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MPIfG Working Paper
99/4, April 1999
Betrug in der
Wissenschaft - Randerscheinung oder wachsendes Problem?
Renate Mayntz 
Öffentlicher
Vortrag am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, 16. April 1999
Prof. Dr. Dr. h.c. mult.
Renate Mayntz ist emeritiertes Wissenschaftliches Mitglied am
Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, Köln
Vor zwei Jahren (1997) wurde die Öffentlichkeit von dem
"größten Forschungsskandal der deutschen Wissenschaft" - so die
Presse - erschüttert: Der Krebsforscher Friedhelm Herrmann und die
Molekularbiologin Marion Brach wurden angeklagt, in der Zeit ihrer gemeinsamen
Arbeit am renommierten Max-Dellbrück-Zentrum für Molekulare Medizin mehrfach
gefälschte Forschungsergebnisse publiziert zu haben. Mit den Vorwürfen
konfrontiert, gestand Frau Brach, in dieser Zeit mit Wissen bzw. sogar auf
Veranlassung von Professor Herrmann in vier Studien, in denen es um die
Aktivierung bestimmter Zellstoffe ging, Daten manipuliert zu haben: Sie hatte
Daten, die man experimentell zu erhalten hoffte, als tatsächliche Ergebnisse
ausgegeben, hatte Tabellen erfunden und Abbildungen gefälscht. Professor
Hermann hat stets behauptet, von diesen Fälschungen nichts gewußt, geschweige
sie veranlaßt zu haben. Aber Mitarbeiter der beiden schöpften Verdacht. Einer
von ihnen vertraute sich seinem Doktorvater an, einem Wissenschaftler aus der
MPG, und der informierte die betroffenen Institutsleiter. So wurde die Sache zum
öffentlichen Skandal. Frau Brach mußte den Lehrstuhl, den sie inzwischen
erhalten hatte, aufgeben; Professor Herrmann wurde vom Dienst suspendiert.
Die Wogen hatten sich kaum geglättet, da kam 1998 der nächste
Skandal: Im MPI für Züchtungsforschung waren offenbar die in elf Publikationen
berichteten, wissenschaftlich aufsehenerregenden Ergebnisse
pflanzenphysiologischer Untersuchungen zumindest teilweise gefälscht worden.
Eine technische Assistentin soll z.B. bei einem Experiment, bei dem bestimmte
Mutanten von Pflanzenzellen sich auch in Abwesenheit eines Wachstumshormons
teilen sollten, heimlich ein synthetisches Hormon hinzugefügt haben, um die gewünschte
Zellteilung auch tatsächlich zu erhalten. Ihr Chef, der als brillianter
Forscher galt, hat stets abgestritten, etwas von Betrug gewußt zu haben. Er schätzte
seine geschickte Mitarbeiterin, der es immer gelang, seine Arbeitshypothesen
experimentell zu bestätigen, und soll Vorhaltungen anderer Mitarbeiter, denen
es nicht gelang, die erfolgreichen Versuche zu wiederholen, mit dem Hinweis auf
ihre mangelnde Geschicklichkeit abgewehrt haben. Aber eines Tages wurde die
Assistentin von einigen stutzig gewordenen Mitarbeitern überführt. Sie gaben
ihr, so wurde berichtet, eine Probe mit der Bitte, die Wirkung eines vorgeblich
darin enthaltenen Enzyms zu messen. In Wirklichkeit bestand die Probe nur aus
destilliertem Wasser - aber die Assistentin "fand" und protokollierte
tatsächlich die erwarteten Wirkungen. So in flagranti beim Fälschen ertappt,
bekam sie einen Nervenzusammenbruch und verließ das Institut für immer. Ihr
Chef, dem zumindest mangelnde Aufsicht vorzuwerfen ist, soll heute in einem
Institut in England arbeiten.
