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MPIfG Working Paper
99/2, April 1999
Verbände als
soziales Kapital: Von Nutzen und Nutzung des Korporatismus in einer Gesellschaft im Wandel
Wolfgang Streeck 
Beitrag zu einem
wissenschaftlichen Symposium anläßlich des fünfzigjährigen Bestehens des
Bundesverbandes der deutschen Industrie (BDI) zum Thema "Bewahren und
Bewegen - Zur Rolle der Verbände in Deutschland", Sektion 1,
Interessenregulierung zwischen Korporatismus und Pluralismus, Köln, 11. und 12.
März 1999.
Prof. Wolfgang Streeck
ist Direktor am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung.
I.
Sind Verbände der Handlungsfähigkeit der Politik zuträglich
oder schädlich? Mehr als über beinah jedes andere politische Thema gehen hierüber
die Ansichten auseinander. In der öffentlichen Meinung ist die Reputation von
Interessenverbänden nicht hoch. Für die Bürger sind sie zumeist "Lobbies",
die den von ihnen vertretenen Interessengruppen materielle Vorteile sichern,
indem sie den demokratisch ermittelten Volkswillen hinter den Kulissen
konspirativ außer Kraft setzen. In dieser Einschätzung lassen sich Elemente
der pluralistischen Demokratietheorie erkennen, die in den Nachkriegsjahren zum
eisernen Bestand der deutschen "politischen Bildung" geworden und
offenbar tief in das politische Alltagsverständnis eingewandert sind. Weniger
popularisierungsfähig waren dagegen anscheinend andere, auch im
pluralistischen Verbändebild beheimatete Vorstellungen, in denen Verbände als
unentbehrliche Instrumente politischer Beteiligung und damit als Bedingung
demokratischer Freiheit erscheinen. Allerdings hat schon die pluralistische
Demokratietheorie selber es nie vermocht, den Widerspruch zwischen ihrer Sicht
von Verbänden als demokratiegefährdender Lobby einerseits und als
demokratienotwendiger partizipatorischer Infrastruktur andererseits aufzulösen.
Korporatistische politische Theorien dagegen, liberale und
anti-liberale gleichermaßen, haben der parlamentarischen Demokratie nie
zugetraut, ohne Ergänzung durch starke Organisationen funktionaler Interessen
wirklich funktionieren zu können, und zwar weder bei der Formulierung eines
gesellschaftlichen Gesamtinteresses noch bei seiner Durchsetzung. Wenn nicht der
parlamentarischen Demokratie überhaupt, so galt und gilt ihre Skepsis zumindest
der jakobinisch-liberalen Vorstellung von demokratischer Beteiligung, in dem der
Einzelne dem Staat ohne Vermittlung und Einengung durch intermediäre Gruppen
gegenüberstehen soll. Ein allein in parlamentarischen Wahlen festgestellter
Volkswille erscheint der korporatistischen Tradition als für legitimes
staatliches Handeln zu wenig differenziert, und das von einer noch so
kompetenten Bürokratie mobilisierbare Wissen für sachgerechtes
Regierungshandeln zu wenig komplex. Wille und Wissen des Staates müssen deshalb
durch eine willens- und wissensfähig organisierte Zivilgesellschaft ergänzt,
wenn nicht gar überhaupt erst hervorgebracht werden. Ähnliches gilt für die Umsetzung
staatlicher Politik, für welche ein demokratischer Staat ohne Unterstützung
durch kooperationsfähige intermediäre Organisationen weder über die
notwendige Legitimität noch die erforderliche Sachkompetenz verfügt.
Hier schließt sich der Kreis. Während im pluralistischen
Weltbild Verbände, besonders wenn sie gut organisiert sind, den demokratischen
Staat vor allem behindern und blockieren, ist für die korporatistische
Tradition ein Staat ohne eine ausgebaute Infrastruktur intermediärer
Interessenorganisationen nur begrenzt regierungsfähig und deshalb für seine
Gesellschaft kosten- und krisenträchtig. Wie andere derartige Kontroversen, so
läßt sich auch diese wohl nicht ein für allemal entscheiden. Vieles spricht
dafür, daß jede der beiden konkurrierenden Theorien, die pluralistische von
der überwiegend destruktiven und die korporatistische von der überwiegend
produktiven Wirkung von Interessenverbänden, tatsächlich vorhandene Tendenzen
reflektiert, die in der Wirklichkeit gegeneinander um Vorherrschaft streiten.
