Fritz W. Scharpf
News
Welfare States in the Globalization Trap: Lecture by
Fritz W. Scharpf at Annual Meeting of the Max Planck
Society
On June 7,
2000, Professor Fritz W. Scharpf gave a public lecture
on "welfare states in the globalization trap" at the
annual general meeting of the
Max Planck Society
for the Advancement of Science. Scharpf, director at
the Max Planck Institute for the Study of Societies,
talked about the lessons that can be drawn from
internationally comparative studies (full text of
lecture in German). A self-governed, non-profit
research organization which is funded by the German
federal and state governments, the Max Planck Society
presents its annual report to its members and the public
at the annual general meeting, which was held this year
from June 7 to 9 in Munich.
MAX-PLANCK-GESELLSCHAFT
ZUR FÖRDERUNG DER WISSENSCHAFTEN E.V.
51. Ordentliche Hauptversammlung
der Max-Planck-Gesellschaft
vom 7. bis 9. Juni 2000 in München
Prof. Fritz W.
Scharpf,
Director - Max Planck Institute for the Study of
Societies - Cologne
Sozialstaaten in der Globalisierungsfalle?
Lehren aus dem internationalen Vergleich
Bitte beachten:
Es gilt das gesprochene Wort
Die Forschung, aus
der ich heute über einige Ergebnisse berichte, hat eine
in der MPG ungewöhnliche Vorgeschichte. Sie begann vor
genau drei Jahren im Senat dieser Gesellschaft mit einer
Diskussion über die Zukunft des Sozialstaats unter den
Bedingungen der Globalisierung, und sie fand ihre
Fortsetzung in der an uns adressierten Frage des
Präsidenten, was denn die vergleichende
Gesellschaftsforschung zur wissenschaftlichen Klärung
beitragen könnte. Die Antwort, der Stand der Forschung
sei so verwirrend wie die politische Debatte, aber
selbstverständlich auf viel höherem Niveau, konnte weder
ihm noch uns gefallen. Aber der für eine bessere
Auskunft nötige Forschungsaufwand war so hoch, daß er
aus den ohnehin verplanten Ressourcen des
Institutshaushalts nicht zu bestreiten war.
Mit einer finanziellen Starthilfe des Präsidenten und
mit der Hilfe eines internationalen Netzes von
Kooperationspartnern unseres Instituts war es aber dann
doch möglich, schon wenige Monate später eine
vergleichende Untersuchung in Gang zu setzen, deren
weiterer Fortgang durch eine größere Zuwendung der
Volkswagen-Stiftung und eine kleinere der
Thyssen-Stiftung gefördert wurde. An ihr waren
schließlich siebzehn Kollegen aus 8 Ländern beteiligt,
die unter deutsch-amerikanischer Projektleitung die
Reaktionen der Beschäftigungs- und Sozialpolitik in
zwölf Ländern auf Veränderungen der internationalen
Ökonomie seit den frühen 70er Jahren untersuchten. In
die Untersuchung einbezogen wurden die skandinavischen
Sozialstaaten Schweden und Dänemark, die
kontinentaleuropäischen Länder Österreich, Deutschland,
die Niederlande, Belgien, Frankreich, Italien und die
Schweiz, und schließlich Großbritannien, Australien und
Neuseeland als Vertreter des angelsächsischen Modells.
Die Arbeiten wurden vor zwei Monaten abgeschlossen und
die Ergebnisse werden in wenigen Monaten in zwei
voluminösen Bänden bei der Oxford University Press
erscheinen. Ich verspreche Ihnen jedoch, daß ich daraus
heute nur einen schmalen Ausschnitt vortragen werde.
Die hochentwickelten Sozialstaaten stehen heute überall
vor großen Problemen, die mit der Internationalisierung
der Wirtschaft kaum etwas zu tun haben — man denke nur
an die Folgen der Überalterung für die Renten- und
Gesundheitssysteme. Wenn die Globalisierung dennoch und
mit Recht als kritische Herausforderung diskutiert wird,
dann deshalb, weil diese Sozialstaaten ihre heutige
Gestalt in einer Periode entwickelt haben, in der die
nationale Politik auf die internationale Ökonomie kaum
Rücksicht nehmen mußte.
In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die
Integration der kapitalistischen Weltwirtschaft einen
historischen Tiefpunkt erreicht, von dem sie sich nur
langsam erholte. Die Wechselkurse waren damals durch
internationale Vereinbarungen fixiert und konnten nur
auf dem selben Wege verändert werden. Der
grenzüberschreitende Kapitalverkehr wurde wirksam
kontrolliert, und die nationalen Kapitalmärkte und
Finanzdienstleistungen waren strikt reguliert. Weite
Bereiche der Wirtschaft — die Landwirtschaft, die
Energieversorgung, der Straßengüterverkehr, die Bahn,
die Post, das Telefon, das Fernsehen und andere
Leistungen der „Daseinsvorsorge“ waren als staatliche
Monopole oder regulierte Kartelle sogar dem
innerstaatlichen Wettbewerb entzogen. Und selbst auf den
Märkten für Industriegüter, die dem internationalen
Wettbewerb im Prinzip offen standen, wurden die
nationalen Produzenten notfalls durch Zölle,
Einfuhrkontingente, Exportsubventionen und eine Vielzahl
nicht-tarifärer Handelshindernisse vor ausländischer
Konkurrenz geschützt.
