Martin Höpner, Alexander Petring, Daniel Seikel und Benjamin Werner
Liberalisierungspolitik: Eine Bestandsaufnahme von zweieinhalb Dekaden marktschaffender Politik in entwickelten Industrieländern
Abstract
Liberalization policy is defined as the politically implemented and politically legitimized
delegation of allocation and distribution decisions to markets. It aims at promoting the
principles of individual responsibility, decentralized decision-making and competition.
Since many of the classic authors of political economy thought that a sustained trend
of eliminating markets was inherent to capitalism, a protracted phase of liberalization
encompassing several policy fields was considered unlikely and maybe even impossible.
Using comparative, time-variant indicators from five economic and social policy fields,
we show that, by the 1980s at the latest, the developed industrialized countries entered
such a liberalization phase in which they not only pursued similar policies but witnessed
increasingly converging levels of public intervention into markets as well. Our
indicators encompass 21 OECD countries between 1980 and 2005. We distinguish two
dimensions of liberalization policies: regulatory liberalization and distributive liberalization.
We conclude by discussing the empirical, theoretical and methodological implications
of convergence.
Zusammenfassung
Liberalisierungspolitik bezeichnet die politisch herbeigeführte und politisch legitimierte
Delegation von Allokations- und Distributionsentscheidungen an Märkte und zielt
auf Durchsetzung der Prinzipien der Eigenverantwortung, der dezentralen Entscheidungsfindung
und der Konkurrenz. Viele politökonomische Klassiker vertraten die Ansicht,
dem Kapitalismus sei ein anhaltender Trend der Marktbeseitigung eigen, was den
Eintritt in eine längere, mehrere Politikbereiche umfassende Phase politischer Marktschaffung
unwahrscheinlich, wenn nicht gar unmöglich erscheinen ließ. Anhand von
ländervergleichenden, zeitvarianten Indikatoren zu fünf Wirtschafts- und sozialpolitischen
Sphären weisen wir in diesem Papier nach, dass die entwickelten Industriestaaten
spätestens in den Achtzigerjahren in eine konvergente liberalisierungspolitische Phase
eintraten, in der sie nicht nur parallele Liberalisierungspolitik betrieben, sondern sich
hinsichtlich ihrer öffentlichen Interventionsniveaus auch spürbar ähnlicher wurden.
Das zeigen wir anhand von Daten zu 21 OECD-Ländern im Zeitraum zwischen 1980
und 2005. Im Ergebnis unterscheiden wir zwei Dimensionen der Liberalisierungspolitik:
regulatorische Liberalisierung und distributive Liberalisierung. Die empirischen
Betrachtungen münden in eine Diskussion der empirischen, theoretischen und methodischen
Implikationen von Konvergenz.
Inhalt
1 Was ist Liberalisierungspolitik?
2 Liberalisierungspolitik als theoriegeschichtlich überraschendes Ereignis
3 Liberalisierungspolitik in fünf wirtschafts- und sozialpolitischen Sphären
Liberalisierungspolitik als Transformation staatsnaher Sektoren
Liberalisierungspolitik durch Privatisierungen und Subventionsabbau
Liberalisierungspolitik als Rekommodifizierung der Ware Arbeitskraft
Liberalisierungspolitik als Marktschaffung im Renten- und Gesundheitswesen
Liberalisierungspolitik als Marktschaffung im Bereich der Kapitalbeziehungen
4 Deskriptive Analyse
5 Diskussion und Ausblick
Literatur