Welches der beiden Kräftebündel jeweils überwiegt, und welches der beiden
diese reflektierenden "Modelle", das pluralistische oder das
korporatistische, sich jeweils "bewahrheitet", hängt nicht von ihnen
selber, sondern von dem räumlichen und zeitlichen Kontext ab, in dem ihre
Wirkungslogiken aufeinandertreffen, sowie von dem Gebrauch, den die Praxis von
ihnen macht oder zu machen versteht. Verbände können Politik blockieren und
Demokratie gefährden; aber sie können einer Gesellschaft genauso gut helfen,
Probleme zu lösen, die durch staatliche Politik allein nicht gelöst werden können.
Die heutige Konferenz findet anläßlich des Jubiläums
eines der wichtigsten Verbände unseres Landes und des sich herausbildenden
europäischen Wirtschaftsraums statt. Wo wäre es angebrachter als hier, zunächst
und vor allem über den konstruktiven Beitrag von Interessenverbänden zur
Verbesserung der Problemlösungsfähigkeit moderner Gesellschaften und zur
Zivilisierung ihres politischen Lebens zu sprechen? Verbände sind Teil des sozialen
Kapitals einer Gesellschaft; sie stellen dieser eine Infrastruktur
eingespielter Beziehungen innerhalb und zwischen gesellschaftlichen Gruppen
zur Verfügung, mit deren Hilfe Konflikte beigelegt und gemeinsame Interessen
gesucht und gefunden werden können. Gesellschaften ohne derartiges Kapital sind
ärmer, weil ihnen ein Vorrat an jederzeit aktivierbaren Möglichkeiten fehlt,
zwischen ihren Mitgliedern und deren jeweiligen Sonderinteressen Kosten senkende
und den allgemeinen Nutzen vergrößernde Synergien zu entdecken und nutzbar zu
machen. Was Verbände als soziales Kapital, wenn sie richtig genutzt werden, zur
politischen Leistungsfähigkeit moderner Gesellschaften beitragen können, möchte
ich anhand von vier Punkten kurz illustrieren:
-
Verbände organisieren Kooperation zwischen
Konkurrenten. Liberale Theorien von Wirtschaft und Gesellschaft
vergessen allzu oft, daß Kooperation ebenso produktiv sein kann wie
Wettbewerb, unter anderem weil sie Transaktionskosten zu senken und ein Übermaß
an staatlicher Regulierung zu verhindern vermag. Beispiele für durch Verbände
vermittelte, kostensenkende und autonomiesichernde Zusammenarbeit zwischen
Konkurrenten sind die industrielle Gemeinschaftsforschung, die
Standardisierung von Produkten und Prozessen, gemeinsame Maßnahmen zur Aus-
und Weiterbildung von Beschäftigten und nicht zuletzt die gemeinsame
Regelung der Arbeitsbeziehungen außer- und oberhalb des einzelnen
Unternehmens. Verbandlich organisierte Kooperation zwischen Wettbewerbern
ermöglicht ferner Vereinbarungen von Branchen mit dem Staat, die
industrielle Selbstregulierung an die Stelle staatlicher Fremdregulierung
setzen. Ob Kooperation zwischen Konkurrenten auf die Produktion kollektiver
Gütern beschränkt bleibt, die den Nutzen der Gesellschaft erhöhen, oder
zu Kartellen führt, die sich auf Kosten der Gesellschaft bereichern, hängt
nicht zuletzt davon ab, ob staatliche Ordnungspolitik, im weitesten Sinne,
sie sozialverträglich zu regulieren vermag. Korporatistische
Interessenregulierung besteht in der Kunst, die Rahmenbedingungen
verbandlichen Handelns so festzulegen, daß die destruktiven Wirkungen von
Kooperation zwischen Konkurrenten unterdrückt und ihre konstruktiven
Wirkungen gefördert werden.
