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MPIfG Working Paper 99/5, Mai 1999
Individuelles Handeln und gesellschaftliche Ereignisse:
Zur Mikro-Makro-Problematik in den Sozialwissenschaften
Renate Mayntz 
Vortrag gehalten am 18. Dezember 1998 in Berlin,
MPG-Symposium "Wie entstehen neue Qualitäten in komplexen Systemen"
Dieses Papier wurde inzwischen veröffentlicht
als / This paper was later published as:
Individuelles Handeln und gesellschaftliche Ereignisse. Zur
Mikro-Makro-Problematik in den Sozialwissenschaften. In: Wie entstehen
neue Qualitäten in komplexen Systemen? 50 Jahre Max-Planck-Gesellschaft
1948-1998. Dokumentation des Symposiums zum 50jährigen Gründungsjubiliäum
der Max-Planck-Gesellschaft am 18. Dezember 1998 in Berlin. Göttingen:
Vandenhoeck & Ruprecht (2000), 95-104. |
Der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der
Biologe Ernst-Ludwig Winnacker, hat vor einigen Wochen in seiner Ansprache auf
der Jahresversammlung der DFG darauf hingewiesen, daß "(v)iele
Wissenschaftszweige ... derzeit einen neuen Aufbruch (erleben), der durch das
Stichwort Komplexität charakterisiert werden kann. Komplex ist nicht das
Gegenteil von einfach. Komplex sind Systeme, die aus vielen Einzelteilen
bestehen, die miteinander über ein vielfältiges Beziehungsgeflecht verbunden
sind, und dabei Eigenschaften erwerben, die aus den Einzelteilen heraus nicht
erkennbar oder verständlich sind" (Winnacker 1998: VI). Winnacker bezieht
sich damit unmittelbar auf jenes Phänomen, das im Zentrum dieser Veranstaltung
steht - das Entstehen neuer Qualitäten in komplexen Systemen, d.h. auf das Phänomen
der Emergenz. "Emergenz" heißt, daß in einem System Merkmale
entstehen oder Ereignisse auftreten, die sich nicht unmittelbar aus den
Eigenschaften der Elemente des betreffenden Systems ableiten lassen: Das Ganze
ist mehr als die Summe seiner Teile. Winnacker gab dafür in seinem Vortrag auch
eine Reihe von Beispielen, etwa die erst vor kurzem entdeckte Faltung von Eiweißmolekülen,
also das Entstehen einer räumlichen Molekülstruktur, die sich nicht einfach
aus den Merkmalen der beteiligten Atome ergibt, oder die ebenfalls relativ neue
Erkenntnis, daß die gut 10.000 Proteine im Inneren einer lebenden Zelle dort
nicht ungeordnet und ziellos wie Atome in einem Gas herumschwirren, sondern ein
komplexes Netzwerk bilden. Erst dieses Netzwerk bedingt die Fähigkeit der
Zelle, angemessen auf äußere Signale zu reagieren.
Das Auftreten neuer Systemeigenschaften, die sich nicht
direkt aus den Eigenschaften der Systemelemente ergeben, hat auch Physiker und
Chemiker seit einiger Zeit fasziniert. Man spricht in diesem Zusammenhang gern
von einer Wende im naturwissenschaftlichen Denken, der Abkehr vom Weltbild der
Newtonschen Mechanik und dem wachsenden Interesse für die Erforschung
nichtlinearer Prozesse in Systemen fern vom Gleichgewicht. Unter dem Etikett
nichtlinearer Systemdynamik lassen sich eine Reihe verschiedener Theorien
fassen. Eine Gruppe von Theorien befaßt sich vorzugsweise mit Diskontinuitäten
oder Phasensprüngen, und zwar speziell mit dem plötzlichen Übergang von
Ordnung zu Unordnung. Hierher gehören René Thoms mathematische
Katastrophentheorie (Thom 1972) und die - ebenfalls mathematische - Chaostheorie
(Schuster 1987). Eine andere Gruppe von vornherein gegenstandsbezogener
naturwissenschaftlicher Theorien beschäftigt sich insbesondere mit Prozessen
spontaner Ordnungsbildung, dem auf einen Ordnungsverlust folgenden Phasenübergang
zu einem neuen stationären Zustand (Krohn und Paslack 1987). Die Phänomene,
auf die diese Theorien sich beziehen, sind außerordentlich vielgestaltig.