Kapitalbesitzer konnten darum im Prinzip nur zwischen
Anlage-Optionen im Inland wählen, und die Unternehmen
konnten die Kosten gesetzlicher und tariflicher
Regelungen auf Verbraucher überwälzen, die nicht auf
günstigere ausländische Angebote ausweichen konnten.
Unter diesen Bedingungen konnte der Staat mit seiner
Geld- und Finanzpolitik die Investitionsneigung und die
gesamtwirtschaftliche Nachfrage wirksam beeinflussen und
damit fast überall die Vollbeschäftigung sichern. Die
gewerkschaftliche Lohnpolitik und die staatliche
Steuerpolitik konnten die primäre und sekundäre
Einkommensverteilung und damit das Maß der akzeptablen
sozialen Ungleichheit in weiten Grenzen beeinflussen.
Vor allem aber war die nationale Politik weitgehend frei
in der Entscheidung darüber, welche Funktionen der
sozialen Sicherung und der Daseinsvorsorge vom Staat,
welche von den Tarifparteien, und welche von den Bürgern
selbst über den Markt oder in der Familie erfüllt werden
sollten. Kurz: In den ersten Nachkriegsjahrzehnten wurde
die politische Gestaltung der gesellschaftlichen
Verhältnisse von der internationalen Ökonomie kaum
eingeschränkt — und dementsprechend unterschiedlich
haben sich die sozialstaatlichen Systeme in den
einzelnen Ländern entwickelt.
Diese Abschottung der Nationalwirtschaften von der
Weltwirtschaft gibt es heute nicht mehr. Schon in den
siebziger und frühen achtziger Jahren haben die beiden
Ölpreis-Krisen das ökonomische Gleichgewicht in allen
Industriestaaten erschüttert und manche von ihnen in
eine tiefe Krise gestürzt, die sie nur durch radikale
Kurswechsel ihrer Wirtschafts-, Finanz- und Lohnpolitik
überwinden konnten. Zugleich wurden die meisten Staaten
vom internationalen Kapitalmarkt abhängig.
Kapitalverkehrskontrollen verloren an Wirkung und wurden
schließlich fast überall aufgehoben, so daß der
internationalen Mobilität von Finanzanlagen kaum noch
Hindernisse entgegenstanden. In der zweiten Hälfte der
achtziger und in den neunziger Jahren schließlich
überschritt auch die internationale Integration der
Märkte für Realanlagen und der Produktmärkte wieder das
zuletzt vor dem Ersten Weltkrieg erreichte Niveau.
In der selben Periode hat die europäische
wirtschaftliche Integration die Wirkungen der
„Globalisierung“ wesentlich verstärkt. Hier unterbinden
strikte, gerichtlich durchsetzbare Regeln nicht nur
protektionistische Zölle und quantitative
Handelsbeschränkungen, sondern alle nationalstaatlichen
Maßnahmen, welche die Mobilität von Waren,
Dienstleistungen, Kapital und Arbeitnehmer behindern
oder den freien Wettbewerb im Binnenmarkt beschränken
oder verzerren könnten. Zugleich hat die europäische
Wettbewerbspolitik auch die Liberalisierung,
Privatisierung und radikale Deregulierung jener Aufgaben
erzwungen, die in den Nachkriegsjahrzehnten unter dem
Anspruch der staatlichen „Daseinsvorsorge“ dem
innerstaatlichen Marktwettbewerb entzogen waren.
Noch wichtiger als die Interventionen der Brüsseler
Wettbewerbshüter sind jedoch die faktischen Zwänge, die
von der Vollendung des Europäischen Binnenmarktes und
der Währungsunion ausgehen: Verbraucher können unter
Waren und Dienstleistungen aus allen Mitgliedstaaten
wählen; Kapital kann ohne jede Einschränkung
transferiert werden; Unternehmen können die Produktion
in jedes andere Unionsland verlagern, ohne ihren Zugang
zum heimischen Markt zu beeinträchtigen — und innerhalb
der Währungsunion brauchen sie nicht einmal mehr das
Risiko einer Wechselkursänderung einzuplanen. Kurz: der
Nationalstaat hat die in den Nachkriegsjahrzehnten
gewonnene Kontrolle über seine ökonomischen Grenzen
wieder vollständig verloren.
Im Ergebnis bedeutet dies, daß anders als in der
Nachkriegszeit die Konsumenten nicht mehr zum Kauf
inländischer Produkte gezwungen werden können, wenn
diese teurer oder weniger attraktiv sind als Angebote
aus anderen Ländern; und es bedeutet auch, daß
Kapitalbesitzer nicht mehr zur Anlage im Inland
gezwungen werden können, wenn die erwartbare Rendite
nach Steuern unter den anderswo erzielbaren Erträgen
liegt. Da aber die nationale Politik von ihren Wählern
auch weiterhin für Beschäftigung und Einkommen
verantwortlich gemacht wird, und da sie auf das
nationale Steueraufkommen angewiesen bleibt, muß sie
sich wohl oder übel auf eine Standortkonkurrenz mit
anderen Staaten einlassen, bei der es darum geht, die
Attraktivität des eigenen Landes für Produzenten,
Investoren und Steuerzahler gegenüber den
konkurrierenden Standorten zu verteidigen oder zu
verbessern.