-
Verbände ermöglichen nicht nur Kooperation zwischen
Akteuren mit identischen, sondern auch Kompromisse zwischen Akteuren
mit unterschiedlichen Interessen. Korporatistische Interessenregulierung
nutzt das in Verbänden angesammelte soziale Kapital zur Verwandlung
potentieller Konflikte in Synergien. Indem sie mit Hilfe der internen
Verpflichtungsfähigkeit der Verbände das Verhalten ihrer Mitglieder verläßlich
aufeinander abstimmt, sichert sie nicht nur soziale Kohäsion, sondern ermöglicht
Effizienzgewinne durch Verringerung von Transaktionskosten und gemeinsame
Orientierung an Zielen, von deren Verwirklichung alle Beteiligten
profitieren können. Soziales Kapital, wie es von gut organisierten Verbänden
verkörpert wird, befähigt eine Gesellschaft, Nullsummen- in
Positivsummenspiele zu verwandeln, indem sie Aufmerksamkeit und Handeln
ihrer Mitglieder von Konflikten auf Komplementaritäten und von
unvereinbaren kurzfristigen auf vereinbare langfristige Interessen lenkt.
Dabei kommt der Gesellschaft zugute, daß aufgrund der Kontinuität der von
Verbänden vertretenen Interessen der Zeithorizont verbandlicher Politik in
der Regel über den Tellerrand sowohl der Rechnungsperioden der
Verbandsmitglieder als auch der Wahlperioden der Politik hinausreicht. Wo
korporatistische Interessenregulierung gelingt, übersteigt der Nutzen von
ausgehandelter Komplementarität und Langfristigkeit die, als solche oft
nicht unbeträchtlichen, Kosten der verhandlungsdemokratischen Verfahren,
auf die Gesellschaften mit starken Verbänden angewiesen sind.
-
Verbände erhöhen das Informationsniveau und
die Informationsintensität einer Gesellschaft, indem sie in ihrem
eigenen Interesse die Politik über das Notwendige und ihre Mitglieder über
das Mögliche aufklären. Sie tragen dadurch nicht nur zu einer besseren
Politik, sondern auch zu verbesserter sozialer Integration bei. Während sie
"nach unten", im Verhältnis zu ihren Mitgliedern, für
realistische Interessendeutungen sorgen müssen, die sie in die Lage
versetzen, unvermeidliche Enttäuschungen ohne Legitimitätsverlust zu überstehen,
verhelfen sie "nach oben" der staatlichen Verwaltung zu einem
Detailwissen, das diese allein sich nicht oder nur zu prohibitiven Kosten
beschaffen könnte. Die Folge kann eine Entpolarisierung und Versachlichung
des politischen Diskurses sein, die es der Gesellschaft ermöglichen,
informiertere und problemgerechtere Entscheidungen zu treffen.
-
Verbände befähigen ihre Mitglieder, ihre Stimme
wirksam zu Gehör zu bringen. Damit bieten sie den Unzufriedenen eine
Alternative zu Resignation und Abwanderung; indem sie voice ermöglichen,
machen sie exit unnötig. Dies erscheint von besonderer Bedeutung in
einer Zeit wachsender, zunehmend über nationale Grenzen hinaus reichender
Mobilität gerade von Wirtschaftsunternehmen. Unternehmen, die sich durch
starke Verbände zu Wort melden können, können sich die Risiken einer
Abwanderung in andere Verhältnisse ersparen. Zugleich kann, wie Hirschmann
gezeigt hat, effektiver Widerspruch den Verfall kollektiver Güter
aufhalten; Abwanderung dagegen beschleunigt ihn, weil sie die Interessen
schwächt, die unter ihm leiden. Wo Verbände eine Stimme haben, gibt es zu
Abwanderung, mit ihren hohen Kosten nicht nur für die Gesellschaft, sondern
auch für die Unternehmen selber, eine Alternative.
II.