Beispiele für Prozesse spontaner Ordnungsbildung bzw. das plötzliche Auftreten
neuer Qualitäten sind physikalische Phänomene wie der Ferromagnetismus, die
bei Abkühlung an einem bestimmten Punkt auftretende Supraleitfähigkeit
bestimmter Metalle oder das Laserlicht. In dieselbe Kategorie gehören aber auch
die von Prigogine untersuchten hydrodynamischen Strukturen - bestimmte
zylindrische Bewegungsmuster in Flüssigkeiten, die bei ihrer schrittweisen
Erhitzung auftauchen. Im Bereich der Biologie wären schließlich neben den von
Winnacker angeführten Beispielen Phänomene wie die Farbmusterbildung im
Leopardenfell, die Entstehung fortbewegungsfähiger Zellkolonien oder die von
Wolf Singer untersuchte Entstehung von Sehfähigkeit durch neuronale
Strukturbildungsprozesse zu nennen.
Alle diese Vorgänge lassen sich, entsprechend
abstrahiert, unter ein gemeinsames Paradigma fassen. Von Foerster (1981) hat
hierfür den Begriff Selbstorganisation, Prigogine (1980) den Begriff der
dissipativen Strukturbildung und Haken (1978) den Begriff der Synergetik geprägt.
In jedem Fall handelt es sich um Prozesse in Systemen, die aus einer großen
Zahl von Elementen bestehen, die in ihren grundlegenden Merkmalen konstant
bleiben. Die sich herausbildende Ordnung bzw. die neue Fähigkeit des größeren
Ganzen ergibt sich dann durch die - bestimmten Regeln folgende - Interaktion
zwischen den Systemelementen. Da sich die betreffenden Makrophänomene, die neue
Ordnung, der Ordnungsverlust oder die neue Fähigkeit nicht unmittelbar aus den
Eigenschaften der Elemente ableiten lassen, sondern durch Interaktion zwischen
ihnen neu entstehen, handelt es sich im Sinne der eingangs skizzierten
Definition um Emergenz. Das wird auch von den Naturwissenschaftlern so gesehen:
Sie alle betonen in der einen oder anderen Form, daß bestimmte nichtlineare
Prozesse auf der Makroebene der betrachteten Systeme Qualitäten hervorbringen,
die sich nicht aus den meßbaren Merkmalen der Elemente durch bloße Aggregation
ableiten lassen.
Es mag erstaunen, daß eine Sozialwissenschaftlerin ihren
Vortrag beginnt, indem sie über neuere Erkenntnisse in den Naturwissenschaften
spricht. Tatsächlich sind zahlreiche Sozialwissenschaftler von diesen neuen
naturwissenschaftlichen Theorien überaus fasziniert. Dafür gibt es zwei Gründe.
Erstens besteht eine auffällige formale Ähnlichkeit mit bestimmten sozialen
Prozessen, und zweitens gehört die "Emergenz" von Systemmerkmalen zum
Kern des sogenannten Mikro-Makro-Problems in der Soziologie, d.h. zur
Beantwortung der zentralen gesellschaftstheoretischen Frage, wie man Ereignisse
und Merkmale auf Systemebene, der Makro-Ebene, aus dem Verhalten von Individuen
ableiten und erklären kann - also aus Vorgängen auf der Mikro-Ebene. Diese
Unterscheidung zwischen Makro = Systemebene und Mikro = Ebene der Systemelemente
ist nicht nur in der Soziologie, sondern auch in den Wirtschaftswissenschaften
gebräuchlich, wo man von Mikroökonomik und Makroökonomik spricht. Weil die
Beziehung zwischen den beiden Ebenen für Sozialwissenschaftler eine zentrale
Frage ist, interessieren sie sich zwangsläufig für alle theoretischen Modelle,
die ihnen helfen können, das Mikro-Makro-Problem zu lösen (Mayntz 1991).