Es sind diese Zwänge der Standortkonkurrenz, die nun den
Sozialstaat ins Zentrum der kritischen und besorgten
Aufmerksamkeit rücken. Kritisch ist die Aufmerksamkeit,
weil befürchtet wird, daß die zur Finanzierung sozialer
Leistungen erforderlichen Steuern und Abgaben, und die
dem Abbau sozialer Ungleichheit und dem Schutz der
Arbeitnehmer dienenden Gesetze und Tarifverträge die
internationale Wettbewerbsfähigkeit mindern könnten.
Besorgt ist die Aufmerksamkeit, weil umgekehrt
befürchtet wird, daß die zur Sicherung oder
Wiedergewinnung der Wettbewerbsfähigkeit für
erforderlich gehaltenen Maßnahmen auf den Abbau
sozialstaatlicher Leistungen und Sicherungen
hinauslaufen und die soziale Ungleichheit verschärfen
müßten.
Beide Arten von Befürchtungen unterstellen also einen
Gegensatz zwischen internationaler Wettbewerbsfähigkeit
und Sozialpolitik. Unsere Untersuchung hat jedoch
gezeigt, daß dieser Gegensatz auch unter den heutigen
Bedingungen kein prinzipieller ist. Es finden sich
durchaus Länder — Dänemark, beispielsweise, die
Niederlande, die Schweiz oder Australien — die auch
unter den Bedingungen der Globalisierung ihre
beschäftigungs- und sozialpolitischen Errungenschaften
verteidigt oder sogar verbessert haben. Aber dies gilt
keineswegs für alle Länder, die wir untersucht haben.
Wir schließen daraus, daß die nationale Politik zwar
weiterhin ihre sozialpolitischen Ziele autonom bestimmen
kann, daß sie aber im Gegensatz zur Nachkriegsperiode
nicht mehr in der Lage ist, auch die dafür verwandten
Mittel frei zu wählen. Anders ausgedrückt: die
strukturellen Unterschiede zwischen den Sozialstaaten
haben unter den Bedingungen der Globalisierung an
Bedeutung gewonnen.
Diese Unterschiede sind erheblich. Tatsächlich gibt es
unter den von uns untersuchten zwölf Ländern nicht zwei,
deren sozialstaatliche Institutionen und Programme in
allen wichtigen Aspekten übereinstimmen. In der
Literatur werden dennoch drei „Familien“ von
Sozialstaaten unterschieden, deren Entwicklung in der
Nachkriegszeit von den gesellschaftspolitischen
Leitbildern liberaler, christdemokratischer oder
sozialdemokratischer Parteien geprägt war. Deren Wirkung
zeigt sich am deutlichsten in der Abgrenzung zwischen
den vom Staat übernommenen und den von den Bürgern
selbst zu erfüllenden Funktionen der sozialen Sicherung
(Abbildung 1).

In allen drei Gruppen gewährleistet der Staat neben
seinen Funktionen im Bildungs- und Gesundheitswesen auch
eine soziale Mindestsicherung für Personen ohne andere
Einkommensquellen. In den angelsächsischen oder
„liberalen“ Sozialstaaten gilt dies auch bei
Arbeitslosigkeit und im Alter, wo sich die staatlichen
Leistungen ebenfalls auf eine niedrige Grundsicherung
beschränken. Die Absicherung mittlerer und höherer
Einkommen wird hier also im Prinzip der privaten
Vorsorge überlassen.
In den kontinentaleuropäischen oder
„christdemokratischen“ Ländern dagegen hat der Staat
zusätzlich die Verantwortung für aufwendigere Systeme
der Sozialversicherung übernommen, die bei
Arbeitslosigkeit, Invalidität und im Alter Leistungen in
Annäherung an das zuvor erzielte Arbeitseinkommen
gewähren sollen.
Dies gilt auch für die skandinavischen oder
„sozialdemokratischen“ Sozialstaaten, deren Entwicklung
jedoch noch eine weitere Stufe einschließt. Hier
gewährleistet der Staat auch ein breites Angebot
professioneller sozialer Dienstleistungen für Familien
mit Kindern, für Kranke und Behinderte und für ältere
Menschen, die nicht — wie in den angelsächsischen und
kontinentalen Ländern — nach den Regeln der Sozialhilfe
auf Bedürftige beschränkt bleiben, sondern im Sinne
eines Bürgerrechts von allen Familien in Anspruch
genommen werden.
Entsprechend der Abstufung der sozialstaatlichen
Funktionen unterscheiden die Länder sich auch in dem
Anteil der gesellschaftlich verfügbaren Ressourcen, die
im ersten Zugriff vom Staat in Anspruch genommen werden.
