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MPIfG Working Paper 02/3, März 2002
Dinosaurier der
Dienstleistungsgesellschaft?
Der Mitgliederschwund deutscher
Gewerkschaften im historischen und internationalen Vergleich*
von Bernhard Ebbinghaus
Überarbeitete und erweiterte
Fassung eines Beitrags zu einem Sammelband über
Gewerkschaften in Deutschland: Wolfgang Schroeder, Bernhard
Weßels (Hrsg.), Gewerkschaften in Politik und
Gesellschaft in der Bundesrepublik. Opladen:
Westdeutscher Verlag (i.V.). Für hilfreiche Anmerkungen
danke ich den Herausgebern und Teilnehmern der
Autorenkonferenz sowie Anke Hassel, Jörg Teuber und Silke
Vagt am MPIfG.
Bernhard Ebbinghaus ist wissenschaftlicher
Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, Köln.
Zusammenfassung
Der Mitgliederschwund sollte die deutschen
Gewerkschaften alarmieren: nur noch jeder fünfte Arbeitnehmer der noch nicht im
(Vor-)Ruhestand ist, zahlt heute einen Mitgliedschaftsbeitrag, während die
anderen als Trittbrettfahrer von der Arbeit der Tarifverbände profitieren, ohne
hierzu beizutragen. Die Probleme der Mitgliederwerbung und -bindung deutscher
Gewerkschaften werden anhand der Analyse langfristiger sozioökonomischer
Entwicklungen, aber auch der rapiden Veränderungen seit der Vereinigung
analysiert und im internationalen Vergleich betrachtet. Die langfristige
Mitgliederentwicklung kann zum Teil auf veränderte wirtschaftliche und
politische Bedingungen zurückgeführt werden. Auch der Wandel zur
Dienstleistungsgesellschaft schuf besondere Herausforderungen. Die deutschen
Gewerkschaften haben im Vergleich zu nordischen Gewerkschaftsbewegungen jedoch
versäumt, die neuen Arbeitnehmergruppen hinreichend zu werben. Der Verlust der
neu gewonnenen 4 Millionen Mitglieder im Osten unmittelbar nach der Vereinigung
wurde als Sonderfall und nicht als Untergrabung des "Modells
Deutschland" gesehen. Nicht nur der Stellenabbau, auch die Aushöhlung der
Mitbestimmungs- und Tarifinstitutionen haben die betriebliche Werbungsarbeit
für die Gewerkschaften erschwert.
Abstract
The German unions face disturbing membership
decline. Only every fifth employee who is not yet retired is willing to pay
union dues, while the others "free ride" as they enjoy the advantages
of collective bargaining practices but do not contribute to it. The problems of
membership recruitment of German unions are placed in the context of
social-economic changes and the rapid decline after unification. In addition,
the paper provides a cross-national comparison. The long-term membership
development is partly due to the changing economic and political conditions. The
shift towards a service economy poses additional challenges. But in comparison
to Nordic countries, the German trade unions have failed to recruit the new
social groups. Many saw the loss of the four million members in the East short
after German unification to be an exceptional case, but few as undermining the
German "model". Not only the downsizing of firms, but also the erosion
of German labour relations - codetermination and collective bargaining - made
plant level access and membership recruitment more difficult.
Inhalt
1 Einleitung
Die deutschen Gewerkschaften kommen zunehmend unter existentiellen Druck: Der
vereinigungsbedingte Boom von 4 Millionen Mitgliedern im Osten ist innerhalb
eines Jahrzehntes zerronnen, und im Westen setzt sich - die seit den 80er-Jahren
herrschende - Erosion der Mitgliederbasis fort. Heute sind weniger Arbeitnehmer
gewerkschaftlich organisiert als je zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik.
Der Tiefstand der Weimarer Republik ist bereits unterschritten: Nur jeder
fünfte Arbeitnehmer, der noch nicht im (Vor-) Ruhestand ist, zahlt einen
Gewerkschaftsbeitrag, während auch Nichtmitglieder von Tarifverträgen
profitieren, die von den Gewerkschaften mit den Arbeitgebern ausgehandelt
werden.
Die Tatsache, dass viele Nachbarländer (vor allem Frankreich, die
Niederlande, die Schweiz und zunehmend auch Österreich) unter ähnlichen
Problemen leiden und dass Belgien und Dänemark nur dank wohlfahrtstaatlicher
Organisationshilfen hiervon verschont bleiben, sollte auch deutsche
Gewerkschaftsführer beunruhigen. Bis zur Vereinigung wurden die kurzfristigen
Auf- und Abwärtsbewegungen und der relativ stagnierende Organisationsgrad eher
als Bestätigung der erfolgreichen Institutionalisierung deutscher
Gewerkschaften wahrgenommen. Auch der Vereinigungsboom und die folgenden
dramatischen Mitgliederrückgänge im Osten wurden als Sonderfall und nicht als
Untergrabung des "Modells Deutschland" gesehen.
Dass die gegenwärtigen Probleme der Mitgliederwerbung und -bindung eine tief
greifende Erosion darstellen, wird im Folgenden anhand der Analyse langfristiger
sozioökonomischer Entwicklungen, aber auch der rapiden Veränderungen seit der
Vereinigung analysiert und im internationalen Vergleich betrachtet. Zunächst
werden die Schwierigkeiten bei der Rekrutierung von Gewerkschaftsmitgliedern und
mögliche Organisationsstrategien erörtert (Abschnitt 2). Danach werden dann in
weiteren empirischen Analysen die Ursachen und Konsequenzen der langfristigen
Mitgliederentwicklung in der Bundesrepublik vor und nach der Vereinigung
untersucht (Abschnitt 3), bevor der soziale Wandel und die Folgen für die
Organisationsbereitschaft einzelner sozialer Gruppen näher analysiert werden
(Abschnitt 4). Ein europäischer Vergleich stellt abschließend den
Organisationsproblemen der deutschen Gewerkschaften Beispiele anderer Länder
gegenüber (Abschnitt 5).
2 Einflussfaktoren auf Gewerkschaftsmitgliedschaft
Die Entwicklung der Mitgliedschaft und Organisationsgrade sind von zentraler
Bedeutung für Gewerkschaften als Mitgliederorganisationen. Sie beruhen auf dem
freiwilligen und dauerhaften Zusammenschluss von Arbeitnehmern zur Durchsetzung
ihrer sozialen und wirtschaftlichen Interessen gegenüber Arbeitgebern und
Staat. "Gewerkschaftliche Macht ist Organisationsmacht, die auf
Mitgliederzahlen und Mobilisierungspotentialen beruht" (Müller-Jentsch
1997: 119). Die Gewinnung und Bindung von Mitgliedern dient nicht nur der
Bestandserhaltung, sondern ist auch Voraussetzung für gewerkschaftliches
Handeln. Einerseits bedarf jede Gewerkschaft finanzieller Ressourcen, die fast
ausschließlich durch Mitgliedschaftsbeiträge erbracht werden müssen, da
gerade finanzielle Abhängigkeit vom Staat oder von Dritten einer offensiven
Interessenvertretung widersprechen würde. Eine hohe Organisationsfähigkeit
vermittelt breite gesellschaftliche Legitimation, politischen
Vertretungsanspruch und Mobilisierungsreserven für den Arbeitskampf. Je
größer der Anteil der Mitglieder an den Beschäftigten, desto eher kann eine
Gewerkschaft tarifpolitischen und gesellschaftlichen Einfluss ausüben.
Andererseits sind mit steigender potentieller Mitgliederzahl Organisationen, die
vor allem Kollektivgüter erstellen und auf freiwilliger Mitgliedschaft beruhen,
dem Trittbrettfahrerproblem ausgesetzt (Olson 1965): Das Individuum tritt nicht
bei, weil es auch als Nichtmitglied die kollektiven Vorteile genießen kann und
die bereits organisierte Gruppe zu groß ist, um einen merklichen Beitrag zu den
Organisationszielen zu leisten. Der soziale Wandel, die wirtschaftlichen
Veränderungen und geschwächte politisch-institutionelle Rahmenbedingungen
erschweren zunehmend die Mitgliederrekrutierung.
Die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft drückt zunächst eine formelle
Beziehung zwischen Mitglied und Organisation aus. Anders als Streikbewegungen,
die auf kurzfristiger und informeller Mobilisierung beruhen, sind Gewerkschaften
auf eine dauerhafte kollektive Bindung Gleichgesinnter ausgerichtet. Zunehmend
wurde die Beziehung zwischen Organisation und Mitglied formalisiert und
professionalisiert (Streeck 1981). Der Organisationsgrad (der Anteil an den
abhängigen Erwerbspersonen oder Erwerbstätigen, die Mitglied einer
Gewerkschaft sind) gilt als ein wichtiger Indikator für den tarif- und
sozialpolitischen Vertretungsanspruch, die Mobilisierungsreserven und die
finanziellen Ressourcen von Gewerkschaften. Mitgliedschaftsdaten geben auch
Aufschluss über die Partizipation, Repräsentativität und
innerorganisatorische Abstimmungsgewichte unterschiedlicher sozialer Gruppen. In
welchem Maße sich die Mitglieder den Organisationszielen und
Handlungsstrategien ihrer Gewerkschaft verpflichtet fühlen, lässt sich jedoch
nicht alleine aus der formalen Mitgliedschaft erschließen.
Warum werden Arbeitnehmer Mitglied einer Gewerkschaft? Es gibt hierzu
unterschiedliche Erklärungsansätze. Die Gründe für die individuelle
Entscheidung, Mitglied in einer Gewerkschaft zu werden, können vielfältig
sein. Ökonomische Ansätze gehen vom Idealbild eines rational handelnden homo economicus aus, der mit Hilfe eines Kosten-Nutzen-Kalküls eine Mitgliedschaft
abwägt. Soziologische Ansätze hingegen sehen das Individuum als homo sociologicus, der eher durch soziale Normen geprägt und in soziale Beziehungen
eingebunden ist. Darüber hinaus können organisationssoziologische und
institutionelle Ansätze Aufschluss über Organisationsstrategien und
-bedingungen von gewerkschaftlicher Mitgliederrekrutierung geben.
Vom ökonomischen Standpunkt aus betrachtet stellt sich die Frage, ob der
erzielte Nutzen einer Mitgliedschaft ihre Kosten (circa 1% des Brutto-Lohns)
aufwiegt. Der amerikanische Ökonom Mancur Olson (1965) hat darauf hingewiesen,
dass die wesentlichen gewerkschaftlichen Leistungen öffentliche Güter sind.
Der Tarifvertrag gilt in Deutschland auch für Nichtmitglieder: Auch wenn
Tarifverträge nur selten vom Arbeitsminister als allgemeinverbindlich erklärt
werden (d.h. auch Nichtmitglieder de jure erfasst sind), zahlen in der Regel die
organisierten Arbeitgeber de facto auch Nichtmitgliedern den Tariflohn, um keine
Anreize zum Gewerkschaftsbeitritt zu geben.[1] Wegen der verbrieften
"negativen Koalitionsfreiheit" ist eine Zwangsmitgliedschaft durch den
"closed shop", wie er teilweise in England noch in den 70er-Jahren
üblich war, unter der bundesrepublikanischen Rechtsordnung nicht gesetzmäßig
und wird allenfalls vereinzelt informell, durch sozialen Gruppendruck,
praktiziert.
Nach Olson verbleiben somit nur noch "selektive Anreize", um das
Trittbrettfahrerproblem zu umgehen. Versicherungsleistungen sind ein solches
"Klubgut", das nur den Mitgliedern zugute kommt. Tatsächlich hatten
gewerkschaftliche Versicherungsleistungen als gegenseitige freiwillige
Selbsthilfe eine lange Tradition (Eickhof 1973). Jedoch sind die wesentlichen
sozialen Risiken wie Alter, Unfall, Krankheit und Arbeitslosigkeit zunehmend
durch öffentliche Pflichtversicherungen abgedeckt worden.[2]
Der Streikunterstützung kommt eine wesentliche Bedeutung zu; sie wird in der
Regel beitragsbezogen nur an Mitglieder ausbezahlt, was einen zusätzlichen
Anreiz zur Beitragsehrlichkeit gibt. Gerade in Branchen und zu Zeiten
konfliktreicher Tarifauseinandersetzungen ist dieser Schutz vor Lohnausfall
durch Streiks sinnvoll. Es ist jedoch für viele Arbeitnehmer schwierig, das
Risiko und den Vorteil der Streikversicherung abzuschätzen und vorauszusagen.
