Prof. Dr. Dr. h.c. Wolfgang Streeck
Lebenslauf
Lebenslauf, tabellarischVon Frankfurt nach Köln
Von 1966 bis 1972 habe ich in Frankfurt bei Ludwig von Friedeburg, Wolfgang Zapf und Jürgen Habermas Soziologie und als Nebenfächer Philosophie, Politikwissenschaft, Recht und Volkswirtschaftslehre studiert. Für eine Weile durfte ich als studentische Hilfskraft an der Gewerkschaftsstudie des Instituts für Sozialforschung mitarbeiten, die von Joachim Bergmann, Otto Jacobi und Walther Müller-Jentsch geleitet wurde. Nach dem Diplom hatte ich die Möglichkeit, zwei Jahre als Harkness Fellow Soziologie an der Columbia University in New York zu studieren, unter anderem bei Amitai Etzioni und Peter Blau. In dieser Zeit habe ich als Etzionis Research Assistant an der zweiten Auflage seines Buches „A Comparative Analysis of Complex Organizations“ mitgearbeitet. 1974 ging ich als Assistent von Heinz Hartmann an die Universität Münster, bis ich 1976 an das Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) zum damaligen International Institute of Management wechselte, das von Fritz W. Scharpf geleitet wurde. Einige Zeit später übernahm Scharpf den Forschungsschwerpunkt Arbeitsmarktpolitik am WZB, an dem ich bis 1988, unterbrochen von Gastaufenthalten am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz, an der University of Warwick und am Instituto Juan March in Madrid, als Leiter einer Arbeitsgruppe tätig war. 1986 wurde ich an der Universität Bielefeld mit einer Sammlung meiner Aufsätze zur Soziologie des Arbeitsverhältnisses habilitiert; Hauptgutachter war Claus Offe.
Noch in Münster hatte ich ein von der DFG gefördertes Forschungsprojekt über den organisatorischen Wandel der deutschen Gewerkschaften von 1960 bis 1975 begonnen. In Berlin kam ein vergleichendes deutsch-englisches Projekt über die Rolle der Gewerkschaften in der Gestaltung der Arbeitsorganisation – insbesondere in der Autoindustrie und bei den Eisenbahnen – hinzu, bei dem ich mit Santosh Mukherjee von der Universität Oxford und Peter Seglow von der Brunel University zusammenarbeitete. Später, nach Abschluss meiner Frankfurter Doktorarbeit im Jahre 1978, organisierte ich zusammen mit Philippe Schmitter ein international vergleichendes Forschungsprojekt über Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbände, das mich viele Jahre beschäftigen sollte. Hinzu kam meine Beteiligung an dem ersten Automobil-Projekt des MIT („The Future of the Automobile“). Damals nahmen viele bis heute bestehende enge Arbeitsbeziehungen und Freundschaften ihren Ausgang, so vor allem mit Philippe Schmitter, Arndt Sorge und natürlich Fritz Scharpf, aber auch mit Robert Boyer, Colin Crouch, Ron Dore, Peter Hall, Rogers Hollingsworth, Peter Katzenstein, Gerhard Lehmbruch, Victor Perez-Diaz, Marino Regini, Jelle Visser und anderen. Auch mit Egon Matzner, der 1984 als Nachfolger von Scharpf Direktor der Abteilung Arbeitsmarktpolitik des WZB wurde, haben sich die Wege immer wieder gekreuzt, bis er 2003 völlig überraschend verstorben ist.
1986 lehnte ich einen Ruf auf einen Lehrstuhl für Verwaltungswissenschaften an die Universität Konstanz ab und entschied mich dafür, ab 1988 als Professor für Soziologie und Arbeitsbeziehungen (Industrial Relations) an die Universität von Wisconsin in Madison zu gehen. In Madison, wo ich zusammen mit Joel Rogers ein Zentrum für Policy-Forschung (COWS) aufbaute und gemeinsam mit ihm und Erik Wright ein Lehrprogramm in Wirtschaftssoziologie entwickelte, war ich zum ersten Mal voll in der akademischen Lehre tätig. 1992 erhielt ich einen Ruf an die Humboldt-Universität in Berlin, den ich nach einigem Zögern ablehnte. Drei Jahre später bot sich mir die Möglichkeit, als Nachfolger von Renate Mayntz als Direktor an das Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln zu gehen und das Institut gemeinsam mit Fritz Scharpf zu leiten. Dem konnte ich nicht widerstehen, obwohl ich mich eigentlich entschlossen hatte, endgültig in den USA zu bleiben.
