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MPIfG Working Paper 04/4
Globalisierung: Mythos und Wirklichkeit
Wolfgang Streeck
,
Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung
Akademischer Festvortrag bei der Hauptversammlung der Max-Planck-Gesellschaft
2004, Stuttgart, 25. Juni 2004
Zusammenfassung
Der Prozeß der Globalisierung hat schon in der
frühen Neuzeit begonnen und ging der Entstehung des modernen Nationalstaats
voraus. Die nationalstaatliche Organisation der Weltgesellschaft hat sich seit
anderthalb Jahrhunderten gegenüber immer neuen Internationalisierungsschüben
erstaunlich erfolgreich behauptet. Auch heute kann von einer Erosion des
Nationalstaats nicht die Rede sein. Vielmehr bleibt dieser die privilegierte
Organisationsform politischer Gemeinschaften. Allerdings ändern sich im Zuge
fortschreitender wirtschaftlicher Arbeitsteilung über nationale und kontinentale
Grenzen hinweg sowohl die Position des Nationalstaats nach außen als auch seine
Politik nach innen. Von besonderem Interesse für eine politische Soziologie der
Globalisierung ist dabei die Nutzung nationalstaatlicher Macht und Legitimität
beim Streben nach sektoraler Spezialisierung auf Nischen im Weltmarkt. Kleinere
Länder scheinen dabei im Vorteil gegenüber größeren zu sein, die einem
zunehmenden Druck zur Dezentralisierung unterliegen.
Abstract
Globalization has been under way since the beginning
of the early modern period and preceded rather than followed the rise of the
modern nation-state. Surprisingly, in spite of successive waves of
internationalization, the organization of the world society has remained
primarily nationally based. Even today it is misleading to speak of an erosion
of the nation-state. This holds even though both the external position and the
internal politics of the nation-state are radically changing as the economic
division of labor increasingly transcends national and continental boundaries.
Of special interest for a political sociology of globalization seems to be the
use of national political resources to advance the specialization of territorial
communities on niches in the world economy. Small countries seem to advantaged
here compared to large ones, which are exposed to growing pressures for
decentralization.
Inhalt
Die Internationalisierung des
Nationalstaats
Konvergenz und
Divergenz: Trends zu sektoraler Spezialisierung
Ausbau
komparativer Vorteile
Internationale
Integration
Größe als
Nachteil?
Schlußbemerkung
Literatur
Der aktuellen politischen Mythologie zufolge nahm die
Globalisierung irgendwann in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ihren
Anfang und ist heute dabei, den Nationalstaat als politische Organisationsform
obsolet zu machen. In Wirklichkeit ist weder die Globalisierung neu noch der
Nationalstaat überholt. Eine globale Weltgesellschaft besteht spätestens seit
Ende des 15. Jahrhunderts, als die beiden Zweige der Menschheit, die sich von
Afrika ausgehend um den Globus herum ausgebreitet hatten, in der heutigen
Karibik wieder aufeinandertrafen. Mit der Eroberung des Aztekenreichs durch
spanische Truppen 1521 begann dann eine den Erdball umfassende Weltpolitik, mit
vielfältigen wirtschaftlichen und kulturellen Wechselwirkungen zwischen Völkern
und Kontinenten. Das Gold der Azteken beschleunigte den Übergang zur
Geldwirtschaft in Europa und damit zum Kapitalismus. Die überlegene
Landwirtschaft der amerikanischen Indianer veränderte die Eßgewohnheiten und
prägte die entstehenden nationalen Eßkulturen der Europäer: keine deutsche Küche
ohne Kartoffeln, keine italienische ohne Tomaten oder Mais. Und als das
britische Weltreich das spanische abgelöst hatte, konnten Karl Marx und
Friedrich Engels schon 1848, im Kommunistischen Manifest, von einem "Weltmarkt"
sprechen, der "die Produktion und Konsumtion aller Länder kosmopolitisch
gestaltet" habe:
Die uralten nationalen Industrien sind vernichtet worden
und werden noch täglich vernichtet. Sie werden verdrängt durch neue Industrien,
… die nicht mehr einheimische Rohstoffe, sondern den entlegensten Zonen
angehörige Rohstoffe verarbeiten und deren Fabrikate nicht nur im Lande selbst,
sondern in allen Weltteilen zugleich verbraucht werden … An die Stelle der alten
lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt … eine
allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander ... (Marx und Engels 1971
[1848], 529)
Die meisten Entwicklungen, die im Mythos der
Globalisierung heute dabei sind, das Ende des Nationalstaats herbeizuführen,
sind in Wirklichkeit so alt wie dieser oder älter. Zu ihnen gehören die
vielfältigen Bemühungen, staatliches Handeln in internationale Normen
einzubinden und einzelstaatliches Interesse durch universelles Recht zu
domestizieren. (Wer das vergißt, vergißt auch, wie oft und wie dramatisch dieses
Programm gescheitert ist.) Ähnliches gilt für die Existenz dessen, was heute als
internationale Zivilgesellschaft bezeichnet wird. Nationalstaatliche Grenzen
übergreifende soziale Gruppierungen hat es gegeben, seit es Nationalstaaten
gibt, und immer auch in organisierter Form, vom römischen Katholizismus bis zu
den diversen Sozialistischen und Kommunistischen Internationalen, vom
Panslawismus und Pangermanismus bis hin zum Panislamismus oder den Freimaurern.
Wer glaubt, daß internationale NGOs den Nationalstaaten erst seit ein oder zwei
Jahrzehnten ihre Souveränität streitig machen, übersieht, daß die Geschichte des
Nationalstaats als politische Organisationsform auch eine Geschichte seiner
immer wieder erfolgreichen Behauptung gegenüber rivalisierenden internationalen
Strukturen und Loyalitäten war, vom deutschen Kulturkampf bis zum Sieg des
"Amerikanismus" über den Sozialismus in den Gewerkschaften der USA nach dem
Ersten Weltkrieg.
In der Wirklichkeit, so habe ich gesagt, begann die
Globalisierung vor der Bildung von Nationalstaaten. In Europa verlief sie
parallel zu einem anderen weltgeschichtlichen Prozeß, den die soziologische
Theorie als Modernisierung bezeichnet: der Ausdifferenzierung sozialer Ordnungen
in funktional spezialisierte und dadurch aufeinander angewiesene Teilsysteme.