In Deutschland haben diese beiden Fälle von Betrug eine
breite öffentliche Diskussion ausgelöst. In anderen Ländern taten das ähnliche
Fälle schon früher. So gibt es z.B. in Dänemark schon seit 1992 ein Gremium
zur Behandlung von Vorwürfen wissenschaftlicher Unredlichkeit (Danish Committee
on Scientific Dishonesty). In den USA wird ebenfalls schon seit Jahren ein
Office of Research Integrity tätig, das Fälle wissenschaftlichen
Fehlverhaltens im Zusammenhang mit Projekten untersucht, die die National
Institutes of Health, eine der größten amerikanischen
Forschungsorganisationen, finanzieren. Bei uns hat die Deutsche
Forschungsgemeinschaft eine Kommission "Selbstkontrolle in der
Wissenschaft" eingerichtet, die im Januar 1998 Empfehlungen verabschiedet
hat; die DFG verlangt seitdem von allen Zuschußempfängern, einschlägige
Regelungen zu erlassen. Auch die MPG hat Regeln für das Verfahren in Fällen
vermuteten wissenschaftlichen Fehlverhaltens verabschiedet und zugleich eine
Kommission eingerichtet, die eine genauere Analyse des Problems vorlegen und
Vorschläge machen soll, was man vorbeugend gegen verantwortungsloses Handeln in
der Wissenschaft tun kann. Dieser Kommission gehöre ich an - und deshalb stehe
ich auch heute hier.
Das Thema "Betrug in der Wissenschaft" wirft
eine Reihe verschiedener Fragen auf. In der Presse wird vor allem nach den Gründen
für das betrügerische Verhalten von Wissenschaftlern gefragt. Darauf will ich
heute nur am Rande eingehen. Wie schon der Titel meines Vortrags sagt, will ich
vielmehr eine wichtige Vorfrage behandeln, nämlich wie groß eigentlich die
Bedeutung des Betrugsproblems ist. Handelt es sich bei den Fällen, die in jüngster
Zeit publik wurden, nur um die Spitze eines großen Eisbergs - oder um seltene
Ausnahmefälle, die nur deshalb breitgetreten werden, weil ein skandalsüchtiges
und vom Prestigeanspruch der Wissenschaftler vergrätztes Publikum daran seine
Schadenfreude hat? Beide Positionen werden vertreten. Es gibt, auch und gerade
unter Wissenschaftlern, Abwiegler, die die Existenz eines gravierenden
Betrugsproblems vehement verneinen, und Skeptiker, die nachdrücklich die These
von der Eisbergspitze vertreten. Sieht man genauer hin, dann haben
interessanterweise beide, Abwiegler wie Skeptiker, in gewisser Weise recht, und
ich will zu zeigen versuchen, wieso das so ist.
Dazu muß man allerdings etwas weiter ausholen und darf
nicht nur auf Fälschungen wie die von Herrmann und Brach oder im MPI für Züchtungsforschung
blicken. Publik gewordene Betrugsfälle dieser Art sind nämlich tatsächlich
selten. Ein Beispiel: In den ersten 5 Jahren seit seinem Entstehen prüfte das
ORI 1500 Hinweise auf mögliche Manipulationen; ein Fehlverhalten war nur in 74
Fällen (5%) nachzuweisen, und das waren keineswegs alles eindeutige Betrugsfälle.
Das wirft dann unmittelbar die Frage auf, warum so viel über "Betrug in
der Wissenschaft" geredet wird. Warum regt man sich über Fälle wie die
eingangs berichteten so auf, wo doch zweifelsfrei nachgewiesene Fälle von
Betrug relativ selten sind, und wo wissenschaftliche Falschaussagen von
praktischer oder theoretischer Bedeutung außerdem über kurz oder lang noch
immer entdeckt und korrigiert wurden, "Betrug" demzufolge den
wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt nur relativ schwach beeinträchtigt?
Diesen Widerspruch zwischen Bedeutung und Bewertung hat offenbar auch der Präsident
der Max-Planck-Gesellschaft gesehen. Wenn erfundene, gefälschte oder durch
Verheimlichung widersprechender Befunde manipulierte Daten publiziert werden, so
meinte Markl in seiner Rede vor der letztjährigen Hauptversammlung der MPG,
dann schadet das dem wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt fast nur am Rande
- aber es schadet dennoch ganz erheblich dem Vertrauen in die Wissenschaft. Tatsächlich
gibt es, so meine gleich zu begründende These, andere Formen wissenschaftlichen
Fehlverhaltens, die den Erkenntnisfortschritt und die Produktivität der
Wissenschaft weit stärker beeinträchtigen als Fälle manifester Fälschung.