Das Bündnis für Arbeit, an dem der BDI führend
beteiligt ist, ist ein aktueller Versuch, das in unserem historisch gewachsenen
Verbändewesen akkumulierte soziale Kapital zur Aushandlung grundlegender
Reformen nutzbar zu machen. Aller Rhetorik über die "deutsche Konsenssoße"
zum Trotz besteht in Deutschland noch immer Übereinstimmung darüber, daß
ausgehandelter Wandel erstrebenswerter ist als Veränderungen, die der
Gesellschaft vom Staat oder vom Markt aufgezwungen werden, und daß es sich
deshalb lohnt, mit verhandlungsdemokratischen Methoden nach Kooperation und
Kompromiß zu suchen. Dies wird auch vom BDI so gesehen. Bei der gemeinsamen
Pressekonferenz im Anschluß an die zweite Sitzung des "Bündnisses für
Arbeit" erklärte der Präsident des BDI, Hans-Olaf Henkel:
Ich bin ... davon überzeugt, daß die deutsche
Gesellschaft ... vor zwei Szenarien steht. Das eine ist das, was man allgemein
als das britische Szenario beschreibt. Dort wurde der Karren soweit gegen die
Wand gefahren, daß es einer Margaret Thatcher bedurfte, um alles in Ordnung
zu bringen. Die englische Gesellschaft bezahlt heute noch an den sozialen
Folgen dieser Aufräumarbeiten. Das andere Szenario ist das holländische, und
dafür setze ich von morgens bis abends mit meinen Kolleginnen und Kollegen
vom BDI ein.
[Niederschrift der Pressekonferenz am Donnerstag, dem 25. Februar 1999, im
Info-Saal des Bundeskanzleramts.]
Nur eine Gesellschaft, die über eine gut ausgebaute
Infrastruktur verhandlungsfähiger Verbände verfügt, hat überhaupt die Option
eines niederländischen Weges. Die deutsche Gesellschaft, deren tief
verwurzelte korporatistische Strukturen Werner Abelshauser als Inbegriff einer
schon früh erreichten "postliberalen Modernität" beschrieben hat, hat
diese Option. Allerdings hat sie wahrscheinlich auch keine andere. Wie
kaum ein anderer Staat ist der deutsche zur konzertierten Nutzung der
kollektiven Handlungsfähigkeit seiner Verbände nicht nur in der Lage, sondern
auch auf sie angewiesen. Reform ohne Konsens ist in Deutschland
unwahrscheinlicher und auf jeden Fall noch kostspieliger als anderswo. Schon
deshalb, so meine These, werden wir uns die Mühen des Verhandelns nicht werden
ersparen können, zum Guten und zum Schlechten und ob uns das gefällt oder
nicht. Allerdings ist, zweitens, ein Erfolg verhandlungsdemokratischer
Methoden und korporatistischer Interessenregulierung alles andere als
garantiert. Zugleich und drittens gilt aber, daß wir, wenn es uns
gelingt zu tun, was wir besonders gut können, sehr wahrscheinlich mehr können
als andere; viel anderes als das können wir aber nicht.
Das politische System der Bundesrepublik bietet den
Gegnern jeder von der gewählten Regierung verfolgten Politik ungewöhnlich
viele "Vetopunkte". Wenn der Markt mit Hayek als ein System
"verteilter Intelligenz" verstanden werden kann, dann ist der deutsche
Staat ein System verteilter Macht. Regierungsbildung in Deutschland ist
fast immer Koalitionsbildung; die Bundesregierung muß ihre Politik mit einem
Bundesrat abstimmen, der häufig von der Opposition beherrscht wird; ständig
finden Wahlen statt; ein mächtiges Verfassungsgericht schreibt der Exekutive
vor, was sie darf und was sie muß; die in der Verfassung verankerte
Tarifautonomie begrenzt die Reichweite des Regierungshandelns auf das
empfindlichste usw. Veränderungen, und zumal grundlegende, sind in einem
solchen System nur im Konsens möglich. Anders als in Großbritannien, wo in den
achtziger Jahren eine aggressive Regierung einen starken Staat dazu nutzen
konnte, eine nur schwach organisierte Zivilgesellschaft politisch zu überwältigen,
hängt politisch gestalteter Wandel in Deutschland davon ab, daß zwischen der
staatlichen Politik und den organisierten gesellschaftlichen Gruppen Einverständnis
erzielt wird. Die deutsche Alternative zu ausgehandelten Reformen sind nicht
staatlich aufgezwungene Reformen, sondern Stagnation - und in einer Welt, die
sich ändert, ist Stagnation nichts anderes als langsames Verfaulen.