Nun kann man zur Beschreibung sozialer Systeme zwei
verschiedene Arten von Merkmalen benutzen, nämlich zum einen solche, die durch
die Summierung von Individualmerkmalen zustandekommen, und zum anderen solche,
die man als "neu" oder emergent bezeichnet, weil sie sich nicht
einfach aus der Aufsummierung von Merkmalen der einzelnen
Gesellschaftsmitglieder ergeben. Merkmale des ersten Typs sind üblicherweise
der Gegenstand der Surveyforschung, also der - möglichst repräsentativen -
Erhebung von individuellen Merkmalen, Einstellungen oder Verhaltensweisen. Geläufige,
fast täglich in den Zeitungen auftauchende Beispiele solcher
Summierungsmerkmale sind etwa das zahlenmäßige Verhältnis verschiedener
Altersgruppen in der Bevölkerung, also die demographische Struktur, die
Arbeitslosenquote, die Nachfrage nach einer bestimmten Automarke, die Verteilung
der Wählerstimmen auf die verschiedenen politischen Parteien in einer
Bundestagswahl oder die Zufriedenheit verschiedener Bevölkerungsgruppen mit den
eigenen Lebensumständen. Dies alles sind zweifellos wichtige gesellschaftliche
Merkmale, die auch beim Systemvergleich eine große Rolle spielen - etwa beim
Vergleich der Arbeitslosenquoten oder der Lebenszufriedenheit in verschiedenen Ländern
oder Landesteilen. Aber es sind keine "neuen", keine emergenten
Systemeigenschaften, die sich ja gerade nicht durch Summierung aus den
Eigenschaften der Elemente ableiten ließen.
Neue Merkmale in diesem Sinne sind alle technischen
Innovationen und Schöpfungen der menschlichen Kultur, sind Makro-Ereignisse wie
Revolutionen und Wirtschaftskrisen, aber auch Gesetze und Institutionen - das
Gerichtswesen etwa, oder die Art der Forschungsorganisation in einem Land. Auch
die Herrschaftsstruktur, die politische Verfassung großer Gemeinwesen ist etwas
anderes als die Verteilung irgendwelcher Individualmerkmale, z.B. von Parteipräferenzen.
Läßt man so Revue passieren, was alles in sozialen Systemen als neue
Eigenschaft, als emergentes Merkmal gilt, dann stellt man schnell fest, daß
"neue Eigenschaften" in der sozialen Welt nichts Besonderes sind. Das
heißt aber natürlich nicht, daß sie wissenschaftlich uninteressant wären.
Ihr Zustandekommen ist genauso erklärungsbedürftig wie das Zustandekommen
einer bestimmten Beschäftigungs- oder Einkommensstruktur. Und damit sind wir
bei dem Thema, dem ich mich jetzt zuwende: Wie entstehen "neue"
Eigenschaften und Ereignisse in komplexen sozialen Systemen aus dem Handeln der
Individuen, die die Elemente dieser Systeme sind?
Fragt man so, dann stellt man - vielleicht überraschenderweise
- bald fest, daß es in der sozialen Welt durchaus Gegenstücke zu den erwähnten
naturwissenschaftlichen Beispielen für Phasensprünge ins Chaos oder zur
dissipativen Strukturbildung gibt. Das plötzliche Auftreten neuer Qualitäten,
von eigendynamischer Musterbildung oder spontanem Ordnungsverlust, kann man in
der sozialen Welt etwa im Bereich typischen Massenverhaltens beobachten, bei
Prozessen der politischen Mobilisierung, bei einer Reihe von Marktprozessen -
z.B. bei der sich zyklisch verändernden Nachfrage nach bestimmten Ausbildungen
- oder auch bei Prozessen sozialräumlicher Strukturbildung. Betrachten wir
einige Beispiele genauer, um einen Eindruck von den dabei wirksamen Mechanismen
zu gewinnen.
Ein einfaches Beispiel für emergente Effekte im Bereich
des Massenverhaltens ist das Entstehen einer Panik bei einer Veranstaltung -
einer Demonstration, einem Fußballspiel oder in einer Disco. Nehmen wir an, daß
in einer solchen Situation ein paar Angsthasen in der Menge auf ein schwaches äußeres
Signal, das von allen anderen für bedeutungslos gehalten wird - das Grollen
eines fernen Unwetters, ein leichter Brandgeruch oder das Auftauchen eines Militärfahrzeugs
- reagieren und mit aller Macht versuchen, sich den Weg aus der Menge zu bahnen.