So lag am Ende der neunziger Jahre die Gesamtbelastung
durch Steuern und Sozialabgaben im Durchschnitt der
angelsächsischen Länder bei 34 Prozent des
Bruttoinlandsprodukts, bei den kontinentalen
Sozialstaaten lag sie bei 44 Prozent, und in Schweden
und Dänemark erreichte die Abgabenlast sogar 53 Prozent
des BIP. Die Unterschiede sind also erheblich und sie
sind im Laufe der Zeit auch nicht geringer geworden: Die
heutigen Hochsteuerländer hatten schon 1970 die höchsten
Steuern und Abgaben, und die Niedrigsteuerländer von
1970 haben auch heute noch die geringste Abgabenlast.
Auch bei der Beschäftigung gibt es erhebliche
Unterschiede zwischen den Ländergruppen, die hier
allerdings nicht mit der Abstufung der Funktionen des
Sozialstaats übereinstimmen. So lag am Ende der 90er
Jahre die Beschäftigungsquote (gemessen als Anteil der
tatsächlich Erwerbstätigen an der Bevölkerung im Alter
zwischen 15-64 Jahren) im Durchschnitt der beiden
skandinavischen Länder bei 73 Prozent und in den
angelsächsischen Ländern bei 67 Prozent. Am niedrigsten
lag sie in der Gruppe der kontinentalen Ländern, die
(wenn man die Schweiz als Sonderfall beiseite läßt) im
Durchschnitt nur eine Beschäftigungsquote von 59 Prozent
erreichten — die überdies deutlich unter dem Niveau lag,
das die selben Länder zu Anfang der siebziger Jahre
erreicht hatten.
Auf die Erklärung dieser Unterschiede will ich mich
heute konzentrieren. Was haben sie mit der
Wechselwirkung zwischen Globalisierung und den
Strukturen des Sozialstaats zu tun?
Nach dem bisher Gesagten sollte ein erster Befund nicht
überraschen, auch wenn er vielen Vorurteilen
widerspricht (Abbildung 2): Es gab am Ende der 90er
Jahre keinen linearen Zusammenhang zwischen dem Niveau
der Gesamtbeschäftigung und der Abgabenquote (gemessen
als Anteil aller Steuern und Sozialabgaben am
Bruttoinlandsprodukt). Eine hohe Beschäftigung wird
sowohl von Ländern mit hoher Abgabenquote als auch von
Ländern mit niedriger Steuerlast erreicht.
Abb. 2

Länder mit sehr hohen Steuern können eben auch viele
Arbeitsplätze im öffentlichen Sektor finanzieren
(Abbildung 3). Es entspricht aber auch unseren
Erwartungen, daß der offenbare Zusammenhang zwischen der
Beschäftigung im öffentlichen Sektor und der
Abgabenquote verschwindet, sobald man die
skandinavischen Länder aus der Betrachtung ausschließt.
Nur diese haben ja die sozialen Dienste universell
ausgebaut, und deshalb finden auch nur dort mehr als 20
Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung ihren
Arbeitsplatz im öffentlichen Sektor. Die kontinentalen
Länder dagegen haben ihre mittlere Position bei der
Abgabenbelastung nicht für den Ausbau der sozialen
Dienstleistungen, sondern für soziale Transfers
eingesetzt. In Deutschland, den Niederlanden, Italien
und Belgien liegt deshalb die Beschäftigungsquote im
öffentlichen Sektor sogar noch unter dem Niveau der
Vereinigten Staaten mit ihrer extrem niedrigeren
Abgabenquote.
Abb. 3
Die Unterschiede im Niveau der öffentlichen
Beschäftigung werden also durch unterschiedliche
Strukturen des Sozialstaats gut erklärt. Aber gilt dies
auch für die Beschäftigung im privaten Sektor (Abbildung
4) ?
Abb. 4
Wie erwartet zeigt das Streudiagramm einen starken
negativen Zusammenhang mit der Abgabenbelastung: Länder
mit hohen Steuern haben im Allgemeinen weniger private
Arbeitsplätze als Länder mit niedrigen Steuern. Aber
auch dieser Zusammenhang ist nicht perfekt. Im
Verhältnis zur Steuerlast liegen Dänemark, Schweden und
die Schweiz über den Erwartungswerten, während die
kontinentalen Sozialstaaten Italien, Frankreich, Belgien
und Deutschland auch weniger private Arbeitsplätze
haben, als ihrer Abgabenlast entspräche.
Auf diese Abweichungen vom statistischen Erwartungswert
werde ich noch zurückkommen. Zuvor aber interessiert die
Frage, in welchen Bereichen des privaten Sektors die
höhere Steuerbelastung in erster Linie ihren Schaden
anrichtet. Nach der Logik der Standortdebatten müßten
dies die Branchen sein, die dem internationalen
Wettbewerb ausgesetzt sind. Dazu zählen aber heute nicht
nur die Industrie und die Landwirtschaft, sondern auch
die Energieversorgung, die Bauwirtschaft und wichtige
Wirtschaftszweige, die normalerweise dem
Dienstleistungssektor zugerechnet werden, insbesondere
Verkehr, Kommunikation, Banken, Versicherungen und
Dienstleistungen für Unternehmen (Abbildung 5).