Den tariffähigen Gewerkschaften dienen Streikunterstützungen hauptsächlich
der Durchsetzung gewerkschaftlicher Tarifpolitik. Eine gefüllte Streikkasse
vermag allein durch ihr Drohpotential zu wirken, und es können so weitere
Rücklagen gebildet werden.[3]
Eine weitere Mitgliederleistung stellt der individuelle Rechtsschutz dar, der
erhebliche finanzielle und personelle Ressourcen des DGBs in Anspruch nimmt.
Obwohl Rechtsschutz auch privat versichert werden kann, spricht vieles für den
gewerkschaftlichen Schutz und seine Spezialisierungsvorteile. Auch hier ist das
Risiko und der Nutzen einer Anspruchnahme für das potentielle Mitglied nur
schwer voraussehbar. Die meisten DGB Gewerkschaften haben als weitere
Mitgliederleistung die Freizeitunfallversicherung eingeführt, die eine
bestehende Lücke im Sozialversicherungsrecht deckt. Diese Zusatzversicherung
und weitere Mitgliedschaftsvergünstigungen wie Kreditkarten, Internetzugang und
Werbungsprämien sind jedoch allenfalls zusätzliche "goodies", die
auch auf dem freien Markt erworben werden können: Sie wiegen finanziell nicht
die Kosten einer Mitgliedschaft auf.
Das Trittbrettfahrerproblem scheint durch selektive Anreize kaum lösbar,
denn nur selten, wenn das Risiko eines Arbeitskonfliktes und die
Versicherungsleistungen hoch sind, "rechnet sich" die Mitgliedschaft.
Aus soziologischer Sicht ist der individuelle Nutzen nicht der einzige
Beweggrund für einen Gewerkschaftsbeitritt (bzw. -verbleib), sondern
gesellschaftliche Normen und soziale Beziehungen vermögen, gerade für
bestimmte soziale Gruppen, die Bereitschaft zur kollektiven Organisation zu
erhöhen. Berufsgruppen mit enger sozialer Bindung, die eine "occupational
community" bilden, haben eine höhere kollektive Organisationsneigung, so
z.B. die Drucker, die bereits in ihrer Lehre berufsständisch sozialisiert
werden. Auch die räumliche Nähe von Arbeiten und Wohnen,
gesundheitsgefährdende Arbeitsbedingungen und Bedrohung durch Stellenabbau
haben in der Vergangenheit eine hohe kollektive Bindung unter Bergarbeitern
gefördert (Tenfelde 1992). Ebenso hatte die Streikwelle um 1969 zunächst zu
einer sozialen Mobilisierung und zu einer Ausweitung gewerkschaftlichen
Einflusses auf bisher unterrepräsentiere soziale Gruppen (z.B. ausländische
Mitarbeiter) beigetragen.
Die traditionellen berufständischen und sozialen Bindungen sind durch die
Deindustrialisierung, Pluralisierung und Säkularisierung seit den 60er-Jahren
zunehmend aufgelöst worden. Seit den späten 70er-Jahren hat der Wertewandel
immer mehr kollektive Orientierungen, die eine Gewerkschaftsmitgliedschaft noch
als einen "Wert an sich" (Offe / Wiesenthal 1980) begreifen,
verdrängt. Auch die These einer Verbürgerlichung durch die Zunahme der
Angestellten und Beamtenschichten und ihrer individualistischen Orientierungen
prognostiziert einen sozialkulturellen Wandel zur postindustriellen
Gesellschaft, der die Bindung an solidarische Kollektivorganisationen erschwert.
Trotzdem spielen gesellschaftliche Normen und soziale Netzwerke weiterhin eine
Rolle. Die sozialen Kontakte (Familie, Freundeskreis und Arbeitskollegen)
beeinflussen die Bereitschaft zur Gewerkschaftsmitgliedschaft, sei es durch
Beispielsfunktion, Gruppendruck oder Informationszugang. Dies kann sich jedoch
zu einer Abwärtsspirale entwickeln: Wenn die Gewerkschaftsmitgliedschaft
seltener wird, dann sinken auch die Chancen, dass ein Nichtmitglied in seinem
unmittelbaren sozialen Umfeld Kontakt zu einem Gewerkschaftsmitglied hat und
damit die Wahrscheinlichkeit eines Gewerkschaftsbeitritts.
Die Arbeitssituation ist ebenfalls von Bedeutung: Je größer und besser
organisiert ein Betrieb ist, desto leichter fällt die Werbung eines
zusätzlichen Mitglieds durch Kollegen, Betriebsräte und Vertrauensleute.
Gerade in Bezug auf die Möglichkeiten der Mitgliederwerbung im Betrieb sind die
institutionell gesetzten Regeln von Bedeutung, dies trifft besonders in den
verrechtlichten deutschen Arbeitsbeziehungen zu (Streeck 1981). In der
Bundesrepublik sind zwar Gewerkschaften durch die Spitzenverbände und den Staat
anerkannt, aber einige mittelständische Arbeitgeber haben noch Vorbehalte. Die
gesetzlich geregelte Betriebsverfassung ordnet zunächst einer
nichtgewerkschaftlichen Institution (dem Betriebsrat) substantielle
Ordnungsrechte auf betrieblicher Ebene zu, die in anderen Ländern von
gewerkschaftlichen Vertrauensleuten ausgeübt werden. Ähnlich wie bei der
Verstaatlichung von Wohlfahrtsleistungen beschneiden auch hier die staatlich
gesetzten Regelungen die Möglichkeiten der Gewerkschaften, für ihre Mitglieder
zusätzliche Funktionen zu übernehmen. Andererseits ergeben sich aus den
verbrieften Rechten dort, wo Betriebsräte gewerkschaftlich organisiert und vor
allem hauptamtlich tätig sind, in der Praxis informelle
Rekrutierungsmöglichkeiten von Gewerkschaftsmitgliedern durch Betriebsräte.
In der vergleichenden Forschung werden zur Erklärung langfristiger und
struktureller Unterschiede von Mitglieder- und Organisationsgradentwicklung
politökonomische Zyklen, sozialstrukturelle Umbrüche und institutionelle
Kontextfaktoren angeführt (vgl. Ebbinghaus / Visser 1999; Hassel 1999):
-
Besonders ökonomische Ansätze neigen zur Betrachtung
zyklischer
Veränderungen in der Tradition der "business-cycle"-Modelle (Bain /
Elsheikh 1976). Danach werden hohe Lohnabschlüsse den Gewerkschaften positiv
zugeschrieben, weil sich die Mitgliedschaft dadurch lohne ("credit
effect"). Bei ansteigender Inflation würden Arbeitnehmer aus Angst um die
Erhaltung ihres Lebensstandards in die Gewerkschaften eintreten ("threat
effect"). Es gibt in dieser Forschungsrichtung unterschiedliche Erwartungen
über den Einfluss von Arbeitslosigkeit auf die Mitgliedschaftsentscheidung:
Einerseits kann es bei steigender Arbeitslosigkeit zu einer "Zuflucht"
zu den Gewerkschaften mit dem Ziel der Sicherung des eigenen Arbeitsplatzes
kommen, anderseits wirken sich längere Phasen der Massenarbeitslosigkeit eher
negativ auf die Stärke der Gewerkschaften aus. Auch politische
Erklärungsansätze verwenden oft Zeitreihenmodelle (Armingeon 1988), die neben
Wirtschaftsindikatoren auch politische Variablen verwenden; so wird z.B.
erwartet, dass "Linke" Regierungen die Mitgliedschaftsentwicklung
positiv beeinflussen, indem sie Organisationshilfen bereitstellen und die
Bedingungen für gewerkschaftliche Tarifpolitik verbessern. Dies soll im
nächsten Teil (Abschnitt 3), der Analyse der langfristigen Mitglieder- und
Organisationsgradentwicklung, diskutiert werden.
-
Strukturelle Analysen hingegen sehen im sozialen Wandel die wesentliche
Erklärung für langfristige Veränderungen und Unterschiede im Querschnitt. Der
Strukturwandel moderner Gesellschaften, besonders die Tertiarisierung und
Flexibilisierung, erschwere zunehmend die Werbung und Bindung von
Gewerkschaftsmitgliedern. Dies wird auch auf Unterschiede im
Organisationsverhalten zwischen Mitgliedergruppen zurückgeführt.
Industriearbeiter, männliche Vollbeschäftigte und ältere Arbeitnehmer sind
aus soziologischer Sicht besser organisierbar als Angestellte, Frauen,
Teilzeitbeschäftigte, Jugendliche und ethnische Minderheiten. Die strukturellen
Erklärungen werden besonders im übernächsten Teil (Abschnitt 4) bei der
Analyse von Organisationsunterschieden zwischen Mitgliedergruppen behandelt.
-
Institutionelle Ansätze verweisen auf besondere Rahmenbedingungen, unter
denen die Wirkungszusammenhänge zyklischer oder struktureller Faktoren von den
institutionellen Bedingungen abhängen. So können die gesetzlichen Regeln und
institutionalisierten Arbeitsbeziehungsmuster bestimmen, welche negativen
Sanktionsmöglichkeiten (z.B. "closed shop") oder selektive Anreize
(z.B. gewerkschaftliche Arbeitslosenkassen) einer nationalen
Gewerkschaftsbewegung zu einem bestimmten Zeitpunkt als Organisationshilfen zur
Verfügung stehen. Diese institutionellen Rahmenbedingungen sind jedoch kaum
quantifizierbar und werden oft als gegeben vorausgesetzt. Deshalb wird besonders
in historisch vergleichenden Studien auf die unterschiedlichen institutionellen
Kontexte der Arbeitsbeziehungen verwiesen (Ebbinghaus / Visser 1999), während
diese bei quantitativen Analysen und Einzelländerstudien oft nur im Zeitverlauf
(z.B. vor und nach Reformen) thematisiert werden. Diese institutionellen
Kontextbedingungen werden in den folgenden Analysen, und besonders im letzten
vergleichenden Teil (Abschnitt 4), eine wichtige Rolle einnehmen.
3 Mitglieder- und
Organisationsgradentwicklung
Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) mit heute ungefähr 8 Millionen
Mitgliedern ist der größte nationale Dachverband im Europäischen
Gewerkschaftsbund (EGB). Innerhalb des DGBs existieren auch die größten
Einzelgewerkschaften Europas: seit der Gründung im März 2001 die
Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di mit zirka 3 Millionen Mitgliedern und die
bisher stärkste Industriegewerkschaft (IG Metall) mit über 2,7 Millionen
Mitgliedern (siehe Tabelle 1). Hohe Mitgliederzahlen und
Mobilisierungspotentiale wurden seit langem als Zeichen gesellschaftspolitischer
und tarifpolitischer Macht gedeutet, auch wenn die historische Erfahrung zeigt,
dass Mitgliedererfolge wieder vergehen können. Aus der Schwächung der
Gewerkschaften in der Weimarer Republik und aus den Erfahrungen der
Unterdrückung durch die Nationalsozialisten zogen deutsche Gewerkschaftsführer
nach 1945 organisationspolitische und gesellschaftliche Lehren: Das Prinzip der
Einheits- und Industriegewerkschaft (unter dem Motto "ein Betrieb - eine
Gewerkschaft") sollte stärkere, dauerhaftere und einflussreichere
Mitgliederorganisationen schaffen. Im Folgenden soll zunächst die
Mitgliedschaftsentwicklung und dann die Organisationsgradentwicklung bis zur
Vereinigung beschrieben werden.