Schon die Klassiker des 19. Jahrhunderts wußten, daß funktionale Differenzierung
– das, was Adam Smith, Karl Marx und Emile Durkheim als Arbeitsteilung
bezeichneten – eng mit der territorialen Reichweite der sozialen Beziehungen
zusammenhängt. Das Ausmaß der Arbeitsteilung, so Smith in "The Wealth of
Nations", wird bestimmt von der Größe des Marktes.[1] Die Entstehung der
Nationalstaaten wurde denn auch von den Klassikern zunächst durchaus als Prozeß
der Ausweitung, Zentralisierung und Vereinheitlichung sozialer Zusammenhänge
verstanden und begrüßt.[2] Allerdings sahen sie in ihr nicht mehr als ein kurzes
Zwischenstadium im Übergang zu einer Weltwirtschaftsgesellschaft, in der für
partikulare staatliche Herrschaft kein Platz mehr war. Der Aufstieg des modernen
Nationalstaats zur dominierenden Form sozialer Ordnung seit der Mitte des 19.
Jahrhunderts mußte deshalb Liberalen wie Sozialisten als erstaunlicher Rückfall
gegenüber dem mit dem Fortschritt der Industrialisierung längst erreichten
Niveau weltgesellschaftlicher Integration erscheinen.
Wie läßt sich die Konsolidierung des Nationalstaats als
politische Organisationsform erklären, wenn man sie als Moment eines Prozesses
globaler Modernisierung – im Sinne einer territorial weit ausgreifenden
funktionalen Differenzierung von Handlungssystemen – zu erklären hat? Ich kann
diese Frage hier nur streifen. Die meisten derjenigen, die sich heute mit ihr
befassen, stimmen darin überein, daß die Entstehung der Nationalstaaten als eine
erste Antwort auf die mit funktionaler Differenzierung verbundenen
Koordinierungs- und Integrationsprobleme verstanden werden muß (Hahn 1993).
Um das reibungslose Zusammenwirken der voneinander abhängigen spezialisierten
Subsysteme der modernen Gesellschaft zu gewährleisten, nutzte das 19.
Jahrhundert, vereinfacht formuliert, den durch Bürokratisierung rationalisierten
und sich allmählich demokratisierenden dynastischen Feudalstaat als Instrument
partieller, oder genauer: segmentärer, Re-Integration. Der entstehende
Nationalstaat ermöglichte die Koordinierung der sich ausdifferenzierenden
Subsysteme einer Gesellschaft, die tendenziell bereits eine Weltgesellschaft
war, indem er diese in lokale Segmente unterteilte. Jedes einzelne davon
enthielt im Prinzip alle funktionalen Teilsysteme der Moderne als
nationale Teilsysteme, verstand und organisierte sich als funktional
vollständiger Mikrokosmos der modernen Wirtschaftsgesellschaft – mit
eigener Industrie, eigenen Strom-, Eisenbahn- und Telefonnetzen, eigener
Wissenschaft, eigener Zivilreligion, eigener Armee mit allen drei
Waffengattungen usw. Zugleich war jedes Segment klein genug, um mit den
hierarchischen Mitteln bürokratischer Kontrolle, unterstützt von
nationalistisch-partikularistischen Identifikationen der Bürger mit ihrer
jeweiligen "imagined community" (Anderson 1991), durch kontinuierliche
autoritative Abstimmung seiner Teilsysteme zusammengehalten und gesteuert zu
werden.
In anderen Worten, der Nationalstaat löste das Problem der
Koordinierung der funktionalen Subsysteme der sich entwickelnden modernen
Weltgesellschaft, indem er es gewissermaßen modularisierte und in interne
Koordinierungsprobleme einer Vielzahl parallel operierender territorialer
Subsysteme verwandelte. Nationalstaatliche Grenzen dienten dabei als
"Interdependenzunterbrecher" (Kaufmann 2004). Für die externe Koordinierung
der nationalstaatlichen Segmente stand allerdings nichts besseres zur Verfügung
als die Gleichgewichtspolitik des 19. Jahrhunderts. Wie die beiden großen Kriege
des 20. Jahrhunderts gezeigt haben, ließ sich mit ihr die gerade wegen ihrer
strukturellen Ähnlichkeit unvermeidliche Rivalität der nationalen
Teilgesellschaften nicht unter Kontrolle halten. Hinzu kam, daß das
Staatensystem der Zwischenkriegszeit ein krisenfreies Zusammenwirken der
Teilsysteme einer schon sehr weitgehend integrierten Weltwirtschaft nicht zu
gewährleisten vermochte: Im Medium der Innen- und Außenpolitik einer Vielzahl
souveräner und miteinander konkurrierender Territorialstaaten ließ sich
Weltwirtschaftspolitik nur um den Preis nationaler politischer und weltweiter
wirtschaftlicher Instabilität betreiben (Polanyi 1944).
Allerdings hat das mehrmalige katastrophale Scheitern der
nationalstaatlichen Organisation der Globalisierung weder den Nationalstaat
diskreditiert noch die Globalisierung angehalten. Gerade die beiden Weltkriege
haben die Globalisierung im Gegenteil weiter vorangetrieben, ohne daß sie,
anders als 1918 und wiederum 1945 von vielen erwartet, dabei den Nationalstaat
in Frage gestellt hätten. Im Gegenteil hatten sie nicht nur jeweils eine
deutliche Zunahme der Zahl der Nationalstaaten zur Folge, sondern mündeten nach
1945 in deren flächendeckende globale Institutionalisierung als
quasi-obligatorische politische Organisationsform moderner Gesellschaften.
Hatten die Vereinten Nationen bei ihrer Gründung noch 51 Mitglieder, so war
deren Zahl 1960, im wesentlichen als Folge der Entkolonialisierung, auf 82
gestiegen. 1973 lag sie bei 135, und 1988 bei 159. Nach dem Zerfall der
Sowjetunion und Jugoslawiens gehören der UNO heute 191 Staaten an, die das
gesamte Territorium der Erde, mit sehr wenigen Ausnahmen, unter sich aufgeteilt
haben. Vielfältige separatistische Bestrebungen in aller Welt lassen erwarten,
daß die Zahl der Nationalstaaten in den kommenden Jahren noch weiter zunehmen
wird (Gentile 2004). Dabei scheint es für die Entstehung neuer oder das
Überleben alter Nationalstaaten keine Mindestgrößen zu geben. So haben Estland,
Lettland und Litauen, die zusammen weniger Einwohner haben als Niedersachsen,
nach 1989 nie daran gedacht, sich anders denn als selbständige Nationalstaaten
zu organisieren, und konnten als solche, ebenso wie andere kleine Länder wie
Malta oder Zypern, der Europäischen Union beitreten. Ich werde auf diesen
Sachverhalt weiter unten noch zurückkommen.