Abb. 5
Addiert man die Beschäftigungsquoten dieser Branchen (ISIC
1-5, 7 und 8), so zeigen sich wiederum große
Unterschiede zwischen den Ländern, die von etwa 26
Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung in Belgien bis zu
42 Prozent in der Schweiz reichen. Bemerkenswert ist
überdies, daß hier die derzeit als Vorbild angesehenen
Vereinigten Staaten gar nicht besonders gut abschneiden:
In den dem internationalen Wettbewerb ausgesetzten
Branchen erreichen Schweden, Dänemark, Österreich und
auch Deutschland jedenfalls deutlich höhere
Beschäftigungsquoten.
Wichtiger ist hier freilich der generelle Befund, daß
ein linearer Zusammenhang mit der Höhe der
Abgabenbelastung nicht zu erkennen ist. Entgegen der
Erwartung sind die Arbeitsplätze, auf denen
international handelbare Güter und Dienstleistungen
produziert werden, offenbar wenig empfindlich für
Unterschiede der Abgabenlast. Die Erklärung liegt
vermutlich in ihrer vergleichsweise hohen
Arbeitsproduktivität, welche die Bezahlung hoher
Bruttolöhne erlaubt. Unterschiedlich hohe Steuern können
dann auf die Arbeitnehmer überwälzt werden und führen im
Ergebnis zu höheren oder niedrigeren Nettolöhnen. Mit
anderen Worten: Was immer die Unterschiede bei der
Beschäftigung in den von der Globalisierung betroffenen
Branchen erklären mag: an den unterschiedlichen
Finanzierungslasten des Sozialstaats scheint es nicht zu
liegen.
Daraus folgt aber auch, daß die insgesamt negative
Wirkung der Abgabenlast auf die private Beschäftigung
sich in erster Linie in den Branchen zeigen muß, die
auch weiterhin vor dem internationalen Wettbewerb
geschützt sind — also in den privaten Dienstleistungen,
die lokal erbracht und lokal konsumiert werden.
In der international standardisierten Branchenstatistik
geht es hier um die beiden Gruppen ISIC 6 und ISIC 9.
Die letzte ist zwar die größere, aber sie umfaßt neben
personen- und haushaltsbezogenen Dienstleistungen auch
die sozialen Dienste, das Bildungswesen und das
Gesundheitswesen, die in den meisten Ländern ganz oder
überwiegend über Steuern und Sozialabgaben finanziert
werden. Diese Kategorie eignet sich also nicht zur
Aufklärung der Steuerempfindlichkeit des privaten
Sektors. Anders die sechste Gruppe, die in erster Linie
den Groß- und Einzelhandel, Restaurants, Hotels und
andere konsumbezogene Dienstleistungen einschließt, die
fast ausschließlich im privaten Sektor erbracht und
privat finanziert werden (Abbildung 6).
Abb. 6
Hier finden wir nun in der Tat einen stark negativen
Einfluß der Abgabenlast auf die Beschäftigungsquoten.
Länder mit hoher Abgabenlast haben weniger Arbeitsplätze
in den konsumorientierten Dienstleistungen als
Niedrigsteuerländer. Aber wir finden auch nicht
unerhebliche Abweichungen vom Erwartungswert. So liegen
hier die Beschäftigungsquoten in Finnland, Belgien,
Frankreich und vor allem in Deutschland erheblich unter
dem Niveau, das man entsprechend der Abgabenlast
erwarten könnte, während Dänemark und Österreich über
Erwarten gut abschneiden.
Auf der Suche nach Erklärungen für diese Abweichungen
sind wir dann der Frage nach dem Einfluß einer
unterschiedlichen Zusammensetzung des Steueraufkommens
nachgegangen. Aus theoretischen Gründen die sogleich
erläutert werden sollen, unterscheiden wir dabei
zwischen Einkommen- und Körperschaftsteuern auf der
einen Seite und Sozialabgaben und Verbrauchsteuern auf
der anderen Seite.
Auf die erste Kategorie konzentriert sich derzeit die
politische Auseinandersetzung um die deutsche
Steuerreform (Abbildung 7). Da müßte es die Kontrahenten
eigentlich überraschen, daß Deutschland zwar nicht bei
den nominalen Steuersätzen, wohl aber beim tatsächlichen
Aufkommen aus der Einkommen- und Körperschaftssteuer
zusammen mit Frankreich und den Niederlanden zu den
extremen Niedrigsteuerländern gehört, während nicht nur
Dänemark und Schweden, sondern auch der neoliberale
Musterstaat Neuseeland wesentlich höhere Einnahmen aus
dieser Steuerquelle erzielen.
Abb. 7
Noch wichtiger ist hier allerdings der Befund, daß im
internationalen Vergleich keinerlei Zusammenhang
zwischen der unterschiedlichen Belastung durch
Einkommensteuern und der Beschäftigung in den privaten
Dienstleistungen festzustellen ist. Im Gegensatz dazu
haben offenbar die Sozialabgaben und Verbrauchsteuern
deutliche und stark negative Wirkungen auf die
Beschäftigung (Abbildung 8).
Abb. 8
Für diesen Unterschied gibt es eine gute theoretische
Erklärung: Auf den konsumorientierten Arbeitsplätzen im
Groß- und Einzelhandel, in Hotels und in Restaurants und
auch bei vielen haushalts- und personenbezogenen
Dienstleistungen geht es oft um Tätigkeiten mit geringen
Qualifikationsanforderungen und geringer
Arbeitsproduktivität. Sie sind überdies besonders
preisempfindlich, weil die Konsumenten jedenfalls zum
Teil auf Selbstbedienung, Do-It-Yourself und
Familienarbeit ausweichen könnten. Auf dem (legalen)
Markt können sie nur dann rentabel angeboten werden,
wenn auch die Preise niedrig sind.