Tabelle 1 Mitglieder in DGB Gewerkschaften, DAG, DBB und CGB (in
Tsd.), 1950-2000
|
|
West
|
|
West und Ost |
|
|
1950 |
1960 |
1970 |
1980 |
1990 |
1991 |
2000 |
|
| DGB Gewerkschaften |
| IG Metall |
1.352 |
1.843 |
2.223 |
2.622 |
2.727 |
3.624 |
2.763 |
| [+GHK,GTB] |
|
|
|
|
[3.129] |
[4.212] |
|
| GHK |
190 |
161 |
130 |
157 |
153 |
239 |
~ |
| GTB |
410 |
355 |
303 |
294 |
250 |
348 |
~ |
| IG BCE |
|
|
|
|
[1.041] |
[1.425] |
892 |
| IGCGPK |
410 |
520 |
599 |
661 |
676 |
877 |
~~ |
| IGBE |
581 |
535 |
387 |
368 |
323 |
507 |
~~ |
| GL |
100 |
90 |
62 |
56 |
43 |
42 |
~~ |
| IG BAU |
|
|
|
|
[507] |
[912] |
540 |
| IGBSE |
406 |
426 |
504 |
533 |
463 |
777 |
~~ |
| GGLF |
103 |
90 |
46 |
42 |
44 |
135 |
~~ |
| Ver.di (2001-)* |
|
|
|
|
*[2.826] |
*[4.317] |
*[2.989] |
| ÖTV |
726 |
963 |
977 |
1.150 |
1.253 |
2.138 |
1.477 |
| DPG |
191 |
283 |
361 |
450 |
479 |
612 |
446 |
| HBV |
64 |
131 |
158 |
351 |
405 |
737 |
441 |
| IG Medien |
|
|
|
[189] |
185 |
245 |
175 |
| IGD&P |
133 |
141 |
148 |
144 |
~~ |
|
|
| GK |
43 |
31 |
34 |
45 |
~~ |
|
|
| NGG |
256 |
288 |
247 |
253 |
275 |
431 |
261 |
| Transnet (GdED) |
426 |
439 |
413 |
407 |
312 |
527 |
320 |
| GEW |
61 |
84 |
120 |
184 |
189 |
360 |
270 |
| GdP |
(43) |
(83) |
(117) |
166 |
163 |
201 |
188 |
| DGB Insgesamt |
5.451 |
6.379 |
6.713 |
7.883 |
7.938 |
11.800 |
7.772 |
| (inkl. GdP) |
[5.494] |
[6.462] |
[6.830] |
|
|
|
|
| DAG* |
307 |
450 |
461 |
495 |
505 |
585 |
451 |
| DBB |
190 |
650 |
721 |
819 |
799 |
1.053 |
1.200 |
| CGB |
(3) |
200 |
195 |
288 |
309 |
330 |
305 |
| Insgesamt |
5.994 |
7.763 |
8.207 |
9.484 |
9.552 |
13.768 |
9.728 |
|
|
[ ] Mitgliedersumme der später
an/zusammengeschlossenen Gewerkschaften; ~ Anschluss; ~~
Zusammenschluss; ( ) noch nicht dem Gewerkschaftsbund angeschlossen; *
Ver.di-Zusammenschluss (inkl. DAG) März 2001.
|
|
Quellen: Müller-Jentsch, Walther / Ittermann,
Peter, 2000: Industrielle Beziehungen. Daten, Zeitreihen, Trends
1950-1999. Frankfurt: Campus; für 2000: IW Gewerkschaftsreport 2001 und
www.DGB.de; eigene Berechnungen. |
3.1 Mitglieder- und
Organisationsgradentwicklung bis zur Vereinigung
Mit der Gründung der Bundesrepublik 1949 entstand der DGB aus seinen
Vorläufern in der britischen, amerikanischen und französischen Zone und wurde
in den 50er- und 60er-Jahren zum bestimmenden gewerkschaftlichen Dachverband mit
über 6 Millionen Mitgliedern im Westdeutschland (siehe Tabelle 1). Die IG
Metall, die ÖTV und die Postgewerkschaft (DPG) wuchsen besonders schnell,
während die Gewerkschaften im Textilbereich (GTB) und Bergbau (IG BE) bereits
vom Stellenabbau betroffen waren. Neben dem DGB wurden drei konkurrierende
(Dach-)Verbände gegründet: Die Deutsche Angestellten Gewerkschaft (DAG, 1949),
die an die getrennte Organisation von Angestellten während der Weimarer
Republik anknüpfte, konnte zunächst einen Mitgliederzuwachs verzeichnen; der
Deutsche Beamtenbund (DBB), der als Standesorganisation der Beamten seine
Mitgliederzahlen in der ersten Dekade gar verdreifachen konnte; als Schlusslicht
der viel kleinere Christliche Gewerkschaftsbund (CGB), der nach der
Reintegration des Saarlands (1957) entstand.
In der Zeit der Vollbeschäftigung der 60er-Jahre verlangsamten diese
Verbände ihr Wachstum oder stagnierten sogar. Damit hatten sich die
Rangordnungen zwischen den vier Lagern bis zur Wiedervereinigung eingependelt.
Der DGB und seine Mitgliedsgewerkschaften dominierten mit mehr als 80% aller
Gewerkschaftsmitglieder die westdeutsche Tariflandschaft. Nur der DBB war mit
nahezu 10% aller Organisierten und fast der Hälfte der organisierten Beamten
ein gewichtiger Gegenspieler im öffentlichen Dienst, doch hatten seine
Mitglieder kein Streikrecht. Die DAG repräsentierte Anfang der 60er-Jahre 6-8%
aller Organisierten und ein Drittel der organisierten Angestellten, verlor
jedoch durch die schnell wachsende HBV, der Dienstleistungsgewerkschaften im
DGB, und die Organisationserfolge der DGB-Industriegewerkschaften an Boden. Der
CGB (2-3%) spielt bis heute kaum eine Rolle: Selbst unter einer konservativen
Regierung konnte er keineswegs die ungeteilte Unterstützung der CDU erhalten,
da der Christliche Arbeitnehmerflügel dem Einheitsgewerkschaftsprinzip des DGBs
verpflichtet war.
Die Trendwende kam mit den "Septemberstreiks" von 1969. Vor allem
die IG Metall wuchs zunächst schnell. Auch die HBV und die DGB Gewerkschaften
im öffentlichen Dienst verzeichneten ein anhaltendes Wachstum in den
70er-Jahren. Doch die zunehmende Massenarbeitslosigkeit seit der 2. Ölkrise
1979/1980 und die konservative Politikwende unter der Regierung Kohl seit 1982
verschlechterten nachhaltig das Umfeld für die Gewerkschaften: Der DGB verlor
zwischen 1981 und 1984 nahezu 300.000 Mitglieder (oder nahezu 4%) und konnte
erst langsam, Mitte der 80er-Jahre, wieder Mitglieder hinzugewinnen.
Tabelle 2 Anteile und Organisationsgrade für DGB
Mitgliedergruppen und BRD insgesamt, 1950-2000
|
|
West
|
|
West und Ost
|
|
|
1950 |
1960 |
1970 |
1980 |
1990 |
1991 |
2000 |
|
|
Mitgliederanteile (im DGB) |
| Arbeiter |
82,6 |
79,6 |
74,5 |
68,2 |
67,1 |
59,4 |
60,2 |
| Angestellte |
10,4 |
11,2 |
14,4 |
21,0 |
22,8 |
23,6 |
28,6 |
| Beamte |
7,0 |
9,2 |
11,1 |
10,8 |
10,0 |
6,9 |
7,2 |
| Frauen |
16,2 |
16,9 |
15,0 |
20,3 |
24,4 |
33,0 |
30,5 |
| Jugend (-25) |
.. |
.. |
14,1 |
14,6 |
13,2 |
11,5 |
*5,3 |
| Erwerbspersonen |
92,9 |
88,4 |
83,4 |
86,0 |
83,3 |
86,9 |
*81,0 |
Rentner
|
6,4 |
10,5 |
15,1 |
14,0 |
16,7 |
13,1 |
*19,0 |
|
Organisationsgrade des DGBs |
| Erwerbspersonen (BOG I) |
34,4 |
31,1 |
30,0 |
31,8 |
29,0 |
32,3 |
21,3 |
| Erwerbstätige (BOG II) |
39,3 |
31,9 |
30,7 |
33,0 |
31,2 |
34,8 |
23,8 |
| Arbeiter |
45,8 |
40,7 |
40,7 |
47,3 |
48,4 |
48,1 |
36,9 |
| Angestellte |
17,8 |
11,7 |
12,6 |
16,3 |
15,1 |
16,6 |
12,6 |
| Beamte |
45,4 |
40,6 |
38,8 |
36,2 |
32,3 |
32,2 |
24,0 |
| Frauen |
.. |
16,1 |
13,6 |
17,5 |
18,8 |
27,1 |
16,2 |
| Jugend (-25) |
.. |
.. |
20,4 |
21,1 |
20,5 |
22,6 |
*10,2 |
Netto (ohne Rentner:
NOGI)
|
32,2 |
27,8 |
25,4 |
27,3 |
24,2 |
28,1 |
*17,3 |
|
Organisationsgrade anderer Verbände |
| Erwerbspersonen (BOG I) |
|
|
|
|
|
|
|
| DAG |
1,6 |
1,6 |
1,4 |
1,4 |
1,3 |
1,2 |
0,8 |
| DBB |
1,0 |
2,3 |
2,2 |
2,4 |
2,0 |
2,1 |
2,1 |
CGB
|
0,0 |
0,7 |
0,6 |
0,8 |
0,8 |
0,7 |
0,5 |
|
Organisationsgrade BRD insgesamt |
| Erwerbspersonen (BOG I) |
37,9 |
37,8 |
36,6 |
38,3 |
35,2 |
37,7 |
26,6 |
| Erwerbstätige (BOG II) |
42,9 |
38,3 |
36,9 |
39,7 |
37,8 |
40,6 |
29,8 |
| Netto ohne Rentner (NOG
I) |
35,4 |
33,8 |
31,1 |
32,9 |
29,3 |
32,8 |
*21,6 |
|
|
BOG I: alle Mitglieder / abhängige
Erwerbspersonen (inkl. Arbeitslose); BOG II: alle Mitglieder / abhängige
Beschäftigte (ohne Arbeitslosen); NOG I: Mitglieder im Erwerbsleben
(ohne Rentner) / abhängige Erwerbspersonen (inkl. Arbeitslose); Rentner:
teilweise inkl. Arbeitslose; * Schätzungen.
|
|
Quellen: (für Mitgliederzahlen:) siehe
Tabelle 1, (für Erwerbsstatistik:) Statistisches Bundesamt (Hrsg.),
Mikrozensus 1964-, (für NOG:) Bernhard Ebbinghaus / Jelle Visser, 2000:
Trade Unions in Western Europe since 1945 (Handbuch und CD-ROM), London
/ New York: Macmillan / Palgrave; eigene Berechnungen. |
Abbildung 1a-b Brutto-
und Nettoorganisationsgrade (%),
Bundesrepublik 1950-2000
1 a

1 b

DGB (inkl. GdP), DAG, DBB und CGB; siehe Tabelle 1
und 2.
