahl von Schulen und dem sozialen Umfeld der Kinder. Hierzu werden wir ein Postdoc-Projekt haben. Es gibt aber auch eine politische Dimension: Die Chancen für die Verteidigung von Vermögenspositionen hängen ganz entscheidend an den rechtlichen Rahmenbedingungen. Vermögende Familien müssen aktiv darauf einwirken, dass Rahmenbedingungen existieren, die dem Vermögenserhalt zuträglich sind. Man denke nur an die Erbschaftssteuer oder an Kapitalertragssteuern. Uns interessieren die Mechanismen, durch die hier Einfluss ausgeübt wird. Nicht zuletzt bedarf die bestehende Vermögensungleichheit und die Privilegierung einiger weniger Familien der gesellschaftlichen Legitimierung. Vermögende Familien müssen dafür sorgen, dass die Gesellschaft sie in ihrer Rolle akzeptiert. Das geschieht beispielsweise durch gemeinnütziges Engagement – etwa durch Spenden, Kunststiftungen – und auch durch Einflussnahme auf die öffentliche Meinung. Indem wir die Familie in den Vordergrund stellen, rücken wir von einer dominanten Tradition in der Gesellschaftstheorie seit den 1950er-Jahren ab. Diese geht davon aus, dass die Bedeutung der Familie schwindet, dass sie ein vormodernes Relikt ist. Nicht Familien, sondern das Management der Unternehmen sitzt demnach an den Steuerhebeln. Ich möchte hingegen zeigen, welche zentrale Rolle Familie als Einheit selbst in hochmodernen Gesellschaften spielt – am Beispiel von Familien, die ganz oben in der Vermögenshierarchie stehen.
 
Löhrer: Ein interessanter neuer Ansatz. Mit welchen Methoden werden Sie ihn verfolgen? Bislang sind die Forschungsprojekte eher quantitativ angelegt …
 
Wir arbeiten sowohl quantitativ als auch qualitativ, wobei sich die Methoden aus den jeweiligen Forschungsfragen ergeben. Die Projekte von Daria Tisch und Lukas Arndt sind klar quantitativ orientiert. Andere Projekte, etwa die von Isabell Stamm und Franziska Wiest, werden qualitativ angelegt sein, sodass man in dieser Forschungsgruppe eine gute Mischung an Methoden finden wird.
 
Löhrer: Wo sehen Sie die Schnittstellen zu anderen Forschungsbereichen des Instituts?
 
Es gibt eine Reihe von Schnittstellen, etwa zu unseren Untersuchungen über die Entwicklung von Finanzmärkten. Ein wichtiges Schnittstellenprojekt ist die Arbeit von Benjamin Braun, der sich mit Asset-Manager-Firmen beschäftigt und die These vertritt, dass Kapital heute kein knappes Gut mehr ist, sondern im Überfluss vorhanden ist. Und zwar weit überwiegend in den Händen der Hochvermögenden, die wir untersuchen. Kapitalüberfluss heißt auch, dass die Aufgabe des Finanzsystems nicht mehr vornehmlich darin besteht, Kapital an Firmen zu verleihen, sondern sich darum zu kümmern, das Vermögen von Einlegern zu schützen und zu mehren. Die Verteidigung von Vermögen bedarf hoher Renditen und die Finanzintermediäre sind dazu da, diese zu realisieren und damit die Kontinuität von Vermögen zu ermöglichen.
 
Es gibt auch interessante Verbindungen zu unseren Forschungen zur Rolle imaginierter Zukünfte. Für Vermögende spielen Zukunftsvorstellungen eine enorm wichtige Rolle, etwa bei der Nachfolgeplanung. Die Unternehmen sind teilweise schon seit drei, vier oder fünf Generationen in Familieneigentum und die Frage der Fortsetzung einer solchen Familientradition prägt gegenwärtige Entscheidungen. Dabei geht es natürlich auch um die Kontrolle der Zukunft, was sich leicht an den teils sehr aufwendigen Rechtskonstruktionen für den Übergang an die nächste Generation erkennen lässt. Auch zu den von Lucio Baccaro untersuchten Wachstumsmodellen gibt es eine Verbindung. Denn diese Modelle werden von jeweils dominanten ökonomischen Interessen gestützt, zu denen auch die hochvermögenden Unternehmenseigentümer gehören, die bestimmte Rahmenbedingungen für ihren wirtschaftlichen Erfolg brauchen.
 
