Prof. Dr. Jens Beckert


 

Forschungsinteressen


 

Generelle Forschungsinteressen

Soziale Einbettung der Wirtschaft, insbesondere anhand der Untersuchung von Märkten, Organisationssoziologie, Soziologie der Erbschaft, soziologische Theorie
 

Aktuelle Forschung


Soziologie des Marktes

Erwartungen im wirtschaftlichen Handeln

Illegale Märkte

Erbschaften und Vermögensungleichheit


 

Die Wirtschaft aus soziologischer Perspektive: Forschungsschwerpunkte


Mein Forschungsbereich ist die Wirtschaftssoziologie. Diese Teildisziplin der Soziologie erforscht den Zusammenhang zwischen ökonomischen Prozessen und den sozialen, politischen und kulturellen Strukturen, in die wirtschaftliches Handeln eingebettet ist. Besonders interessiere ich mich dabei für die Funktionsweise von Märkten als den wichtigsten Mechanismen für die Allokation von Gütern in kapitalistischen Ökonomien.
 
Koordinationsprobleme
Theoretischer Ausgangspunkt sind Koordinationsprobleme, mit denen Marktakteure konfrontiert sind. Damit sich Märkte etablieren können, müssen verschiedene Akteure miteinander kooperieren, sie müssen die gehandelten Güter bewerten können und Wettbewerb muss so strukturiert sein, dass überhaupt Gewinnmöglichkeiten bestehen. Würden diese drei Koordinationsprobleme nicht gelöst, wären die Akteure mit einer solch überbordenden Ungewissheit in ihren Entscheidungen konfrontiert, dass Märkte als dauerhafte und relativ stabile Strukturen nicht entstehen könnten.
 
Ungewissheit stellt somit das Ausgangsproblem für das von mir verfolgte Forschungsprogramm dar. Die spezifisch soziologische Annahme besteht nun darin, dass die in den Koordinationsproblemen zum Ausdruck kommende Ungewissheit weder durch rationale Kalkulation noch durch Heuristiken bewältigt wird, sondern durch soziale Strukturen. Institutionen, soziale Netzwerke, kulturelle Rahmungen und soziale Macht strukturieren die Handlungssituation für die Akteure und ermöglichen die Reduktion von Komplexität, wodurch die Interaktionsbeziehungen auf Märkten koordiniert werden können.
 
Die Funktionsweise von Märkten
Diese Grundüberlegungen zum Verständnis von Märkten haben mich und meine Forschergruppe zur Untersuchung ganz verschiedener Märkte geführt, die häufig aus dem Grund ausgewählt wurden, weil sich in ihnen eines der Koordinationsprobleme besonders klar stellt. So haben wir etwa die Frage von Wert und Preisfindung auf dem Markt für zeitgenössische Kunst und auf dem Weinmarkt untersucht. Diese Märkte sind so interessant, weil die großen Preisunterschiede weder ganz unterschiedliche Herstellungskosten noch intrinsische Eigenschaften des Produkts widerspiegeln. Im Weinmarkt können selbst Experten bei Blindverkostungen nicht vom Geschmack auf den Preis schließen. In beiden Märkten sind Preise und die den Preisen zugrunde liegenden Einschätzungen der Qualität eines Weines oder eines Bildes sozial zugeschrieben. Qualität ist das Resultat von diskursiven Prozessen in dem Marktfeld und der erfolgreichen Etablierung von Institutionen, die Reputation signalisieren. Im Kunstmarkt etwa entstehen Preise durch Ausstellungen in Galerien und Museen mit hoher Reputation, durch Ankäufe bedeutender Museen, durch die Aufmerksamkeit wichtiger Kritiker und durch die Auszeichnung der Künstler mit renommierten Preisen. Qualität wird so interaktiv im Feld der Kunst selbst erzeugt. Ungewissheit wird durch Institutionen und soziale Netzwerke reduziert. Für Außenstehende sind die Qualitätsurteile in den jeweiligen Marktfeldern völlig unverständlich, was sich auch an abwertenden Kommentierungen erkennen lässt – „das hätte mein Kind auch malen können“. Auch wenn die empirische Forschung sehr spezielle Märkte zum Gegenstand hat, ist die zugrunde liegende Annahme, dass sich in diesen Märkten Mechanismen finden lassen, die generelle Bedeutung haben und somit für die Wirtschaftsentwicklung insgesamt wichtig sind.
 