Inwiefern Gewerkschaften auch bei wachsenden Mitgliederzahlen immer noch dem
Beschäftigungswachstum hinterherhinken, zeigt der Organisationsgrad.[4] Nach dem
hohen Stand von 1951/52 nahm der Bruttoorganisationsgrad trotz wachsender
Mitgliederzahlen ab (siehe Abbildung 1). Vor allem verliert der DGB relativ zur
Beschäftigungsexpansion des "Wirtschaftswunders" um ca. 10
Prozentpunkte von 39,3% aller beschäftigten Arbeitnehmer 1950 auf 31,9% 1960
(siehe Tabelle 2). Die Schere zwischen den beiden Organisationsgradberechnungen
(mit und ohne Arbeitslose) schließt sich zunehmend mit Erreichen der
Vollbeschäftigung, da es nun kaum mehr Arbeitslose in der Arbeitsmarktstatistik
gibt. Die findet man erst wieder mit der Rezession 1966/67. Trotz erheblich
steigender Mitgliederzahlen seit den späten 60er-Jahren nimmt der
Organisationsgrad (vor allem für die beschäftigten Arbeitnehmer) erst Mitte
der 70er-Jahren zu, also mit dem Ansteigen der Arbeitslosigkeit nach der
Ölkrise. Der Zenit ist dann um 1980 mit einer Organisationsrate (BOG II) von
40% der abhängigen Beschäftigten erreicht. Die Schere weitet sich wegen
zunehmender Massenarbeitslosigkeit in Folge der 2. Ölkrise (1979/80) wieder:
Der Organisationsgrad für die abhängigen Erwerbspersonen geht schneller
zurück als für die Erwerbstätigen (d.h. ohne Arbeitslose im Nenner). Auch
eine Analyse des Nettoorganisationsgrades, der die Rentner herausrechnet, zeigt
ein ähnliches Verlaufsmuster, wenn auch auf einem noch niedrigeren Niveau und
mit einem stärkeren langfristigen Rückgang, da der Anteil der Rentner bis 1990
stetig zunahm (siehe Abbildung 1).
In der langfristigen Entwicklung des Organisationsgrades bis zur Vereinigung
gibt es politisch und wirtschaftlich bedingte Zyklen. Der Zusammenhang zwischen
Organisationsgradentwicklung und Arbeitslosigkeit ist jedoch nicht immer
eindeutig. In den 50er-Jahren ging das Absinken des Organisationsgrades mit der
Rückkehr zur Vollbeschäftigung einher, und spiegelbildlich gab es einen
Mobilisierungserfolg während der ersten Phase der Massenarbeitslosigkeit nach
1973. Unter der sich verschlechternden Wirtschaftslage der 70er-Jahre suchte die
"Stammbelegschaft" vermehrt in den Gewerkschaften einen Schutz ihrer
"Senioritätsrechte" (d.h. vor allem Beschäftigungssicherung für
langjährige Mitarbeiter; Streeck 1979: 98). Anderseits sank der
Organisationsgrad nachhaltig in den 80er-Jahren und wiederum im Osten nach der
Vereinigung 1990 in Folge der anhaltenden und zunehmenden
Massenarbeitslosigkeit. Anhaltende Massenarbeitslosigkeit führt auf Dauer zu
Rekrutierungsproblemen, nicht nur, weil Langzeitarbeitslose aus Enttäuschung
und finanziellen Erwägungen eher aus der Gewerkschaft austreten, sondern, weil
der langfristige Stellenabbau, anders als der konjunkturzyklische, gerade gut
organisierte Branchen wie z.B. den Montanbereich betrifft.
Aus gesamtgesellschaftlicher Perspektive bleibt besonders
erklärungsbedürftig, warum der Organisationsgrad gerade in den 50er-Jahren
schnell sank und warum mindestens die Hälfte dieses Verlustes in den
70er-Jahren wieder wettgemacht werden konnte. Die Organisationserfolge um
1950/51, aber auch um 1968/69 (und selbst die Vereinigungserfolge) scheinen
zunächst auf politisch und soziale Mobilisierung zu beruhen, nicht unähnlich
anderer europäischer Länder, die in der unmittelbaren Nachkriegszeit und in
Folge der Streikbewegung in den späten 60er-Jahren einen Mitgliederschub
erfuhren. Klaus Armingeon hebt in seiner Studie (Armingeon 1987: 100) besonders
auf machtpolitische Erklärungen ab, die von einem strukturellen Konflikt
zwischen Arbeit und Kapital ausgehen und einen positiven Einfluss durch
Regierungsbeteiligung gewerkschaftsfreundlicher linker Parteien voraussetzen.
Selbst wenn der DGB als Einheitsgewerkschaft keine formelle Bindung an die SPD
hat, so sind doch ein großer Teil der Funktionäre auf beiden Seiten
gleichzeitig Mitglied in Partei und Gewerkschaft. Die Gewerkschaftsmitglieder
sind ein wichtiges Wählerklientel für die SPD, auch wenn die traditionellen
sozialstrukturellen Parteibindungen seit den 70er Jahren zurückgingen.
Zeitreihenanalysen von Organisationsgradentwicklungen kommen zu
unterschiedlichen Ergebnissen in Bezug auf den Einfluss linker
Regierungsbeteiligung neben den ökonomischen Variablen (Armingeon 1987; vgl.
kritisch Schnabel 1989). Hier bedarf eine Erklärung zusätzlicher historischer
Analyse.
Eine Dämpfung gewerkschaftlicher Mobilisierungserfolge setzte nach dem
arbeitnehmerfreundlichen Montanmitbestimmungsgesetz (1951) bereits mit der
Niederlage der Gewerkschaften beim Betriebsverfassungsgesetz (1952), dem
Wahlerfolg der Adenauer-Regierung (1953), der zunehmenden Entradikalisierung der
Gewerkschaftspolitik und dem Arbeitskampfurteil des Bundessarbeitsgerichts von
1955 (u. a. Verbot des politischen und "wilden" Streiks) ein. Dies
wurde noch verstärkt durch den wirtschaftlichen Aufschwung und den Abbau der
Arbeitslosigkeit. Hingegen finden der Mitgliederaufschwung und die
Organisationsgradzuwächse zeitgleich mit der sozialen Mobilisierung durch die
"wilden" Streiks und den Anfangsjahren der sozialliberalen Koalition
von 1969 bis Mitte der 70er-Jahre statt. In dieser Zeit haben sich auch die
gesamtwirtschaftlichen und betrieblichen Einflussmöglichkeiten für die
Gewerkschaften verbessert, vor allem durch die Konzertierte Aktion (1967-1977),
die Reform des Betriebsverfassungsgesetzes (BetrVG 1972) und das
Mitbestimmungsgesetz (1976) (Streeck 1981).[5] Der konservative Regierungswechsel
1982 brachte wiederum eine Wende im politischen und arbeitsrechtlichen Umfeld
der Gewerkschaften, wenn auch die Abwendung vom Keynesianismus bereits durch die
sozial-liberale Koalition eingeleitet wurde. Neben der national und EU-politisch
betriebenen Deregulierungs- und Privatisierungspolitik verschlechterten die
umstrittene Änderung des §116 Arbeitsförderungsgesetzes (AFG) von 1986 sowie
eine gewisse Flexibilisierung im Arbeitsrecht (1985) und im
Betriebsverfassungsgesetz (1988) die Rahmenbedingungen für Gewerkschaftshandeln
in den 80er-Jahren, wenn auch nicht so negativ wie in Großbritannien unter der
Regierung von Margaret Thatcher.
Abbildung 2 a-d DGB
Bruttoorganisationsgrade: BRD, Ost und West (%)
|
2 a |
 |
2 b |
 |
|
 |
|
|
2 c |
|
2 d |
 |
|
 |
Nur DGB; siehe Quellen zu Tabelle 1 und 2
|
Abbildung 3 a-c DGB
Bruttoorganisationsgrade von Arbeitnehmergruppen:
BRD, Ost und West (%)
Nur DGB; siehe Quellen zu
Tabelle 1 und 2.
3.2 Der Mitgliederschwund seit der
Vereinigung
Nach der Vereinigung und der Teilübernahme der FDGB Gewerkschaften bzw. der
Neuorganisation im Osten expandierten die Gewerkschaften um mehr als 4 Millionen
Mitglieder (siehe Tabelle 1). Die DGB-Gewerkschaften konnten einen Zuwachs um 3
Millionen Mitglieder im ersten gesamtdeutschen Berichtsjahr (1991) verbuchen.
Aber jedes zweite Ostmitglied verließ den DGB bereits innerhalb von nur 6
Jahren. Im Westen setzte sich der Abwärtstrend im Westen langsam fort (2-3%
jährlich). Die Deutsche Angestellten Gewerkschaft (DAG) hat kaum durch den
Osten hinzugewonnen (ca. 80.000 Neumitglieder 1990/91), und auch dieser Zuwachs
war bereits nach 5 Jahren wieder verloren (1999 arbeiteten nur 16% der DAG
Mitglieder in Ostdeutschland). Nur der Deutsche Beamtenbund (DBB) wuchs in den
90er-Jahren um 400.000 Mitglieder, davon war die Mehrzahl wahrscheinlich im
Osten. Der Christliche Gewerkschaftsbund (CGB) hat keinen merklichen Zugang
durch die Vereinigung erhalten (nur 12% arbeiten in Ostdeutschland). Nahezu alle
Gewerkschaften standen vor Organisations- und Finanzproblemen in Folge des
rasanten Mitgliederschwundes und des geringen Beitragsaufkommens. Die
Gewerkschaften reagierten darauf mit dem Abbau von Gewerkschaftspersonal,
internen Organisationsreformen und grundlegenden Umstrukturierungen der
Organisationslandschaft in den letzten Jahren.[6]
Durch den überproportionalen Neuzugang an Mitgliedern im Osten brachte die
Vereinigung zunächst eine unmittelbare Verbesserung des
Bruttoorganisationsgrades von 35,2% (nur Erwerbstätige: 37,8%) der alten BRD
auf 37,7 (bzw. 40,6%) im vereinten Deutschland, was dem Höchststand in
Westdeutschland von 1981 entsprach (siehe Abbildung 1). Aber bereits am Ende des
Jahrzehnts war der gesamtdeutsche Bruttoorganisationsgrad um mehr als zehn
Prozentpunkte gefallen (2000: 26,6%, nur Erwerbstätige: 29,8%). Unmittelbar
nach der Vereinigung war nahezu jeder zweite Arbeitnehmer im Osten in eine
DGB-Gewerkschaft eingetreten, am Ende der 90er-Jahre war nur noch jeder Vierte
im Osten DGB-Mitglied (siehe Abbildung 2). So sank der Bruttoorganisationsgrad
für den DGB im Osten von 51,1% (bzw. 57,6%) 1991 auf 26,8% (bzw. 33,5%) 1998.[7]
Ein Vergleich der DGB-Gewerkschaften zeigt nach dem rapiden Abschwung im
Osten eine Angleichung des Organisationsgrades an den des Westens (siehe
Abbildung 2).[8] Aber auch im Westen geht der Organisationsgrad kontinuierlich,
wenn auch langsamer, zurück. Auffallend sind die geschlechtsspezifischen
Unterschiede zwischen Ost und West im DGB: Die Organisationsneigung von Männern
im Osten hat sich dem ihrer Kollegen im Westen vollständig angeglichen,
während der Organisationsgrad bei den Frauen im Osten, trotz starkem Rückgang,
noch immer signifikant höher liegt als im Westen. Da dieser Vergleich sich nur
auf die DGB-Gewerkschaften bezieht und zumindest der DBB eine wichtige Rolle im
öffentlichen Dienst spielt, lässt sich nicht feststellen, ob dies für alle
Organisierten zutrifft.
Die DGB Organisationsgradentwicklung für die drei Arbeitnehmergruppen zeigt,
dass der Rückgang vor allem bei den Beamten am stärksten ausgeprägt ist,
danach bei den Arbeitern und schließlich etwas weniger bei den Angestellten, da
diese bereits 1990 eine niedrigere Organisationsbereitschaft zeigten (siehe
Abbildung 3). Der Organisationsgrad der Arbeiter und Beamten in den
"neuen" Ländern ist sogar unter den der "alten" BRD
gefallen. Davon hebt sich nur der Organisationsgrad unter Angestellten ab, der
nach wie vor im Osten nahezu zehn Prozentpunkte über dem des Westens liegt.
Weibliche Angestellte und Beamtinnen sind im Osten eher DGB-Mitglied als ihre
Kolleginnen im Westen.