Begreift man die Herausbildung des globalen Systems
souveräner Nationalstaaten als Moment eines langen, dem Nationalstaat
vorausgehenden Prozesses der gleichzeitigen Modernisierung und Globalisierung
sozialer Ordnungen, so wird man aus dem Fortgang dieses Prozesses allein nicht
mehr ohne weiteres auf ein bevorstehendes Ende des Nationalstaats schließen
wollen. Rückblickend wird deutlich, daß das System der Nationalstaaten schon
immer eine Organisationsform der Weltgesellschaft war: eine institutionelle
Architektur zur Bearbeitung komplexer Koordinierungsprobleme in einer längst
weltweit ausdifferenzierten Sozialstruktur. Was wir heute als Globalisierung
erfahren, ist deshalb nicht die Ablösung nationaler Gesellschaften durch eine
globale Gesellschaft – diese gibt es schon lange –, sondern eine, wenn auch
weitgehende, Reorganisation der letzteren. Veränderungen in Rolle und
Funktionsweise des Nationalstaats müssen dabei im Kontext eines sich
verändernden Verhältnisses zwischen interner Koordinierung innerhalb
politischer Einheiten und externer Koordinierung zwischen
denselben verstanden werden, dessen treibende Kräfte der Fortschritt der
weltweiten Arbeitsteilung einerseits und die Eigenlogik der Evolution
politischer Ordnungen und Institutionen andererseits sind.
Die Internationalisierung des Nationalstaats
Wie also entwickelt sich gegenwärtig die Architektur
weltweiter sozialer Komplexität, im Unterschied sowohl zu der entstehenden
weltweiten Industriegesellschaft der Klassiker als auch zu den bisherigen
Ausformungen des Systems konkurrierender und kooperierender Nationalstaaten? Wie
andere soziale Organisationsformen auch, so war die nach dem 2. Weltkrieg
entstandene staatliche Ordnung insofern eine historisch offene, als sie
Entwicklungen zulassen oder gar ermutigen mußte, die mit ihrem unveränderten
Fortbestehen unvereinbar waren. Hier kann man durchaus von einem dialektischen
Zusammenhang sprechen. Insbesondere war es die rapide Zunahme
grenzüberschreitender Transaktionen, die einerseits für die Entwicklung der
Produktivkräfte und den kulturellen Fortschritt unentbehrlich war, andererseits
und zugleich aber die Nationalstaaten – mit weitgehenden Folgen für ihre
internen Machtverhältnisse und ihre Regierbarkeit – der Kontrolle über ihre
Grenzen beraubte und die internationale Arbeitsteilung über diese hinweg weiter
vorantrieb.
Die Nationalstaaten des 20. Jahrhunderts waren nie autark,
auch wenn sie dies oft angestrebt haben und jedenfalls bemüht waren, sich die
gesamte Palette der Institutionen und Sektoren der modernen Gesellschaft
zuzulegen. Internationalen Handel hat es immer gegeben, und in der Tat war der
durchschnittliche Anteil des Außenhandels am Nationalprodukt der Industrieländer
Ende des 19. Jahrhunderts nicht viel niedriger als heute. Danach freilich ging
er zurück, und die Keynesianische Wirtschaftstheorie, die nach 1945 im Westen
zur weltweiten Praxis wurde, konnte als selbstverständlich voraussetzen, daß die
außenwirtschaftlichen Beziehungen der nationalen Volkswirtschaften deren
nationale Steuerbarkeit nicht grundsätzlich in Frage stellten.[3] In den letzten
beiden Jahrzehnten aber ist zur (erneuten) Internationalisierung der
Produktmärkte die der Wertschöpfungsketten, der Großunternehmen, des
Kapitalmarkts und sogar der Arbeitsmärkte hinzugekommen. Neue
Kommunikationsmittel, vom Düsenflugzeug über das Internet bis hin zur teilweisen
Wiedererlangung der Vielsprachigkeit früherer Jahrhunderte, haben zu einer
Vervielfachung der die Grenzen der nationalstaatlichen "Container" (Beck 1998)
überschreitenden Beziehungen geführt und die nationale Identität von Wirtschaft,
Kultur, Politik und Gesellschaft allem Anschein nach für immer aufgelöst.
Meine These ist, daß die zunehmende Internationalisierung
der nationalen Segmente der modernen Weltgesellschaft weitreichende
Veränderungen in der "Architektur der Komplexität" (Simon 1962) von funktionaler
Differenzierung und sozialer Integration in Gang gesetzt hat. Eine der dabei
wirksamen Tendenzen möchte ich im folgenden typisierend herausarbeiten. Freilich
sind in jeder historischen Situation immer mehrere Entwicklungstendenzen
gleichzeitig präsent, die sich gegenseitig verstärken, aber auch überlagern,
mischen oder verdrängen können. Sozialwissenschaftler können sie, wenn man so
will: partialanalytisch mehr oder weniger plausibel modellieren; viel schwerer
fällt ihnen, ihr Zusammenwirken zu verstehen oder gar vorherzusagen. Die
Entwicklungstendenz, mit der ich mich befassen möchte, ist also keineswegs die
einzige gegenwärtig wirksame, und es ist noch nicht einmal sicher, ob sie die
bestimmende ist oder bleiben wird.
Konvergenz und Divergenz: Trends zu sektoraler
Spezialisierung
Mein Ausgangspunkt ist die populär gewordene Debatte über
Konvergenz und Divergenz nationaler Systeme unter der Einwirkung der
Globalisierung (als frühes Beispiel siehe Berger und Dore 1996).
Internationalisierung: die Zunahme grenzüberschreitender sozialer Beziehungen,
kann zu einer Einebnung nationaler Unterschiede führen. Auch der für die Öffnung
der nationalen Volkswirtschaften erforderliche Abbau von Handelshemmnissen im
weitesten Sinne – metaphorisch gesprochen, die Harmonisierung der Schnittstellen
zwischen nationalen Wirtschaftssystemen – kann diese Folge haben. Gleichzeitig
läßt sich aber beobachten, daß Konvergenz häufig mit Divergenz einhergeht.