Dies erzeugt Unruhe auch bei weniger Ängstlichen, die nun ihrerseits versuchen,
eilig den Ort zu verlassen - und so fort, bis auch die Standfestesten in den
Strudel der Flüchtenden gerissen werden: die Panik ist perfekt. Was hier
stattfindet, ist ein Prozeß ungewollten und plötzlichen Ordnungsverlusts. Dem
nicht unähnlich sind die Mechanismen, die einen plötzlichen Kursrutsch an der
Börse hervorrufen. Auch viele Mobilisierungsprozesse, Protestbewegungen und
Kampagnen folgen demselben Muster, ganz zu schweigen von der epidemischen
Ausbreitung bestimmter Krankheiten (Mayntz 1988). Unter bestimmten Bedingungen,
nämlich wenn es sich um die wiederholte Interaktion zwischen zwei Teilgruppen
von Elementen handelt, können solche Prozesse anstatt in einer Kettenreaktion
vom Typ eines Dominoeffekts auch aus einem gegenseitigen Aufschaukeln bestehen.
Beispiele hierfür sind die Lohn/Preis-Spirale ebenso wie der Rüstungswettlauf
oder die eskalierenden Feindseligkeiten zwischen Demonstranten und
Gegendemonstranten, Randalierern und Polizei (Nedelmann und Mayntz 1987). Aber
ob Aufschaukeln oder Dominoeffekt, in beiden Fällen liegt solchen Prozessen
eine Form positiver Rückkoppelung zugrunde, die Abweichungsverstärkung bis hin
zum Systemzusammenbruch. Die Panik, der Börsenkrach oder der Zusammenbruch der
öffentlichen Ordnung sind Makroereignisse einer neuen Qualität. Sie beruhen
zwar auf einer bestimmten Verteilung von Eigenschaften in den fraglichen
Populationen, also auf einem gesellschaftlichen Aggregatmerkmal, sie kommen aber
nicht durch die einfache Aufsummierung der Angstschwellen von
Veranstaltungsbesuchern oder der Gewaltbereitschaft von Demonstranten und
Polizei zustande, sondern durch komplexe Interaktionen.
Oder nehmen wir einen Prozeß ungeplanter Strukturbildung,
wie beim Entstehen so mancher frühen Stadt. Natürlich ist die Existenz von Städten
ein neues Merkmal in der Geschichte von Gesellschaft. Eher zufällig mag sich
ein kleiner Personenverband an einer bestimmten Stelle einer kaum besiedelten
Gegend, z.B. der Furt über einen Fluß festsetzen. Dies macht den Ort für
weitere Siedler attraktiv, die die Nähe von anderen Menschen vorteilhaft
finden. Je größer die Siedlung wird, um so vielfältiger wird die Attraktion,
bieten sich nun doch z.B. Möglichkeiten für herumziehende Handwerksgesellen,
hier seßhaft zu werden. Jeder, der zuzieht, entscheidet für sich selbst, aber
die Zuzugsentscheidungen der früher Gekommenen verändern die Situation für
die später Kommenden - ganz ähnlich wie im Panikfall das Fortlaufen der
besonders Ängstlichen die Situation für die weniger Ängstlichen verändert.
Derselbe grundsätzliche Mechanismus ist übrigens bei einem manche
Stadtbewohner unmittelbar berührenden Prozeß spontaner Strukturbildung am
Werk, nämlich beim Entstehen ethnisch oder rassisch segregrierter Wohnviertel.
Selbstverständlich spielen dabei u.a. ökonomische Gründe eine Rolle, aber
ganz unabhängig davon kann ein Viertel, in dem zunächst ein stabiles Verhältnis
von Schwarzen zu Weißen, Serben zu Kroaten oder Deutschen zu Türken besteht,
in den Sog eines sich selbst verstärkenden Abwanderungsprozesses geraten und so
zu einem rein schwarzen, serbischen oder türkischen Viertel werden (vgl.
