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MPIfG Working Paper
00/6, November 2000
by Raymund Werle
Das
"Gute" im Internet und die Civil Society
als globale
Informationsgesellschaft
Raymund Werle ist
Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für
Gesellschaftsforschung, Köln
Abstract
The diffusion of the Internet has reinforced
expectations that electronic communication media will trigger
fundamental changes in society. Some argue that outside the
real-world society a cybersociety is evolving which has its own
norms of using technology and of dealing with one another. The
technical and institutional structures of cyberspace and the values
they embody are regarded as basic components of a model of a
"good" society in which good technical norms are in
accordance with good social norms. The paper describes the
"good" of the Internet by examining the development of its
technical, institutional and normative structure. The values of
science, scepticism or opposition towards hierarchies, collective
trust in the responsible "netizen" as well as new, open
and "democratic" modes of technical coordination and
standardization beyond politics and business shaped the early stages
of Internet development. They have been present in the way the
Internet Community perceives itself and is perceived by others, even
though - as a consequence of the evolution of the World Wide Web -
the Internet has been transformed into a multimedia system and has
become socially heterogeneous.
The old normative and institutional elements
of the Internet are expected to facilitate its global expansion.
National and international policy initiatives aimed at launching a
global information infrastructure mimic the model of the Internet.
Not only big corporations and governments, but also voluntary
associations, international organizations, private consortiums and
the user community shall push this project forward. The global civil
society is conceived of as a self-governed information society whose
backbone is the global Internet.
Kurzfassung
Mit der Ausbreitung des Internet haben die
Erwartungen, dass die elektronischen Kommunikationsmedien
tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungsprozesse auslösen
werden, neue Nahrung erhalten. Gelegentlich wird sogar behauptet,
dass sich außerhalb der Realgesellschaft eine Cybersociety
entwickelt, die über eigene Normen des Umgangs und der
Verständigung seiner Bürger sowohl mit der Technik als auch
miteinander verfügt. Die technischen und institutionellen
Strukturen des Cyberspace und die in ihnen verkörperten Werte
werden als tragende Elemente eines Modells einer "guten"
Gesellschaft idealisiert, in der gute soziale und technische
Standards korrespondieren. Im Papier wird das "Gute" des
Internet skizziert, indem die Entwicklung seiner technischen und
seiner institutionellen und normativen Struktur analysiert wird.
Werte der Wissenschaft, Skepsis oder Opposition gegenüber
Hierarchien, kollektives Vertrauen in den mündigen Internetbürger
sowie neue offene und "demokratische" Formen der
technischen Koordination und Standardisierung jenseits von Politik
und Kommerz prägen die frühen Entwicklungsphasen des Netzes. Sie
wirken bis heute im Selbstbild und im Fremdbild der
Internet-Community nach, auch wenn mit der Entwicklung des World
Wide Web das Internet sozial heterogen und technisch multimedial
geworden ist.
Die alten normativen und institutionellen
Elemente des Netzes sollen nun auch die globale Ausbreitung des
Internet fördern. Nationale und internationale politische
Initiativen, die darauf zielen, eine globale
Informationsinfrastruktur aufzubauen, orientieren sich am Modell
Internet. Nicht nur große Unternehmen und schon gar nicht
Regierungen, sondern freiwillige Assoziationen, internationale
Organisationen, private Konsortien, aber auch die User-Community
sollen das Projekt vorantreiben. Die globale Civil Society soll eine
von ihr selbst geordnete Informationsgesellschaft mit dem globalen
Internet als Rückgrat werden.
Inhalt
1 Einleitung
2 Theoretische
Vorbemerkung: Zur Prägekraft der
Geschichte
und zur handlungssteuernden Wirkung von Technik
3 Das "Gute" im Internet
4 Internet und Civil Society Literatur
Literatur
1
Einleitung[1]
Am Internet scheiden sich die Geister. Zwar
besteht Einigkeit, dass dieses elektronische Kommunikations- und
Informationsmedium tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen
auslösen wird, doch ist deren konkrete Ausprägung, vor allem aber
deren Bewertung umstritten. Dies ist auch darauf zurückzuführen,
dass das Internet heute, sieht man von einigen allen Netzteilen
gemeinsamen technischen Spezifikationen ab, kaum als ein
einheitliches Netz erscheint, über das man leicht generalisierende
Aussagen machen kann. Dennoch ermöglichen es die vorliegenden
empirischen Studien über die Entstehung, die Entwicklung und die
aktuellen Steuerungsprobleme des Netzes einerseits und über die
Muster und Folgen der Nutzung einschließlich der Herausbildung
virtueller Gemeinschaften andererseits die technischen,
institutionellen und normativen Strukturen des Internet
generalisierend einzuschätzen. Diese Strukturen und die in ihnen
verkörperten Werte werden gelegentlich als tragende Elemente einer
"guten" Gesellschaft charakterisiert, in der sich gute
technische und gute soziale Merkmale wechselseitig stabilisieren. Nach einer kurzen theoretischen Vorbemerkung, die zum einen
begründet, warum für die Analyse auch ein Blick auf die
Entstehungsgeschichte des Internet notwendig ist, und die zum
anderen skizziert, wie Technik Optionen sozialen Handelns
strukturiert, werde ich im ersten Hauptteil meines Vortrags einige
dieser technischen, institutionellen und normativen Elemente näher
untersuchen. Dabei wird die techniksoziologische mit einer
institutionellen Perspektive verknüpft. Da das Internet in den USA
entstanden ist, wo es auch heute noch seinen eindeutigen Schwerpunkt
hat, liegt auch der Schwerpunkt der Analyse auf den USA.
Im zweiten Hauptteil wende ich mich
spezifischen Aspekten der Nutzung des Internet zu. Vor dem
Hintergrund der aktuellen Debatte über Informationsgesellschaft und
Civil Society skizziere ich bereits sichtbare oder zu erwartende
politische Struktureffekte des Internet als einer relativ
zweckoffenen technischen Infrastruktur.