Überall gibt es chinesische Restaurants, aber in jedem Land schmeckt
chinesisches Essen anders. Deutsche Kartoffeln sind peruanischen sehr unähnlich,
und Franzosen verstehen unter europäischer Integration etwas anderes als Iren
oder Ungarn. Vor allem aber kann Konvergenz in einem Bereich Bemühungen
um Divergenz in anderen auslösen – zur Verteidigung von Identität und
Eigenständigkeit, aber auch, um einem allzu scharfen Wettbewerb unter
Gleichen zugunsten von Austausch unter Verschiedenen aus dem Weg zu gehen.[4]
Eben dieser Mechanismus, dessen fundamentale Bedeutung für
die Struktur sozialer Ordnungen als erster Emile Durkheim (1964 [1893])
beschrieben hat, scheint in der gegenwärtigen Phase der Globalisierung am Werk
zu sein. Eine wichtige Rolle spielen dabei die von vielen totgesagten
Nationalstaaten.[5] Deren politisches Instrumentarium wird von den nach außen nicht
mehr abschließbaren nationalen Gesellschaften genutzt, um unter dem Druck des
wachsenden internationalen Wettbewerbs ihre besonderen wirtschaftlichen Stärken
zu identifizieren und auszubauen. Globalisierung wird damit zu einem politisch
vorangetriebenen Prozeß der sektoralen Spezialisierung territorialer
Wirtschaftsgesellschaften – wobei deren genaue Zusammensetzung
wirtschaftsgeographischen Prinzipien der Agglomerationsbildung folgt, über die
wir noch wenig wissen, die aber eher denen regionaler Ökonomien zu gleichen
scheinen als traditioneller Volkswirtschaften.[6] In jedem Fall löst sich dabei die
wirtschaftliche Arbeitsteilung aus ihrer Einbindung in parallele
nationalstaatliche Koordinierungsregime und entwickelt sich tendenziell zu einer
weltweiten Arbeitsteilung weiter, deren funktionale Untereinheiten sich in
unterschiedlichen nationalstaatlich organisierten Territorien konzentrieren.
Zumindest dort, wo es politisch verfaßten territorialen
Gemeinschaften gelingt, sich als Ausgleich für die verlorene Kontrolle über ihre
Grenzen durch Ausbau ihrer komparativen Vorteile (Porter 1990) eine Nische in
einer zunehmend offeneren und systemisch integrierten Weltwirtschaft zu sichern,
ist deshalb heute nicht Konvergenz die beherrschende Tendenz der
Globalisierung, sondern Konvergenz in Wechselwirkung mit Divergenz. Dabei
nimmt interessanterweise in dem Maße, wie nationalstaatliche Einheiten aufhören,
nach funktionaler Vollständigkeit zu streben, ihre Vergleichbarkeit ab (Sorge
2004): Ziel staatlicher Politik ist ja nicht mehr, den anderen gleich, sondern
anders als die anderen zu sein. An die Stelle von Homogenität potentiell
autarker Teilsegmente tritt Komplementarität im Rahmen weltweiter
Arbeitsteilung. Die frühere segmentäre Integration funktionaler Differenzierung
im nationalstaatlichen Rahmen wird durch eine neuartige Verschränkung von
politisch-territorialer und funktionaler Differenzierung abgelöst, bei der
politisch organisierte territoriale Gemeinschaften sich auf ausgewählte
Teilsysteme einer zunehmend funktional und immer weniger segmentär
differenzierten Weltwirtschaft spezialisieren.
Wachsende internationale Arbeitsteilung und
nationalstaatliche politische Organisation, zunehmende weltwirtschaftliche
Integration und fortdauernde politische Fragmentierung, Denationalisierung der
Ökonomie und Fortbestand des Nationalstaats erscheinen damit im gegenwärtigen
Stadium der Globalisierung keineswegs unvereinbar. In der Tat wird nationale
Souveränität fast überall nach wie vor hoch geschätzt und entschlossen
verteidigt, gerade wegen der Herausforderungen und Risiken der Globalisierung.
Allerdings bringt die Ablösung der nationalen Segmentierung der modernen
Gesellschaft durch nationale Spezialisierung eine Verlagerung von
Koordinierungsaufgaben aus dem Nationalstaat auf das internationale System mit
sich und erfordert eine neue Justierung des Wechselspiels zwischen interner und
externer Koordinierung. Mit ihr ändern sich die Spielregeln und
Erfolgsbedingungen nationalstaatlicher Politik nach innen und außen, und auf
häufig überraschende Weise. Im folgenden möchte ich auf einige Aspekte dieser
Veränderungen, soweit sie sich aus der Perspektive der politisch-ökonomischen
Globalisierungsforschung heute erkennen lassen, zunächst für die Innen- und dann
für die Außenpolitik genauer eingehen.
Ausbau komparativer Vorteile
Sektorale Spezialisierung politisch organisierter
territorialer Gemeinschaften folgt den Skalenökonomien sich ausdehnender
weltweiter Märkte bis zu einem Punkt, wo die Kernsektoren eines Landes und ihre
Infrastruktur tendenziell die gesamte nationale Produktionskapazität
beschäftigen. Sektoren ohne komparative Vorteile verschwinden; ihre Produkte
werden importiert. Indem nationale Ökonomien sich auf internationale
Marktnischen hin umstrukturieren, die im Idealfall nur sie bedienen können,
suchen sie einen harten Preiswettbewerb zugunsten eines Substitutionswettbewerbs
zu vermeiden, bei dem es vornehmlich auf die Fähigkeit zur Innovation, d.h. zu
laufender qualitativer Anpassung der Produktion an die sich entwickelnden
Bedürfnisse der Abnehmer ankommt.