Löhrer: In den USA gibt es bereits umfangreiche Forschung zum Einfluss von Vermögenden auf die Politik. Ihr zentrales Forschungsinteresse ist Deutschland. Wird es eine international vergleichende Komponente in der Forschungsgruppe geben?
 
Auch wenn der Schwerpunkt auf Deutschland liegen wird, spielt die vergleichende Perspektive eine wichtige Rolle. Häufig ist es nur möglich, die Spezifik eines Phänomens zu verstehen, wenn man es mit anderen Kontexten vergleicht. Um das zu verdeutlichen: Die Ungleichheit der Vermögensverteilung ist in Deutschland fast so hoch wie in den USA. Gleichzeitig wird diese Problematik in beiden Ländern sehr unterschiedlich wahrgenommen. In den USA ist die Vermögenskonzentration zu einer Frage mit sehr hohem Konfliktpotenzial geworden, das zeigt sich auch im Zusammenhang mit der Corona-Krise. Warum aber führt eine vergleichbare Situation der Vermögensungleichheit in Deutschland zu einem völlig anderen öffentlichen Diskurs? Zum Beispiel weil sich Milliardäre in den USA aufgrund der Wahlgesetze mittels Millionenspenden oder selbst finanzierter eigener Kandidaturen Mandate und politischen Einfluss quasi kaufen können. Das demokratische Prinzip von einer Stimme für jede Bürgerin und jeden Bürger wird hier ad absurdum geführt. In den USA ist die Vermögensdiskussion außerdem mit der Frage des Rassismus verknüpft. Auch heute noch verfügen Schwarze im Durchschnitt nur über einen Bruchteil des Vermögens von weißen Amerikanern. Reichtum wird zudem sehr demonstrativ nach außen gezeigt. Der reichste Amerikaner fliegt mit globaler Medienaufmerksamkeit ins All, während die Beschäftigten seines Unternehmens inakzeptable Arbeitsbedingungen aushalten müssen. Hier lassen sich sehr deutliche Unterschiede zu Deutschland erkennen. Vergleichende Forschung ist also hier unbedingt angebracht.
 
Anna Röttger: Da stellt sich die Frage, wie Wissenschaft zukünftig zur Verringerung von sozialer Ungerechtigkeit und besseren Lösungen für die Verteilung von Wohlstand beitragen kann. Die Pandemie hat aufgezeigt, dass Wissenschaft einen Einfluss auf politische Entscheidungen haben kann. Welches Ziel verfolgen Sie unter dieser Prämisse für Ihre Forschungsgruppe?
 
Ich teile diese Prämisse nicht; es geht mir nicht darum, zu einer Reduzierung der Vermögensungleichheit beizutragen. Vielmehr möchte ich soziale Phänomene verstehen: Wie kommt es zur Ungleichverteilung von Vermögen? Mithilfe welcher Mechanismen gelingt es, Vermögen langfristig abzusichern? Welche sozialen Konflikte entstehen aus Vermögensungleichheit? Was passiert mit einer Gesellschaft, in der es zunehmende soziale Schließung gibt? Beobachten wir eine Rückkehr zu Feudalstrukturen oder entsteht da etwas ganz Neues? Das sind einige der Fragen, die mich interessieren. Normative Fragen möchte ich davon abtrennen. Allerdings bin ich mit Max Weber der Ansicht, dass die Soziologie Fragen von allgemeiner Kulturbedeutung behandeln soll. Die Vermögensverteilung gehört zweifellos dazu.
 
Röttger: Wie stehen Sie denn zu der beobachteten sozialen Ungleichheit?
 
In den Sozialwissenschaften herrscht zumeist die implizite Annahme vor, soziale Ungleichheit sei prinzipiell etwas Schlechtes. In dieser Pauschalität stimmt das aber nicht. Soziale Ungleichheit ist auch eine Voraussetzung zum Aufbau komplexer Gesellschaftsstrukturen. Es muss also sehr präzise benannt werden, welche Formen sozialer Ungleichheit normativ problematisch sind. Soziale Schließung, die sozialen Aufstieg verhindert, weil diejenigen, die oben stehen, immer die besseren Karten haben, um sich auch in der nächsten Generation durchzusetzen, gehört dazu. Chancengerechtigkeit ist ein normatives Prinzip demokratischer und pluraler Gesellschaften. Die Beeinflussung politischer Willensbildung qua private Vermögen ist problematisch, weil sie demokratische Prinzipien verletzt.
 