2
Theoretische Vorbemerkung: Zur
Prägekraft der Geschichte und
zur handlungssteuernden Wirkung von Technik
Wenn ich die Analyse mit einem Blick in die
frühe Geschichte des Internet beginne, so tue ich dies nicht, um
die vielfältigen Mythen zu zerstören, die sich um die Entstehung
und Entwicklung des Netzes ranken. Nur als Nebenbemerkung sei
gesagt, dass Erfolgsgeschichten wie die des Internet, insbesondere
wenn sie Amerikanische sind, dazu verleiten, persönliche
Pionierleistungen, die es ganz unbestritten gegeben hat, zu
glorifizieren und die Bedeutung gesellschaftsstruktureller und
institutioneller Faktoren zu unterschätzen. Der Blick in die
Geschichte dient vielmehr dazu, charakteristische technische
Merkmale des Internet und seine ursprüngliche soziale Einbettung,
aber auch parallele Entwicklungen von Datennetzen in den USA zu
skizzieren. Zeitlich relativ weit zurück liegende Ereignisse und
Entscheidungen haben technische und soziale Entwicklungsprozesse
ausgelöst, deren strukturierende Wirkungen im Sinne einer
Pfadabhängigkeit bis heute anhalten (vgl. hierzu Pierson 2000). Es
sind vor allem die überkommenen technischen Strukturen und die
traditionellen normativen Prinzipien der Nutzung und Gestaltung des
Internet - also frühzeitig entstandene strukturelle und
institutionelle Elemente -, die gemeint sind, wenn auf das Gute im
Internet verwiesen wird.
Dies ist aus techniksoziologischer Sicht
interessant, weil technischen Faktoren normativ klassifizierbare
Wirkungen zugerechnet werden. Um zu illustrieren, was hiermit
gemeint ist, orientiere ich mich an einem sehr einfachen Schaubild,
das Lawrence Lessig, ein Rechtsprofessor an der Harvard
Universität, in einem viel beachteten Buch über die Gesetze des
Cyberspace in verschiedenen Varianten präsentiert (Lessig 1999:
88).
Lessig nennt vier Faktorenbündel - er spricht
auch von "constraints" -, die das Handeln der Akteure, wie
er sagt, "regulieren". Rechtliche Regeln, Marktkräfte,
soziale Normen, aber auch technische Systemarchitekturen
determinieren unser Handeln zwar nicht, wie Lessig meint,
unmittelbar, sie konstituieren und strukturieren aber unsere
Handlungsoptionen - in der realen Welt ebenso wie in der Welt der
Computernetze. Die Struktur eines Gebäudes oder die eines
Straßennetzes sind Systemarchitekturen der realen Welt. Im
Cyberspace sind es zum Beispiel Protokolle für die Kommunikation
zwischen Computern und für die Übertragung von Daten, oder es ist
Software für deren Verschlüsselung. Solchen technischen Faktoren
attestiert Lessig eine besondere Effektivität, weil sie quasi
automatisch auf das Verhalten wirken. Sie sind "self-executing",
während etwa die Wirksamkeit des Rechts und der sozialen Normen
auch davon abhängt, dass abweichendes Verhalten tatsächlich
sanktioniert wird (Lessig 1999: 233-239).
Die
Beispiele für die Verhaltenswirksamkeit technischer Architekturen
in der realen Welt sind zahlreich. Wir betreten ein Gebäude durch
die Tür und klettern nicht durch das Fenster, und wir sehen uns
veranlasst, den Aufzug zu benutzen, um das 25. Stockwerk zu
erreichen, wollen wir dort nicht ziemlich erschöpft ankommen. Im
Cyberspace, einer zunächst rein technisch konstituierten Welt, in
der sogar technische Akteure, sogenannte Agenten, existieren, ist
die handlungssteuernde Wirkung von Technik besonders stark. Wenn man
zum Beispiel bestimmte Regeln der Adressierung einer E-Mail nicht
beachtet, wird der elektronische Brief nicht befördert. Es
herrscht, so könnte man fast sagen, Technikdeterminismus. Und doch
ist das Handeln nicht in dem Sinne determiniert, dass es
überwiegend einer technischen Eigenlogik folgt (vgl. auch Werle
2000a). Vielmehr werden auch soziale Normen, rechtliche Regeln oder
ökonomische Prinzipien, um es in der Sprache der
Sozialkonstruktivisten auszudrücken, in die Technik
"eingeschrieben" (Knie 1994) und durch die Technik bzw. in
technisch mediatisierter Form wirksam - wiederum aber nur so, dass
sie Handlungsoptionen im Sinne einer Opportunitätsstruktur
eröffnen und strukturieren (Schaubild 2).[2]
Es ist mittlerweile eine techniksoziologische
Binsenweisheit, dass solche Wirkungen von den Konstrukteuren der
Technik oft überhaupt nicht vorhergesehen, in Betracht gezogen oder
gar angestrebt wurden (Rammert 1992). Ganz sicher konstruieren
"böse" Ingenieure nicht "böse" Technik und
"gute" Ingenieure "gute" Technik. Der Umstand,
dass Technik, auch wenn sie sich oft nicht nach einem bestimmten
Plan entwickelt und zudem unvorhergesehene Folgen zeitigt,
verhaltenssteuernde Wirkungen hat, macht es notwendig, die Technik
und die sozialen Kontexte ihrer Entstehung und Nutzung nun etwas
genauer zu analysieren.
3
Das "Gute" im Internet
Nach der kurzen Skizze der Bedeutung
technischer Architekturen für das soziale Handeln und der
Beeinflussung dieser Architekturen durch den sozialen Kontext ihrer
Entstehung betrachte ich nun im Schnelldurchgang einige wichtige
Phasen der Entwicklung des Internet. Es ist allgemein bekannt, dass
die frühe Entwicklung des Internet bzw. seines zentralen
Vorläufers, des ARPANET, in einem militärischen Kontext stand (Norberg/
O'Neill 1996; Abbate 1999). Die Bedeutung militärstrategischer
Ziele für die Gestaltung des Netzes wird allerdings überschätzt.