Daß bei uns erfolgreiches politisches Handeln ohne Zugeständnisse
von anderen und an andere kaum möglich ist, läßt sich auch positiv
formulieren. Wenn es denn stimmt, daß unter komplexen gesellschaftlichen und
wirtschaftlichen Bedingungen, in denen die Interdependenz zwischen den
Interessensphären und Lebensbereichen hoch ist, die einseitige Durchsetzung des
eigenen Interesses diesem immer auch schadet, und oft mehr als es ihm nutzt,
dann erscheint ein politisches System, das zur Berücksichtigung der Interessen
anderer zwingt, außerordentlich zeitgemäß. Die hohen sozialen Kosten des
politischen Kraftaktes der Thatcher-Regierung, die auch diejenigen nicht übersehen
können, die manchmal an der Langsamkeit ausgehandelten Wandels verzweifeln,
sind hierfür ein guter indirekter Beleg. Freilich sind auch bei uns die
Beteiligten alles andere als davor gefeit, ihre gegenseitige Abhängigkeit um
einfacherer Weltbilder willen zu vergessen oder zu verdrängen, ungeachtet der
Folgen, die auf sie selber zurückfallen können. Ein interessantes Beispiel
hierfür war das Schicksal der auf Betreiben der Arbeitgeber und gegen den
Widerstand der Gewerkschaften erfolgten gesetzlichen Senkung der Lohnfortzahlung
im Krankheitsfall; ein anderes, aktuelleres ist die von einigen Gewerkschaften
sich selbst zugefügte Zerstörung des Flächentarifs durch Erzwingung überhöhter
Lohnabschlüsse.
Daß in Deutschland Reformen gegen die organisierten
sozialen Gruppen nicht möglich sind, bedeutet freilich nicht
notwendigerweise, daß sie es mit ihnen sind. Die weitverbreitete
Ansicht, daß organisierte Interessengruppen nur dazu taugen, entweder sich
selbst zu bedienen oder sich gegenseitig zu blockieren, oder beides zugleich,
ist, auch wenn sie falsch ist, nicht ohne reale Entsprechungen. Ob es zu einer
erfolgreichen Nutzung organisierter privater Interessen für öffentliche Zwecke
kommt, und zumal für eine gemeinsame Antwort auf neue, bestehende Institutionen
in Frage stellende Probleme, hängt von vielen Faktoren ab. Die Literatur befaßt
sich hier vornehmlich mit "harten", also strukturellen,
wirtschaftlichen und politischen Bedingungen erfolgreicher Konzertierung. Nicht
weniger wichtig erscheint aber eine politische Kultur, die den Grenzen
und Möglichkeiten von Politik in einer Verhandlungsdemokratie gerecht wird. Für
deren Entwicklung sind alle Mitglieder der politischen Elite gleichermaßen
verantwortlich. Wie solche Verantwortung wahrgenommen werden kann und muß, läßt
sich in Holland und Dänemark, zunehmend aber auch in einem Land wie Italien
beobachten. Was insbesondere die Verbände betrifft, so verlangt ein
verantwortungsbewußter Umgang mit der eigenen Vetomacht unter anderem, daß die
oben erwähnte aufklärende Funktion der Verbandsführungen gegenüber ihren
Mitgliedern ernst genommen wird. Die für unser Land so unangenehm bezeichnende,
eigentümlich ungezügelte und ausländische Beobachter oft abstoßende
Konfliktrhetorik, derer sich viele Verbandsvertreter (und Politiker) bei uns
immer wieder bedienen - eine Rhetorik, die den Eindruck erweckt, wir lebten
gerade nicht in einem hoch verflochtenen, sondern in einem nach allen Seiten
offenen, pluralistischen politischen System -, ist damit nicht vereinbar.
