Renate Mayntz

Zum 90. Geburtstag der Gründungsdirektorin des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung
 

Eine Pionierin der Nachkriegssoziologie


 
Nach einer wissenschaftlichen Karriere, die auch durch ihre Erfahrungen aus der Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegszeit geprägt wurde, gilt Renate Mayntz heute als die Grande Dame der deutschen Soziologie. Als Gründungsdirektorin leitete sie von 1985 bis 1997 das Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln. Am 28. April 2019 feierte sie ihren 90. Geburtstag.
 
Renate Mayntz ist in vielerlei Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung in der deutschen Forschungslandschaft: Sie ist eine herausragende Sozialwissenschaftlerin der Nachkriegsgeneration, die erste Gründungsdirektorin eines Max-Planck-Instituts und vermutlich eine von wenigen Forscherinnen und Forschern, die im Alter von über 80 Jahren noch wissenschaftlich aktiv sind. Die Arbeiten von Renate Mayntz auf den Gebieten der Gesellschaftstheorie, der politischen Steuerung, Politikentwicklung und -implementation sowie der transnationalen Regulierung gelten als richtungsweisend für die Soziologie. Sie wählte die Soziologie als ein Fach, mit dem sie angesichts der Erfahrungen mit dem nationalsozialistischen Regime eine Antwort auf die Frage „Wie ist so was möglich?“ suchen konnte.
 
Stets prägten gesellschaftliche Entwicklungen sozialwissenschaftliche Fragestellungen: vom Aufbau demokratischer Strukturen nach 1945 über die Planungseuphorie der Fünfziger- und frühen Sechzigerjahre, die Studentenbewegung, enttäuschte Hoffnungen auf politische Steuerung, die Transformation Osteuropas bis hin zum Versagen des regulatorischen Regimes der Finanzmärkte 2008. Renate Mayntz hat dies nicht nur miterlebt, sondern sie hat diese gesellschaftlichen Dynamiken analysiert und mit großer analytischer Schärfe auf den Begriff gebracht. Der Weg, den sie in ihrem wissenschaftlichen Schaffen zurückgelegt hat, verlief über die Organisationssoziologie, die Politikwissenschaft und schließlich die Gesellschaftsforschung. Ein zentrales Thema verbindet diese Forschungsphasen: das politische Element sozialen Handelns – der Versuch, gesellschaftliche Prozesse und Strukturen im spannungsreichen Wechselspiel mit oft machtvollen sozialen Dynamiken zu erklären und durch politische Steuerung bewusst zu gestalten. In ihrer aktuellen Forschung und angestoßen durch die Finanzkrise seit 2008 beschäftigt sie sich mit Aspekten der Globalisierung und Governance auf nationaler und internationaler Ebene.
 
„Wer ihr einmal begegnet ist, weiß, dass Zierlichkeit und Durchsetzungsvermögen keine Gegensätze sein müssen“, schrieb Jürgen Kaube in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung anlässlich ihres 80. Geburtstages. Mit ihrem stets aufrechten Gang, der Schärfe und Unbestechlichkeit des Verstandes und einer mitmenschlichen Herzenswärme, wie Albin Eser sie in seiner Rolle als Vorsitzender der Geisteswissenschaftlichen Sektion der MPG einmal charakterisierte, gilt sie in ihrem Umfeld als Respektsperson. Diese Eigenschaften, gepaart mit akademischem Ernst und politischem Realismus, prägen ihr wissenschaftliches Wirken.
 
1984 erhielt Renate Mayntz von der Max-Planck-Gesellschaft den Auftrag zur Gründung des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung (MPIfG) in Köln, das sie bis zu ihrer Emeritierung 1997 zusammen mit dem Politikwissenschaftler Fritz W. Scharpf leitete. Unter der gemeinsamen Ägide wuchs das Institut zu einem Zentrum zur Erforschung der sozialen und politischen Grundlagen moderner Gesellschaften heran. Der Bremer Universitätsprofessor Uwe Schimank, ein langjähriger wissenschaftlicher Mitarbeiter von Renate Mayntz, bringt ihre Verdienste um das Institut auf den Punkt: „Sie ist es, die das MPIfG auf seinen Weg gebracht hat – genauer: Sie hat es auf ihren eigenen Weg mitgenommen, der sie unbeirrbar an zahllosen kurzlebigen intellektuellen Moden vorbei zu einem der dauerhaften Kernprobleme zeitgenössischer Gesellschaften geführt hat“ – nämlich wie Ansätze zur politischen Steuerung die Dynamik gesellschaftlicher Entwicklung prägten.
 
Renate Mayntz’ Forschungsinteresse richtete sich stets auch auf die Fragen wissenschaftlicher Politikberatung. Mit einem Vermittlungsansatz, der auf Kommunikation und Kooperation mit der Praxis setzt, hat sie in den 1970er-Jahren in der Studienkommission zur Reform des öffentlichen Dienstrechts mitgearbeitet und war Mitglied im Senat der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Nach dem Fall der Berliner Mauer hat sie bei der Auflösung und Umgestaltung der Akademie der Wissenschaften der DDR und der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften mitgewirkt. Immer wieder hat sie sich für die innovative Gestaltung politischer und administrativer Entscheidungsverfahren engagiert. Eine Politikberatung, die auf Umsetzung der wissenschaftlichen Erkenntnisse besteht, liegt ihr jedoch fern: „Wenn man darauf versessen ist, dass das, was man vom Kothurn der Wissenschaft herab für richtig erklärt, nun von anderen umgesetzt wird, dann soll man das Geschäft erst gar nicht anfangen. Man soll sein Wissen präsentieren, und die Politik muss entscheiden.“
 


MPIfG: Wissenschaftlerprofil "Renate Mayntz" | http://www.mpifg.de/projects/mayntz/index_de.asp [Zuletzt geändert 30.04.2019 17:42]