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 Die politische Regulation preisrelevanter Qualitätsmarker im Weinmarkt

 

Ein Forschungsprojekt am MPIfG von Jens Beckert

Der Verkaufspreis für eine Flasche Wein variiert zwischen einem und mehreren hundert Euro. In dem Forschungsprojekt geht es anhand der Untersuchung des Marktes für deutschen Wein (Weinregionen Rheinhessen und Rheingau) um die Erklärung dieser extremen Preisdifferenzierung eines weitgehend homogenen Gutes. In einem weiteren Sinn geht es um die Untersuchung von Wertbildungsprozessen auf Märkten durch die Strategien der Akteure im Weinmarkt und die Erklärung für das Nachfrageverhalten von Konsumenten. Die Erklärung von nicht funktional zu begründender Konsumnachfrage ist für das Verständnis der Wachstumsvoraussetzungen moderner Ökonomien von großer Bedeutung und kann nur durch die Beleuchtung der sozialen Konstruktion von Nachfrageverhalten gelingen.

Die Ausbildung stabiler Preisdifferenzen im Weinmarkt verlangt die Reduktion von Unsicherheit hinsichtlich der Qualitätseinschätzung. Die dem Projekt zugrunde liegende Hypothese lautet, dass die Ordnung des Weinmarktes ihre Grundlage in der kommunikativen Konstruktion von Qualitätsmarkern und deren Zuschreibung zu bestimmten Weinen hat. Hierzu gehören Angaben auf dem Etikett, wie amtliche Klassifikationen, Jahrgang, Rebsorte, produzierendes Weingut und Lage, sowie Bodenbeschaffenheiten und verwandte Techniken bei der Herstellung des Weins. Die innerhalb des Feldes des Weines anerkannten Qualitätsmarker erzeugen Reputationseffekte, die Statusdifferenzen zwischen Weinen konstituieren und damit die Preisdifferenzierung ermöglichen.

Das Projekt besteht aus insgesamt vier Teilprojekten. In dem am MPIfG bearbeiteten Projektteil stehen die politischen Prozesse der Auseinandersetzung um die Regulierung von Qualitätsmarkern und ihrer Verwendung im Vordergrund. Damit wird ein kultursoziologischer Ansatz mit einem politisch-institutionellen Ansatz verbunden. Die Entstehung, Durchsetzung und Veränderung wertkonstitutiver Bedeutungszuschreibungen lässt sich zumindest teilweise als Resultat interessenorientierten kollektiven Handelns analysieren. Die unterschiedlichen Interessen von Produzenten, Verbänden und staatlichen Regulierungsinstanzen machen die Ordnung des Weinmarktes zu einem politisch umkämpften Feld. Die Klassifikation einer Region, die Kriterien für die Möglichkeit der Vermarktung eines Weines als Qualitätswein und die Vergabe von Weinmedaillen sind Markierungen eines Weins, die politisch und rechtlich reguliert sind und die Verteilung von Marktchancen wesentlich mitbestimmen.

Die Möglichkeiten von Differenzierungsstrategien hängen aber auch von weiteren politischen Regulationen wie der Beschränkung höchstzulässiger Hektarerträge zusammen. Diese Regulationen können von regionalen Interessenverbänden, durch nationale Weingesetze oder Verordnungen der Gemeinsamen Marktorganisation für Wein auf EU-Ebene stammen. Da kollektive Identitäten von Regionen in der Qualitätswahrnehmung eine herausragende Rolle spielen sind individuelle Produzenten in ihren Strategieoptionen von solchen Regulationen abhängig. Ebenso sind Differenzierungsstrategien vom Schutz von Herkunftsbezeichnungen abhängig, die international durchsetzbar sein müssen.

Untersucht wird die politische Regulation des Weinmarktes im Rheingau und in Rheinhessen seit der Gründung der Bundesrepublik, um so institutionelle Veränderungen auch im Zusammenspiel mit sozialkulturellen Wandlungsprozessen erklären zu können. Methodisch basiert das Projekt auf der Auswertung von Archivmaterialien (Gesetzestexte, Weinverordnungen, Archive von Winzerverbänden), Artikeln aus den Wirtschaftsteilen von Tageszeitungen sowie von Fachzeitschriften der Weinwirtschaft. Außerdem werden relevante politische Akteure in den beiden Weinregionen sowie Landwirtschaftspolitiker auf Landes-, Bundes- und EU-Ebene befragt.

 

 

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