Das schnelle Absinken des Organisationsgrades im Osten hat vielschichtige
Gründe: Der Stellenabbau durch Privatisierung, Deindustrialisierung und das
Ende des Baubooms, die partielle Verdrängung von Frauen aus dem Arbeitsmarkt,
die Frühverrentung von älteren Arbeitnehmern, die auf Zeit finanzierten
Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, die langsame Verbeamtung in den neuen Ländern,
die Verkleinerung der Großbetriebe und das Entstehen von klein- und
mittelständischen Betriebsstrukturen. Diese Veränderungen in der
Beschäftigungsstruktur schwächten die anfänglichen Organisationsvorteile ab
oder kehrten sie gar in Nachteile für die Mitgliederwerbung um. Hinzu kommen
die im Gegensatz zum Westen unterentwickelten Tarifstrukturen.[9]
Doch nicht nur die Gewerkschaften, sondern auch die Arbeitgeberverbände
sehen sich im Osten einem Mitgliederschwund gegenüber (so in der
Metallindustrie, siehe Schroeder 2000). Die Privatisierung ehemaliger
"volkseigener" Großbetriebe und der Stellenabbau führte zu einem
Organisationsproblem der Arbeitgeberverbände. Hierdurch entstanden viele
kleinere, nicht tarifgebundene Betriebe, die für die Gewerkschaften schwer
zugänglich sind, selbst, wenn es einen Betriebsrat geben sollte.
Auch die fehlende Nähe zur SPD unter Arbeitnehmern im Osten führte zu einer
geringeren Bindung an die Gewerkschaften bzw. zu einer anderen politischen
Zusammensetzung der Mitglieder im Osten. Die Tendenz der Gewerkschaften, ihre
Sozial- und Tarifpolitik auf die westdeutsche Mehrheit auszurichten, verstärkt
sicherlich die politische Distanz von potentiellen und tatsächlichen
Gewerkschaftsmitgliedern im Osten.
4 Der sozialstrukturelle Wandel als
Ursache des Mitgliederrückgangs
Der langfristige Rückgang des Organisationsgrades in modernen Gesellschaften
wird bereits in den 60er-Jahren von namhaften amerikanischen Soziologen (Bell,
Lipset, Sturmthal) auf den sozialstrukturellen Wandel zurückgeführt.
Gewerkschaften sind unterschiedlich stark in verschiedenen
"sozialkulturellen Milieus" (Lepsius) verankert, und der
sozialstrukturelle Wandel verschiebt die Gewichte langfristig zu Ungunsten der
Gewerkschaftsbewegung. Je mehr sich eine Gesellschaft von der Industrie- zur
Dienstleistungsgesellschaft wandelt, desto mehr nehmen die Arbeitnehmergruppen
zu, die weniger kollektiv orientiert sind und seltener Mitglied einer
Gewerkschaft werden. Außerdem findet selbst in den traditionellen
Arbeiterschichten, so die These von der Verbürgerlichung, eine Auflösung der
sozialen Bindungen und ein postmaterialistischer Wertewandel statt. Auch in
Deutschland zeigen sich dauerhafte Unterschiede in der Organisationsbereitschaft
unterschiedlicher Arbeiternehmergruppen. In der folgenden Analyse sollen die
drei Berufsgruppen der Arbeiter, Beamten und Angestellten verglichen werden
(siehe Abbildung 4). Außerdem wird die Organisationsneigung von Frauen,
Jugendlichen, Rentnern und Arbeitslosen thematisiert (siehe Abbildung 5).
Abbildung 4 Organisationsgrad
nach Mitgliedergruppen (%)

DGB (inkl. GdP), DAG, DBB und CGB; siehe
Tabelle 1 und 2.
Abbildung 5 a-b Organisationsgrade
von DGB-Mitgliedergruppen (%)
5 a

5 b

Nur DGB; siehe Quellen in Tabelle 1 und 2.
4.1 Arbeiter
Arbeiter sind bis heute die bestimmende Mitgliedergruppe in den
DGB-Industriegewerkschaften. In den 50er-Jahren waren über 80% der
DGB-Mitglieder Arbeiter (meist männliche Alleinverdiener); noch heute sind es
über 60% (65% im Westen und 55% im Osten). Dabei haben nahezu alle
organisierten Arbeiter das Mitgliedsbuch einer DGB-Gewerkschaft (nur 4% sind im
DBB oder CGB organisiert). Der Arbeiteranteil innerhalb des DGBs spiegelt noch
heute im Westen den Arbeitsmarkt der 60er-Jahre wider, da die zunehmende Zahl
von Angestellten und Beamten entweder überhaupt nicht oder außerhalb des DGB
organisiert ist. Der überwiegende Anteil (zwei Drittel) der organisierten
Arbeiter ist im sekundären Sektor tätig, ein Viertel im öffentlichen Dienst
und nur relativ wenige im privaten Dienstleistungsbereich. Neben dem Bergbau als
klassischem Beispiel für eine räumlich konzentrierte und durch besondere
Arbeitsrisiken zusammengeschweißte "occupational community" sind auch
Arbeiter in größeren Industrie- oder bürokratischen öffentlichen Betrieben
leichter organisierbar als solche im Handwerk und in kleineren Betrieben.
Einerseits sind die Arbeitsbedingungen eher kollektiv geprägt und bürokratisch
geregelt, und anderseits nehmen die Dichte, Freistellung und Kompetenzen von
Betriebsräten mit der Betriebsgröße zu.
Der Organisationsgrad von Arbeitern ist überdurchschnittlich (siehe
Abbildung 4): Zwischen 40 und 50% der Arbeiter sind in den letzten fünf
Jahrzehnten gewerkschaftlich organisiert gewesen. Dabei folgten die
Organisationserfolge unter den Arbeitern den gleichen Schwankungen wie der
allgemeine Trend; der Aufwärtstrend der 70er-Jahre ist jedoch ausgeprägter.
Hier wirken sich die verbesserten gewerkschaftlichen Zugangsmöglichkeiten durch
die Mitbestimmungsreformen aus. Die DGB-Gewerkschaften vermögen es, den
Arbeiterorganisationsgrad bis Ende der 80er-Jahre bei 50% zu halten (siehe
Abbildung 3). Die Vereinigung brachte 1991 kaum einen Zugewinn, weil der
Organisationsgrad durch den Stellenabbau besonders schnell im Osten und etwas
langsamer im Westen fiel; er liegt heute, wie in den 60er-Jahren, bei 40% für
Gesamtdeutschland (siehe Abbildung 4). Der Stellenabbau durch
Rationalisierungsmaßnahmen und internationalen Wettbewerb wirkte sich negativ
auf die Mitgliederentwicklung der Industriegewerkschaften im produzierenden
Gewerbe aus.
4.2 Beamte
Der Organisationsgrad der Beamten war traditionell relativ hoch, sank aber über
die Zeit stetig. In den 50er-Jahren war fast jeder Beamte (nahezu 90%) Mitglied
einer DGB-Gewerkschaft oder der "Standesorganisation" (DBB) (siehe
Abbildung 4). Seitdem nahm der Organisationsgrad fast kontinuierlich ab bzw.
stagnierte seit der Vereinigung. Heute sind nur noch 2 von 3 Beamten
organisiert, das entspricht dem Durchschnitt aller Arbeitnehmer im öffentlichen
Dienst. Da Beamte kein Streikrecht besitzen und ihre Verbände keine
Tarifverhandlungen führen, sondern nur zu Konsultationen mit den öffentlichen
Arbeitgebern eingeladen werden, nimmt für sie die Lobbyarbeit eine besondere
Rolle ein. Es werden nicht nur Gehaltsfragen, sondern auch Arbeitsbedingungen,
Stellenplanung und Ruhegehaltsregelungen durch den Gesetzgeber bestimmt.
"Standespolitik" wird dadurch erleichtert, dass ein hoher Anteil
Parlamentarier verbeamtet ist und der Dienstherr auch Beamter ist. Somit kann es
zu einer Vermischung von Interessenlagen und Verantwortlichkeiten kommen. Das
Personalvertretungsrecht im öffentlichen Dienst hilft hier bei der Rekrutierung
von Mitgliedern. Der öffentliche Dienst als bürokratische Großorganisation
mit auf die Dienstzeit bezogenen Aufstiegs- und Entlohnungssystemen lässt den
Beamten eine korporative Interessenpolitik auf Bundes-, Länder- und kommunaler
Ebene als notwendig erscheinen. Da aber das Dienstrecht und die Besoldung ein
kollektives Gut darstellen, das auch den Nichtorganisierten zugute kommt,
verwundert der geringe Anteil von Trittbrettfahrern. Hier mag eine Rolle
spielen, dass jeder Dienstbereich ein eigenes Interesse hat, Planstellen zu
sichern und deshalb jede Beamtengruppe einen Anreiz hat, sich gut zu
organisieren.
Der Anteil der Beamten unter den DGB-Mitgliedern entspricht heute ungefähr
ihrem Anteil an allen beschäftigten Arbeitnehmern (7-8%). Im Gegensatz zur
Organisation der Angestellten bleibt für den DGB der DBB als
Standesorganisation der Beamten ein ernsthafter Konkurrent. In der alten
Bundesrepublik waren durchgehend mehr Beamte im DGB als im DBB organisiert, seit
der Vereinigung kam es jedoch zu einem Rückgang der Beamten unter den
DGB-Mitgliedern und einem weiteren Zuwachs beim DBB. Der Anteil der Beamten lag
im DGB bis in die 80er-Jahre um 10%. Auch wenn die Beamten im DGB insgesamt in
der Minderheit sind, so bilden sie heute nahezu die Mehrheit in den kleineren
Gewerkschaften im öffentlichen Dienst. Wegen der geringeren Verbeamtung und
Teilprivatisierung ist deren Anteil vor allem im Osten niedriger.[10] Auch im DBB
sank der Anteil der Beamten von traditionell um 90% nach der Vereinigung auf nur
70%.
4.3 Angestellte
Angestellte sind weniger geneigt, sich gewerkschaftlich zu organisieren: Nur
jeder fünfte Angestellte ist in einem Berufsverband, die Arbeiter sind hingegen
doppelt und die Beamten dreimal so oft organisiert. Vor der Vereinigung betrug
der Organisationsgrad im öffentlichen Dienst unter den
"Kopfarbeitern" (Angestellte und Beamte) über 60%, während weniger
als 20% der Angestellten in der Privatwirtschaft organisiert waren (Visser
1989). Die "Kragenlinie" zwischen Arbeitern und Angestellten geht
historisch auf die sozialpolitische Trennung in der Sozialversicherung vor dem
ersten Weltkrieg und die organisationspolitische Spaltung in den Weimarer
Gewerkschaftsbewegungen zurück, jedoch haben sich die sozialpolitischen
Unterschiede und standespolitischen Differenzen in den bundesrepublikanischen
Nachkriegsjahren abgeschwächt (Kocka 1981). Trotzdem hat sich der
Organisationsgrad der Angestellten kaum verbessert (siehe Abbildung 2),
allenfalls im öffentlichen Dienst, während er in der Privatwirtschaft eher
abnimmt.
Obwohl der DGB die meisten Angestellten organisiert, stellen diese wegen des
relativ niedrigen Organisationsgrades nur eine Minderheit innerhalb des
Dachverbandes dar (siehe Abbildung 5). Vor der Vereinigung war nicht einmal
jedes vierte DGB-Mitglied ein Angestellter, seitdem sind es ca. 42% im Osten und
um 30% insgesamt. Gerade unter den Industriegewerkschaften sind die technischen
und kaufmännischen Angestellten in der Minderheit, ganz anders im
Dienstleistungssektor.[11] Die DAG hat gerade in der Industrie Mitgliedsanteile
verloren, während sie im öffentlichen Dienst auf ein Drittel stiegen. Die DAG
ist nicht nur der HBV gegenüber, sondern auch zunehmend der ÖTV gegenüber ein
Konkurrent geworden, was vor allem nach den Mitgliederverlusten in den
90er-Jahren (siehe Tabelle 1) einen Zusammenschluss nahe legte. Mit der
Gründung von Ver.di ist die über ein Jahrhundert andauernde organisatorische
Konkurrenz von Angestelltenverbänden faktisch überwunden, wenn man von den
geringfügig organisierten Angestellten im CGB und DBB absieht. Im Gegensatz zur
IG Metall sind die Mitglieder der neuen Ver.di mehrheitlich keine Arbeiter,
sondern Angestellte (55%) und Beamte (9%). Trotzdem bleibt der
Organisationsrückstand bei den Angestellten in der Privatwirtschaft weiterhin
um ein Dreifaches hinter dem öffentlichen Sektor zurück. Den Gewerkschaften
fällt der Zugang besonders in den kleinbetrieblichen privaten
Dienstleistungsbranchen schwer, da diese eine geringe Durchdringung
gewerkschaftlich organisierter Betriebsräte und hohe Anteile von
Frauenbeschäftigung, Teilzeit- und prekären Beschäftigungsverhältnissen
aufweisen.