Schelling 1978: 137-166).
Fassen wir das Bisherige zusammen. Was allen betrachteten
Beispielen gemeinsam ist, ist die Tatsache, daß es um Prozesse in größeren
Populationen geht, in denen die Akteure zwar auf das Handeln der je anderen
reagieren, aber grundsätzlich unabhängig voneinander handeln, ihr Handeln also
nicht etwa planvoll koordinieren. Vielmehr reagiert jeder Einzelne - bzw. jede
Teilgruppe in einer bipolaren Struktur - für sich auf die Situation, die die
jeweils anderen durch ihr Tun erzeugt haben, und verändern zugleich mit ihrem
eigenen Tun unbeabsichtigt die Ausgangssituation für die je anderen. Dabei ist
es unerheblich, ob das Verhalten der Akteure von einem Persönlichkeitsmerkmal
wie dem Grad der Risikoaversion bestimmt wird, ob es rational kalkuliert ist
oder einer sozialen Norm folgt. Die Verhaltensdispositionen der Individuen wie
ihre Angstschwelle oder ihre Präferenz für einen bestimmten Anteil von
Gleichen in einer Gruppe brauchen auch nicht gleich zu sein, ja für bestimmte
Prozesse müssen sie sogar verschieden sein. Wichtig ist lediglich, daß die Präferenzen
bzw. Verhaltensneigungen der einzelnen Akteure im Laufe des Prozesses stabil
bleiben. Solange wir das annehmen können, sind die zentralen Voraussetzungen
erfüllt, auf denen auch die eingangs angeführten physikalischen und chemischen
Prozesse beruhen, nämlich daß die Elemente der Systeme im Hinblick auf ihre
relevanten Eigenschaften invariant - konstant - sind.
Ein ins Auge fallendes Kennzeichen aller bisher angeführten
Beispiele ist es, daß es sich um ungeplante, von den an ihrer Hervorbringung
beteiligten Akteuren garnicht beabsichtigte, ja in vielen Fällen für unerwünscht
gehaltene Vorgänge handelt. Die Untersuchung solcher Emergenzphänomene haben
gesellschaftstheoretisch orientierte Sozialwissenschaftler immer wieder als die
eigentliche Aufgabe der Soziologie angesehen. So ist es für Norbert Elias
(1977: 131) die Hauptaufgabe der Sozialwissenschaften, die Strukturen und
Prozesse zu erklären, die sich aus der Verflechtung der Willensakte und Pläne
von vielen Menschen ergeben, obwohl keiner von den in sie verwickelten Menschen
sie so gewollt oder geplant hat. Ähnlich hatte sich schon früher Friedrich von
Hayek (1955: 39) geäußert. Wenn es, so meinte er, in der sozialen Welt nur vom
Menschen absichtlich geschaffene Ordnungen gäbe, dann ließe sich alles
psychologisch erklären. Nur dort, wo eine Ordnung ungeplant und unbeabsichtigt
als Ergebnis individuellen Handelns entsteht, gibt es theoretische Probleme für
die Sozialwissenschaft. ("If social phenomena showed no order except
insofar as they were consciously designed, there would be ... only problems of
psychology. It is only insofar as some sort of order arises as a result of
individual action, but without being designed by any individual that a problem
is raised which demands theoretical exploration".)