Werfen wir also zunächst einen Blick auf die
verschiedenen Formen wissenschaftlichen Fehlverhaltens. Und nur um
wissenschaftliches Fehlverhalten kann es hier gehen, nicht um allfällige
Alltagssünden wie Ehebruch oder Steuerhinterziehung, die natürlich auch
Wissenschaftler begehen. Als "wissenschaftliches Fehlverhalten" zählt
jedes Verhalten von Wissenschaftlern, das absichtlich oder fahrlässig eine der
zentralen Normen des Wissenschaftssystems verletzt.
Die schlimmsten Normverstöße sind die Fälschung oder
Verfälschung von Forschungsergebnissen sowie Plagiat - in den USA als FFP,
fraud, falsification, and plagiarism bezeichnet. Daneben gibt es aber noch
andere, weniger beachtete Formen des wissenschaftlichen Fehlverhaltens. Ich will
nur zwei nennen. Da gibt es einmal die Behinderung der wissenschaftlichen Arbeit
von anderen, seien das nun Kollegen oder, was häufiger vorkommt, Abhängige,
wie z.B. Doktoranden. Eine andere Form des Fehlverhaltens ist die
Zweckentfremdung von Forschungsmitteln. Zwar ist die direkte Unterschlagung öffentlicher
Forschungsgelder sehr selten; aber es kommt vor, daß Forschungsthemen und
Untersuchungsobjekte nicht aus rein wissenschaftlichen Überlegungen gewählt
werden, sondern weil sie z.B. Dienstreisen zu attraktiven Orten ermöglichen
oder künftige außerwissenschaftliche Karrierechancen eröffnen - und das ist
natürlich auch eine Art von Zweckentfremdung.
Keine dieser beiden Formen wissenschaftlichen
Fehlverhaltens beeinträchtigt den Erkenntniswert einzelner wissenschaftlicher
Aussagen. Sie können aber die Produktivität des sozialen Systems Wissenschaft
beeinträchtigen und sind insofern durchaus ernstzunehmende Regelverstöße -
die aber selten öffentlich bekannt werden.
Auch Plagiat, die Aneignung fremden geistigen Eigentums,
untergräbt den Erkenntniswert wissenschaftlicher Aussagen nicht und beeinträchtigt
die wissenschaftliche Produktivität allenfalls marginal. Zumindest innerhalb
des Wissenschaftssystems gilt Plagiat heute dennoch als höchst ehrenrührig und
wird, wenn entdeckt, auf alle möglichen Weisen (bis hin zur Aberkennung
akademischer Grade) geahndet. Das war nicht immer so. Daß jemand fremde Texte
wie eigene publiziert, also ohne Nennung des fremden Autors, hat es seit der
Antike gegeben, aber man scheint sich früher weniger darüber aufgeregt zu
haben. Wenn Plagiat heute in der Wissenschaft als massive Normverletzung gilt,
dann hat das sicher etwas mit der generell gewachsenen Sensibilität für
Eigentumsansprüche in unserer Kultur zu tun. Ebenso wichtig ist aber die
Tatsache, daß Erfindung und Entdeckung, als zentrale wissenschaftliche
Leistungen, in einer individualistischen Kultur die Grundlage für
wissenschaftliches Ansehen, für Reputation sind - der wichtigste Lohn und das
wichtigste Kapital, über das ein Wissenschaftler verfügt. Ein Plagiat beraubt
einen Autor - der ja eigentlich zitiert werden müßte! - der rühmlichen
Attribution einer Erfindung oder Entdeckung. Plagiat schädigt insofern den
Plagiierten - aber eigentlich niemand außer ihn. Deshalb wird Plagiat, anders
als Fälschung, auch selten zum öffentlichen Skandal: Es mag Zweifel an der
Ehrenhaftigkeit von Wissenschaftlern wecken, aber nicht an der Glaubwürdigkeit
von Wissenschaft.