Niemals war das Netz eine Militärtechnologie im engeren Sinne.
Bereits in den 1960er Jahren begann das amerikanische
Verteidigungsministerium bzw. seine Advanced Research Projects
Agency (ARPA) den Aufbau eines Computernetzes zu finanzieren, das
Rechner derjenigen Einrichtungen vernetzte, die Forschungsaufträge
des Ministeriums erfüllten. Dieses ARPANET genannte Netz, dessen
erster Knoten 1969 installiert wurde, diente überwiegend
wissenschaftlichen Zwecken. Es eröffnete den Forschern einen Zugang
zu besonders leistungsstarken Computern und ermöglichte Kooperation
über räumliche Distanzen hinweg. Gleichzeitig diente das ARPANET
der Computerwissenschaft als Testbett zur Erprobung neuer
Vermittlungs- und Übertragungstechniken. Ausgewählte hochrangige
Universitäten und große industrielle Forschungslaboratorien
nutzten das Netz und gestalteten es gleichzeitig. In den 1970er
Jahren, in denen das Netz relativ langsam wuchs, entstanden erste
Gremien der Selbstverwaltung mit teils operativen und teils
konsultativen Funktionen. Diese auf freiwilliger Basis gebildeten
Einheiten sind Vorläufer der noch heute existierenden Gremien der
überwiegend technisch-organisatorischen Selbstkoordination des
Internet. Solche Koordinationsaufgaben erfüllten etwa einige mit
Host-Rechnern an das Netz angeschlossene Forschungsinstitute in der
Network Working Group, dem Vorläufer der heutigen Internet
Engineering Task Force (IETF), die technische Standards für das
Internet entwickelt. Alle Organisationen waren eingebettet in eine
Hierarchie, an deren Spitze ARPA stand.
Es war diese hierarchische Konstellation, die
letztlich Gewähr dafür bot, dass Anfang der 1980er Jahre für das
gesamte ARPANET verbindliche neue Vermittlungs- und
Übertragungsprotokolle eingeführt wurden, die nicht nur heute noch
im Internet benutzt werden, sondern sogar konstitutiv für das Netz
sind. Das Transmission Control Protocol (TCP) und das Internet
Protocol (IP) sorgen dafür, dass Datenpakete über vielfältige
Wege im Netz vom Sender zum Empfänger gelangen. Die Protokolle
funktionieren in ganz unterschiedlichen Protokollumgebungen, das
heißt in Netzen, die technisch unterschiedlich spezifiziert sind.
TCP/IP macht es also möglich, heterogene, an sich inkompatible
Computernetze miteinander zu verbinden, ohne dass deren interne
technische Struktur geändert werden muss. Genau dies war auch das
Ziel der Entwicklung des Protokolls (Salus 1995). Hier ist also
einmal nicht etwas entstanden, was niemand intendiert hatte.
Vielmehr finanzierte ARPA entsprechen1de Forschungs- und
Entwicklungsarbeiten, weil das amerikanische Militär bereits
technisch sehr verschiedene Netze (für unterschiedliche Zwecke)
benutzte, die miteinander verbunden werden sollten. Mit dem TCP/IP-Protokoll
gelang es, unterschiedliche Netze in einer Weise miteinander zu
vernetzen, dass sie aus der Sicht der Benutzer wie ein einheitliches
Netz erscheinen.
Für die Vernetzung ist nicht mehr als ein
Minimum an organisatorischer Zentralisierung erforderlich. Die
einzelnen Netze und die an sie angeschlossenen Endgeräte müssen
eindeutig identifizierbar sein, was über die zentrale Vergabe der
Adressen (IP-Nummern) sichergestellt wird. Zudem muss auf den an den
Verbindungspunkten der Netze eingesetzten Vermittlungsrechnern TCP/IP
laufen. Die Übertragung der Datenpakete in den Netzen wird nicht
zentral gesteuert, sondern jedes Paket sucht sich
"selbständig" einen Weg vom Sender zum Empfänger. Der
Verkehr im Internet gleicht mehr dem Verkehr auf Straßen als
demjenigen auf Schienen.[3]
TCP/IP erlaubt also - und das ist normativ wichtig - was Fritz
Scharpf im Zusammenhang mit Problemen der europäischen Integration,
aber orientiert an bestimmten technischen Koordinationslösungen,
als "autonomieschonende" Integration bezeichnet (Scharpf
1993). Diese Möglichkeit der weichen Integration technischer Netze
wird allgemein als positive Eigenschaft der Architektur des
Internet geschätzt. Sie eliminiert keine in den einzelnen Netzen
bestehenden Nutzungsmöglichkeiten, sondern schafft durch die
Vernetzung zusätzliche Nutzungsoptionen. Genau dort, wo die
technische Architektur das Handeln relativ stark determinieren bzw.
homogenisieren könnte, bewahrt sie beim Internet Heterogenität und
bleibt zweckoffen.
Diese Eigenschaft kam im ARPANET kaum zum Tragen, weil zunächst nur
drei technisch unterschiedliche Netze vernetzt wurden. Sie begann erst
Früchte zu tragen, als die amerikanische National Science Foundation
(NSF) Mitte der 1980er Jahre damit begann, ein Wissenschaftsnetz
aufzubauen. Ziel war es, fünf neu gegründete Zentren für
Supercomputer miteinander zu vernetzen und gleichzeitig möglichst
vielen Wissenschaftlern an den Universitäten Zugang zu diesen Zentren
zu verschaffen. Die NSF entschied sich für TCP/IP als Netzstandard,
was es ermöglichte, ihr Netz auch mit dem ARPANET zu vernetzen. Der
Standard war auch für viele Universitäten attraktiv, weil er nicht
durch Eigentumsrechte des Verteidigungsministeriums geschützt war.
