Dr. Ariane Leendertz


 

Forschungsgruppe
 
„Ökonomisierung des Sozialen und gesellschaftliche Komplexität“

Ariane Leendertz, Daniel Monninger, Alina Marktanner, Gregory Ferguson-Cradler, Tobias Flink

Assoziiert:
Torsten Kathke (Universität zu Köln),
Andrea Mennicken (London School of Economics)



 
Die Forschungsgruppe untersucht Zusammenhänge, die den politischen und wissenschaftlichen Umgang mit gesellschaftlicher „Komplexität“ und die „Ökonomisierung des Sozialen“ in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts betreffen. In zeitgeschichtlicher Perspektive soll die Forschungsgruppe zur Beantwortung der Frage beitragen, inwiefern in den westlichen Gesellschaften in den 1970er oder 1980er Jahren tiefgreifende Umbrüche stattfanden, die in eine Neuordnung der Beziehungen zwischen Staat, Wirtschaft, Gesellschaft und Individuum mündeten. Wir schließen damit an Forschungsfragen an, wie sie etwa Howard Brick (Transcending Capitalism, 2006), Daniel Rodgers (Age of Fracture, 2011), Anselm Doering-Manteuffel und Lutz Raphael (Nach dem Boom, 3. Aufl. 2012) oder die Politikwissenschaftlerin Wendy Brown (Undoing the Demos, 2015) aufgeworfen haben.
 
Unter „Ökonomisierung des Sozialen“ verstehen wir allgemein die Entstehung eines Primats des Ökonomischen in Politik und Gesellschaft sowie die Ausbreitung „ökonomischer“ Sichtweisen, Begriffe, Denkweisen, Argumente oder Praktiken in Bereichen, die vorher nicht dem Bereich des Ökonomischen zugerechnet wurden. Zwar liegt es nahe, in der Analyse die in neueren sozialwissenschaftlichen Studien aufgeworfene Frage aufzugreifen, ob unter dem Vorzeichen des Neoliberalismus alle Bereiche des Lebens „immer mehr durchökonomisiert“ würden. Jedoch möchten wir in einer zeitdiagnostisch nicht vordeterminierten Sicht vielmehr untersuchen, was passiert und was es bedeutet, wenn „Ökonomisierung“ stattfindet. Betrachtet man das lange 20. Jahrhundert, erkennt man, daß Ökonomisierungsprozesse zu unterschiedlichen Zeiten ganz unterschiedliche Formen annehmen konnten. Denn auch „das Ökonomische“ und „die Ökonomie“ waren jeweils unterschiedlich strukturiert, organisiert und definiert. Inwiefern man für die jüngere Zeit von einem Modus „neoliberaler Ökonomisierung“ sprechen kann, der sich von anderen Formen der Ökonomisierung in vorherigen Perioden unterscheidet, ist eine der Fragen, die dieses Projekt beantworten soll.  
 
Die empirischen Arbeiten der Forschungsgruppe behandeln diese Problematik und die größere Frage nach gesamtgesellschaftlichen Transformationsprozessen aus unterschiedlichen Perspektiven, wobei der Schwerpunkt auf den USA, BRD und Großbritannien liegt:

 

1. Die Formatierung des arbeitenden Subjekts in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (Daniel Monninger)

Seit den 1950er Jahren veränderten sich Organisations- und Managementkonzepte sowie Konzepte der Menschenführung in Unternehmen. Welche Voraussetzungen sollte der arbeitende Mensch in der Ökonomie haben? Wie sollte sich das Individuum formatieren, das heißt seinen Körper, seine Gesundheit oder sein Verhalten formen, trainieren, konditionieren, um ökonomisch produktiv oder gesellschaftlich erfolgreich zu sein? Und wer formatierte eigentlich wen: der Mensch sich selbst durch sogenanntes Selbstmanagement? Oder die Unternehmensleitung durch Vorschriften, Strukturen und Führungstechniken? Das Projekt untersucht diese Frage am Gegenstand des Tavistock Institute for Human Relations.
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2. Neuaushandlungen des Politischen durch wirtschaftliche Politikberatung seit den 1950er Jahren (Alina Marktanner)

Unternehmensberater wie Roland Berger waren seit den 1990er Jahren auch gefragte Berater in der Politik. Die Geschichte der Beziehungen zwischen professionellen Unternehmensberatungen und politischen sowie staatlichen Instanzen reicht jedoch weiter zurück. Unter welchen Bedingungen wurden professionelle Unternehmensberatungen im öffentlichen und politischen Bereich tätig? Welche Instrumente und Logiken aus der freien Wirtschaft, welche Managementkonzepte, Ideen und Semantiken trugen sie in Politik und öffentliche Debatte? Wie veränderten sich dadurch politische Problemdefinitionen und Lösungsansätze, Sprache und Orientierungen?
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3. Twin Crises: Economies and Environments in the long 1970s (Gregory Ferguson-Cradler)