Genau das jedoch ist die Folge jener Formen
wissenschaftlichen Fehlverhaltens, durch die dem Wahrheitsgehalt
wissenschaftlicher Aussagen, ihrer Objektivität oder Zuverlässigkeit geschadet
wird. Ich will mich hier nicht einlassen auf eine Diskussion über
"Wahrheit". Wissenschaftliche Aussagen können kaum Wahrheit in einem
absoluten, abbildhaften Sinn beanspruchen; Ziel kann nur sein, hic et nunc nach
bestem Wissen und Gewissen zutreffende Aussagen zu machen. "Nach bestem
Wissen und Gewissen" - das heißt, daß der Forscher unter Einhaltung der
"Grundsätze guter wissenschaftlicher Praxis" gearbeitet hat. Diese
Grundsätze sollen das mögliche Maximum an wissenschaftlicher Objektivität gewährleisten.
Die Grundsätze mögen im Detail zwischen Wissenschaftsgebieten variieren - so
gelten etwa für experimentelle Disziplinen andere Regeln als für die mit
statistischen Daten arbeitende Sozialforschung - aber ihr gemeinsamer Kern ist
die Norm des systematischen Skeptizismus, derzufolge jede wissenschaftliche
Hypothese angezweifelt werden muß und solange als fragwürdig gilt, bis alle,
aber auch alle denkbaren Einwände dagegen geprüft wurden.
Die "Grundsätze guter wissenschaftlicher
Praxis" werden nun ohne Zweifel verletzt, wenn Ergebnisse schlicht erfunden
werden oder wenn bei der Erzeugung oder Protokollierung eines experimentellen
Effekts manipuliert wird - etwa indem insgeheim Substanzen beigemengt oder
anstelle des beobachteten der erhoffte Effekt protokolliert wird - also in Fällen
manifester Fälschung. Eine etwas schwächere Form von Fälschung ist das, was
gemeinhin als Verfälschung bezeichnet wird: Hier wird zwar nicht
"erfunden", aber der Forscher läßt Daten bzw. Teilergebnisse, die
dem Effekt, den er belegen will, unter den Tisch fallen und "schönt"
die Ergebnisse so. Galilei z.B. "wußte", daß die Umlaufbahn eines
Planeten parabolisch sein muß, und unterschlug offenbar einige Messungen, die
dem widersprachen.
Die Grundsätze guter wissenschaftlicher Praxis werden
aber nicht nur durch Fälschen und Verfälschen, sondern auch dann verletzt,
wenn nachlässig oder schlampig gearbeitet wird: Wenn z.B. Fehler bei der
Wiederholung einer Versuchsanordnung gemacht, Proben verunreinigt oder Meßdaten
falsch abgelesen werden. Wenn dagegen ein Wissenschaftler die Grundsätze guter
wissenschaftlicher Praxis beachtet hat und trotzdem Aussagen macht, die sich später
als unrichtig erweisen, dann liegt kein Fehlverhalten vor. Irrtum trotz
Einhaltens der "Grundsätze guter wissenschaftlicher Praxis" ist
normaler Bestandteil von wissenschaftlicher Arbeit. Irrtümer entstehen oft
durch die Beschränktheit verfügbarer Methoden und Meßinstrumente; Bakterien
z.B. konnten erst entdeckt werden, als man das Mikroskop hatte. Irrtümer sind
der unerläßliche Hintergrund, auf dem sich Erkenntnisfortschritte abzeichnen:
"Wissen" ist etwas Besonderes nur im Unterschied zum Nichtwissen -
beides gehört unlöslich zusammen. Deshalb ist ein besten Wissens begangener
Irrtum auch kein wissenschaftliches Fehlverhalten. Bewußte oder auch fahrlässige
Falschaussagen dagegen verletzen zentrale Normen des Wissenschaftssystems.
