Dr. Ariane Leendertz


 

Forschungsprojekte


 

Gesellschaftliche Komplexität, globale Interdependenzen und die Erschöpfung politischen Lösungsdenkens



In den 1970er Jahren wurden gesellschaftliche „Komplexität“ und globale „Interdependenzen“ als neuartige politische und intellektuelle Herausforderungen diskutiert. Beide Phänomene galten nicht allein als ein Problem sozialwissenschaftlicher Theoriebildung, sondern wurden zugleich in Politik und in öffentlichen Debatten erörtert. Beide Begriffe oszillierten zwischen analytischem Konzept und zeitdiagnostischem Schlagwort.



Im Mittelpunkt dieses Projekts stehen die USA zwischen 1965 und 1985. Ich untersuche erstens das Ineinandergreifen zeitgenössischer wissenschaftlicher und politischer Überlegungen, um das Bedeutungskontinuum der Rede über Komplexität und Interdependenzen aufzuschlüsseln. Wieso gelangten diese Themen genau zu jener Zeit zu wissenschaftlicher und politischer Prominenz? In welcher Beziehung standen wissenschaftliche, politische und öffentliche Diskussion zu einander? Was bedeutete es, gesellschaftliche und globale Zusammenhänge als „komplex“ und „interdependent“ zu denken?



Darüber hinaus arbeite ich zweitens die Problemstellungen heraus, die aus Komplexitäts- und Interdependenzbefunden für das politische Handeln abgeleitet wurden. Drittens gilt es zu zeigen, inwiefern Komplexitäts- und Interdependenzdiagnosen Konzeptionen des Regierens im späten 20. Jahrhundert (mit) veränderten und welche Konsequenzen daraus für Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten des Staates gezogen wurden.



Das übergreifende Thema des Projekts ist der Wandel von Staatlichkeit und Regieren im späten 20. Jahrhundert. Dabei kombiniere ich Wissenschafts-, Ideen- und Politikgeschichte. Besonders wichtig ist es mir, die Entwicklung theoretischer und intellektueller Grundlagen, zeitgenössischer Diagnosen und Argumentationsmuster und Konzeptionen politischen Handelns bzw. des Regierens aufeinander zu beziehen. Sozialwissenschaftliche Kategorien und Theorien spielen eine zentrale Rolle für Konzeptionen und Praktiken des Regierens, für die Beschaffenheit politischer Programme und für die Diskussion über die Möglichkeiten und Grenzen staatlichen Handelns. (Sozial)wissenschaftliche Reflexionen, Argumente und Begriffe sind als integraler Teil des social imaginary zu sehen, in das politisches Handeln eingebettet ist: Sie sind Teil der kontinuierlichen Auseinandersetzung über die Beschaffenheit und Veränderbarkeit der sozialen Wirklichkeit.



Die bisherigen Ergebnisse legen nahe, dass komplexitätstheoretisch unterlegte Problemstellungen im Bereich der inneren Politik die Möglichkeit aktiven Regierens im Sinne gesellschaftlicher Reform und rationaler Problemlösung unterminierten und die Handlungsfähigkeit des demokratischen Staates in Frage stellten. Dieser Befund unterstreicht die Rolle von Theoriebildung für eine Unterminierung des amerikanischen Progressivismus aus sich selbst heraus (von innen). Die praktische Politik aktiver gesellschaftlicher Reform und Intervention wurde somit nicht allein von der erstarkenden politischen Rechten um Ronald Reagan in Frage gestellt. Vielmehr brachen zugleich ihre theoretischen Grundlagen weg.



Im Bereich der auswärtigen Politik und der internationalen Beziehungen wiederum galten wirtschaftliche und globale Interdependenzen – später als „Globalisierung“ bezeichnet – in den 1970er Jahren als eine zentrale Herausforderung, welche die noch bis weit in die 1960er Jahre dominierenden Strategien und Instrumente globaler Ordnungspolitik der Nachkriegszeit wirkungslos erscheinen ließen. Statt dessen gewann für die USA die Beherrschung und Prägung der internationalen „Regime“ – Verfahren, Regeln, Institutionen – im Rahmen dessen an Bedeutung, was bald global governance heißen sollte. Die Diskussionen über Komplexität und Interdependenzen stellen sich mir mithin als Symptome einer Periode des 20. Jahrhunderts dar, in der sich Verständnisse und Praktiken des Regierens fundamental zu verändern begannen.



 


Dr. Ariane Leendertz - Forschungsprojekte | http://www.mpifg.de/people/al/projects_de.asp [Zuletzt geändert am 12.11.2008]