Forschungsprojekt "Die Produktion von kulturellen Bedeutungen und Bildung von Preisen auf dem Weinmarkt"


 
Für den distanzierten Beobachter ist der Weinmarkt ein ausgesprochen interessantes und verblüffendes Phänomen. Auf der einen Seite kann eine Flasche Wein im Supermarkt oder beim Discounter für wenige Euros erworben werden, auf der anderen Seite erzielen Weine von renommierten Weingütern Spitzenpreise im Fachhandel oder bei Auktionen. Wie kann erklärt werden, dass Konsumenten für ein eigentlich recht homogenes Gut so unterschiedlich hohe Preise zahlen? Das wirtschaftssoziologische Forschungsprojekt verfolgt die These, dass die verschiedenen Beteiligten auf dem Weinmarkt – zum Beispiel Weinproduzenten, Weinhändler, Weinkritiker und auch Weinkonsumenten – in einem kommunikativen Prozess verschiedenen Weinen unterschiedliche ästhetische Bedeutungen zuweisen, die den Inhalt der einen Flasche als einen kostengünstigen Trinkwein und den Inhalt einer anderen Flasche als wertvolles Luxusgetränk klassifizieren.
 
In welchem Umfang sich diese Entwicklungen tatsächlich abspielen oder nur Konstrukte von Zeitdiagnosen sind, soll mit Hilfe von empirischen Daten geprüft werden. Daher ist eine zuverlässige Erhebung von Informationen durch die Inhaltsanalyse von Berichten und Darstellungen von Wein einerseits, die Befragung von ausgewählten Personen in der Bevölkerung so wichtig. Ohne eine gute Datengrundlage ist eine wissenschaftliche Überprüfung dieser Thesen nicht möglich. Die Studie ist ein in vier Teilprojekte gegliedertes Gemeinschaftsprojekt des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung in Köln und des Soziologischen Instituts der Universität Zürich unter der Leitung von Professor Jens Beckert, Köln und Professor Jörg Rössel, Zürich. Sie beschäftigt sich zu weiten Teilen mit zwei Weinregionen in Deutschland, dem Rheingau und Rheinhessen. Sie soll die folgenden zentralen Forschungsfragen klären:
 

Welchen Stellenwert hat der Konsum für die Gestaltung und Entwicklung von Märkten?

In der Studie soll zum einen geklärt werden, welchen Stellenwert der Konsum für die Gestaltung und Entwicklung von Märkten hat. Die Wirtschaftssoziologie richtete ihr Hauptaugenmerk bislang vor allem auf die soziale Organisation der Produktion und Distribution von Gütern und Dienstleistungen und vernachlässigte damit die Untersuchung der Nachfrageseite. Diese Lücke soll über die Analyse der Wechselwirkung von Produktion und Konsumtion geschlossen werden, indem Konsum als zentraler Aspekt der Konstitution von Märkten und wirtschaftlichem Handeln wahrgenommen und untersucht wird.
 

Ist die wachsende Bedeutung des ästhetischen Nutzens von Gütern Ausdruck eines gesellschaftlichen Strukturwandels?

Zum anderen ist es günstig, das Zusammentreffen von Produzenten und Konsumenten am Beispiel des Weinmarktes zu erforschen, da es sich um einen Markt handelt, der exemplarisch für einen grundlegenden Strukturwandel gegenwärtiger Gesellschaften steht. Diese weisen in den vergangenen Jahrzehnten ein starkes Wachstum von Einkommen sowie eine Zunahme postmaterialistischer Werte auf, so dass der instrumentelle Nutzen von Gütern, also ihr reiner Gebrauchswert, in den Hintergrund rückt und ihr subjektiver, ästhetischer Nutzen an Bedeutung gewinnt. Dies kann auf zahlreichen Märkten für Konsumgüter, von der Bekleidung, über Medienelektronik bis hin zu Autos beobachtet werden. Da der Konsum von Wein nicht in erster Linie dazu dient, Durst zu löschen, sondern mit dem Trinken von Wein auch ein höchst individueller, ästhetischer Genuss verbunden ist, kann der Weinmarkt als geradezu prototypisch für diese Entwicklung betrachtet werden.
 

Entsteht ein neuer Konsumenten-Typus?

Damit ist möglicherweise auch eine Veränderung der Konsumenten verbunden: Nicht mehr der rational abwägende Konsument, der die materiellen Vorteile und die Kosten von Gütern und Dienstleistungen abwägt, steht im Vordergrund, sondern der durch spezifische Lebensstile und ästhetische Kriterien geleitete Käufer.
 

 
Teilprojekte


MPIfG: Weinmarkt in Deutschland | http://www.mpifg.de/projects/weinmarkt/index_de.asp [Zuletzt geändert 25.03.2014 17:31]