Als besonders verurteilungswürdige Formen
wissenschaftlichen Fehlverhaltens gelten Fälschen und Verfälschen. Ein
wichtiger Grund für diese Bewertung liegt in der Tatsache, daß zutreffende
Aussagen über Wirklichkeit zu machen die Kernfunktion zumindest aller
empirischen Wissenschaften - der Natur- und Technikwissenschaften, aber auch der
Sozial- und Wirtschaftswissenschaften ist. Solche Aussagen sind die besondere
"Leistung" der modernen Wissenschaft. Hierauf beruht ihr Prestige in
der Gesellschaft und ihr Anspruch auf finanzielle Förderung auch außerhalb von
ökonomischen Tauschbeziehungen (Geld gegen konkrete Gegenleistung).
Aber das kann noch nicht die ganze Erklärung sein, denn
natürlich beeinträchtigen auch Fehler aufgrund von Nachlässigkeit und
schlampigem Arbeiten die Kernfunktion des Wissenschaftssystems und die absolute
Autorität wissenschaftlicher Aussagen - und solche Fehler sind allem Anschein
nach wesentlich häufiger als Betrug. In den meisten Fällen, in denen das ORI
in Projekten der NIH Unregelmäßigkeiten fand, handelte es sich um "sloppy
record keeping"! Unzutreffende Aussagen, die durch Nichtbeachtung der
Regeln guter wissenschaftlicher Praxis, aus Schlamperei und Nachlässigkeit
entstehen und insofern vermeidbar wären, gelten jedoch im Gegensatz zur bewußten
Fälschung oder Datenmanipulation interessanterweise nur als "lässige"
Sünde, als fahrlässiges, unabsichtliches Fehlverhalten. Hier gibt es eine
deutliche Diskrepanz zwischen der objektiven Gewichtigkeit des Tatbestands und
seiner sozial-moralischen Bewertung. Erst wenn durch die vorschnelle Verbreitung
nicht hinreichend geprüfter Ergebnisse und ihre praktische Nutzung gravierende
Schäden entstehen - eine Gefahr, die in den Technikwissenschaften, aber auch in
der pharmakologischen und in der Kernforschung sehr real ist -, gibt es auch
hier einen öffentlichen Skandal und den Ruf nach Bestrafung.
Der Grund dafür, daß Betrug, nicht aber fahrlässige
Fehler in der Wissenschaft zum Skandal werden, dürfte ein kultureller sein: Wir
leben in einer Kultur, in der die Intention (auch rechtlich!) einen großen
Unterschied für die moralische Beurteilung macht; man denke nur an die
unterschiedliche Bewertung von Mord, Totschlag und fahrlässiger Tötung durch
die Strafjustiz. Die Fälschung wissenschaftlicher Ergebnisse verletzt
absichtlich den Zentralwert des Wissenschaftssystems - ebenso wie z.B.
absichtliches Krankmachen von Patienten durch Ärzte und Krankenschwestern den
Zentralwert des Gesundheitssystems träfe. Deshalb geraten vor allem Betrugsfälle
zum öffentlichen Skandal. Betrug gilt völlig unabhängig von einem möglicherweise
verursachten Schaden als ehrenrührig und hochgradig verurteilungswürdig.
Allerdings ist der Nachweis von betrügerischer Absicht
ausgesprochen schwer. Die stillschweigende Annahme vieler Nicht-Wissenschaftler,
in der Wissenschaft wäre die Unterscheidung von Dichtung und Wahrheit einfach
und klar, verkennt die Natur wissenschaftlicher Forschung, bei der es oft fließende
Übergänge zwischen schuldlosem Irrtum, vermeidbaren Fehlern, absichtlichem
"Hinbiegen" und massiver Fälschung gibt. Selten liegen die Dinge so
klar wie im Fall William Summerlin, der behauptete und mit Fotografien beweisen
wollte, daß ihm Hauttransplantationen von schwarzen auf weiße Mäuse gelungen
sind, ohne daß Abstoßungseffekte auftraten. Tatsächlich hatte er weißen Mäusen
lediglich mit Tinte schwarze Flecken aufs Fell gemalt und sie dann fotografiert.