4.4 Frauen
Die Gewerkschaften waren bis in die späten 60er-Jahre hinein fast
ausschließlich Männerdomänen: Mehr als 80% der DGB-Mitglieder waren Männer.
Dies war einerseits eine Folge der um die Hälfte niedrigeren Erwerbsquote von
Frauen, andererseits war dies durch den geringeren Organisationsgrad bedingt
(siehe Abbildung 5). Die Tarif- und Sozialpolitik bezog sich primär auf das
"Normalarbeitsverhältnis" männlicher Vollverdiener und ging noch von
einer patriarchalisch geprägten "Normalfamilie" aus, in der Frauen
sich mit der Heirat, aber spätestens ab dem ersten Kind aus dem Berufsleben
zurückzogen. Der Frauenanteil vergrößerte sich mit der Bildungsexpansion Ende
der 60er-Jahre zunächst für die GEW. Mit zunehmender Erwerbsbeteiligung von
Frauen seit den 70er-Jahren nahm auch der Frauenanteil für einige
DGB-Gewerkschaften im öffentlichen Dienst und ebenso für DBB, DAG und HBV zu.
Die Vereinigung brachte dem DGB zunächst einen Zuwachs von 2 Millionen
weiblichen Mitgliedern im Osten, in der Folge jedoch eine rapide Abnahme (um 3/4
des Zugewinns) innerhalb nur einer Dekade.
Selbst wenn man die niedrigeren Erwerbsquoten berücksichtigt, waren Frauen
bis in die 70er-Jahre erheblich weniger organisiert als Männer: nur jede
fünfte Arbeitnehmerin gegenüber nahezu jedem zweiten männlichen Kollegen. Die
Verlaufsmuster der Organisationsgrade von Frauen und Männern waren jedoch in
den ersten Jahrzehnten nahezu identisch. Erst in den 80er-Jahren liefen die
Rekrutierungstrends auseinander, als bei Frauen die Organisationsquote weiterhin
stieg, während sie bei Männern sank. Weibliche Erwerbstätige sind im
Allgemeinen überproportional in niedrig organisierten Branchen (Einzelhandel,
Textilbereich und privaten Dienstleistungsbereich) beschäftigt und eher in
solchen Angestelltenberufen anzutreffen, die weniger organisiert sind.[12] Der
höhere Anteil von Teilzeitbeschäftigung und prekären Arbeitsverhältnissen
unter Frauen erschwert die Mitgliederwerbung und dauerhafte Bindung an eine
Gewerkschaft. Es gibt auch weiterhin Defizite in der Mitgliederwerbung von
Frauen, dem Anteil von weiblichen Mandatsträgern und der Vertretung von
frauenspezifischen Interessen. Der niedrigere Organisationsgrad verstärkt die
Unterrepräsentanz innerhalb der Verbände: Noch 1990 war nur jedes vierte
DGB-Mitglied eine Frau, seit der Vereinigung ist es nun jedes dritte Mitglied
des DGBs und fast jedes zweite DGB-Mitglied im Osten.
4.5 Jugendliche
Organisationsdefizite bei der Jugend können kaum aufgeholt werden, selbst wenn
die Organisationsbereitschaft bis zu einem mittleren Alter noch ansteigt. Der
Eintritt in das Berufsleben – die Ausbildungsstelle und/oder das erste
Anstellungsverhältnis – sind wesentliche Einschnitte und
Sozialisationserfahrungen im Lebensverlauf. Wer in dieser Phase von der
Mitgliedschaft überzeugt werden kann, verbleibt auch eher und länger in der
Gewerkschaft. Je länger jedoch jemand unorganisiert bleibt, desto geringer ist
die Chance, dass noch ein Betritt erfolgt. Deshalb sollte die DGB
Mitgliederstatistik eher die Gewerkschaftsfunktionäre beunruhigen: Mitte der
80er-Jahre lag der Anteil der DGB-Jugend (bis 25 Jahre) noch um 15%, nahm dann
langsam ab, und nach der Vereinigung fiel der Anteil rapide um zwei Drittel auf
heute circa 5%.[13] Der Rückgang ist teilweise durch die demographische Entwicklung
bedingt: Heute sind im Westen wie im Osten die jüngeren Jahrgänge kleiner als
früher. Die längeren Bildungswege sowie die Jugendarbeitslosigkeit und der
Mangel an Ausbildungsplätzen führen zu einem späteren Berufseinstieg. In der
Vergangenheit hatten die Dienstleistungsgewerkschaften unterschiedlich starken
Zulauf von Jugendlichen, doch näherten sich in den vergangen Jahren fast alle
DGB-Gewerkschaften der niedrigen 5% Marke.
Selbst bei Berücksichtigung der kleineren Jahrgangsstärken zeigt der
Organisationsgrad des DGBs den gleichen Rückgang (siehe Abbildung 5): Noch vor
der Wende war jeder fünfte Beschäftigte bis 25 Jahre in einer DGB-Gewerkschaft
organisiert, doch dann ging der Organisationsgrad rasch zurück. Heute ist es
nur noch jeder Zehnte. Die Ursachen sind vielschichtig. Jugendliche haben
Schwierigkeiten, eine Ausbildungsstelle oder einen Normalarbeitsplatz zu finden;
die Zunahme an Teilzeit- bzw. befristeten Arbeitsverträgen; der Wandel hin zu
wenig organisierten Dienstleistungstätigkeiten, der gerade jüngere
Altersgruppen betrifft; Entwicklungen wie individualistische Werthaltungen und
Politikverdrossenheit, das Verschwinden von sozialkulturellen Milieus zeigen
sich besonders im Osten bei den spezifischen Arbeitsmarktproblemen von
Jüngeren.[14] Ob die Attraktivität einer kollektiven Solidargemeinschaft durch
neue Dienstleistungs- und Kommunikationsangebote (z.B. "chat
room"-Angebote) unter Jugendlichen erhöht werden kann, kann heute kaum
abschließend beurteilt werden. Vermehrte Jugendarbeit und die Werbung junger
Arbeitnehmer ist unerlässlich, jedoch ist dies umso schwerer, je mehr die
Gewerkschaften in ihrer Mitgliederstruktur und im Funktionärsapparat
überaltern.
4.6 Rentner
Überaltern die Gewerkschaften? Heute ist nahezu jedes fünfte DGB-Mitglied im
(Vor-) Ruhestand. Mit Eintritt des Ruhestands bleibt ein Großteil der
Mitglieder ihrer Gewerkschaft treu, zumal sie einen geringen Beitrag bezahlen
dürfen und weiter Mitgliedsleistungen erhalten (z.B. Rentenberatung).
"Weitgehend unbeabsichtigt und unbemerkt hat sich der Deutsche
Gewerkschaftsbund mit seinen Mitgliedsorganisationen zu einer der größten
deutschen Seniorenorganisationen entwickelt" (Künemund 1994: 32). Die
Einzelgewerkschaften unterscheiden sich in Bezug auf die branchenspezifischen
Altersstrukturen und Frühverrentungstrends (vgl. Künemund 1994: Tab. 2.1, S.
33).[15] Die Vereinigung hatte zunächst eine gewisse Verjüngung gebracht (1991:
DGB 13%), gerade für die Spitzenreiter (Transnet und IG BE ca. 30%); doch sind
in den 90er-Jahren besonders durch den hohen Anteil von Austritten von jüngeren
Mitgliedern in Ostdeutschland die Seniorenanteile wieder gestiegen.
4.7 Arbeitslose
Die deutschen Gewerkschaften sahen bisher die Organisation von Arbeitslosen als
weniger dringlich an, da sich die Gefahr des untertariflichen Lohndumpings in
der bundesrepublikanischen Tariflandschaft dank Tarifbindung der Arbeitgeber,
staatlicher Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung faktisch nicht
stellt. Bis in die 80er-Jahre hinein wurden Arbeitslose kaum von den
Gewerkschaften umworben, so dass ihr Anteil bis zur Wende bei den meisten
DGB-Gewerkschaften unterhalb der Arbeitslosenquote lag.[16] Die gewerkschaftlich
Organisierten sind im Allgemeinen weniger häufig arbeitslos als nicht
Organisierte, da sie meist eine bessere berufliche Qualifikation aufweisen und
besser durch Betriebsräte geschützt werden können (Armingeon 1987: 77; vgl. Streeck 1981: 90).
Der massive Stellenabbau nach der Vereinigung führte jedoch zu einer bis
dahin unbekannten Zunahme von Arbeitslosen: Die Arbeitslosigkeit beträgt im
Osten das Doppelte (1998: 19,8%) des Westens (10,5%). Es bildeten sich zunehmend
Arbeitsloseninitiativen, zu denen Gewerkschaften wie die IG Metall
Koordinationsstellen schufen. Der Anteil der arbeitslosen Mitglieder hat nicht
nur zugenommen, sondern liegt im Osten überproportional hoch. So waren 1998
12,3% aller IG-Metall-Mitglieder auf Arbeitssuche, jedoch 30,7% der
Ostmitglieder. Zumindest ältere Arbeitslose verblieben im Osten eher in der
Gewerkschaft, während jüngere Arbeitssuchende kaum Mitglied geworden sind.
Der Einfluss von Arbeitslosigkeit auf die Mitgliederentwicklung zeigt in
empirischen Zeitreihenanalysen widersprüchliche und uneindeutige Ergebnisse
(Armingeon 1987; Schnabel 1989). Eine Studie legt gar nahe, dass zumindest vor
der Vereinigung sich die "positiven und negativen Einflussfaktoren im
wesentlichen ausgleichen und dass der Nettoeffekt der Arbeitslosigkeit auf die
gewerkschaftliche Mitgliederstärke gering ist." (Schnabel 1993: 219). Das
heißt jedoch nicht, dass Gewerkschaften einem Anwachsen der Arbeitslosigkeit
indifferent gegenüberstehen sollten. So ist die Organisation von Arbeitslosen
aus politischen Gründen geboten, aber bei Ressourcenknappheit und geringer
Neigung sind gerade die jüngeren Arbeitssuchenden relativ schwer zum Eintritt
in die Gewerkschaft zu bewegen.
Tabelle 3 Nettoorganisationsgrade in Westeuropa, USA
und Japan, 1960-1995
|
| |
Nettoorganisationsgrad (%)
|
Wachstum (%)
|
| |
|
| |
1960 |
1980 |
1995 |
1960-1980 |
1980-1995 |
|
| Schweden |
70,7 |
78,2 |
87,5 |
+10,6 |
+11,9 |
| Finnland |
29,3 |
70,0 |
78,8 |
+138,9 |
+12,6 |
| Dänemark |
60,2 |
77,5 |
78,1 |
+28,7 |
+0,8 |
| Belgien |
40,7 |
56,6 |
59,8 |
+39,1 |
+5,7 |
| Norwegen |
51,6 |
54,1 |
52,5 |
+4,8 |
–3,0 |
| Irland |
43,8 |
55,3 |
41,0 |
+26,3 |
–25,9 |
| Österreich |
57,8 |
50,8 |
38,9 |
–12,1 |
–23,4 |
| Italien |
22,2 |
44,4 |
32,4 |
+100,0 |
–27,0 |
| UK |
43,5 |
52,2 |
32,1 |
+20,0 |
–38,5 |
| Deutschland |
34,2 |
33,6 |
26,5 |
–1,8 |
–21,1 |
| Japan |
32,2 |
30,3 |
23,8 |
–5,9 |
–21,5 |
| Niederlande |
41,0 |
32,4 |
22,9 |
–21,0 |
–29,3 |
| USA |
28,9 |
21,1 |
14,9 |
–27,0 |
–29,4 |
| Frankreich |
19,2 |
17,1 |
8,6 |
–10,9 |
–49,7 |
|
|
Quelle: Bernhard Ebbinghaus / Jelle Visser,
2000: Trade Unions in Western Europe since 1945 (Handbuch und CD-ROM).