Anders als im Mythos der Globalisierung unterstellt, kann
dabei von einem Bedeutungsverlust staatlicher Politik keine Rede sein. Sektorale
Spezialisierung erfordert im Gegenteil eine integrierte, auf den Ausbau
vorhandener komparativer Vorteile hin maßgeschneiderte nationale Wirtschafts-,
Struktur-, Sozial- und Bildungspolitik. Sie verlangt ferner angepasste
institutionelle Regelwerke, etwa für den Arbeitsmarkt, die eine optimale Nutzung
der nationalen Ressourcen zugunsten der jeweiligen Kernsektoren ermöglichen. So
beruhte der Strukturwandel der Niederlande in den letzten beiden Jahrzehnten zum
logistischen Zentrum des europäischen Kontinents auf dem Ausbau des Amsterdamer
Flughafens und des Rotterdamer Hafens, der Förderung einer hoch leistungsfähigen
Speditionswirtschaft, einer dienstleistungsfreundlichen Tarif- und Steuerpolitik
und nicht zuletzt auf hohen bildungspolitischen Aufwendungen zur Erhaltung der
Vielsprachigkeit der Bevölkerung. Ähnlich politisch gewollt war die rapide
Umwandlung der irischen Volkswirtschaft in eines der wichtigsten
Produktionszentren der amerikanischen mikroelektronischen Industrie, um
derentwillen wohl auch das unlängst eingeführte Rauchverbot in irischen Pubs
eingeführt worden sein dürfte. In diesen und anderen Fällen wird das
Instrumentarium des Nationalstaats dazu genutzt, einheimische Sektoren mit
komparativen Vorteilen zu identifizieren und ihren Wettbewerbsvorsprung mit oft
einschneidenden politischen Maßnahmen zu verteidigen.
In der Literatur gibt es zahlreiche Versuche, die
gegenwärtigen Veränderungen in der Funktionsweise des Nationalstaats auf einen
Begriff zu bringen. Die Zunahme grenzüberschreitender sozialer Beziehungen, die
dem regulierenden Zugriff des Nationalstaats entzogen sind, läßt manche von
einer allgemeinen Erosion von Staatlichkeit sprechen.[7] Dies scheint jedoch nur
zum Teil berechtigt. Wo nationale Gesellschaften auf den Verlust der Kontrolle
über ihre Grenzen mit sektoraler Spezialisierung antworten, stützen sie sich auf
einen nach wie vor höchst aktiven Staat. Allerdings ändert sich die Qualität von
Staatlichkeit. Hier ist von einer Transformation des Keynesianischen
Sozialstaats der Nachkriegszeit in einen "Schumpeterianischen
Wettbewerbsstaat"
die Rede, dessen wichtigstes Ziel die Sicherung internationaler
Wettbewerbsfähigkeit sei (Jessop 2002). Freilich verbindet sich mit dem Begriff
häufig die Vorstellung eines internationalen Unterbietungswettbewerbs, bei dem
es vor allem darum gehe, welcher Staat sich am schnellsten seiner
wohlfahrtsstaatlichen Erbschaft zu entledigen vermag. Dies aber ist nur eine
mögliche Variante sektoraler Spezialisierung, deren Ziel – die Eroberung von
Nischen innerhalb des entstehenden Systems weltweiter Arbeitsteilung – unter
günstigen Bedingungen auch mit anderen Mitteln erreicht werden kann.
Allerdings setzt auch dies den umverteilenden und
statussichernden Sozialstaat Kontinentaleuropas unter Druck, und zwar durchaus
im Sinne einer Erosion des Staates, insoweit dieser als Agentur einer
autoritativen Zuteilung von Werten fungiert bzw. fungiert hat. Gesellschaften im
Prozeß sektoraler Spezialisierung ähneln Konglomeraten, die sich auf ein
Kerngeschäft fokussieren: sie beenden die umverteilende Quersubventionierung
schwacher zugunsten von Investitionen in die Leistungsfähigkeit starker, am
Weltmarkt aussichtsreicher Sektoren. Sozialpolitik, die vorher aus dem
Wettbewerb herausgenommen war bzw. dazu diente, dessen Resultate teilweise
rückgängig zu machen, wird im Wettbewerbsstaat zum "Standortfaktor": sie dient
nicht mehr der Korrektur, sondern der Akkommodierung von Märkten – weniger der
"sozialen Gerechtigkeit" als der Aktivierung und Qualifizierung flexibel
einsetzbaren Humankapitals. Sozialpolitik und Wirtschaftspolitik sind dabei
immer schwerer zu unterscheiden: ihr gemeinsames Ziel ist die Verbesserung der
internationalen Marktgängigkeit der Gesellschaftsmitglieder und der Gesellschaft
insgesamt.[8]
Internationale Integration
Innenpolitik allein freilich reicht für sektorale
Spezialisierung nicht aus. Bei fortschreitender weltweiter Arbeitsteilung kann
die Koordinierung der funktional differenzierten Sektoren der modernen
Wirtschaftsgesellschaft nicht mehr national, sondern nur noch international
stattfinden. Im internationalen System aber stehen, anders als innerhalb des
Nationalstaats, hierarchische Steuerungsinstrumente nur ausnahmsweise zur
Verfügung. Der Prozeß der Globalisierung ist deshalb heute zugleich auch ein
Prozeß der Liberalisierung – nämlich der Verlagerung von Steuerungsfunktionen
von (nationalstaatlichen) Hierarchien auf (internationale) Märkte.[9] Nationale
Gesellschaften, die auf das Hinauswachsen der Skalenerträge über ihre Grenzen
mit sektoraler Spezialisierung antworten wollen, müssen nicht nur die Zuversicht
haben, sich in einem System freier internationaler Preisbildung behaupten zu
können. Sie müssen sich auch darauf verlassen können, daß andere Gesellschaften
ihnen ihre Märkte nicht versperren werden: ohne die deutschen Autobahnen könnte,
wie jeder Autofahrer ahnt, das niederländische Speditionsgewerbe nicht
existieren. Zur Sicherung des internationalen Marktzugangs sektoral
spezialisierter nationaler Ökonomien wird nun abermals der Nationalstaat in
Anspruch genommen, diesmal als Instrument der Außenpolitik.
Herausragendes Beispiel hierfür ist der Prozeß der
europäischen Integration. Revisionistische Historiker haben schon lange
bestritten, daß es sich bei der Europäischen Union um eine Veranstaltung zur
Abschaffung des Nationalstaats handelt. Gerade die kleinen Länder Europas, so
etwa Alan Milward in seinem Buch "The European Rescue of the Nation-State"
(1992), haben die europäische Integration stets mit genau entgegengesetztem Ziel
betrieben: dem der Sicherung ihrer Existenz als politisch selbständig
organisierter Gemeinschaften. In der Tat muß auffallen, daß kleine Länder mit
ausgeprägtem Nationalbewußtsein, wie die Niederlande, Portugal, Irland, Finnland
oder die erst kürzlich wieder unabhängig gewordenen Staaten des Baltikums, oft
zugleich glühendste Verfechter der europäischen Integration sind. Dies dürfte
damit zusammenhängen, daß kleine Länder nicht nur früher als andere den Weg
sektoraler Spezialisierung beschreiten müssen, sondern ihn auch aussichtsreicher
beschreiten können – vorausgesetzt, daß ihre internationale Umgebung so geordnet
ist, daß große Länder daran gehindert sind, sie mit der resultierenden
strukturellen Abhängigkeit politisch oder wirtschaftlich zu erpressen.