Tintenflecke aufmalen - das konnte nur absichtlich geschehen. Aber wie soll man
z.B. beweisen, daß ein - objektiv unzutreffendes - Ergebnis auf die
absichtliche Hinzufügung einer Substanz anstatt auf die fahrlässige
Verunreinigung einer Probe zurückzuführen ist? Tatsächlich machen
Wissenschaftler, die der Fälschung von Ergebnissen verdächtigt werden, oft
geltend, sie hätten bloß nicht sauber genug gearbeitet, Protokolle nicht
richtig geführt usw. Ein typisches Beispiel ist der Fall des Genfer
Genforschers Illmensee. Hier ging es darum ob eine Maus, in deren befruchtete
Eier Tumor-Zellkerne implantiert wurden, gesunde oder kranke Nachkommen hat.
Illmensee wurde der Fälschung von Ergebnissen angeklagt: Man hatte
festgestellt, daß er Forschungsprotokolle nachträglich geändert, Fotos
ausgewechselt und Blätter im Laborbuch auseinandergeschnitten und neu
zusammengeklebt hatte, so daß sie schließlich die von ihm publizierten
Ergebnisse stützten. Illmensee hat diese Manipulationen nicht bestritten, aber
immer behauptet, es sei nicht mit der Absicht zu fälschen geschehen, sondern er
habe lediglich Fehler in der Protokollierung korrigieren wollen, die infolge von
Überlastung aufgetreten waren.
Vielleicht noch schwieriger liegen die Dinge, wenn statt
bewußter Fälschung nicht Schlamperei, sondern Selbsttäuschung im Spiel ist.
Die menschliche Fähigkeit zur Selbsttäuschung ist schier grenzenlos, und das
gilt auch für den Wissenschaftler, der so gern etwas Aufregendes wie die kalte
Fusion, etwas, das die eigenen Vorurteile oder Werte bestätigt, oder auch etwas
Gutes, Nützliches wie ein Heilmittel für Krebs finden möchte. Neben dieser
"positiven" Selbsttäuschung - man findet, was man so gern gefunden hätte
- gibt es auch eine "negative" Selbsttäuschung - man übersieht
schlicht, was dem widerspricht, was man für wahr hält und wovon man zutiefst
überzeugt ist. So immunisieren Gefolgschaftstreue und die Identifikation mit
einer wissenschaftlichen Denkrichtung oder Schule gegen widersprechende Befunde:
Man sieht einfach nicht, was nicht ins festgefügte eigene Meinungssystem paßt.
Genau deshalb ist der systematische Skeptizismus, die Beachtung harter Prüfkriterien
so wichtig.
Allerdings ist die Grenze zwischen einem Verhalten, das
guter Forschungspraxis entspricht und einem solchen, das Regeln guter
wissenschaftlicher Praxis absichtlich oder fahrlässig verletzt, nicht immer
ganz klar zu ziehen. Bestimmte Auslassungen können z.B. als - legitime! -
"Vereinfachungen" gelten. Auch ist es nicht unbedingt wünschenswert,
daß ein Wissenschaftler sämtlichen Beobachtungen, sämtlichen Meßdaten
gleiche Bedeutung zumißt. Meßfehler sind möglich, und Ergebnisse oder
Beobachtungen, die dem gesunden Menschenverstand widersprechen, darf, ja sollte
man durchaus anzweifeln. Anzweifeln - aber nicht ungeprüft ignorieren. Wie
zwiespältig die Dinge sind, zeigt der Fall der von der NASA bona fide als Meßfehler
betrachteten, extrem niedrigen Ozonwerte in der Stratosphäre. Wie andere
Untersuchungen später zeigten, entsprachen diese niedrigen Werte durchaus den
realen Verhältnissen; die NASA aber, die sie für Meßfehler hielt, berücksichtigte
sie nicht weiter und kam so zunächst zu falschen Schlußfolgerungen.