Nach meiner Rückkehr nach Deutschland begann ich mit dem Aufbau einer Forschergruppe am MPIfG. In dieser Zeit arbeitete ich eng mit Anke Hassel und Bernhard Ebbinghaus zusammen. Später kamen Christine Trampusch, Martin Höpner und Britta Rehder hinzu, noch später Armin Schäfer und Cornelia Woll. 1995 begann ferner meine langjährige Zusammenarbeit mit Kozo Yamamura an einem Vergleich der Ursprünge und Zukunftsaussichten der „nicht-liberalen“ politischen Ökonomien Deutschlands und Japans. Seit ein paar Jahren besteht eine intensive Kooperation mit Kathleen Thelen über das Thema des institutionellen Wandels. Die Entwicklung meiner Forschungsinteressen vor und während meiner Zeit am MPIfG habe ich anderswo (unter „Forschung“) dargestellt.
In meine Zeit als Geschäftsführender Direktor des MPIfG fallen Planung und Errichtung des 1999 in Betrieb genommenen Neubaus an der Paulstraße. Nach einer fast zweijährigen Zwischenphase im Anschluss an Fritz Scharpfs Emeritierung, in der ich der einzige Direktor am MPIfG war (2003 bis 2005), leite ich das Institut nun gemeinsam mit dem Soziologen Jens Beckert. Unser Ziel ist es, einen produktiven Dialog zwischen politischer Ökonomie und Wirtschaftssoziologie zu organisieren, der zur Weiterentwicklung beider Disziplinen beitragen soll. Ein wichtiger Schritt hierzu war die Einrichtung einer gemeinsam mit der Universität Köln betriebenen International Max Planck Research School (IMPRS) über die sozialen und politischen Grundlagen wirtschaftlichen Handelns, deren Finanzierung Ende 2006 gesichert werden konnte.
Neben der Arbeit am Institut leitete ich 1997-98, unterstützt von Norbert Kluge, die wissenschaftliche Arbeit der von der Bertelsmann Stiftung und der Hans-Böckler-Stiftung getragenen "Kommission Mitbestimmung". Nach dem Regierungswechsel 1998 beriet ich zusammen mit Rolf Heinze im Auftrag des Bundeskanzleramts das „Bündnis für Arbeit“ und leitete dessen „Arbeitsgruppe Benchmarking“. Im Sommer 2005 berief mich der damalige Bundeskanzler in eine „Kommission zur Modernisierung der deutschen Unternehmensmitbestimmung“ unter Vorsitz von Kurt Biedenkopf, deren wissenschaftliche Mitglieder der Bundeskanzlerin im Dezember 2006 ihren Bericht vorlegten.
Von 1997 bis 1998 war ich Präsident der Society for the Advancement of Socio-Economics (SASE). Im Jahr 2000 verlieh mir die Universität Birmingham den Grad eines Ehrendoktors. 2003 übernahm ich für drei Jahre das Amt des Vorsitzenden der Geistes-, Sozial- und Humanwissenschaftlichen Sektion der Max-Planck-Gesellschaft und war in dieser Eigenschaft unter anderem an der Umwidmung des Göttinger Max-Planck-Instituts für Geschichte in ein Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften beteiligt. Von Januar bis Juni 2007 und dann wieder von September 2009 bis Januar 2010 war ich Visiting Scholar an der Russell Sage Foundation in New York, wo ich mit der Arbeit an meinem Anfang 2009 erschienenen Buch "Re-Forming Capitalism: Institutional Change in the German Political Economy" beginnen konnte.
Seit meiner Zeit in Madison möchte ich trotz meiner Aufgaben als Leiter eines außeruniversitären Forschungsinstituts auf die Teilnahme an der akademischen Lehre nicht mehr verzichten. Zunächst als Honorarprofessor an der Humboldt-Universität und jetzt an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln habe ich seit 1996 in fast jedem Semester ein Seminar abgehalten. Hinzu kam ein von den Direktoren des MPIfG gemeinsam geleitetes regelmäßiges Kolloquium für die am Institut bestehende und nunmehr in die IMPRS überführte Doktorandengruppe. Meinen zahlreichen ehemaligen Doktoranden aus Madison und Köln sowie den an Zahl ebenfalls zunehmenden Kölner Habilitanden begegne ich mittlerweile immer wieder, auf Konferenzen jeder Art und vor allem in der Literatur. Sie arbeiten in den USA, in Korea, Japan und Taiwan, in Großbritannien, Dänemark, Spanien und natürlich in Deutschland.