Niemand kann seinen Mitgliedern das Notwendige erklären, wenn er ihnen vorher
eingeredet hat, das Wünschenswerte sei identisch mit dem Möglichen. Radikale
Rhetorik in verflochtenen Verhältnissen führt zu gegenseitiger Blockade,
schwindendem Vertrauen, wachsendem Zynismus und Ansehensverlust nach innen und
außen; was immer mit ihr beabsichtigt sein mag, im Ergebnis bewirkt sie nichts
als eine Fortsetzung der Stagnation.
Noch wichtiger als ein Ende des klobigen
Konfliktdiskurses, der sich so wenig mit unseren auf Konsens angewiesenen
Institutionen verträgt, ist eine staatliche Politik, die die
organisierten Gruppen in die Pflicht nimmt, ohne ihre Autonomie zu
untergraben. Ein Land, das die Möglichkeiten einer hoch organisierten
Zivilgesellschaft zu sozial kontrollierter Selbsttransformation nutzen will, benötigt
einen starken und aktiven, keinen schwachen und passiven Staat - freilich einen
mit einem besonderen Führungsstil. Auch hier, bei der Kunst der
Konzertierung, spielen "weiche" Faktoren eine wichtige Rolle. So
gehört zu den wichtigsten Instrumenten politischer Führung durch Zusammenführung
eine versachlichte öffentliche Debatte, die die beteiligten Interessengruppen
der sanften Gewalt unbestreitbarer Tatsachen aussetzt; nicht umsonst
beneiden wir die Niederländer für ihre gemeinsamen Beratungseinrichtungen wie
den Sozialökonomischen Rat und die Stiftung der Arbeit. Die den modernen Staat
definierende, allein ihm zu Gebote stehende Fähigkeit zur Herstellung
gesicherter, durch legitime Gewaltanwendung durchsetzbarer Verbindlichkeit
wird durch gemeinsame Beobachtung objektiver Sachverhalte nicht überflüssig;
Gebrauch gemacht wird von ihr aber erst am Ende oft langwieriger Verhandlungen
und vor allem zur Herstellung und Sicherung von Vertrauen in die
Realisierung getroffener Absprachen.
Mehr als alles andere jedoch setzt, drittens, eine
korporatistische Nutzung des sozialen Kapitals starker Verbände voraus, daß
die vom Volk gewählte Regierung, gestützt auf ihre demokratische Legitimität,
die Probleme der Gesellschaft und die aus ihnen resultierenden
gemeinsamen Aufgaben unmißverständlich ausspricht und dadurch den
organisierten Interessen verbindliche Ziele setzt. Insbesondere in einem
stets von Selbstblockade bedrohten politischen System wie dem deutschen ist ein
politisch geführter Übergang von einer interessendurchsetzenden zu einer
probemlösenden Politik und einer dieser gemäßen öffentlichen Sprache eine
unentbehrliche Voraussetzung dafür, daß die hohen sozialen Kosten
ungesteuerten oder aufgezwungenen Wandels vermieden werden können. Aussitzen
und Abwarten sind gerade in konsensabhängigen politischen Systemen das
Gegenteil des Notwendigen. Gefragt ist vielmehr - siehe die Rolle der
Premierminister Lubbers und Kok im niederländischen Reformprozeß der achtziger
Jahre - die hohe demokratische Kunst der moralischen Überredung und, wo
erforderlich, die Bereitschaft zum Einsatz politisch riskanter und deshalb, im
Fall des Gelingens, um so zwingenderer Krisenrhetorik; ohne diese muß am
Ende auch die beste Moderation am Widerstand der Partikularinteressen scheitern.