Aber ob nun bewußte Fälschung, Schlampigkeit oder eine
methodisch bedingte Fehlinterpretation: Objektiv falsche wissenschaftliche
Aussagen müßten sich eigentlich im Prinzip durch Wiederholung des Versuchs,
der Datenanalyse usw. feststellen lassen. Das gilt zumindest für alle
verallgemeinerbaren Ergebnisse, also Ergebnisse, die sich auf prinzipiell
wiederholbare Vorgänge beziehen - was schon einen recht großen Bereich der
Wirklichkeit ausschließt. Aber auch bei experimenteller Forschung, die
prinzipiell eine Überprüfung durch Replikation ermöglicht, ist das oft
ausgesprochen schwierig.
Hier ist der Fälschungsfall im MPI für Züchtungsforschung
lehrreich. Wie ein Institutsdirektor der erwähnten MPG-Kommision berichtete,
hat das Institut nach Entdeckung der Fälschung mehrere Mitarbeiter mit der Überprüfung
der verdächtigten Ergebnisse durch Replikation der angeblich durchgeführten
Experimente beauftragt. Blieb bei korrekter Durchführung der Experimente der
vermeintliche Effekt (Zellteilung) aus, wäre so die frühere Fälschung
bewiesen. Dies soll jedoch letztlich nicht schlüssig gelungen sein. Der
Zellteilungseffekt tritt eben wirklich manchmal auch ohne Hinzutreten des
Wachstumshormons auf, während er in Gegenwart des Hormons manchmal ausbleibt.
Es gibt hier also keinen strikt deterministischen Zusammenhang. Was man findet,
sind vielmehr statistische Differenzen, und die lassen sich verschieden
interpretieren. Außerdem waren genau vergleichbare Experimente, also wirkliche
Replikationen gar ynicht möglich, weil der verantwortliche Arbeitsgruppenleiter
immer mit von ihm selbst erzeugten Mutanten von Pflanzenzellen gearbeitet hatte.
Wenn andere Wissenschaftler keine Zellteilung ohne Hormonzugabe finden konnten,
dann konnte das daran liegen, daß sie nicht die richtigen Mutanten hatten, bei
denen eben das möglich war. Insofern war ein völlig unangreifbarer Beweis
durch (mißlingende) Replikation nicht zu liefern.
Im übrigen ist die Replikation rein zum Zweck der
kritischen Überprüfung von Ergebnissen, die Kollegen erzielt haben, nicht
unbedingt "üblich". Nur wenn ein vorgeblich experimentell erzeugter
Effekt der Theorie eines kritischen Kollegen widerspricht oder für die Praxis
wichtig ist, wird repliziert bzw. irgend jemand, der den Effekt in eine eigene
Versuchsanordnung einbaut, wird darüber stolpern, daß die Aussagen darüber
falsch sein müssen. D.h. man wird auf Unstimmigkeiten eher gestoßen als daß
gezielt nach ihnen gesucht würde. Das bedeutet, daß vor allem die
Unrichtigkeit praktisch bedeutsamer oder theoretisch zentraler Ergebnisse
entdeckt wird. Eine relevante "Dunkelziffer" unentdeckter Fälschungen
dürfte es demnach allenfalls in Gebieten geben, die zumindest im Augenblick
ohne großes Interesse sind.
Dennoch - die äußeren Umstände, unter denen heute
Wissenschaft betrieben wird, begünstigten die absichtliche wie die fahrlässige
Verbreitung unzutreffender wissenschaftlicher Ergebnisse. Vier Tatbestände sind
es vor allem, die hier eine Rolle spielen.
Der vermutlich wichtigste Faktor ist der hohe
Leistungsdruck und die gewachsene Konkurrenz im Massenbetrieb professioneller
Forscher, die alle unter Erfolgsdruck stehen; so gab etwa William Summerlin als
Grund für seine Fälschung extremen Publikationsdruck von seiten seines
Direktors an. Manchmal fehlt auch ganz einfach die Zeit für sorgfältiges
Arbeiten. So soll der Arzt an einer Universität, der noch habilitieren will,
heilen, lehren und forschen zugleich. Diese Dreifachbelastung verführt zu
"Abkürzungen" (cutting corners), zur Nachlässigkeit oder gar zum Fälschen
von Ergebnissen.