Röttger: Inwieweit kann es überhaupt Minima und Maxima geben, die als Maßstab sozialer und ökonomischer Ungleichheit akzeptabel und moralisch vertretbar sind, und wie möchten Sie sich diesen in Ihrem Projekt annähern?
 
Denken Sie etwa an die Gerechtigkeitstheorien von John Rawls oder Amartya Sen. Die politische Philosophie stellt sich die Frage, unter welchen Bedingungen soziale Ungleichheit eine Verletzung von Gerechtigkeitsprinzipien darstellt. Mich interessieren diese Fragen aus der politischen Philosophie sehr und sie werden sicherlich in die Forschungsgruppe eingehen. Schon deshalb, weil sie eine Orientierung für neue Forschungsfragen geben können. Normative Fragen sind aber auch im Sinne einer empirischen Ethik interessant: Wie denken die Menschen eigentlich selbst über Fragen von Gerechtigkeit? Finden Menschen es gerecht, dass große Vermögen vererbt werden können – und das im Wesentlichen steuerfrei? Finden Menschen es gerecht, dass Kinder qua Geburt in privilegierte Positionen gelangen? Man kann normative Fragen also auch empirisch wenden. Die Ergebnisse solcher Befragungen können durchaus überraschend sein. Auch hierfür ist wieder der Ländervergleich interessant, weil in verschiedenen Gesellschaften jeweils andere Dinge als ungerecht wahrgenommen werden.
 
Röttger: Eine letzte Frage, Herr Beckert. Da ich mich selbst noch im Studium befinde, habe ich bei Ihrem Projekt natürlich direkt an den Einfluss von Vermögen auf Bildungs- und spätere Karriereperspektiven in der akademischen Welt gedacht. Kinder aus Arbeiterfamilien sind statistisch gesehen beim Erwerb eines Studienabschlusses immer noch benachteiligt und die aktuelle Bewegung #ichbinHanna weist zudem auf die prekären Umstände für viele junge Forschende in akademischen Institutionen hin. Wie bewerten Sie diese Probleme als Leiter eines Forschungsinstituts im Kontext von sozioökonomischer Ungleichheit? Gibt es Pläne in der Forschungsgruppe, hieran anzuknüpfen?
 
Sie sprechen hier zwei unterschiedliche Punkte an. Der eine Punkt ist, dass auch in der Wissenschaft Personen aus einem bildungsreichen Hintergrund überrepräsentiert sind. Allerdings wissen wir aus den Studien des Soziologen Michael Hartmann, dass die Wissenschaft offener ist als Unternehmen, Kirche und Militär. Bei der Bewegung #ichbinHanna geht es um die Frage der Beschäftigungsform im Wissenschaftsbetrieb und der damit verbundenen Unsicherheit. Ich halte Befristungen nach der Postdoc-Phase für problematisch, weil die hohe Unsicherheit häufig mit dem Wunsch nach Familiengründung kollidiert und sich die im System bleibenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zugleich von alternativen Arbeitsmarktchancen immer weiter entfernen. Eine Verbindung zwischen beiden Punkten lässt sich dennoch herstellen: Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler aus wohlhabenden Familien können die Unsicherheit der akademischen Karriere leichter absorbieren. Wenn Sie im Notfall auf vorhandenes Vermögen zurückgreifen können, ist es viel leichter, solche Risiken einzugehen. Eine wichtige Funktion von Vermögen besteht genau darin, dass man risikoaffiner wird und damit dann möglicherweise attraktive Positionen erlangen kann, um die die anderen schon gar nicht mehr konkurrieren. Das ist dann ein Mechanismus der Reproduktion von sozialer Ungleichheit. Mit genau solchen Mechanismen werden wir uns in der Gruppe beschäftigen.
 
Quelle
Jens Beckert: „Die Familie ist kein vormodernes Relikt“: In: MPIfG (Hg.), Gesellschaftsforschung 2/2021. Köln: Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung 2021, 14–17.
 
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