TCP/IP konnte von den Universitäten, von denen viele bereits eigene
unterschiedlich konfigurierte lokale Netze betrieben, kostenlos
implementiert werden. Sodann konnten diese Netze mit dem Netz der NSF
mit der Folge verkoppelt werden, dass bereits Ende der 1980er Jahre
ein flächendeckendes Netz von Netzen die amerikanischen
Universitäten und sonstigen Forschungseinrichtungen verband
(Mandelbaum/ Mandelbaum 1996).[4]
Dass TCP/IP kostenlos zur Verfügung stand,
war nicht ungewöhnlich. Unter Computerspezialisten speziell an den
Universitäten war es üblich, selbst entwickelte Software anderen
kostenlos zu überlassen. Diese Tradition, die noch heute im
Internet lebendig ist, hat zweifellos dazu beigetragen, dass das
Netz schnell gewachsen ist, weil ohne großen Aufwand mit immer
neuen Anwendungen experimentiert werden konnte. In ihr drücken sich
in der amerikanischen Computerwissenschaft verankerte Normen wie Hilfsbereitschaft,
Kooperation und auch Offenheit aus, die verbunden sind
mit einer generellen Reziprozitätserwartung (vgl. Kollock 1999).[5]
Diese zweifellos "guten" Normen lassen sich nicht nur im
ARPANET und dann im Netz der National Science Foundation, sondern,
wie ich noch zeigen werde, auch in Netzen außerhalb des engeren
Wissenschaftsbereichs beobachten.
Anders als TCP/IP, das als zentrale Komponente
der Systemarchitektur des Internet betrachtet werden kann, handelt
es sich bei den gerade genannten Normen natürlich nicht um
technische Eigenschaften, sondern um in Interaktionen von Normen und
Technik entstandene Spezifikationen von Normen. Die Doppelpfeile im
Schaubild 3 sollen diese interaktive Relation verdeutlichen.
 Kooperation und Offenheit finden
ihren technischen Ausdruck in sogenannter Open Source Software,
d.h. in Programmen, deren Quellcode offen liegt und die deshalb von
Software-Spezialisten verändert werden können.[6] Im Gegensatz zu
einem Großteil der kommerziellen Software lässt die im Internet
noch relativ weit verbreitete Open Source Software
Gestaltungsoptionen offen, was als weitere positive Eigenschaft
des Netzes geschätzt wird.[7 ]Ihren sichtbarsten institutionellen
Ausdruck haben die Normen der Offenheit und Kooperation in der
bereits erwähnten Internet Engineering Task Force (IETF) gefunden.
Die IETF entwickelt die meisten technischen Standards für das
Internet. Ursprünglich eine relativ kleine überwiegend akademisch
geprägte Gruppe, ist die IETF heute auf mehrere Tausend Mitglieder
angewachsen, die in zahlreichen Arbeitsgruppen technische Debatten
führen und Software testen. Prinzipiell kann jeder Interessierte in
den Gruppen mitarbeiten. Die Mitarbeit ist unentgeltlich, und der
Arbeitsstil ist kooperativ (Helmers/ Hoffmann/ Hofmann 1998). Die
erarbeiteten Standards werden kostenlos im Internet verbreitet.
Formell betrachtet hat die IETF nur sehr geringe Möglichkeiten,
für Betreiber und Benutzer des Netzes verbindliche Entscheidungen
zu treffen. Ihre historisch gewachsene Autorität ist jedoch
beträchtlich. Das starke Größenwachstum der IETF hat zu einer
verstärkten Formalisierung der Arbeitsprozesse und
Entscheidungsstrukturen geführt. Dennoch unterscheidet sich die
IETF weiterhin wegen ihrer größeren Offenheit und der Tatsache,
dass sie ihre Standards kostenlos verbreitet, von den traditionellen
internationalen Standardisierungsorganisationen (vgl. Schmidt/ Werle
1998). Das ARPANET und das Netz der NSF haben
sich als Wissenschaftsnetze in einem stark akademisch geprägten
Kontext entwickelt. Die besonders in den frühen Jahren relativ
homogene Gruppe der Nutzer gab sich überwiegend selber die Regeln
der Nutzung des Netzes. Einige wurden vom Internet Architecture
Board (IAB), einem Selbststeuerungsgremium, explizit ausformuliert
und im Netz bekannt gemacht. Die Regeln des IAB zielen vor allem
darauf, einen reibungslosen Netzbetrieb und eine verantwortliche und
solidarische Nutzung der knappen Kapazitäten zu gewährleisten.
Offizielle, formal verbindliche Benutzungsregeln wurden von den
Universitäten erlassen. Sie waren jedoch wenig spezifisch und
schlossen lediglich ganz explizit die private Nutzung der Netze für
kommerzielle Zwecke aus (vgl. Leib/ Werle 1998). Solche
Verhaltensnormen im Hinblick auf die Nutzung der Netze und ihrer
begrenzten Kapazitäten waren nicht zuletzt deshalb notwendig, weil
die Architektur der Netze nur wenige Möglichkeiten bot, durch
technische Vorkehrungen unerwünschte Verhaltensweisen zu
unterbinden. Zudem hatte das aus öffentlichen Mitteln finanzierte
und zum größten Teil mit nicht proprietärer Software operierende
Wissenschaftsnetz den Charakter eines öffentlichen Gutes,
von dessen Nutzung möglichst niemand ausgeschlossen werden sollte. Andere Verhaltensnormen betreffen den Umgang der Nutzer miteinander. Sie beziehen sich also weniger auf
technische Aspekte, sondern tragen der Tatsache Rechnung, dass sich am Ende der Leitungen Menschen befinden,
die miteinander kommunizieren. Hatte beim ARPANET, das primär für den Transport von Datensätzen und den Zugriff
auf räumlich entfernte Großrechner vorgesehen war, die relativ starke Nutzung als Kommunikationsmedium mit Hilfe
von damals wenig komfortablen Electronic Mail Systemen noch überrascht (Hafner/ Lyon 1996), so waren im Umfeld
der Universitäten bereits Datennetze entstanden, die ausschließlich der Kommunikation dienten (vgl. Rheingold 1994;
auch Wetzstein et al. 1995). Besonders bekannt ist das USENET, das Ende der 1970er Jahre von Benutzern des
Betriebssystems UNIX gegründet wurde, um sich über Probleme mit dem System auszutauschen und es kooperativ
weiter zu entwickeln. Das USENET ist relativ rasch gewachsen, und es hat sich eine schier unüberschaubare Zahl von
Newsgroups etabliert, in denen Meinungen und Informationen über die unterschiedlichsten Themen bekannt gemacht
und ausgetauscht werden (Hauben/ Hauben 1997). Ähnlich wie beim ARPANET und beim amerikanischen
Wissenschaftsnetz sind wichtige Komponenten des USENET, insbesondere UNIX und die dazu gehörenden
Kommunikationsprotokolle, nicht proprietäre offene Software. Das USENET macht einen sehr ungeordneten
chaotischen Eindruck, und es wurde vor allem deshalb zu einem interessanten Gegenstand sozialwissenschaftlicher
Analysen der sozialen Strukturen und der Prozesse der Ordnungsbildung in den Newsgroups (Smith 1999;
Helmers/ Hoffmann/ Hofmann 1998).