London / New York: Macmillan / Palgrave; eigene Berechnungen.
Nettoorganisationsgrad: aktive Mitglieder
(ohne Rentner) / abhängige Erwerbspersonen. |
5 Die deutschen Gewerkschaften im internationalen Vergleich
Im Vergleich zu den westeuropäischen Gewerkschaftsbewegungen nehmen die
deutschen Gewerkschaften einen unteren Mittelplatz in Bezug auf den
Organisationsgrad ein und sind, wie viele andere, vom langfristigen
Mitgliederschwund betroffen (vgl. Ebbinghaus / Visser 2000). Es bestehen sehr
markante Unterschiede im Organisationsniveau zwischen den westeuropäischen
Gewerkschaftsbewegungen, und einige Länder weichen gar vom allgemeinen
negativen Trend ab (siehe Tabelle 3). Besonders auffallend ist, dass in einigen
nordischen Ländern und in Belgien trotz steigender Arbeitslosigkeit der
Mitgliedschaftstrend positiv verläuft. In diesen Ländern wird die
Arbeitslosenversicherung gewerkschaftlich verwaltet (das so genannte
"Genter Modell"); dabei wird sie zunehmend vom Staat subventioniert.
Auch wenn die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft keine Voraussetzung für
den Beitritt einer Sozialversicherung ist, so wird den Gewerkschaften diese
kollektive Schutzfunktion positiv zugeschrieben. In Deutschland wie auch in
vielen anderen Ländern wurde diese Selbsthilfefunktion vom Staat übernommen.
Die einmal verlorene Funktion kann kaum wiedergewonnen werden. Trotzdem
versuchen gerade amerikanische und britische Gewerkschaften mit neuen
freiwilligen Versicherungen selektive Anreize für Mitgliederwerbung anzubieten,
doch blieben durchschlagende Erfolge bisher aus. Mitgliedschaftszwang
("closed shops") und Abkommen zum Lohnabzugsverfahren, die noch
gelegentlich in den nordischen Ländern und Irland vorkommen und in
Großbritannien seit Thatcher eingeschränkt wurden, konnten sich in Deutschland
aus rechtlichen Gründen nicht durchsetzen.
Aus vergleichender Perspektive ist für die Mitgliederrekrutierung der
gewerkschaftliche Zugang auf betrieblicher Ebene von zentraler Bedeutung (vgl.
Ebbinghaus / Visser 1999). Wiederum sind die nordischen Gewerkschaften ein
positives Beispiel: Anders als in der dualen Vertretungsstruktur der
Bundesrepublik sind die nordischen Vertrauensleute die wesentlichen
Arbeitnehmervertreter auf Betriebsebene und schließen auch Tarifverträge mit
dem Arbeitgeber ab. Das Zusammenspiel von institutionalisierten
Kollektivverhandlungen auf zentraler und dezentraler Ebene stärkt die
nordischen Gewerkschaften, der hohe Organisationsgrad gibt ihnen dabei genügend
Durchsetzungsmacht. Der höhere Organisationsgrad der österreichischen
Gewerkschaften erklärt sich ebenfalls durch die bessere Vertretung und
tarifvertragliche Funktion der Betriebsebene. Anderseits zeigt der langfristige
Mitgliederschwund in den Niederlanden, dass die Einbindung der Gewerkschaften in
korporatistische Arrangements kein Ersatz für Mitgliederwerbung auf
Betriebsebene sein kann. Auch in Deutschland zeigt sich eine zunehmende
Schwächung der Mitbestimmungsinstitutionen. Die Betriebsratsnovellierung 2001
durch die rot-grüne Regierung zielt auf gewisse Erleichterungen bei der
Durchsetzung von Betriebsräten in den schwerer organisierbaren Branchen, ob sie
jedoch eine merkliche Verbesserung des gewerkschaftlichen Betriebszugangs und
der Mitgliederrekrutierung bewirken kann, wird sich erst in der Zukunft zeigen.
Die Folgen des Strukturwandels von der Industrie- zur
Dienstleistungsgesellschaft haben einerseits zu einer Ausweitung des besser
organisierbaren öffentlichen Dienstes, anderseits zu einem Zuwachs im
unterorganisierten privaten Dienstleistungssektor und von
Angestelltentätigkeiten geführt. Die meisten Gewerkschaftsbewegungen haben
eine starke Stellung im öffentlichen Dienst erworben, der jedoch seit den
80er-Jahren der Deregulierung, Privatisierung und Strukturreform ausgesetzt ist.
Selbst in Großbritannien, wo der konservative Umbau am weitesten
fortgeschritten ist, liegt der Organisationsgrad im "public sector"
noch dreimal so hoch wie in der Privatwirtschaft. Wie bereits gezeigt, ist in
Deutschland der öffentliche Dienst (insbesondere die Beamten) ebenfalls besser
organisiert als die Angestellten im privaten Dienstleistungssektor. Im Gegensatz
zu den Jahren der Expansion des Wohlfahrtsstaates wird die Beschäftigung im
relativ gut organisierten öffentlichen Dienst in der Zukunft stagnieren oder
gar zurückgehen. Außerdem ist der deutsche
"Sozialversicherungsstaat" weniger dienstleistungsintensiv als der
nordische Wohlfahrtsstaat, der gerade für Frauen Erwerbsmöglichkeiten im gut
organisierten öffentlichen Dienst schafft.
Die Organisation des privaten Dienstleistungssektors und der Angestellten in
der Industrie wird deshalb in Zukunft noch mehr an Bedeutung gewinnen. Der hohe
Organisationsgrad der nordischen Gewerkschaften wäre heute unmöglich ohne die
Organisationserfolge unter den Angestellten des privaten Sektors. Spezielle
Angestellten- und Akademiker-Verbände entstanden als kollektive Reaktion auf
die Organisationserfolge der Arbeitergewerkschaften. Diese funktionale
Interessendifferenzierung und der Wettbewerb von Partikularinteressen um
Verbandseinfluss in der Tarif- und Sozialpolitik erlaubte auch die Mobilisierung
der politisch heterogeneren Angestelltenschichten. In Belgien und Österreich
sind heute die Angestelltenverbände die größten Mitgliedsverbände innerhalb
ihres Gewerkschaftsbundes. In Deutschland hat der Zusammenschluss zur
Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di die bisherige "standespolitische"
Fragmentierung mit Ausnahme der Beamten überwunden. Ob eine solche
Mega-Gewerkschaft auch Erfolg bei den Angestellten im privaten
Dienstleistungssektor erzielen kann, wird sich erst in der Zukunft zeigen. Die
neuen Medien, vor allem das Internet, eröffnen hier neue Möglichkeiten der
Mitgliederkommunikation und informationsgestützter Dienstleistungen, die gerade
die Angestellten ansprechen könnten.
Der Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft ermöglicht auch die zunehmende
Beteiligung von Frauen am Erwerbsleben. Die nordischen Länder sind nicht nur
führend in der Beteiligung von Frauen am Arbeitsleben, sondern auch in ihrer
gewerkschaftlichen Einbindung. Heute bestehen, trotz verbreiteter
Teilzeitarbeit, keine geschlechterspezifischen Unterschiede im gewerkschaftlich
gut organisierten Dänemark oder Schweden. Die skandinavischen Gewerkschaften
sind überdies Vorreiter in der Öffnung gewerkschaftlicher Führungspositionen
für Frauen. Aber auch in Großbritannien haben sich die geschlechtsspezifischen
Unterschiede angeglichen, wenn auch durch ein Absinken des männlichen
Organisationsgrads; Frauen stellen nun 45% aller britischen
Gewerkschaftsmitglieder.
In Deutschland wie in anderen kontinentaleuropäischen Ländern besteht
weiterhin eine erhebliche geschlechtsspezifische Mobilisierungs- und
Vertretungslücke. Noch immer sind Frauen in der Minderheit: Seit der
Vereinigung sind ein Drittel der DGB-Mitglieder Frauen (ähnlich wie im
österreichischen Gewerkschaftsbund), während Arbeitnehmerinnen nur ein Viertel
der niederländischen Gewerkschaftsmitglieder (wie im DGB vor der Wende)
repräsentieren. Gewerkschaften in romanischen Ländern veröffentlichen erst
gar nicht die niedrigen Mitgliederzahlen der Frauen, die teilweise von der
niedrigeren Beschäftigtenrate herrührt. Auch heute ist nur jede fünfte
Arbeitnehmerin (im Vergleich zu jedem dritten Arbeitnehmer) in Deutschland
gewerkschaftlich organisiert.
Tabelle 4 Mitglieder- und
Organisationsgradentwicklung in der Bundesrepublik
|
|
|
|
Organisationsgrade
|
| |
|
|
|
BRD
insgesamt |
Mitglieder
(Tsd.) |
Rentner
(%) |
Erwerbs-
personen (BOG I) |
ohne
Rentner (NOG I) |
Erwerbstätige (BOG II) |
|
| 1950 |
5.994 |
6,4 |
37,9 |
35,4 |
42,9 |
| 1952 |
6.778 |
7,2 |
40,5 |
37,6 |
45,0 |
| 1960 |
7.763 |
10,5 |
37,8 |
33,8 |
38,3 |
| 1969 |
7.979 |
15,4 |
36,4 |
30,8 |
36,7 |
| 1978 |
9.280 |
14,1 |
38,8 |
33,3 |
40,4 |
| 1990 |
9.620 |
16,7 |
35,2 |
29,3 |
37,8 |
| 1991 |
13.768 |
13,1 |
37,7 |
32,8 |
40,6 |
2000
|
9.728 |
18,8 |
26,6 |
21,6 |
29,8 |
|
|
Jährliche Veränderungen (%) |
|
| 1950-52 |
+6,3 |
+6,1 |
+3,5 |
+1,9 |
+2,4 |
| 1952-60 |
+1,7 |
+4,7 |
–0,9 |
–2,4 |
–2,0 |
| 1960-69 |
+0,3 |
+4,4 |
–0,4 |
–1,1 |
–0,5 |
| 1969-78 |
+1,7 |
–1,0 |
+0,7 |
+1,3 |
+1,1 |
| 1978-90 |
+0,3 |
+1,4 |
–0,8 |
–0,8 |
–0,6 |
| 1990-01 |
+43,1 |
–21,7 |
+7,3 |
+12,2 |
+7,5 |
| 1991-00 |
–3,8 |
+4,1 |
–3,8 |
–4,1 |
–3,4 |
|
| |
Organisationsgrade (Erwerbstätige: BOG II) |
(BOG I) |
| |
|
| |
Frauen |
Arbeiter |
Angestellte |
Beamte |
DGB |
|
| 1950 |
.. |
45,8 |
27,8 |
65,9 |
34.4 |
| 1952 |
.. |
47,3 |
29,2 |
74,3 |
35.9 |
| 1960 |
20,3 |
41,6 |
21,0 |
82,6 |
31.1 |
| 1969 |
17,7 |
40,5 |
20,7 |
75,9 |
29.6 |
| 1978 |
22,1 |
49,2 |
23,0 |
71,6 |
32.4 |
| 1990 |
24,4 |
49,7 |
21,3 |
64,6 |
29.0 |
| 1991 |
31,8 |
49,3 |
22,3 |
64,3 |
32.3 |
| 2000 |
22,8 |
37,6 |
17,7 |
66,0 |
21.3 |
|
|
Jährliche Veränderungen (%) |
|
| 1950-52 |
.. |
+1,6 |
+2,4 |
+6,2 |
+2.2 |
| 1952-60 |
.. |
–1,6 |
–4,0 |
+1,3 |
–1.8 |
| 1960-69 |
–1,5 |
–0,3 |
–0,2 |
–0,9 |
–0.5 |
| 1969-78 |
+2,5 |
+2,2 |
+1,2 |
–0,7 |
+1.0 |
| 1978-90 |
+0,8 |
+0,1 |
–0,6 |
–0,8 |
–0.9 |
| 1990-01 |
+30,4 |
–0,8 |
+5,1 |
–0,5 |
+11.4 |
| 1991-00 |
–3,6 |
–3,0 |
–2,6 |
+0,3 |
–4.5 |
|
|
Quelle: bis 1990: Westdeutschland, ab 1991:
Ost und West; siehe Tabelle 1 und 2. |
6 Fazit: Organisationsdefizite als Schicksal oder
Herausforderung?
