Der Verkaufspreis für eine Flasche Wein variiert
zwischen einem und mehreren hundert Euro. In dem
Forschungsprojekt geht es anhand der Untersuchung des
Marktes für deutschen Wein (Weinregionen Rheinhessen und
Rheingau) um die Erklärung dieser extremen
Preisdifferenzierung eines weitgehend homogenen Gutes.
In einem weiteren Sinn geht es um die Untersuchung von
Wertbildungsprozessen auf Märkten durch die Strategien
der Akteure im Weinmarkt und die Erklärung für das
Nachfrageverhalten von Konsumenten. Die Erklärung von
nicht funktional zu begründender Konsumnachfrage ist für
das Verständnis der Wachstumsvoraussetzungen moderner
Ökonomien von großer Bedeutung und kann nur durch die
Beleuchtung der sozialen Konstruktion von
Nachfrageverhalten gelingen. Die Ausbildung stabiler
Preisdifferenzen im Weinmarkt verlangt die Reduktion von
Unsicherheit hinsichtlich der Qualitätseinschätzung. Die
dem Projekt zugrunde liegende Hypothese lautet, dass die
Ordnung des Weinmarktes ihre Grundlage in der
kommunikativen Konstruktion von Qualitätsmarkern und
deren Zuschreibung zu bestimmten Weinen hat. Hierzu
gehören Angaben auf dem Etikett, wie amtliche
Klassifikationen, Jahrgang, Rebsorte, produzierendes
Weingut und Lage, sowie Bodenbeschaffenheiten und
verwandte Techniken bei der Herstellung des Weins. Die
innerhalb des Feldes des Weines anerkannten
Qualitätsmarker erzeugen Reputationseffekte, die
Statusdifferenzen zwischen Weinen konstituieren und
damit die Preisdifferenzierung ermöglichen.
Das Projekt besteht aus insgesamt vier Teilprojekten. In
dem am MPIfG bearbeiteten Projektteil stehen die
politischen Prozesse der Auseinandersetzung um die
Regulierung von Qualitätsmarkern und ihrer Verwendung im
Vordergrund. Damit wird ein kultursoziologischer Ansatz
mit einem politisch-institutionellen Ansatz verbunden.
Die Entstehung, Durchsetzung und Veränderung
wertkonstitutiver Bedeutungszuschreibungen lässt sich
zumindest teilweise als Resultat interessenorientierten
kollektiven Handelns analysieren. Die unterschiedlichen
Interessen von Produzenten, Verbänden und staatlichen
Regulierungsinstanzen machen die Ordnung des Weinmarktes
zu einem politisch umkämpften Feld. Die Klassifikation
einer Region, die Kriterien für die Möglichkeit der
Vermarktung eines Weines als Qualitätswein und die
Vergabe von Weinmedaillen sind Markierungen eines Weins,
die politisch und rechtlich reguliert sind und die
Verteilung von Marktchancen wesentlich mitbestimmen. Die Möglichkeiten von Differenzierungsstrategien
hängen aber auch von weiteren politischen Regulationen
wie der Beschränkung höchstzulässiger Hektarerträge
zusammen. Diese Regulationen können von regionalen
Interessenverbänden, durch nationale Weingesetze oder
Verordnungen der Gemeinsamen Marktorganisation für Wein
auf EU-Ebene stammen. Da kollektive Identitäten von
Regionen in der Qualitätswahrnehmung eine herausragende
Rolle spielen sind individuelle Produzenten in ihren
Strategieoptionen von solchen Regulationen abhängig.
Ebenso sind Differenzierungsstrategien vom Schutz von
Herkunftsbezeichnungen abhängig, die international
durchsetzbar sein müssen. Untersucht wird die politische Regulation des Weinmarktes im Rheingau und in
Rheinhessen seit der Gründung der Bundesrepublik, um so institutionelle
Veränderungen auch im Zusammenspiel mit sozialkulturellen Wandlungsprozessen
erklären zu können. Methodisch basiert das Projekt auf der Auswertung von
Archivmaterialien (Gesetzestexte, Weinverordnungen, Archive von
Winzerverbänden), Artikeln aus den Wirtschaftsteilen von Tageszeitungen sowie
von Fachzeitschriften der Weinwirtschaft. Außerdem werden relevante politische
Akteure in den beiden Weinregionen sowie Landwirtschaftspolitiker auf Landes-,
Bundes- und EU-Ebene befragt.