Im USENET und in
vielen kleineren privaten Datennetzen bildeten sich ebenso wie im
Wissenschaftsnetz Regeln des Umgangs und der Kommunikation heraus,
die zusammenfassend als Netiquette bezeichnet werden.[8] Die
Netiquette ist wesentlicher Bestandteil der Netzkultur bzw. der
verschiedenen Subkulturen. Ursprünglich war sie stark durch den
Jargon und die Gewohnheiten der Hacker geprägt.[9] Auch die
Netiquette, so kann man argumentieren, hat sich als normative
Ordnung des Cyberspace in der Interaktion sozialer Normen der realen
Welt mit den technischen Gegebenheiten der Netze herausgebildet.
Diese Ordnung kann an dieser Stelle nicht näher analysiert werden.
Lediglich zwei Komponenten, die sowohl in der Wissenschafts- als
auch in der Hackerkultur verankert sind, sollen erwähnt werden: der
hohe Wert der Freiheit der Rede und die Skepsis oder Opposition
gegenüber Bürokratien und Hierarchien.
Die bislang skizzierten Eigenschaften des
Internet haben sich in der Zeit entwickelt, in der das Netz
überwiegend öffentlich finanziert wurde. Auch die Netze wie das
USENET, die sich im Umfeld der Universitäten herausbildeten, waren
keine kommerziellen, sondern kooperative Netze (Quarterman/ Hoskins
1990). Es gab zwar auch kommerziell betriebene Netze oder große
Firmennetze. Diese waren aber in der Regel nicht offen und hatten
geschlossene Benutzergruppen. Die Netze wurden ähnlich wie
Telefonnetze zentral gesteuert, und auch die Dienstleistungen wurden
von den Betreiberfirmen angeboten, was den Benutzern nur wenig
Gestaltungsspielraum ließ.
Beim Internet korrespondierten die in
Schaubild 4 noch einmal zusammengefassten Eigenschaften der
technischen Systemarchitektur wie Offenheit, Optionenvielfalt,
Dezentralisierung mit spezifischen Normen der Nutzung des Netzes und
des Umgangs der Nutzer miteinander.[10] Den lange Zeit äußerst
geringen technischen Möglichkeiten einer Kontrolle der Nutzer durch
die Betreiber der Netze und die Anbieter von Diensten entsprachen im
Wissenschaftssystem verankerte Prinzipien der Offenheit und
Redefreiheit einerseits und diese Prinzipien abstützende Normen der
Solidarität, Selbstverantwortung und Selbstkontrolle andererseits.
Der gute "mündige" Internetbürger verhielt sich diesen
Normen entsprechend, und er verfügte über die technische
Kompetenz, sich gegen Unerwünschtes selbst zu schützen und das
Netz aktiv mitzugestalten.
Gegen Ende der 1980er Jahre setzte ein Prozess
des Wandels des amerikanischen Wissenschaftsnetzes ein, der sich den
in den technischen und normativen Strukturen des Netzes angelegten
Prinzipien verdankt (vgl. Berners-Lee 1999: 103-121). Die in Europa
bei CERN entwickelte Hyper Text Markup Language (HTML) wurde in den
USA aufgegriffen und bildete zusammen mit den entsprechenden
Übertragungsprotokollen und den sog. Browsern die Basis des World
Wide Web (WWW), das ein enormes Wachstum des Internet ausgelöst hat
und dieses aus einem Medium für Texte und Daten in ein
multimediales Netz transformiert hat. Ganz der dominanten
Tradition des Internet entsprechend war die dem WWW zugrunde
liegende Software wieder Open Source Software. Das WWW lockte
kommerzielle Nutzer, die im Prinzip willkommen waren und die die
soziale Heterogenität des Netzes weiter vergrößerten. Die
kommerziellen Nutzer verfügten zudem über die für den weiteren
Ausbau des Internet notwendigen Finanzmittel. Das Internet verlor im
Laufe der 1990er Jahre sehr rasch seinen Charakter als
Wissenschaftsnetz. In der Mitte des letzten Jahrzehnts zog sich die
National Science Foundation aus der Finanzierung zurück, und das
Internet wurde privatisiert. Gleichzeitig migrierten die meisten
kooperativen Netze in das Internet und wurden von ihm absorbiert.
Heute ist das Netz ein technisch und sozial sehr heterogenes Netz.