Ein zweiter Faktor ist die zentrale Rolle der Medien bei
der Verbreitung wissenschaftlicher Ergebnisse und der Begründung von
Reputation. Die Länge der Publikationsliste ist zu einem entscheidenden
Kriterium bei Berufungs- und Einstellungsentscheidungen geworden. Dies begünstigt
voreiliges Publizieren, ehe Ergebnisse sorgfältig geprüft wurden.
Druck auf den Forscher wird auch durch die verstärkte
gesellschaftliche Nutzenerwartung ausgeübt. Die Praktiker haben gute politische
und ökonomische Gründe, bestimmte Ergebnisse dringend zu wünschen. Um seine
Forschung finanziert zu bekommen, muß der Forscher dem Praktiker ein erwünschtes
Ergebnis in Aussicht stellen, und fühlt sich dann gedrängt, zumindest günstige
"Zwischenergebnisse" zu produzieren - etwa in der Krebstherapie oder
der Kernenergieforschung. Zwar verführt dieser Druck kaum zu Fälschungen, wohl
aber zum "Schönreden", zum Verschweigen von Zweifeln und
Negativbefunden - z.B. über Nebenwirkungen.
Die großbetriebliche Organisation der Forschung trägt
schließlich dazu bei, daß Fälschungen leichter möglich sind. Moderne
Forschung ist hochgradig arbeitsteilig. Dadurch wächst notwendigerweise die
Bedeutung von (blindem) Vertrauen in die Arbeit von Kollegen oder Mitarbeitern,
deren Ergebnisse man übernehmen muß, ohne sie selber ganz nachvollziehen zu können.
Das hat in dem in den USA besonders intensiv diskutierten "Fall
Baltimore" die entscheidende Rolle gespielt. Zum anderen ist in der großen,
intern differenzierten Forschungsorganisation die direkte Kontrolle durch
Kollegen erschwert. Gelegenheit zur Kritik haben noch am ehesten jüngere, abhängige
Mitarbeiter - die sich aber damit aus vielen Gründen schwertun.
Was also auch immer die Gründe für betrügerisches
Verhalten in der Wissenschaft sein mögen: Die äußeren Bedingungen
wissenschaftlicher Arbeit heute begünstigen bestimmte Arten des Fehlverhaltens
- aber vermutlich Fahrlässigkeit und bloßes Verfälschen sehr viel eher als
manifeste Fälschung.
Was geht aus all dem am Schluß hervor?
Die wichtigste Schlußfolgerung scheint mir zu sein, daß
wir es wirklich mit einem "Eisberg" zu tun haben - daß aber dieser
Eisberg nicht einfach aus Fälschungen besteht. Bewußte Fälschung ist die
kleine sichtbare Spitze dieses Eisbergs - und diese Spitze ist für den
praktischen Wert von Wissenschaft nicht besonders gefährlich. Der große, von
der Öffentlichkeit vernachlässigte und insofern "unsichtbare" Körper
des Eisbergs aber besteht vorwiegend nicht etwa aus unerkannten Fälschungen,
sondern aus der Vernachlässigung der Regeln guter Forschungspraxis ohne bewußte
Fälschungsabsicht. Dieser nur erahnte Körper des Eisbergs unter der Oberfläche
öffentlicher Aufmerksamkeit beeinträchtigt die Richtigkeit der von
Wissenschaftlern getroffenen Aussagen viel stärker als direkte Fälschung. Wenn
es einem nicht auf moralische Verurteilung, sondern auf die Leistungsfähigkeit
des Unternehmens Wissenschaft ankommt, müßte man mithin die kritische
Aufmerksamkeit weniger auf die relativ wenigen Fälle klarer Fälschung und viel
stärker auf das partielle Verfälschen und eine schlampige Forschungspraxis
richten.
Copyright © 1999
Renate Mayntz
No part of this
publication may be reproduced or transmitted without permission in writing from
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Jegliche Vervielfältigung und Verbreitung, auch auszugsweise, bedarf der
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Gesellschaftsforschung, Paulstr. 3, 50676 Köln, Germany
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