How did dividing lines between what was by definition economic, social and natural change during the „long“ 1970s? This project joins economic history with the history of science and economics to ask how analysts, scientists, policy-makers, and citizen activists internationally and in national contexts of Central and Northern Europe framed and defined the two major crises of the1970s – political-economic and environmental – and how these groups articulated policy responses to these crises in ways that continue to fundamentally shape our societies, economies, and environments into the twenty first century.
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4. Gesellschaftliche Komplexität, globale Interdependenzen und die Erschöpfung politischen Lösungsdenkens (Ariane Leendertz)

In den 1970er Jahren wurden gesellschaftliche „Komplexität“ und „komplexe Interdependenzen“ in den USA als neuartige politische und intellektuelle Herausforderungen diskutiert. Wieso gelangten diese Themen genau zu jener Zeit zu wissenschaftlicher und politischer Prominenz? Wie verflochten sich sozialwissenschaftliche, politische und öffentliche Debatten? Was bedeutete es, gesellschaftliche und globale Zusammenhänge als „komplex“ zu denken? Welche Konsequenzen für Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten des Staates – in der Innen- wie in der Internationalen Politik – wurden aus Komplexitätsdiagnosen gezogen? In welchen Zusammenhang stand diese Entwicklung mit dem Aufstieg des „Marktes“ zum vermeintlich überlegenen Instrument politischer Steuerung und Modell sozialer Beziehungen?
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5. Der neue Markt für populäre Gegenwartsdiagnosen (Torsten Kathke)

In den 1970er und 1980er Jahren etablierte sich auf dem Buchmarkt ein neues Genre: die populäre Gegenwartsdiagnose. Warum entstanden gerade in dieser Zeit ein Markt und ein Publikum für Bücher wie Alvin Tofflers „Future Shock“ oder Ulrich Becks „Risikogesellschaft“? Wie determinierte der neue Markt Inhalte, Themen und Machart der Bücher sowie die öffentliche Rolle und Selbststilisierung der Autoren? Welche Anforderungen mußten sie erfüllen, um Erfolg zu haben?
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In Kooperation mit dem Forschungsprogramm Geschichte der Max-Planck-Gesellschaft, Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte:

6. Konkurrenzfähigkeit und Flexibilität im globalen Wettbewerb (Ariane Leendertz)

Seit Mitte der 1990er Jahre stieg der Anteil befristeter Verträge bei den wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Max-Planck-Gesellschaft rapide an. Diese Entwicklung, so die leitende Hypothese, lässt sich nicht allein mit spezifischen Strukturprinzipien der MPG erklären. Wie das Projekt zeigen soll, bildeten vielmehr extrem wirkmächtige gesellschaftliche und politische Diskurse über Globalisierung, wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit, Flexibilisierung, New Public Management und die wissensbasierte Ökonomie den Kontext für einen tiefgreifenden Wandel des korporativen Selbstverständnisses der MPG. Sie imaginierte sich nunmehr als Wissenschaftsunternehmen, das auf einem globalen Markt agierte. Dies hatte Rückwirkungen auf die Personalpraxis. Das Projekt liegt konzeptionell an einer Schnittstelle zwischen Wissenschaftsgeschichte, Organisationssoziologie, Governmentality Studies und Zeitgeschichte.
Forschungsprogramm der GMPG...
 


 

In Kooperation mit dem Department of Accounting, London School of Economics:

7. Quantifizierung, administrative Kapazität und Demokratie (Andrea Mennicken)

Im Zentrum des Projekts steht die Frage nach dem Zusammenhang von Ökonomisierung und Quantifizierung einerseits, und Quantifizierung und Demokratisierung andererseits. Wie hat sich die Rolle von Quantifizierung im öffentlichen Sektor im Zuge markt-orientierter, neoliberaler Reformen gewandelt? Wie verändern neoliberal orientierte Instrumente und Praktiken der Quantifizierung die Organisation öffentlicher Verwaltung? Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für Nutzer, öffentliche Wohlfahrt und Konzeptionalisierungen von Verantwortlichkeit und Legitimation?
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Dr. Ariane Leendertz - Präsentationen | http://www.mpifg.de/people/al/forschungsgruppe_de.asp [Zuletzt geändert am 25.07.2017]