Mit der Kommerzialisierung des Internet
drohen dessen gute Eigenschaften in den Hintergrund gedrängt zu
werden. Lawrence Lessig, dessen Publikation ich bereits eingangs
zitiert habe, weist sehr pointiert darauf hin, dass die bei vielen
geschäftlichen Transaktionen gegebene Notwendigkeit, Sender und
Empfänger von Leistungen identifizieren zu können, zur
Folge hat, dass in die entsprechenden Anwendungsprogramme
Kontrollmöglichkeiten eingebaut werden (Lessig 1999). Diese
Programme lassen den Nutzern in der Regel auch keine
Gestaltungsmöglichkeiten. Sie sind keine Open Source Software und
zudem in der Regel proprietär. Dienste-Anbieter kontrollieren oft
mit Hilfe sogenannter Cookies das Verhalten der Surfer im WWW und
nutzen die gewonnen Informationen für kommerzielle Zwecke, ohne
dass dies den Surfern immer bewusst ist. Die großen
Service-Provider wie AOL oder T-Online haben zudem für die von
Ihnen angebotenen Dienstleistungen Benutzungsregeln formuliert, die
sich zwar teilweise an der Netiquette orientieren, die aber
letztlich von diesen Firmen und nicht den Nutzern festgelegt werden.
Obwohl zur Zeit der Eindruck vorherrscht, dass im Internet
Urheberrechte kaum geschützt werden können, ist mittelfristig
damit zu rechnen, dass neue Anwendungsprogramme, sogenannte Trusted
Systems, diesen Schutz und damit die Kontrolle der Nutzer
perfektionieren.
Auf der Ebene der Netze bzw. des Netzbetriebs
zeichnen sich Zentralisierungstendenzen ab, die, wenn sie sich
fortsetzen, die technisch dezentralisierte Netzstruktur
organisatorisch aushebeln. So besitzt die Worldcom-Gruppe über 20%
der Backbone-Kapazität, das heißt der großen Fernstrecken, in den
USA. Gleichzeitig lassen sich Fragmentierungen des ursprünglich
weitgehend integrierten Internet beobachten. Sogenannte Intranets
bilden von der globalen Netzentwicklung nur partiell beeinflusste
Inseln im Internet, die nur von denjenigen betreten werden können,
die hierzu autorisiert sind.
Mit den technischen gehen normative Veränderungen
einher, die die Kommerzialisierung insgesamt als eine Bedrohung des
guten Internet erscheinen lassen. Doch sind auch die alten Normen
und Traditionen noch so lebendig, dass man die Kommerzialisierung
zur Zeit durchaus positiv in dem Sinne beurteilen kann, dass
Pluralität und Heterogenität zugenommen haben und der Zugang zum
Internet sich verbessert hat, was es neuen Internetbürgern ermöglicht,
am guten Internet teilzuhaben. Aus dieser Perspektive überrascht es
nicht, dass insbesondere die amerikanische Regierung die
Kommerzialisierung des Internet nicht als eine Bedrohung, sondern
als eine förderungswürdige zum nicht kommerziellen Bereich des
Netzes komplementäre Entwicklung sieht. Sie führt, so sieht es die
Regierung, zu einer umfassenden Informationsinfrastruktur, die
zweckoffen ist, also kommerzielle ebenso wie private, kulturelle
ebenso wie politische Nutzungen ermöglicht (vgl. Kahin 1997; Drake
1995).
4
Internet und Civil Society
Das Gute im Internet, dem allgemein ein
demokratiestärkendes Potential attestiert wird (vgl. Leib 2000),
muss durch die Kommerzialisierung also nicht verloren gehen. In der
Tat lassen sich Anzeichen dafür erkennen, dass das Internet
politische Entscheidungsprozesse und die Struktur politischer
Systeme in einer Weise beeinflusst, die die Zivilgesellschaft stärkt.
Im abschließenden Teil meines Vortrags betrachte ich die politische
Dimension des Internet etwas genauer.
Die ökonomische Globalisierung und die daraus
resultierenden Handlungsrestriktionen für die nationalen Parlamente
und Regierungen und vielleicht auch ein genereller Legitimitätsverlust
der dominanten Praxis politischer Herrschaft in den westlichen
Demokratien haben Diskussionen um alternative oder auch komplementäre
Formen demokratischer Herrschaft ausgelöst, in denen das Konzept
der Civil Society einen Kristallisationspunkt bildet. Es würde zu
weit führen, an dieser Stelle die einzelnen Facetten dieses
Konzepts darzustellen und zu diskutieren. Deshalb beschränke ich
mich darauf, orientiert an Benjamin Barber drei Sichtweisen auf die
Zivilgesellschaft zu unterscheiden (Barber 1998: 12-37).
1. Das liberale ("libertarian")
Konzept betrachtet die Zivilgesellschaft als den gesamten privaten
Sektor, in dem die Beziehungen zwischen den Individuen und Gruppen
in der Regel Vertragsbeziehungen sind und die Prinzipien der freien
Marktkoordination dominieren. Märkte, definiert über freiwillige
Verträge und freie Zusammenschlüsse von Individuen, stehen in
dieser Konzeption als Synonym für Freiheit. Die liberale
Zivilgesellschaft regelt fast alle ihre Angelegenheiten selber
(zumeist über den Markt), betrachtet den Staat mit Misstrauen und
drängt ihn in die Rolle des Nachtwächterstaates.
2. Die kommunitaristische ("communitarian")
Variante sieht die Zivilgesellschaft als den Bereich an, in dem die
Menschen ihre Beziehungen zueinander nicht mit Verträgen, sondern
auf der Basis von Solidarität, diffuser Reziprozität und anderen
Normen sozialer Vergemeinschaftung ordnen. Neben die traditionellen
gemeinschaftlichen Bande der Nachbarschaft oder Verwandtschaft
treten freiwillige Vergemeinschaftungen in Vereinen und anderen
Gruppen. Die Gemeinschaften werden als eingebettet in eine übergeordnete,
zumeist staatliche Ordnung gesehen, doch genießen die
Gemeinschaften Vorrang im Sinne des Subsidiaritätsprinzips.
3. Die dritte Variante, die Barber als das
Modell der starken Demokratie ("strong democratic model")
bezeichnet, wird von anderen Autoren auch "assoziative
Demokratie" genannt (z.B. Hirst 1997; vgl. auch Cohen/ Rogers
1995). Sie siedelt die Zivilgesellschaft im Bereich zwischen Staat
und Markt an und konstituiert einen unabhängigen "dritten
Sektor", in dem sich bürgerschaftliches Engagement entfaltet.