Die von Sozialwissenschaftlern gern zustimmend zitierte
Behauptung Hayeks geht implizit davon aus, daß es zwei verschiedene Klassen
sozialer Phänomene und speziell sozialer Ordnungen gibt, nämlich einerseits
geplante und andererseits ungeplante oder spontan entstandene. Das heißt, daß
Neues in sozialen Systemen auch absichtsvoll geschaffen werden kann. Das scheint
uns vielleicht selbstverständlich. Tatsächlich sind viele Städte und fast
alle Firmen und Verbände absichtsvoll gegründet worden; Unternehmen schließen
sich planvoll zu Kartellen zusammen, und Gesetze werden bewußt und mit Blick
auf erwünschte Wirkungen erlassen. Auch Herrschaftsordnungen entstehen nicht
einfach naturwüchsig. Reiche wurden bewußt geschaffen, eine sozialistische
Ordnung in den sowjetischen Satellitenstaaten nach 1945 absichtsvoll eingeführt,
und auch die Europäische Union ist eine willentliche Schöpfung. Daß Neues in
sozialen Systemen von den Elementen dieser Systeme auch absichtsvoll geschaffen
werden kann, ist eine Besonderheit, für die es in der Welt der Atome und Moleküle,
der chemischen, physikalischen und mindestens zum großen Teil der biologischen
Vorgänge keine Entsprechung gibt. Damit mag es zusammenhängen, daß emergent
und ungeplant manchmal gleichgesetzt werden - was ich absichtlich nicht
getan habe. Obwohl zumindest in der belebten Natur manche Prozesse so aussehen,
als ob Zellen planvoll bestimmte Makroeffekte hervorrufen, Makrostrukturen
schaffen würden, gehen wir wohl, zu Recht oder zu Unrecht, bis heute allgemein
davon aus, daß neue Qualitäten in physikalischen, chemischen und biologischen
Systemen ungeplant auftreten, da den Elementen hier die Fähigkeit fehlt,
Makro-Ereignisse absichtlich herbeizuführen. Diese Fähigkeit setzt nämlich
grundsätzlich nicht nur Bewußtsein schlechthin voraus, das wir heute auch
vielen Tieren zuschreiben, sondern auch die Möglichkeit, nicht nur
selbstbezogen zu handeln, sondern das eigene Tun auch bewußt auf das größere
Ganzen zu beziehen, von dem man ein Teil ist, und es in diesem Zusammenhang mit
dem Handeln anderer zu koordinieren, mit ihnen zu kooperieren - oder die
Richtung ihres Tuns zu verändern. Die Unterscheidung zwischen geplant und
ungeplant macht nur in der Welt des Sozialen, in Politik, Wirtschaft und Kultur
einen Sinn.
Allerdings entwickelt sich und wirkt fast nichts, was von
Menschen absichtsvoll in die Welt gesetzt wird, ganz so wie geplant. Das heutige
Schulsystem entspricht weder dem Plan einer allmächtigen Herrschaftsinstanz,
noch ist es das Ergebnis gemeinsamen planvollen Handelns der gesamten Bevölkerung.
Und doch sind nicht nur die ersten Schulen von Fürsten oder Klöstern
absichtsvoll gegründet worden; auch bei jedem folgenden Schritt der Erweiterung
und Veränderung des Schulsystems waren Akteure beteiligt, die ganz bestimmte
Gestaltungsabsichten verfolgten. Dasselbe gilt für das Entstehen eines
Parteiensystems, für die Organisation der Tarifparteien oder die Struktur der
heute weltweit operierenden Firma Siemens. Auch wenn zumindest ein Teil der
involvierten Akteure bestimmte Gestaltungsabsichten bewußt verfolgt, entspricht
die schließlich entstandene Herrschaftsstruktur einer Gesellschaft keiner
vorher angefertigten Blaupause. Was prinzipiell möglich ist - Neues gezielt
zu schaffen -, ist in der sozialen Welt vielfach das geradezu Unwahrscheinliche.
"Ja mach nur einen Plan, sei nur ein großes Licht, und mach dann noch 'nen
zweiten Plan, gehn tun sie beide nicht", heißt es etwa bei Bert Brecht.
Und das liegt nicht nur daran, daß der Mensch für dieses Leben nicht klug
genug ist. Immer wenn der absichtsvoll Planende nicht sämtliche Randbedingungen
des Erfolgs kennt und kontrolliert - und das ist nicht einmal in einem so
kleinen sozialen System wie einer Familie, geschweige denn in Politik und
Wirtschaft der Fall - wird der Plan verwässert oder verfälscht, die
intendierte Entwicklungsrichtung verändert, oder es treten unerwünschte
Nebenwirkungen auf, die den Wert des Ganzen in Frage stellen. Das Geschick der
sozialistischen Planwirtschaft ist ein Paradebeispiel dafür. Hayeks Kategorie
der für den Sozialwissenschaftler theoretisch unergiebigen planvollen sozialen
Schöpfungen ist in Wirklichkeit ziemlich leer.