In anderen Worten: Indem internationale Integration den
Zugang immer unvollständigerer nationaler Ökonomien zu internationalen Märkten
sichert, dient sie der außenpolitischen Flankierung einer innenpolitischen
Strategie der sektoralen Spezialisierung. Die Logik, die dabei wirksam wird,
erscheint durchaus neu. Ein in den achtziger Jahren aufgekommenes Bonmot begann
mit der Frage, was schlimmer sei als vom Kapitalismus ausgebeutet zu werden. Die
Antwort war: nicht von Kapitalismus ausgebeutet zu werden. Prägnanter lassen
sich die Spielregeln der gegenwärtigen Phase der Globalisierung nicht
zusammenfassen. Auch wenn keiner der Nationalstaaten der Vergangenheit jemals
völlig autark war, wurde doch immer wie selbstverständlich unterstellt, daß
nationale Souveränität ein hohes Maß an funktionaler Vollständigkeit der
nationalen Wirtschaft voraussetzte. Diese war deshalb notwendiges, wenn auch oft
kostspieliges Ziel nationaler Wirtschafts- und Strukturpolitik. Imperialismus
des Zentrums gegenüber der Peripherie bestand darin, diese als verlängerte
Werkbank in die eigene Wirtschaft einzubeziehen. Nationale Selbstbestimmung und
politische Souveränität erforderten dementsprechend den Aufbau eines möglichst
vollständigen industriellen Sektors mit Hilfe einer Politik der
Importsubstitution, die als unabdingbare Voraussetzung einer späteren
Eingliederung in den Welthandel als gleichberechtigter Partner galt.
An diese Welt erinnert heute kaum mehr etwas. Nichts ist
ruinöser als Importsubstitution, wenn nationale Technologien nur noch
rückständige Technologien sein können und nationale Märkte für die Entwicklung
anderer als rückständiger Produkte zu klein geworden sind. Anders als im
klassischen Imperialismus besteht deshalb heute die größte Gefahr für periphere
Gesellschaften nicht mehr darin, in die Weltwirtschaft einbezogen, sondern von
ihr und damit den Möglichkeiten exportgetriebenen Wachstums ausgeschlossen zu
werden. Nicht mehr Inklusion ist die Katastrophe, sondern, siehe große Teile des
südlichen Afrika, Exklusion. Länder wie Polen, Albanien oder die Türkei
verwenden deshalb alle außenpolitischen Mittel ihrer teilweise erst kürzlich
erlangten nationalstaatlichen Souveränität darauf, so schnell wie möglich in die
Europäische Union aufgenommen zu werden – nicht, um ihre nationale
Eigenständigkeit aufzugeben, sondern im Gegenteil: um sie mit Hilfe eines
gesicherten Zutritts zur weltweiten Arbeitsteilung der modernen Ökonomie zu
befestigen. Imperialismus des Zentrums gegenüber der Peripherie heißt heute:
Verweigerung von Integration.
Nicht mehr die Vermeidung von Abhängigkeit durch Sicherung
von Unabhängigkeit ist das außenpolitische Ziel des Nationalstaats in der
gegenwärtigen Phase der Globalisierung, sondern die Vermeidung einseitiger durch
Herstellung gegenseitiger Abhängigkeit. Wer einseitig abhängig ist, ist
erpressbar; nur wenn der andere die eigenen Leistungen ebenso benötigt wie man
selber die Leistungen des anderen, können die terms of exchange fair sein (Blau
1964). Einseitige Abhängigkeit und damit Ausbeutbarkeit lassen sich vermeiden,
indem man die eigenen komparativen Vorteile durch strategische Investitionen
verteidigt. Hinzukommen muß jedoch ein sicherer Zugang zu freien, nicht "vermachteten"
Weltmärkten, gewährleistet durch eine verläßliche internationale Rechtsordnung,
die auch wirtschaftlich und militärisch starke Staaten an allgemeine Regeln
bindet. Die partielle Transformation des internationalen Staatensystems in ein
politisches "Mehrebenensystem" (Scharpf 2001) mit der Fähigkeit zur Produktion
bindender, quasi-rechtsstaatlicher Entscheidungen auf supranationaler Ebene ist
deshalb immer vor allem von den kleineren Ländern betrieben worden.
Größe als Nachteil?
Zu den überraschenden Konsequenzen der neuen Anforderungen
an Binnenstruktur und auswärtige Politik von Nationalstaaten gehört, daß sich
der herkömmliche Vorteil größerer gegenüber kleineren Ländern in sein Gegenteil
zu verkehren scheint. Eine, allerdings wichtige, Ausnahme ist das größte Land,
die Vereinigten Staaten, die zusätzlich zu ihrem sektoralen Monopol auf die
Anwendung militärischer Gewalt über die vollständigste aller Volkswirtschaften
verfügen und deshalb von jedem einzelnen ihrer Handelspartner weniger abhängig
sind als dieser von ihnen. Mittlere Größe dagegen scheint zum Problem geworden
zu sein. In den neunziger Jahren, dem Jahrzehnt der Reformen, waren die kleinen
Länder Europas bei der Anpassung an die neuen globalen Bedingungen in der Regel
erheblich erfolgreicher als die großen, insbesondere Deutschland, Frankreich und
Italien. Dies könnte daran liegen, daß kleine Länder nicht nur früher als große
auf eine Strategie sektoraler Spezialisierung angewiesen und mit ihrer Logik
vertrauter sind, sondern sie auch leichter zu realisieren vermögen als Länder,
deren Bevölkerung zu groß ist, um in einer kleinen Anzahl von Kernsektoren
aufgehen zu können.[10]
Das internationale System der Vergangenheit prämiierte die
Größe eines Landes. Größe geht ceteris paribus zusammen mit interner
Heterogenität; beide gemeinsam begründeten äußere Macht und auf tendenzieller
Autarkie beruhende politische Unabhängigkeit. Wer nicht groß genug – wer kein
"Machtstaat" im Sinne Max Webers (1980) – war, mußte fürchten, von anderen
beherrscht zu werden. Heute dagegen bedeuten Größe und Heterogenität eines
Landes vor allem, daß sie Institutionen und Politiken notwendig machen, die auf
viele sektorale Sonderbedingungen gleichermaßen passen müssen und deshalb auf
keine einzelne genau passen können – schon weil sie nur durch Kompromisse
zwischen widerstreitenden Interessen zustande kommen können. Die dafür und für
den sozialen Zusammenhalt im allgemeinen nötige interne Umverteilung verursacht
Kosten, ebenso wie die ungenügende Passung allgemeiner Regeln auf spezielle
Bedingungen Ressourcen ungenutzt läßt. Größe und interne Vielfalt, früher
Garanten äußerer Souveränität, scheinen heute vor allem zur Folge zu haben, daß
sie Regierungen daran hindern, nationale Regelsysteme und politische
Interventionen auf die besonderen Bedürfnisse von Kernsektoren abzustellen, die
einem weltweiten Innovations- und Substitutionswettbewerb standhalten müssen und
können.