Konzertierung in der Demokratie erfolgt nicht zuletzt
durch gekonnte Mobilisierung der öffentlichen Meinung. Das deutsche Bündnis für
Arbeit wird die Probleme des Arbeitsmarkts nur dann zu lösen vermögen, wenn es
der demokratisch gewählten Regierung gelingt, als oberstes Entscheidungs- und
Bewertungskriterium für alle wirtschafts- und sozialpolitischen Vorschläge und
Forderungen, egal von wem sie kommen, die Frage im allgemeinen Bewußtsein zu
verankern, ob von ihnen eine Verbesserung der Beschäftigung zu erwarten sei.
Ohne öffentliche und dadurch glaubhaft gemachte Selbstbindung des staatlichen
Handelns an ein eindeutig formuliertes Gemeinschaftsinteresse ist eine zugleich
hoch und fragmentiert organisierte Zivilgesellschaft wie die deutsche nicht mehr
als ein pluralistisches Interessengeflecht - lebensfähig in guten Zeiten, sich
selbst blockierend und gefährdend in schlechten.
Korporatistische Konzertierung stellt freilich nicht nur
hohe Anforderungen an staatliche Handlungsfähigkeit, sondern kann auch helfen,
diese zu verbessern. Ein Staat, der sich auf dreiseitige Abstimmung und
Aushandlung einlassen will oder muß, muß in der Lage sein, mit einer Stimme zu
sprechen. Nur wenn es ihm gelingt, sich selbst zu koordinieren, kann er
erwarten, die sozialen Gruppen koordinieren zu können. Wer immer in
dreiseitigen Verhandlungen über Wirtschafts-, Sozial- und Beschäftigungspolitik
den Staat vertritt, muß Zugeständnisse seiner Verhandlungspartner, etwa bei
der Flexibilität von Arbeitsmärkten, durch Gegenleistungen in anderen
Bereichen, etwa der Steuerpolitik, entgelten können. Besser als alles andere
legitimieren die Erfolgsbedingungen dreiseitiger Verhandlungen deshalb eine
Beschneidung der Unabhängigkeit der einzelnen Ministerien, auch wenn dadurch
deren Sonderbeziehungen mit ihrer jeweiligen Klientel, vermutlich ohnehin zum
allgemeinen Wohl, aus ihrem ressortzentrierten lokalen Gleichgewicht
geraten. Die Beteiligung der organisierten Interessen an der öffentlichen
Gewalt führt auf seiten des Staates, insbesondere eines so fragmentierten
Staates wie des deutschen, zur Konzentration von Macht nicht nur bei, sondern
auch innerhalb der Exekutive.
III.
Das "Bündnis für Arbeit, Ausbildung und
Wettbewerbsfähigkeit" kann nur Erfolg haben, wenn alle an ihm Beteiligten
die Möglichkeiten dreiseitig ausgehandelter Politik verstehen und kompetent von
ihnen Gebrauch machen. Funktionale Interessen, die im Produktionsprozeß und in
der gesellschaftlichen Arbeitsteilung verankert sind, sind solider und
dauerhafter als parteipolitische; die Kooptation ihrer Repräsentanten in den
staatlichen Entscheidungsprozeß kann deshalb den Zeithorizont politischer
Reformprojekte über die Kurzfristigkeit der parlamentarischen Legislaturperiode
und das Wechselspiel parlamentarischer Mehrheitsbildungen hinaus verlängern.
Starke Verbände als Partner staatlicher Politik ermöglichen ferner eine rasche
Rückmeldung der tatsächlichen Auswirkungen riskanter Entscheidungen, deren
genaue Konsequenzen nicht gänzlich vorherzusehen und die deshalb auf die Möglichkeit
rascher und einvernehmlicher Revision angewiesen sind. Enge Kooperation von
Staat und Verbänden kann dadurch, wie in den Niederlanden, eine Gesellschaft in
die Lage versetzen, sich langfristig auf eine innovative, nach vorne offene
und im guten Sinne experimentelle, d.h. auf Korrektur durch Erfahrung
ausgelegte Reformpolitik einzulassen.