Dies erklärt den negativen Beschäftigungseffekt der
Mehrwertsteuer bei preisempfindlichen Dienstleistungen.
Die wichtigere Rolle spielen jedoch die Arbeitskosten —
also die Summe aus den Nettolöhnen der Arbeitnehmer und
den auf den Lohn entfallenden Steuern und Abgaben. Sind
die Abgaben hoch, so hängt das Volumen der privaten
Beschäftigung davon ab, daß die Arbeitnehmer bereit
sind, niedrigere Nettolöhne hinzunehmen. Dieser
Kompensationsmechanismus funktioniert jedoch am unteren
Ende der Lohnskala nicht mehr zuverlässig.
In Skandinavien und einigen kontinentalen Sozialstaaten
verfolgen die Gewerkschaften oder der Staat eine auf
Anhebung der Mindestlöhne gerichtete Politik, die auf
Unterschiede der tatsächlichen Arbeitsproduktivität
wenig Rücksicht nimmt. Zugleich definiert der Staat
durch die Sozialhilfe und andere Sozialleistungen eine
Untergrenze, unter die der Nettolohn nicht absinken
kann. Bei Löhnen in der Nähe dieser Untergrenze können
Steuern und Abgaben also nicht auf den Arbeitnehmer
überwälzt werden, sondern müßten in voller Höhe auf die
Produktionskosten aufgeschlagen werden.
Dies erklärt auch die unterschiedliche Wirkung von
Einkommensteuern und Sozialabgaben. Bei der
Einkommensteuer gibt es einen Grundfreibetrag, der bei
uns etwa dem Sozialhilfesatz für Alleinstehende
entspricht. Die Lohnsteuer wird also nur von den
Einkommensbestandteilen erhoben, die über den Freibetrag
hinaus gehen. Faktisch spielt die Einkommensteuer
deshalb im Niedriglohn-Bereich kaum eine Rolle. Anders
die Sozialabgaben. Sie werden ohne Freibetrag schon auf
die erste verdiente Mark erhoben, und bis zur
Beitragsbemessungsgrenze gilt ein einheitlicher Satz,
der bei uns mehr als 40 Prozent ausmacht. Hier werden
also gerade die niedrigsten Löhne mit Abgaben belastet,
deren Höhe fast dem Spitzensatz der Einkommensteuer
entspricht.
Es gibt also gute theoretische Gründe und empirische
Belege dafür, daß gerade die Sozialabgaben und (in
geringerem Maße) die Verbrauchsteuern der Beschäftigung
in den privaten Dienstleistungen schaden. Trotzdem ist
auch hier der statistische Zusammenhang keineswegs
perfekt. So haben etwa Österreich und die Niederlande
mehr Arbeitsplätze in den privaten Dienstleistungen, als
man nach der Höhe ihrer Abgabenlast erwarten würde,
während die Beschäftigungsquoten in Belgien, Italien,
Deutschland und Dänemark unter dem Erwartungswert
bleiben.
Für die Niederlande gibt es dafür eine Erklärung, die
unser Argument stützt: Dort ist zwar das Aufkommen aus
den Sozialabgaben insgesamt hoch, aber die
Arbeitgeberbeiträge sind sehr niedrig. Vor allem aber
hat man vor zehn Jahren die Arbeitnehmerbeiträge in den
Einkommensteuertarif integriert, so daß der Freibetrag
nun auch hier angewandt wird. Im Vergleich zur deutschen
Situation liegt darin eine ganz erhebliche Begünstigung
der Teilzeitarbeit, die in den Niederlanden stärker
angestiegen ist und jetzt höher liegt als in irgendeinem
anderen OECD-Land.
Die anderen Abweichungen können jedenfalls zum Teil
durch ein zweites Kostenargument erklärt werden. Die
Beschäftigung in den privaten Dienstleistungen muß auch
abnehmen, wenn die Gewerkschaften oder der Staat die
Löhne für wenig produktive Arbeit stark anheben. Dies
trifft in erster Linie für die skandinavischen
Sozialstaaten zu, wo die mittleren Löhne die im
untersten Zehntel der Lohnverteilung nur um den Faktor
1,4 übersteigen, während dieser Faktor in Großbritannien
bei 1,8 und in den Vereinigten Staaten sogar bei 2,1
liegt. Die kontinentalen Länder liegen bei der
Lohndifferenzierung meist im Mittelfeld, aber mit
wichtigen Ausnahmen: Belgien und Deutschland sind die
einzigen OECD-Länder, in denen die Lohnunterschiede seit
Mitte der 80er Jahre noch abgenommen haben. Sie sind nun
fast so gering wie in den skandinavischen Ländern. Auf
der anderen Seite erreicht in Österreich die
Lohndifferenzierung mit dem Faktor 2 fast das extreme
amerikanische Niveau. Offenbar haben sich die
österreichischen Gewerkschaften nicht am skandinavischen
Modell einer „solidarischen Lohnpolitik“ orientiert,
sondern Niedriglöhne (vor allem auf typischen
„Frauenarbeitsplätzen“) zugelassen. Es erscheint deshalb
plausibel, daß hier die Beschäftigung in den einfachen
Dienstleistungen deutlich über dem durch die relativ
hohe Abgabenlast definierten Erwartungswert liegt,
während Belgien und Deutschland ebenso wie Finnland,
Dänemark und Schweden deutlich darunter liegen.