Überlegungen dieser Art werfen ein interessantes Licht auf
den deutschen Fall, auf den ich abschließend kurz eingehen möchte. Die
Entwicklung der deutschen Wirtschaft nach der Wiedervereinigung könnte als Beleg
dafür dienen, daß unter den heutigen internationalen Wettbewerbsbedingungen
einheitliche Regelwerke für heterogene Wirtschafts- und Branchenstrukturen
verheerende Auswirkungen haben können. Daß 1990 das gesamte Institutionensystem
der westdeutschen Bundesrepublik auf die ehemalige DDR übertragen wurde, hat
diese der Notwendigkeit enthoben – und ihr gleichzeitig die Möglichkeit genommen
–, wie etwa Ungarn, Polen oder Tschechien ein eigenes, auf ihre besondere
wirtschaftliche Lage maßgeschneidertes Regelwerk zu entwickeln. Wenn heute das
Brutto-Inlandsprodukt der seit fast anderthalb Jahrzehnten "neuen" Länder noch
immer niedriger ist das portugiesische, so könnte dies auch daran liegen, daß
die aus dem Westen importierten Institutionen einer aufholenden sektoralen
Spezialisierung im Wege standen. Zugleich stehen die zur Aufrechterhaltung
einheitlicher Lebensverhältnisse erforderlichen nationalen Transfers für
Sicherung und Aufbau sektoraler Wettbewerbsfähigkeit im Westen des Landes nicht
mehr zur Verfügung. Solidarische, den Lebensstandard der Bürger angleichende
Umverteilung innerhalb eines großen und heterogenen Nationalstaats ist solange
kein Problem, wie Volkswirtschaften noch überwiegend Volkswirtschaften sind und
potentiell mobile Produktionsfaktoren gezwungen werden können, im Lande zu
bleiben. Beide Bedingungen sind heute nicht mehr gegeben.
Daß es zum Nachteil geworden ist, größer als Holland, aber
kleiner zu sein als die USA, erklärt wohl auch das zunehmende Verlangen nach
Dezentralisierung des deutschen Bundesstaats. Mehr Autonomie für die
Bundesländer, so ein Beitrag zur Arbeit der gegenwärtig tagenden
Föderalismuskommission von Bundestag und Bundesrat, "könnte ... die Anpassung
rechtlicher Regeln an die besonderen Standortbedingungen und die
Wirtschaftsstruktur des einzelnen Landes ermöglichen und so die Ausschöpfung von
ökonomischen Spezialisierungsvorteilen begünstigen ..." Die in einem
liberalisierten internationalen Markt, der keine "wettbewerbsverzerrenden"
Staatseingriffe mehr zuläßt, notwendige Optimierung der "rechtlichen
Rahmenbedingungen der Unternehmenstätigkeit" könne "angesichts der heterogenen
deutschen Wirtschaftsstruktur (und dementsprechend unterschiedlicher Interessen
im Bundesrat) … durch generell geltende Änderungen des einheitlichen
Bundesrechts kaum geleistet werden". Deshalb seien "erweiterte
Handlungsspielräume der Landesgesetzgeber … eine notwendige Vorbedingung höherer
wirtschaftlicher Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit" (Scharpf 2004).
Spinnt man den Gedanken weiter, so kann man ihn durchaus
auch auf die Vertretung regionaler Interessen nach außen beziehen. Den deutschen
Bundesländern fehlt nicht nur die Möglichkeit, ihre Regelwerke, einschließlich
etwa der Ausgestaltung von Sozialstaat und Tarifautonomie, auf die Bedürfnisse
und Entwicklungschancen ihrer jeweiligen Wirtschaftsstruktur abzustimmen. Anders
als die ähnlich großen Wirtschaftsräume der Niederlande, Dänemarks und Schwedens
verfügen sie darüber hinaus auch nicht über das außenpolitische Instrumentarium
souveräner Nationalstaaten, um ihre Positionierung im internationalen Markt zu
optimieren. Die Chemiepolitik der Europäischen Union sähe wohl anders aus, wenn
nicht nur der Ministerpräsident von Schweden, sondern auch der von
Nordrhein-Westfalen einen Sitz im Europäischen Rat hätte.
Schlußbemerkung
Zu den Triebkräften des Wandels sozialer Ordnungen gehören
Strategien kollektiven Handelns, die unter hoher Ungewißheit gewählt werden
müssen und oft nicht mehr sind als Wetten auf eine erhoffte Zukunft. Ob sie
gelingen und zu welchen gesellschaftlichen Strukturen sie sich am Ende
verdichten, weiß man mit Sicherheit immer erst im Rückblick. Widerspruchsfrei
und einzigmöglich erscheinen soziale Formationen nur im nachhinein; kaum eine
Gegenwart, die nicht als Krise empfunden, und kaum eine Lösung, die nicht
irgendwann auch zum Problem würde. Sektorale Spezialisierung soll staatlich
organisierten Nationalgesellschaften einen Platz in einer sich über nationale
Grenzen hinweg neu ordnenden Weltwirtschaft sichern; zugleich aber macht sie auf
neue Weise verwundbar, nicht zuletzt, weil Spezialisierung oft nur um den Preis
verminderter Anpassungsfähigkeit zu haben ist. Viele Fragen bleiben offen.