Eine herausragende Rolle spielen freiwillige gemeinnützige
Vereinigungen, die nicht nur die Interessen der Bürgerschaft in die
Politik vermitteln, sondern auch selbst anstelle des Staates
kollektive Aufgaben erfüllen. Die Vereinigungen ermöglichen aktive
Partizipation, sind egalitär und offen für neue Mitglieder. Sie
organisieren die unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen und
bilden in ihrer Gesamtheit gesellschaftliche Heterogenität und
Pluralität ab. Selbstregulierung macht staatliche Intervention überflüssig.
Für jede der drei Varianten der
Zivilgesellschaft finden wir im Internet kompatible technische und
normative Elemente.
Mit der Kommerzialisierung des Netzes sind die
Elemente der liberalen Zivilgesellschaft in den Vordergrund
getreten. Diese haben auch die Regierungen in den USA und in den großen
Industrieländern im Auge, wenn sie den Ausbau der nationalen und
internationalen Informationsinfrastruktur vorantreiben. Wegen der im
Vergleich zu traditionellen Handelsformen in manchen Bereichen
deutlich niedrigeren Transaktionskosten beim elektronischen Handel
wird hier mit einem raschen Wachstum gerechnet. Insbesondere die USA
verfolgen eine "laissez-faire"-Strategie, die auf jegliche
staatliche Intervention in den elektronischen Handel verzichtet und
auch dort auf die in den normativen Prinzipien des Netzes angelegten
Fähigkeiten der Akteure zur Selbstverantwortung und
Selbstkoordination vertraut, wo manche staatlichen Handlungsbedarf
sehen (z.B.: beim Schutz persönlicher Daten). In Europa lässt sich
eine gewisse Tendenz der Regierungen und der Europäischen
Kommission beobachten, in den elektronischen Handel zu
intervenieren. Dass dennoch letztlich auf solche Maßnahmen
verzichtet wird, erklärt sich zu einem guten Teil aus der
technischen Hilflosigkeit der Regierungen gegenüber dem Internet.
Dies wird sich in Zukunft ändern, da sich durch die
Kommerzialisierung, wie bereits erwähnt, oberhalb der technischen
Basisarchitektur des Internet Systemkomponenten entwickeln, die eine
Kontrolle der Transaktionen im Netz ermöglichen. Anders als für
die private oder auch die wissenschaftliche Nutzung des Netzes haben
sich nur sehr schwache eigenständige normative Traditionen für die
kommerzielle Nutzung herausgebildet. Es ist nicht zu erwarten, dass
sie in die generellen politisch-institutionellen Strukturen der
Wirtschaft ausstrahlen und in diesem Sinne ein die liberale
Zivilgesellschaft stärkender Impuls vom Internet ausgeht.
Manche der kommunitaristischen Elemente
der Zivilgesellschaft finden wir in den virtuellen Gemeinschaften,
die sich in einigen der zahlreichen Diskussionsgruppen
herausgebildet haben. Zwar könnten nationale, verwandtschaftliche,
religiöse oder andere realweltliche Faktoren auch eine Basis für
Solidargemeinschaften im Cyberspace bilden. Doch ist dies eher
unwahrscheinlich, weil solche Faktoren in der elektronischen
Kommunikation in der Regel gar nicht erkennbar sind oder auch
versteckt werden. Im Zusammenhang mit der Herausbildung kooperativer
Netze habe ich bereits gezeigt, dass Hilfsbereitschaft und
Kooperation wichtige normative Elemente der dort entstandenen
Gemeinschaften sind und auch große Teile der diese Gemeinschaften
stabilisierenden Netiquette hier ihren Ursprung haben. Insgesamt
erscheinen die Gemeinschaften im Cyberspace jedoch als eher
selbstgenügsam und ohne großen Anspruch auf Außenwirksamkeit. Sie
integrieren das Internet nicht, sondern fragmentieren es eher und
wirken kaum in die Realwelt hinein.
Eine besonders hohe Affinität hat das
Internet zur Variante der Zivilgesellschaft als starker
Demokratie und drittem Sektor zwischen Staat und Markt. Viele bürgerschaftliche
Vereinigungen im sozialen und kulturellen Bereich und insbesondere
die sozialen Bewegungen entsprechen im Hinblick auf ihre
Organisationsformen und normativen Prinzipien dem Internet. Diese
Gruppen sind oft lose und territorial dezentral organisiert, haben
eine nur schwach ausgeprägte Hierarchie und demokratische oder
meritokratische Strukturen, und sie sind offen für und angewiesen
auf aktive Partizipation. Zusammen mit den klassischen
Interessenverbänden bilden sie ein pluralistisches System von
Assoziationen, in dem die unmittelbaren Machtmittel der einzelnen
Einheiten in der Regel gering sind. In politischen
Auseinandersetzungen setzen sie deshalb auf Selbstorganisationsfähigkeit,
Mobilisierung von Öffentlichkeit und diskursives Argumentieren.
Dies gilt insbesondere für die sozialen Bewegungen wie Umwelt-,
Frauen- oder Bürgerrechtsgruppen. Viele von ihnen haben frühzeitig
internationale Kooperationspartner gesucht, weil ein Agieren auf
rein nationaler Ebene wirkungslos gewesen wäre.