Freilich ist auch diese Erklärung noch nicht perfekt,
und ich könnte für die verbleibenden Abweichungen noch
weitere Einflußfaktoren heranziehen — etwa die
Unterschiede in der Flexibilität des Arbeitsrechts oder
in den Bedingungen, welche die Erwerbsarbeit
verheirateter Frauen erschweren oder erleichtern. Aber
das würde den bisherigen Befund nicht in Frage stellen:
Die private Beschäftigung in den konsumorientierten,
haushaltsorientierten und personenorientierten
Dienstleistungen stagniert auf niedrigem Niveau überall
dort, wo der kumulative Effekt von Sozialabgaben,
Verbrauchsteuern und hohen Mindestlöhnen die Arbeit
stark verteuert. In der Euphorie des beginnenden
Aufschwungs und der New Economy gelten diese
Arbeitsplätze möglicherweise als wenig attraktiv. Wenn
man aber bedenkt, daß in den Branchen, die dem
internationalen Wettbewerb ausgesetzt sind,
Arbeitsplätze mit geringen Qualifikationsanforderungen
überall wegrationalisiert werden, dann sollte man die
sozialpolitische Bedeutung dieses Befundes nicht gering
einschätzen.
Selbstverständlich ist dies keineswegs das einzige
Ergebnis unserer Untersuchungen, aber ich will es hier
damit bewenden lassen und zu der Ausgangsfrage nach dem
Verhältnis zwischen Globalisierung und Sozialstaat
zurückkehren. Die erste und einigermaßen überraschende
Antwortet lautet, daß dieser Zusammenhang dort am
schwächsten ist, wo man zunächst die stärkste
Wechselwirkung vermutet hätte. Gewiß erzeugen der
verschärfte Wettbewerb auf den internationalen
Produktmärkten und die erhöhten Rendite-Erwartungen der
international mobilen Kapitalanleger einen Zwang zur
personalsparenden Rationalisierung in allen
international exponierten Wirtschaftszweigen. Aber die
Unterschiede im Niveau und in der Struktur des
Sozialstaats haben darauf nur sehr geringen Einfluß.
Weil aber der Druck der Globalisierung die Beschäftigung
in den davon betroffenen Branchen per Saldo überall
reduziert, hängt der Erfolg nationaler Beschäftigungs-
und Sozialpolitik von der Entwicklung in jenen Branchen
ab, die dem internationalen Wettbewerb nicht unmittelbar
ausgesetzt sind. Hier hat die Beschäftigung überall
zugenommen, aber in den skandinavischen und den
angelsächsischen Ländern waren die Zuwächse am höchsten,
und die durchschnittlichen Beschäftigungsquoten liegen
inzwischen bei 37 bzw. 34 Prozent und damit über denen
der im internationalen Wettbewerb stehenden Branchen. In
den kontinentalen Sozialstaaten dagegen liegen, (wenn
man von der Schweiz und den Niederlanden absieht) die
Beschäftigungsquoten in den geschützten Branchen nur bei
27 Prozent. Diese Unterschiede können fast durchweg
durch Unterschiede in der Struktur des Sozialstaats
erklärt werden.
In den skandinavischen Ländern werden nicht nur die
produktiven Arbeitsplätze im Bildungs- und
Gesundheitswesen, sondern auch viele einfache personen-
und haushaltsbezogene Dienstleistungen öffentlich
finanziert, während die Beschäftigung in den wenig
produktiven privaten Dienstleistungen durch hohe Abgaben
und hohe Mindestlöhne begrenzt wird. Die
Wettbewerbsfähigkeit der Exportwirtschaft profitiert
dagegen von der solidarischen Lohnpolitik der
Gewerkschaften, während niedrige Steuern auf
Unternehmensgewinne und Kapitaleinkommen die
Investitionsbereitschaft sichern. Der besonders
großzügige und aufwendige skandinavische Sozialstaat ist
also robust gegenüber dem wirtschaftlichen Druck der
Globalisierung. Über seine Zukunft entscheidet nicht der
internationale Wettbewerb, sondern die politische Frage,
ob die Bürger auch weiterhin sehr hohe Steuern auf
Arbeitseinkommen akzeptieren werden, während hier wie
überall die Kapitaleinkommen entlastet werden.