Mitglieder- und Organisationsgradentwicklungen in der Bundesrepublik
Deutschland lassen sich nur zum Teil mit wirtschaftlichen und politischen
Veränderungen erklären. Der Rückgang während der 50er- und 60er-Jahre ging,
anders als prognostiziert, mit sinkenden und niedrigen Arbeitslosenquoten
einher, während sie in den 70er-Jahren (1969-1978), in den Jahren steigender
Massenarbeitslosigkeit, zunächst relativ zur Beschäftigung anstiegen.
Entsprechend den Erwartungen zeigt sich erst in den 80ern und vor allem seit der
Vereinigung, dass massiver anhaltender Stellenabbau zu einem merklichen
Rückgang des Organisationsgrades führt, und dies nicht nur im Osten. Auch im
Westen hat er nun die Stammbelegschaften erreicht.
Die politischen Zyklen begleiten durchaus den Mitgliedertrend (siehe Tabelle
4): Die langen konservativen Regierungsjahre beendeten den Nachkriegsboom (bis
1952) und die sozialliberale Koalition (mit ihren Mitbestimmungsreformen) trug
zu den Organisationserfolgen bei, während die konservative Wende (1982) die
Erosion der Mitgliederstärke (um -0,8% von 1978 bis 1990) einleitete. Mit der
Vereinigung ergaben sich kurzfristige Mitgliedergewinne im Osten um 4 Millionen,
die innerhalb einer Dekade vor allem in Folge des massiven Stellenabbaus wieder
zerronnen sind. Sie stellten zunächst den kontinuierlichen Rückgang im Westen
(für den DGB um 2-3%) in den Schatten. Die anhaltende Massenarbeitslosigkeit
und die spezifische Problemlage des Ostens stellen die deutschen Gewerkschaften
heute vor eine bisher unbekannte Herausforderung. Auch der politische Wechsel
mit der Abwahl der Regierung Kohl (1998) und die rot-grüne
gewerkschaftsfreundliche Reform des Betriebsverfassungsgesetzes (2001) scheinen
bisher keinen Umschwung in der Mitgliederwerbung eingeleitet zu haben.
Soziologische Erklärungen der langfristigen Mitgliederentwicklung heben auf
die sozialstrukturellen Veränderungen ab, die jedoch oft auch von politischen
und organisationsstrategischen Entscheidungen abhängen. Der Ausbau des
öffentlichen Dienstes mit seinen erleichterten Organisationsbedingungen hatte
zunächst zu den Organisationserfolgen der 70er-Jahre beigetragen. Danach
verschlechterten der Einstellungsstopp, die Privatisierungen und die eingeschränkte
Verbeamtung in Ostdeutschland die gewerkschaftlichen Organisationsbedingungen.
Noch nachteiliger haben sich die Deindustrialisierung und der Wandel zur
Dienstleistungsgesellschaft ausgewirkt. Sie führten zu einem Rückgang der gut
organisierten Industriearbeiterschaft (von 70% 1950 auf unter 40% heute) und
einem Anstieg der nur schwer organisierbaren Angestelltenberufe (von 23% auf
über 50%), besonders im privaten Dienstleistungssektor. Jedoch war es nicht
alleine die sozialstrukturelle Umschichtung, sondern auch das Absinken der
Organisationsneigung in allen drei Arbeitnehmergruppen seit der Vereinigung (so
unter den Arbeitern von 49% auf 38%), der zu dem merklichen Rückgang führte.
Zur Erklärung des umfassenden Mitgliederrückgangs bedarf es auch der
Berücksichtigung des Wandels der institutionellen Rahmenbedingungen, die sich
negativ auf das Organisationsumfeld auswirkten und unter denen es den
Gewerkschaften immer schwerer fiel, erfolgreiche Organisationsstrategien zu
entwickeln. Neben der sozialen und politischen Mobilisierung der frühen
70er-Jahre, führten die Reformen der Mitbestimmung zu den Organisationserfolgen unter
Arbeitern und öffentlich Bediensteten in den 70er-Jahren. In den 80er-
und vor allem 90er-Jahren haben die zunehmende Erosion dieser institutionellen
Betriebsverfassung, sowie die zunehmende Tarifflucht, Flexibilisierung und
Deregulierung, die flächendeckende betriebliche Mitgliederwerbung erheblich
erschwert. Wesentliche Voraussetzungen für betriebliche Mobilisierung und
Mitgliederwerbung im Betrieb sind die indirekten Organisationshilfen durch
gewerkschaftsnahe Betriebsräte. Ob die Novelle des Betriebsverfassungsgesetzes von
2001 diese Bedingungen gerade im wachsenden Bereich von Kleinbetrieben und im Dienstleistungssektor wesentlich verbessert und zu einem ähnlichen
Mitgliederzuwachs wie die Reformen der 70er-Jahre beiträgt, erscheint
angesichts der moderaten Änderungen eher zweifelhaft.
Der internationale Vergleich verdeutlicht darüber hinaus, dass der
Mitgliederrückgang
der 90er-Jahre zwar durch die besondere Situation nach der Vereinigung
verstärkt wurde, aber dass die deutschen Gewerkschaften vor ähnlichen
Herausforderungen stehen wie viele ihre Nachbarn. Anderseits zeigt die Erfahrung
der skandinavischen Gewerkschaften auf, dass durchaus Organisationserfolge auch
unter den Angestelltenberufen erzielt werden können und dass Frauen trotz
Teilzeitarbeit und prekären Arbeitsbedingungen gleichermaßen organisierbar
sind wie ihre männlichen Kollegen. Der sozialstrukturelle Wandel muss wegen der
Abnahme der traditionellen Kernmitgliedschaftsgruppen nicht zwangsläufig zu
einem Mitgliederverlust führen. Organisationserfolge in neuen sozialen Gruppen
setzen jedoch eine bewusste Öffnung und modernisierte Organisationsstrategie
voraus.
Eine Neuorientierung ist sicherlich geboten. Ohne eine Umkehr des
gegenwärtigen Abwärtstrends (um jährlich 3-4%) würde der Nettoorganisationsgrad in der Bundesrepublik von heute noch über 20% innerhalb
von weniger als 20 Jahren auf unter 10% fallen. Das ist der gegenwärtige Stand
der schwachen französischen Gewerkschaften. Der rapide Rückgang des
Organisationsgrades im Osten hat sich schrittweise auf den gesamtdeutschen Trend
einpendelt. Aber selbst im Westen verlieren die DGB Gewerkschaften noch graduell
um 2-3% jährlich an Mitgliedern (davon bis zu 2% unter Arbeitern), und nichts deutet auf eine
Verlangsamung dieses Trends. Die in weniger als 10 Jahren verlorenen 4 Millionen
Mitglieder im Osten und das bereits seit den 80er-Jahren in Westdeutschland
langsam abbröckelnde Organisationspotential können nur mit beträchtlichen
Anstrengungen wiedergewonnen werden.
Die spezifische Problemlage des Ostens mag zwar die dramatischen Rückgänge
dort erklären, sie schwächen jedoch auch die Verbände über den Osten hinaus
und verdeckten bisher eher den langfristigen Niedergang des deutschen
Organisationsmodells. Selbst unter den Stammbelegschaften von Industriebetrieben
und unter den Beschäftigten des öffentlichen Dienstes verlieren die deutschen
Gewerkschaften an Rückhalt: Der Organisationsgrad der Industriegewerkschaften
ist unter den Arbeitern, Angestellten und Beamten auf den niedrigsten Stand seit
Gründung der Bundesrepublik gefallen. Immer mehr Arbeitnehmer profitieren vom Schutz des
Flächentarifvertrages und bewerten die Rolle der Gewerkschaften (in Umfragen)
durchaus positiv. Nur wenige sind jedoch bereit, diese Gemeinschaftstätigkeit
durch ihre Mitgliedschaft zu unterstützen. Auch wenn selektive
Unterstützungsleistungen und Beratungsangebote "nur für Mitglieder"
die Attraktivität eines Gewerkschaftsbeitritts erhöhen könnten, sind aus
finanziellen und arbeitsrechtlichen Gründen die Möglichkeiten ihres Ausbaus
über die Kernleistungen hinaus begrenzt.
Die Aussichten für die Zukunft sind angesichts der Veränderungen auf dem
Arbeitsmarkt noch düsterer. Als ein zunehmender Nachteil zeigen sich die
Organisationsdefizite deutscher Gewerkschaften bei Frauen und Jugendlichen, bei
Angestellten- und Dienstleistungsberufen, bei Teilzeitbeschäftigten und
Arbeitlosen, sowie bei Beschäftigten in Kleinbetrieben.
Konzentrationsbewegungen in Richtung Multibranchengewerkschaften à la Ver.di
können zwar knapper gewordene Ressourcen effizienter einsetzen, es muss jedoch
bezweifelt werden, ob die weniger organisierten Berufe und sozialen Gruppen sich
in solchen Großorganisationen mit ihren partikularen Interessen adäquat
repräsentiert sehen. Bis heute spiegeln sich in den gewerkschaftlichen
Mitgliedschaftskarteien die Sozialstrukturen vergangener Zeiten wider. Die
überdurchschnittlichen Anteile älterer männlicher Industriearbeiter und
Beamter zeigen sich auch in den politischen Forderungen, wie z.B. bei der
"Rente mit 60" der IG Metall. Jüngere Arbeitnehmer werden dadurch
sicherlich nicht gewonnen. Nach einer aktuellen Umfrage im Auftrag der IG Metall stimmen 60% der Mitglieder (und 70% der Nichtmitglieder) dem Satz zu,
dass die Industriegewerkschaft aufpassen müsse, den Anschluss an die Zukunft
nicht zu verlieren (Eichler 2000).
Das Dilemma der von Mitgliederschwund betroffenen deutschen Gewerkschaften
besteht darin, sich gleichzeitig für neue soziale Gruppen und Interessenlagen
öffnen zu müssen, während sie weiterhin und zunehmend unter erschwerten
Rahmenbedingungen ihre Tarifarbeit für die noch mobilisierbaren
Kernmitgliedschaftsgruppen betreiben müssen. Ob gegenwärtige
Organisationsreformen und mögliche Neuorientierungen der Gewerkschaftspolitik
ausreichen, den Trend umzukehren, wird sich erst in den nächsten Jahren
erweisen. Die niederländischen Gewerkschaften vermochten nach einer
Modernisierung ihrer Organisation und Politik den lang anhaltenden Niedergang
zumindest aufzuhalten. Ob ein solches "holländisches Wunder" auch in
der Bundesrepublik möglich ist, liegt zum Teil in den Händen der
Gewerkschaften selbst. Aber auch der Staat und die Arbeitgeber können einem
schleichenden Dahinschwinden der Mitgliederbasis der größten sozialen
Interessenorganisation, die zum gesellschaftlichen wie betrieblichen sozialen
Frieden in der Bundesrepublik beigetragen hat, kaum indifferent
gegenüberstehen.
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