Aber auch Hayeks zweite Kategorie der unbeabsichtigt
entstehenden Ordnungen, ja die ganze vorhin beschriebene Klasse von spontanen
Strukturbildungen oder pötzlichem Ordnungsverlust kommt in reiner Form in der
sozialen Wirklichkeit dann doch verhältnismäßig selten vor. Dafür ist zunächst
verantwortlich, daß Menschen aus den ungewollten Folgen ihres Verhaltens lernen
können und entweder das nächste Mal in derselben Situation anders reagieren,
oder Vorkehrungen treffen, daß der kollektive Prozeß erst garnicht anläuft.
So treffen staatliche Ordnungskräfte Maßnahmen, um die gewalttätige
Eskalation von Auseinandersetzungen zwischen verfeindeten ethnischen oder religiösen
Gruppen oder auch zwischen Polizei und Demonstranten zu verhindern, man sucht
die epidemische Ausbreitung von Infektionen durch Maßnahmen wie Quarantäne und
Impfung einzudämmen, schränkt den ruinösen Wettbewerb durch Regeln ein, beugt
Bankenzusammenbrüchen durch Festlegung einer ausreichenden Eigenkapitaldeckung
vor oder versucht, Tendenzen zur räumlichen Segregation in Städten
entgegenzuwirken, indem Umzugsbewegungen gesetzlich gesteuert oder durch ökonomische
Anreize umgelenkt werden. Sobald man einmal den Blick dafür geschärft hat,
entdeckt man überall Fälle von Regelsetzung und Institutionenbildung, die
gezielt unerwünschten Emergenzen entgegenwirken und sie wenn möglich
verhindern sollen. Das gilt übrigens auch auf der Ebene zwischenstaatlicher
Beziehungen, und ich denke da nicht nur an Abkommen zur Rüstungsbegrenzung. So
bemüht man sich heute in der Europäischen Union, durch entsprechende
Harmonisierungsvereinbarungen dem Steuerwettbewerb entgegenzuwirken, in dem die
einzelnen Mitgliedstaaten versuchen, mobiles Kapital durch Steuersenkung im
eigenen Land zu halten. Menschen sind fähig zur kollektiven Zielsetzung, und
sie organisieren sich bzw. schaffen Institutionen zu ihrer Verfolgung. Sie
intervenieren, oder versuchen wenigstens zu intervenieren, wenn ihnen das
erwartete Ergebnis spontaner Strukturbildungsprozesse, von ungezügeltem
Wettbewerb, Teufelskreisen und Spiralen unerwünscht scheint. Das Entstehen
sozialer Strukturen und gesellschaftlicher Institutionen erscheint damit als
Ergebnis ständiger Problemlösungsversuche: Es wird planvoll auf ungeplante
Emergenz reagiert. Aber dieser Prozeß erinnert an Sisyphos, denn er gelingt nie
ein für alle Mal. Die zur Schadensvermeidung neu geschaffenen Einrichtungen,
die der Vorbeugung dienenden Regeln erzeugen neue Probleme in angrenzenden oder
auch in weit entfernten Gebieten. So treten immer wieder neue soziale
Diskontinuitäten und unerwünschte Strukturbildungen auf.
In der sozialen Welt, so muß man daraus schließen, ist
weder die Erklärung des ungeplant entstehenden noch die des geplant
entstehenden Neuen je für sich das eigentliche Erklärungsproblem. Deshalb kann
uns auch das naturwissenschaftliche Paradigma ungeplanter Emergenz wenig helfen.