Reicht die Leistungsethik industrieller Distrikte – wie sie Marshall (1919) am
Ende des 19. Jahrhunderts beschrieben hat – aus, um moderne Gesellschaften zu
integrieren und die Legitimität ihrer Ordnung zu sichern? Können die
entstehenden regionalen Zentren internationaler wirtschaftlicher Exzellenz
wirklich alle Mitglieder ihrer jeweiligen Gesellschaft beschäftigen, oder doch
nur einen Teil? Wie können diejenigen, die dem verschärften Leistungswettbewerb
nicht gewachsen sind, in einer Leistungsgesellschaft einen Platz finden, die
ohne umverteilenden Sozialstaat auskommen muß? Welche Möglichkeiten gibt es,
wenn überhaupt, der offenbar zunehmenden Ungleichheit zwischen erfolgreichen und
erfolglosen Regionen der Weltwirtschaft durch eine – investive – internationale
Sozialpolitik zu begegnen? Antworten hierauf kann letztlich nur die Praxis
finden. Der Beitrag der Wissenschaft ist vor allem, die richtigen Fragen zu
stellen.
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Fußnoten
1
"As it is the power of exchanging that gives occasion to the division of
labour, so the extent of this division must always be limited by the extent of
that power, or, in other words, by the extent of the market" (Smith 1993 [1776],
26).
2
Noch einmal das Kommunistische Manifest: "Die Bourgeoisie … hat die
Bevölkerung agglomeriert, die Produktionsmittel zentralisiert und das Eigentum
in wenigen Händen konzentriert. Die notwendige Folge hiervon war die politische
Zentralisation. Unabhängige, fast nur verbündete Provinzen mit verschiedenen
Interessen, Gesetzen, Regierungen und Zöllen wurden zusammengedrängt in eine
Nation, eine Regierung, ein Gesetz, ein nationales
Klasseninteresse, eine Douanenlinie" (Marx und Engels [1848], 530).
3
Dabei kann offenbleiben, ob die zweite Nachkriegsordnung ein hegemoniales
internationales Regime war, das seine Legitimität daraus bezog, daß es seinen
schwächeren Mitgliedstaaten die Illusion nationaler Autonomie ließ, oder ob es
sich bei ihr ein um ingeniöses Arrangement zur Absicherung nationaler
Souveränität durch eine diese akkommodierende internationale Ordnung handelte.
4
Dies muß nicht bedeuten, daß es nicht doch einen globalen Prozeß der
Konvergenz geben könnte. Die Unterschiede zwischen Spaniern und Mexikanern
dürften heute weniger dramatisch sein als Ende des 15. Jahrhunderts, und
Italiener und Chinesen sind sich im 21. Jahrhunderts insgesamt wohl ähnlicher
als zu Zeiten der Antoninischen bzw. der Han-Dynastie. Wer Gibbons Beschreibung
der Lebensweise der asiatischen Barbaren liest, die im 4. Jahrhundert in das
Römische Reich eindrangen (Gibbon 1995 [1776-1788], Kap. XXVI), mag seinem
Urteil nicht widersprechen, wonach zu seiner eigenen Zeit, am Ende des 18.
Jahrhunderts, die Völker der Welt einander ähnlicher waren als in der Antike
(Kap. XXXVIII). Gerade vor dem Hintergrund einer entstehenden gemeinsamen
Weltkultur könnten allerdings verbleibende oder gar gesuchte "kleine
Unterschiede" (Bourdieu) umso wichtiger werden.
5
Und zwar nicht einmal notwendigerweise aufgrund von emotionalen
Identifikationen. Es reicht völlig aus, daß der Nationalstaat nach wie vor das
wirksamste Instrument kollektiven Handelns zur Absicherung gegen die
Wechselfälle freier Märkte ist. Zwar hätten die Katalanen lieber ihren eigenen
Nationalstaat. Solange es diesen aber nicht gibt, bedienen sie sich zur
Durchsetzung ihrer handels- oder strukturpolitischen Interessen, so gut es geht,
des spanischen. "Pfadabhängiger" Pragmatismus reicht völlig aus, um zu erklären,
warum territoriale Gemeinschaften im Zeitalter der Globalisierung auf ihre
überkommene staatliche Organisation nicht verzichten wollen.
6
Regionale Ökonomien zeichnen sich unter anderem dadurch aus, daß sie ohne
autoritativ umverteilenden Staat auskommen müssen. Ihre sektorale
Zusammensetzung ergibt sich "freiwillig" aufgrund allfälliger Vorteile
räumlicher Nachbarschaft von Produzenten. Die Bildung von "Clustern" in sektoral
sich spezialisierenden Nationalstaaten kann anscheinend ganz verschiedenen
Prinzipien folgen und sowohl entlang der Wertschöpfungskette als auch auf
einzelnen Stufen derselben erfolgen. Zu regionalen Ökonomien siehe unter anderen
Becattini (1990), Brusco (1982) und Sabel (1989), sowie neuerdings Crouch u.a.
(2004).
7
Besonders lesenswert, weil auf originelle Weise von der soziologischen
Klassik Gebrauch machend, ist Münch (2001).
8
Zum Wandel der Sozialpolitik unter Bedingungen globaler Liberalisierung siehe
meinen Aufsatz über "competitive solidarity" (Streeck 2000). Eine Gefährdung der
Demokratie geht von dem Zwang zur Anpassung an veränderte wirtschaftliche
Rahmenbedingungen nicht aus – siehe erfolgreiche "Reformländer" wie Schweden
oder die Niederlande –, wohl aber eine Verschiebung weg von sozialen und hin zu
liberalen Demokratieformen (Streeck 1998).
9
Zu deren Teilnehmern, anders als von der reinen Lehre des
Wirtschaftsliberalismus gefordert, erwartet oder doch erhofft, industrie- und
sozialpolitisch höchst aktive Staaten gehören. Kollektives politisches Handeln
zum Schutz vor Marktrisiken wird durch die Globalisierung keineswegs
abgeschafft. Allerdings wandelt sich die Bedeutung der Nachkriegs-Friedensformel
des "embedded liberalism" grundlegend: an die Stelle der Einbettung
internationalen Freihandels in nationale Sozialpolitik tritt umgekehrt die
Einbettung nationaler Politik in internationale freie Märkte.
10
In anderen Worten: Der Nachteil, nicht groß genug zu sein, um jemals
"vollständig" und damit wirklich unabhängig zu werden, verkehrt sich in den
Vorteil, klein genug zu sein, um sich sektoral spezialisieren zu können.
Copyright © 2004 Wolfgang Streeck No part of this publication may be
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MPI für Gesellschaftsforschung,
Paulstr. 3, 50676 Köln, Germany
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