Illegale Märkte
Ein Forschungsschwerpunkt war während der letzten Jahre die Untersuchung illegaler Märkte. Märkte für Drogen, menschliche Organe, gestohlene Autoteile oder nachgemachte Markenkleidung sind nicht nur wirtschaftlich bedeutsam, sondern erlauben auch einen theoretisch besonders interessanten Zugriff. Was illegale Märkte auszeichnet, ist, dass die Akteure sich nicht auf den staatlichen Schutz ihrer Eigentumsrechte verlassen können. Vielmehr müssen sie damit rechnen, dass der Staat die Tauschaktivitäten zu unterbinden versucht. Mit dem staatlichen Rechtsschutz entfällt eine wichtige institutionelle Stütze zur Lösung der Koordinationsprobleme, die auf legalen Märkten völlig selbstverständlich ist. Wie können sich die Akteure auf einem illegalen Markt so vertrauen, dass sie sich den Risiken des Tauschs aussetzen? Dies ist ein Kooperationsproblem. Es ist nicht zufällig, dass illegale Märkte in ganz engen, häufig verwandtschaftlich strukturierten Netzwerken organisiert sind und die beteiligten Unternehmen klein bleiben. Die Bedeutung des Staates für die Entwicklung von Märkten wird so ex negativo erkennbar. Ohne den institutionellen staatlichen Schutz kann sich eine moderne, hochgradig arbeitsteilige Ökonomie nicht entwickeln.
 
Fiktionale Erwartungen
Seit einigen Jahren ist noch eine weitere Frage für mich bedeutsam: Welche Rolle spielen Erwartungen für das Handeln auf Märkten? Wirtschaftliche Entscheidungen sind auf zukünftige Resultate hin ausgerichtet. Die Zukunft lässt sich jedoch nicht voraussehen, sondern ist ungewiss. In unseren Forschungen zeigen wir, dass Entscheidungen für Investitionen, Innovationen, aber auch im Konsumbereich, von „imaginierten Zukünften“ geprägt sind. Akteure entwickeln Bilder der Zukunft und erzählen Geschichten darüber, wie eine anvisierte Investition Gewinne ermöglichen wird. Man denke etwa an die derzeitigen Zukunftsvisionen des Silicon Valley oder auch an die Prognosen von Finanzanalysten, wenn sie vorhersagen, wie sich der Wechselkurs des Euro im nächsten Jahr entwickeln wird. Im Lotteriemarkt, einem Beispiel für Konsum, zeigt sich, dass die Lottospieler im Vorfeld der Auslosung Fantasien nachgehen, was sie mit dem noch zu gewinnenden Geld alles machen werden. In diesen Imaginationen liegt ein wichtiges Motiv für das Nachfrageverhalten. Solche imaginierten Zukünfte sind zentral für die Dynamik der kapitalistischen Wirtschaft, sowohl für ihr Wachstum als auch für die sich immer wiederholenden Wirtschaftskrisen. Mit der Einbeziehung von Zukunftsvorstellungen entsteht ein Bild wirtschaftlichen Handelns, das dieses nicht auf rationale Kalkulation reduziert, sondern auf als glaubwürdig empfundenen Geschichten basierend analysiert, die letztlich Fiktionen sind. Dies gilt, obwohl die Akteure sich alle Mühe geben, ihre Bewertungen der Situation so darzustellen, als beruhten sie allein auf Berechnungen, und so gut wie möglich versuchen, die verfügbaren Informationen einzubeziehen.
 
Vermögensvererbung und soziale Ungleichheit
Während diese Forschungen darauf abzielen, das Instrumentarium der Soziologie für das Verständnis wirtschaftlicher Phänomene fruchtbar zu machen, geht es mir in einem anderen Teil meiner Forschungen um das Verhältnis von Soziologie und Rechtswissenschaften. Das Interesse an Fragen des Rechts ist schon an den Forschungen zu illegalen Märkten erkennbar, doch es motiviert auch meine Arbeiten zur Vermögensvererbung. Ich habe vergleichend untersucht, wie sich das Erbrecht und das Erbschaftssteuerrecht in Frankreich, Deutschland und den USA seit der Zeit der Französischen Revolution entwickelt haben und wie sich die kontinuierlichen Rechtsunterschiede zwischen diesen Ländern erklären lassen. Dabei stütze ich mich auf eine zentrale Erkenntnis des französischen Soziologen Emile Durkheim, wonach sich aus bestehenden Rechtsinstitutionen auf die moralische Konstitution von Gesellschaften rückschließen lässt. In der historischen Untersuchung zeigt sich, dass in den drei Ländern die Problematik der Vermögensvererbung jeweils unterschiedlich betrachtet wird, etwa im Hinblick auf die Familie und auf die Bedeutung der Vererbung großer Vermögen für die Entwicklung der Demokratie. Diese Differenzen spiegeln sich in den Rechtsvorschriften. Von diesen Forschungen ausgehend haben wir uns in den letzten Jahren auch mit der Bedeutung von Vermögensvererbung für die Entwicklung sozialer Ungleichheit beschäftigt, einem der derzeit bedeutendsten gesellschaftspolitischen Themen.


Prof. Dr. Jens Beckert - Forschungsinteressen | http://www.mpifg.de/people/jb1/forschung_de.asp [Zuletzt geändert am 23.08.2018]