Eine solche Politik benötigen wir in Deutschland auf das
dringlichste. Dies ist der Grund, weshalb der Verfall der Kunst der
politischen Führung in der Ära Kohl die deutsche Gesellschaft so schwer
trifft. Die Krise unseres Beschäftigungssystems geht so tief, daß sie nur mit
neuen Mitteln und nur in einem langen Prozeß zu beheben sein wird. Ohne
Unsicherheit wird es dabei nicht abgehen. Wer sich nur auf Maßnahmen einlassen
will, deren Wirkungen sich mit dem Modellwissen von heute bis in alle
Verzweigungen durchrechnen und berücksichtigen lassen, verewigt den Zustand,
den er vorgibt, überwinden zu wollen. Perfektionismus in der Krise ist
gleichbedeutend mit Immobilität; das Abkommen von Wassenaar, mit dem der
niederländische Reformprozeß begann, war nicht länger als anderthalb
Schreibmaschinenseiten. In Situationen, in denen sich die notwendigen Therapien
und ihre Folgen und Nebenfolgen nicht immer überblicken lassen, bedarf es vor
allem des Vertrauens: Vertrauen in die eigene Fähigkeit, mit noch
unbekannten künftigen Problemen fertig zu werden, und Vertrauen in die
Bereitschaft der anderen, unvorhergesehene Entwicklungen nicht zum eigenen
Vorteil auszunutzen. Eine ausgehandelte Abstimmung zwischen Staat und Verbänden
kann beides sichern. Die vielfältigen Synergien, die sie zu mobilisieren
vermag, sind geeignet, den praktischen Optimismus zu rechtfertigen, der
am Anfang jedes langfristigen, in seinem Ergebnis unvermeidlich ungewissen
Reformprozesses stehen muß. Und partnerschaftliche Absicherung gegen
opportunistische Versuchungen macht es möglich, einen Schritt nach dem anderen
zu tun, anstatt alle auf einmal tun zu müssen.
Wenn korporatistische Interessenregulierung einen
technokratischen Perfektionismus überwinden soll, der das Mißtrauen verewigt
und politischen Fortschritt blockiert, dann verlangt sie nicht nur von der
Regierung, sondern auch von den Repräsentanten der beteiligten Verbände ein
hohes Maß an Führungsfähigkeit. Auch dies ist ein "weicher"
und dennoch unentbehrlicher Erfolgsfaktor korporatistischer Konzertierung.
Gerade in Deutschland neigen die Apparate der großen gesellschaftlichen
Organisationen dazu, sich an den entsprechenden Apparaten des Staates zu
orientieren - und insbesondere an einer Ministerialbürokratie, die die
Komplexität der Verhältnisse und Probleme längst zu ihrem
Herrschaftsinstrument umgeschmiedet hat. Wirksamste Waffe der Expertokratie
gegen die Politik ist die Warnung vor unabsehbaren Nebenfolgen und die mit ihr
transportierte Forderung nach "durchgerechneten" Lösungen.
Politischer Wandel ist nur möglich, wenn es den gewählten Repräsentanten der
Bürger und Mitglieder gelingt, sich gemeinsam über den als Verantwortungsethik
getarnten Immobilismus ihrer Apparate hinwegzusetzen. Dreiseitige Absprachen
zwischen den Spitzen des Staates und der gesellschaftlichen Organisationen können
helfen, die Große Koalition der professionellen Bewegungsverhinderer zu
entmachten, die es als ihre Aufgabe ansehen, die Politik daran zu hindern, sich
auf Praxis einzulassen - auf den offenen Horizont einer Zukunft, die sich
mit den Modellen der Gegenwart natürlich nicht berechnen läßt und für deren
Erkundung nichts unentbehrlicher ist als das, was Experten meist gerade nicht
haben: auf Lebenserfahrung gestützte Intuition. Die Nutzung korporatistischer
Interessenregulierung für gesellschaftlichen Wandel mit Hilfe des Bündnisses für
Arbeit kann, so überraschend dies erscheinen mag, die Stunde der Neuentdeckung
des Politischen in der Politik sein - und muß es sein, wenn das Bündnis
Erfolg haben soll.
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1999 Wolfgang Streeck
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