Das Internet wurde von diesen Gruppen frühzeitig
entdeckt und in Gebrauch genommen - zuerst natürlich in den USA, wo
bereits 1987 die APC (Association for Progressive Communications)
gegründet wurde. Die APC versteht sich als nicht gewinnorientierte
Dienstleistungsorganisation, die Nichtregierungsorganisationen (non-governmental
organizations - NGOs) weltweit bei der Nutzung des Internet unterstützt.[11]
Im letzten Jahrzehnt wurden einige weitere vergleichbare
Organisationen gegründet, die vor allem NGOs in peripheren Regionen
Hilfestellung leisten.[12]
Inzwischen nutzen Frauen-, Umwelt- und Bürgerrechtsgruppen weltweit
das Internet (vgl. Conca 1996; Greve 1997). Viele dieser Gruppen
haben sich elektronisch miteinander vernetzt. Kleine Organisationen
demonstrieren ihre Zugehörigkeit zu einer größeren Bewegung,
indem sie von ihrer Homepage Links zu den befreundeten
Organisationen legen. Sie kooperieren mit diesen, ohne mit ihnen zu
fusionieren und ihre Autonomie aufzugeben (Werle 2000c).
Die relativ niedrigen Transaktionskosten des
Internet ermöglichen es auch kleinen Gruppen und einzelnen
Personen, aktiv an Kampagnen teilzunehmen, vor allem aber am
globalen Informationsaustausch in zahlreichen Newsgroups und Mailing
Lists zu partizipieren. Hier bilden sich basierend auf dem Internet
demokratische zivilgesellschaftliche Strukturen heraus, in denen der
Austausch von Informationen, das Argumentieren im politischen
Diskurs und die Offenheit entsprechender Foren neue partizipative
politische Gestaltungsmöglichkeiten bieten. Staatliche Akteure sind
gezwungen, ihre Aktivitäten transparenter zu machen und sich im
"Markt" der Informationen zu behaupten. In Politikfeldern
wie der internationalen Umweltpolitik, wo neben den Elementen
klassischer Interessen- und Machtpolitik wissenschaftliches
Argumentieren und Auseinandersetzungen über unsichere Wissensbestände
den Gang der Dinge bestimmen (vgl. Grundmann 1999), bietet das
Internet Umweltgruppen neue Möglichkeiten, zumindest indirekt auf
die Auseinandersetzungen Einfluss zu nehmen.
Es ist speziell die Informationsfunktion des
Internet, das heißt die Möglichkeit Informationen zu generieren,
bereit zu stellen, zu verteilen und interaktiv zu kommunizieren und
möglichst viele kostenlos daran teilhaben zu lassen, durch die
dieses Netz die Zivilgesellschaft stärkt, die in diesem Sinne vor
allem eine offene Informationsgesellschaft ist.
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Endnotes
1 Für sehr nützliche
Hinweise danke ich Ursula Holtgrewe, Renate Mayntz und Lothar
Krempel. Dörte Nielandt danke ich für technische Unterstützung.
2 Der
geschwungene Pfeil in dem Schaubild drückt aus, dass die technische
Architektur auch eine von den anderen Faktoren unabhängige Wirkung
auf die Handlungsoptionen ausübt.
3
Entsprechend unwahrscheinlich ist ein kompletter Systemzusammenbruch
als Folge lokaler Störungen - eine Systemeigenschaft, die natürlich
auch aus militärischer Sicht attraktiv ist.
4 Die
Entscheidung der NSF zugunsten von TCP/IP, dessen Tauglichkeit für
einen Einsatz in einem großen Netz mit vielen Nutzern und großen
zu transportierenden Datenmengen noch nicht getestet worden war,
fiel durchaus knapp aus. Von einigen Experten wurden proprietäre
Systeme, wie sie etwa von IBM oder Digital Equipment angeboten
wurden, eindeutig präferiert (Rogers 1998). Viel spricht dafür,
dass nur durch die Förderung der NSF die Nische entstand, in der
TCP/IP gegen Marktkonkurrenz überleben und sich weiter entwickeln
konnte (CSTB 1999; Werle 2000b).
5 Die
Computer Science oder Informatik, wie diese Wissenschaft hierzulande
heißt, hat nie den Status einer akzeptierten Formalwissenschaft
erreicht (Hohn 1998). Insbesondere die Softwaretechnik ist geprägt
von einer Vielzahl von Programmiersprachen, die nach dem Trial and
Error Prinzip angewandt werden, weshalb hohe Kooperationsgewinne möglich
sind.
6 Programme
werden in höheren Programmiersprachen, dem Quellcode, geschrieben
und dann mit Compilern in Maschinensprache übersetzt.
7 Das
klassische Beispiel für Open Source Software bildet das 1969 bei AT&T
entwickelte Betriebssystem UNIX. In den 1970er Jahren wurden die
Arbeiten an dem System bei AT&T, vor allem aber an der Universität
Berkeley in offener und kooperativer Weise fortgeführt. UNIX wurde
zu einem weit verbreiteten Hostsystem für das Internet (Ceruzzi
1998: 281-306; CSTB 1999). Allerdings wurde es in der Folgezeit
weitgehend kommerzialisiert, und es verzweigte sich in
unterschiedliche proprietäre Systeme.
8 Eine
deutsche Version vieler Regeln findet sich unter http://www.ping.at/guides/netmayer/netmayer.html#du.
Zu den Grundregeln des Umgangs miteinander gehört z.B. "Du
sollst nicht Deinen Computer benutzen, um anderen Schaden zuzufügen"
oder "Du sollst nicht anderer Leute geistig Werk als Deines
ausgeben".
9 Die
Hacker sind antibürokratisch eingestellte Freaks, die das Schreiben
von Programmen beherrschen, gern mit Software experimentieren und
diese bis an ihre Grenzen testen. Dabei überschreiten sie auch
Grenzen und dringen in "geschützte" Systeme ein -
allerdings im wesentlichen, um Möglichkeiten und Grenzen der
Software auszutesten.
10
Speziell die Optionenvielfalt im Sinne eines Formenreichtums von möglichen
Kommunikations- und Austauschbeziehungen, die das Internet allen
bietet, die Zugang zu einem vernetzten PC haben, erklärt den Erfolg
des Netzes in den letzten Jahren.
11 Today
APC is a non-profit association of member and partner networks
around the world, committed to making the Internet serve the needs
of global civil society (
http://www.apc.org/english/about/history/index.htm).
12 So ist
die 1998 gegründete NGO-NET vor allem in Afrika tätig http://www.ngo-net.org.
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