Weder werden sinnvolle soziale Ordnungen oft durch das segensreiche Wirken der
besonders von Ökonomen gern angeführten "unsichtbaren Hand" erzeugt,
noch sind die potentiell zerstörerischen Makroeffekte in erster Linie das
Ergebnis von Prozessen, die dem naturwissenschaftlichen Paradigma spontaner
Ordnungsbildung bzw. spontanem Ordnungsverlusts folgen. Sie können ebensogut
das Ergebnis falscher Steuerungsentscheidungen, fehlgeleiteter Problemlösungsversuche
sein. Deshalb ist auch Autoren wie Friedrich von Hayek, die die zentrale Aufgabe
der Sozialwissenschaften in der Untersuchung unbeabsichtigter Folgen kollektiven
Verhaltens sehen, nicht ohne weiteres zuzustimmen. Die Sozialwissenschaften
brauchen andere Kausalmodelle, andere Erklärungsansätze zur Analyse des
Entstehens neuer Qualitäten in komplexen Systemen: Sie müssen versuchen,
gesellschaftliche ebenso wie wirtschaftliche Makrophänomene - Ereignisse,
Strukturen und Strukturzusammenbrüche - aus dem Zusammenwirken
absichtsvoll konstruktiven und steuernden Verhaltens mit ungeplant naturwüchsigen
Entwicklungen zu erklären. Diese Kombination, dieses sowohl - als
auch ist die speziell für soziale Systeme, und vielleicht nur für sie
charakteristische Art von Komplexität. Neue Qualitäten in komplexen sozialen
Systemen entsprechen zwar fast niemals genau der Absicht derjenigen, die
faktisch an ihrem Entstehen mitwirken, aber sie kommen andererseits auch nur
relativ selten völlig ungewollt und naturwüchsig zustande, als Ergebnisse des
Wirkens einer geheimnisvollen Kraft, die hinter dem Rücken der Akteure wirkt
und sie wie Marionetten an ihren Fäden tanzen läßt. Das hat erhebliche
moralische Implikationen: Menschen wissen oder sollten zumindest abschätzen können,
zu was ihr Tun führt oder wozu es beitragen kann. Anders als Atome, Zellen,
Pflanzen und Tiere sind Menschen mitverantwortlich für das - nicht immer wünschenswerte
- Neue, das ständig in komplexen sozialen Systemen entsteht.
(Der Vortragstext wird in einem Tagungsband erscheinen.)
Literatur
Elias, Norbert, 1977: "Zur Grundlegung einer Theorie
sozialer Prozesse." In: Zeitschrift für Soziologie 6, 127-149.
von Foerster, Heinz, 1981: On Self-Organizing Systems and
their Environments. In: ders., Observing Systems. Seaside Calif.:
Intersystems Publications, 2-21.
Haken, Hermann, 1978: Synergetics. An Introduction.
Berlin: Springer.
Hayek, Friedrich A., 1955: The Counter-Revolution of
Science. New York: Free Press.
Krohn, Wolfgang und Rainer Paslack, 1987:
Selbstorganisation - Zur Genese und Entwicklung einer wissenschaftlichen
Revolution. In: Siegried J. Schmidt (Hrsg.), Der Diskurs des radikalen
Konstruktivismus. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 441-465.
Mayntz, Renate und Birgitta Nedelmann, 1987:
Eigendynamische soziale Prozesse. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und
Sozialpsychologie 39, 633-647.
Mayntz, Renate, 1988: Soziale Diskontinuitäten -
Erscheinungsformen und Ursachen. In: K. Hierholzer und H.-G. Wittmann (Hrsg.), Phasensprünge
und Stetigkeit in der natürlichen und kulturellen Welt. Stuttgart:
Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, 15-37.
Mayntz, Renate, 1991: Naturwissenschaftliche Modelle,
soziologische Theorie und das Mikro-Makro-Problem. In: W. Zapf (Hrsg.), Die
Modernisierung moderner Gesellschaften - Verhandlungen des 25. Deutschen
Soziologentages in Frankfurt am Main 1990. Frankfurt a.M.: Campus, 55-68.
Prigogine, Ilya, 1980: From Being to Becoming - Time
and Complexity in Physical Sciences. New York: Freeman.
Schelling, Thomas C., 1978: Micromotives and
Macrobehavior. New York/ London: Norton & Company.
Schuster, H.G. 1987: Deterministic Chaos: An
Introduction. Weinheim: VCH.
Thom, René, 1972: Stabilité structurelle et morphogenèse.
Reading, MA: Benjamin.
Winnacker, Ernst-Ludwig, 1998: Abschied von der Universität?
In: Forschung - Mitteilungen der DFG 3/98, IV-X.
Copyright © 1999 Renate Mayntz No part of this publication may be
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