Close window
 MPIfG Discussion Paper 08/12

Martin Höpner


Usurpation statt Delegation: Wie der EuGH die Binnenmarktintegration radikalisiert und warum er politischer Kontrolle bedarf


 

Abstract


 
The 2007 and 2008 ECJ decisions on Viking, Laval, Rüffert and Commission versus Luxembourg have caused political irritations and sparked a controversial debate on the state of European economic integration and "integration through law." The paper offers a historical-institutionalist perspective and puts the recent controversial rulings in the context of a long history of politically uncontrolled usurpation of competencies. The four ECJ decisions rely on principles that were constructed by case law: supremacy, direct effect, bans on restrictions on the fundamental freedoms guaranteed by European law (rather than non-discrimination) and social fundamental rights as elements of the general principles of Community law. The paper discusses the sources of the ECJ's freedom to introduce new principles and questions whether an inclusion of social fundamental rights in European Union treaties would put a stop to the judicially imposed radicalization of common market integration. I doubt that such an inclusion would fundamentally change the situation. Rather, in order to maintain distinct national solutions to the conflict between social democracy and capitalist economy, the paper recommends a strategy of politically enforced judicial self-restraint (in the sense of Article 137 [5] EC).

 

Zusammenfassung


 
Die in den Jahren 2007 und 2008 ergangenen EuGH-Urteile in den Fällen Viking, Laval, Rüffert und Kommission gegen Luxemburg haben Irritationen in Politik und Verbänden hervorgerufen und eine kontroverse Diskussion zum Stand der europäischen Wirtschaftsintegration und zum Stellenwert der "Integration durch Recht" angestoßen. Dieser Aufsatz schlägt eine historisch-institutionalistische Perspektive auf den EuGH vor und stellt die jüngste Urteilsserie in den Kontext eines langen Prozesses politisch unkontrollierter Usurpation von Zuständigkeiten. Die vier Urteile beruhen auf Grundlagen, die ihrerseits durch Richterrecht geschaffen wurden: Vorrang europäischen Primär- und Sekundärrechts, Direktwirkung und Drittwirkung auf Private, allgemeine Beschränkungsverbote (statt Nichtdiskriminierung), soziale Grundrechte als allgemeine Rechtsgrundsätze der Gemeinschaft. Der Beitrag diskutiert die machtpolitischen Quellen der Handlungsfreiheit des EuGH und hinterfragt, ob eine Aufnahme sozialer Grundrechte in die europäischen Verträge die vom Gericht angestoßene Radikalisierung der Binnenmarktintegration stoppen würde. Zur Erreichung dieses Ziels ist eine politisch kontrollierte Selbstzurückhaltung des EuGH notwendig, die – im Sinne des Art. 137 Abs. 5 EGV – den autonomieschonenden Umgang mit nationalen Lösungen zum Ausgleich zwischen sozialer Demokratie und kapitalistischer Ökonomie sicherstellt.
 

Inhalt

 
1  EuGH-Entscheidungen in historisch-institutionalistischer Perspektive 
2 Vier richtungsweisende EuGH-Urteile 
3 Die sukzessive Reinterpretation der europäischen Verträge durch den EuGH 
4 Europäische soziale Grundrechte als Hebel gegen die Radikalisierung der Binnenmarktintegration? 
5 Die machtpolitischen Quellen der Handlungsfreiheit des EuGH 
6 Ausblick
Literatur

 
Close window