In den angelsächsischen Sozialstaaten spielen öffentlich
finanzierte Dienstleistungen eine sehr geringe Rolle,
während die Expansion der privaten Beschäftigung im
geschützten Sektor durch niedrige Steuern und starke
Lohndifferenzierung begünstigt wird. Auch diese Lösung
ist politisch gewählt und wird von der Globalisierung
weder erzwungen noch bedroht. Ihr Problem ist normativer
Art: Zwar kann der Zuwachs in den privaten
Dienstleistungen die Beschäftigungsverluste in der
Industrie ausgleichen, aber nur um den Preis wachsender
Ungleichheit und der Verarmung der „working poor“ — von
Arbeitnehmern also, die bei marktgerechten Löhnen auf
einem Vollzeitarbeitsplatz nicht in der Lage sind, das
Existenzminimum zu verdienen. Die Programme, die in den
Vereinigten Staaten, Großbritannien, Australien und
Neuseeland zur Bekämpfung der Armut eingesetzt werden,
folgen deshalb der Logik einer Negativsteuer oder des
auch bei uns diskutierten „Kombilohns“: Sie ergänzen die
auf wenig produktiven Arbeitsplätzen erzielbaren
Erwerbseinkommen durch Sozialleistungen, die das
Familieneinkommen über die Armutsgrenze heben sollen,
ohne daß der ökonomische Anreiz zur Erwerbsarbeit
untergraben wird (wie dies bei unserer Sozialhilfe der
Fall ist).
Die kontinentalen Sozialstaaten stehen vor schwierigeren
Problemen. Im internationalen Wettbewerb schneiden sie
im Durchschnitt zwar recht gut ab, aber in den
geschützten Branchen haben sie trotz höherer Steuern so
wenig öffentliche Beschäftigung wie die angelsächsischen
Länder, und trotz niedrigerer Abgabenlast zumeist noch
weniger Arbeitsplätze in den privaten Dienstleistungen
als die skandinavischen Sozialstaaten. Der Grund liegt
in den Leistungs- und Finanzierungsstrukturen des
kontinentalen Modells. Es müßte grundlegend reformiert
werden, wenn die Beschäftigung entweder in den
öffentlich finanzierten oder in den privaten
Dienstleistungen deutlich zunehmen sollte. Eine dem
skandinavischen Modell entsprechende Expansion im
Bildungs- und Gesundheitswesen und in den sozialen
Diensten könnte ohne Schaden für die
Wettbewerbsfähigkeit durch höhere Einkommensteuern
finanziert werden, sofern nur die Gewinne und die
Kapitaleinkommen geschont werden. Umgekehrt könnte auch
die Beschäftigung in den privaten Dienstleistungen
steigen, wenn die Kosten des Sozialstaats wenigstens zum
Teil den Sozialabgaben auf die Einkommensteuer verlagert
würden, oder wenn nach niederländischem Vorbild die
Sozialabgaben nach der Systematik einer Einkommensteuer
erhoben würden.
In einigen kontinentalen Ländern, insbesondere in
Frankreich und in Belgien, hat die Politik in der Tat
begonnen, sich in diese Richtung zu bewegen. Bei uns
dagegen fehlt es offenbar noch an der Einsicht in diese
Zusammenhänge. Ich schließe deshalb mit einem
historischen Rückblick auf die Entwicklung des deutschen
Steueraufkommens (Abbildung 9).
Abb. 9
Er zeigt, daß seit 1965 die Gesamtbelastung durch
Steuern und Sozialabgaben erheblich gestiegen ist. Nimmt
man allerdings die Steuern allein, dann lag das
Aufkommen 1998 noch unter dem Niveau von 1965. Der
Anstieg der Abgabenquote in den siebziger Jahren und
noch einmal nach der deutschen Vereinigung wurde also
allein durch die Erhöhung der Sozialabgaben erreicht.
Deren beschäftigungsschädliche Wirkung ist inzwischen
bekannt. Dennoch konzentriert sich auch der gegenwärtige
Streit um die Steuerreform ganz auf die weitere Senkung
der Einkommen- und Körperschaftsteuer, während selbst
die geringfügige Entlastung bei den Sozialabgaben durch
den Protest gegen die Benzinpreise wieder in Gefahr
gerät.
Ausgewählte
Veröffentlichungen
Welfare and Work in the Open
Economy. From Vulnerability to Competitiveness.
Volume 1 (with Vivien A. Schmidt). Oxford: Oxford
University Press, 2000.
Welfare and Work in the Open
Economy. Diverse Responses to Common Challenges.
Volume 2 (with Vivien A. Schmidt). Oxford: Oxford
University Press, 2000.
Welfare and Work in the Open
Economy. Diverse Responses to Common Challenges.
Volume 2 (with Vivien A. Schmidt). Oxford: Oxford
University Press, 2000.
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(Aus dem Amerikanischen übersetzt von Oliver Treib.)
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Welfare States in the International Economy.
Vulnerabilities and Options. MPIfG Working Paper
99/9. Köln: Max-Planck-Institut für
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Föderale Politikverflechtung:
Was muß man ertragen? Was kann man ändern? In:
Konrad Morath (Hrsg.), Reform des Föderalismus. Beiträge
zu einer gemeinsamen Tagung von Frankfurter Institut und
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Optionen des Föderalismus in
Deutschland und Europa. Frankfurt a.M.: Campus,
1994.
Games Real Actors Play.
Actor-Centered Institutionalism in Policy Research.
Boulder, Colorado/ Oxford: Westview Press, 1997.
Sozialdemokratische
Krisenpolitik in Europa. Frankfurt: Campus 1987.
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