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 MPIfG - Aus der Forschung - Themen

 

 

China
Der kurze Marsch in den Kapitalismus


Tobias ten Brink
Text: Birgit Fenzel
 

 
China hat in den vergangenen vierzig Jahren eine rasante Aufholjagd hingelegt, um zu den Industrienationen aufzuschließen. Heute ist die Volksrepublik die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt. Tobias ten Brink untersucht, wie es zu diesem Wirtschaftsboom kam und welche Faktoren zur Destabilisierung des chinesischen Erfolgsmodells führen können.
 

 
Gastkommentar von Geny Piotti „Der Mythos China“
 

 
Als der chinesische Premier Wen Jiabao Mitte Juni 2011 mit dreizehn Ministern Deutschland besuchte, war das Echo in der deutschen Presselandschaft groß. Nahezu täglich berichteten die Zeitungen über den Stand der Dinge in den deutsch-chinesischen Beziehungen. Allerdings selten, ohne dabei den Umgang mit Menschenrechten und Umweltsünden in dem asiatischen Land anzusprechen. Das sei ja soweit in Ordnung – schließlich gebe es diese Missstände in dem Einparteienstaat tatsächlich, meint der Chinaforscher Tobias ten Brink. „Aber wenn deutsche Medien die Arbeitsbedingungen in China kritisieren oder die Rohstoffgier als Bedrohung inszenieren und dabei vergessen zu erwähnen, dass auch und gerade westliche Konzerne hiervon profitieren, ist das doch sehr einseitig“, so der Politikwissenschaftler.
 
Ohne die ausländischen Direktinvestitionen wäre die Kehrtwende von Mao zur Marktwirtschaft ökonomisch kaum so erfolgreich gewesen. Im Zuge der Globalisierung hatten viele westliche Industrien die Gunst der Stunde erkannt und in China investiert. Seitdem dienen viele Produktionsstätten des Festlandes als billige Werkbänke für Endprodukte, die im Auftrag europäischer, amerikanischer oder ostasiatischer Unternehmen zu Dumpinglöhnen zusammengeschraubt werden. „Den Großteil der Gewinne erzielen die multinationalen Konzerne, nicht die lokalen Produzenten oder Zulieferer“, so der Forscher. Letztlich haben aus dieser Entwicklung aber dennoch nicht nur die multinationalen Konzerne Kapital geschlagen. Die Investitionen und Steuereinnahmen versetzten die Volksrepublik China in die Lage, eine rasante Aufholjagd hinzulegen. In nur vierzig Jahren verwandelte sich das Entwicklungsland in eine Zugmaschine der globalen Wirtschaft. Inzwischen sind die Chinesen nicht nur Exportweltmeister, sondern bauen diese Spitzenposition weiter aus (Abb. 1).
 

« In nur vierzig Jahren verwandelte sich das Entwicklungsland in eine Zugmaschine der globalen Wirtschaft. »


 

 
Abb. 1: Chinas Entwicklung als Wirtschaftsnation
 

 

 
Doch Wirtschaftsexperten sind sich darüber einig, dass die niedrigen Arbeitskosten nicht allein der Grund für die deutliche Zunahme der ausländischen Direktinvestitionen sein können. „Der Erfolg Chinas hängt zu einem großen Teil mit Faktoren zusammen, die nicht von der chinesischen Machtelite beeinflusst wurden, sondern auf günstigen weltwirtschaftlichen und ostasiatischen Konstellationen beruhten“, sagt ten Brink. „Die Chinesen sahen und sehen deshalb so gut aus, weil die anderen so schlecht dastanden und dastehen“, beschreibt der Forscher die Situation in den 1990er-Jahren und danach, als viele westliche Anleger Taschen voller Geld hatten und nicht so recht wussten, wohin damit. „Damals grassierte ein Anlagenotstand: Zu viel Kapital stand wenigen lohnenden Investitionen gegenüber, weshalb die Investitionsquote in Europa, Nordamerika und Japan entsprechend gering war.“ Hingegen versprachen sich die Investoren in dem aufstrebenden asiatischen Entwicklungsland bei allen Risiken, die es dort noch gab, höhere Profite.
 

 

Chinas Vorteil der Rückständigkeit


 
Dabei lief das Hauptgeschäft von Anfang an über den Export in die alten Zentren des Kapitalismus. Dies unterscheide das Land etwa von den USA. Das Wachstum des Bruttoinlandsproduktes basierte dort seit den 1990er-Jahren deutlich mehr auf kreditfinanziertem Konsum und damit auf Pump denn auf Investitionen. Der chinesische Aufschwung verlief dagegen laut ten Brink spiegelverkehrt: „Der Boom beruhte auf einer beispiellos hohen Investitionsquote und einer vergleichsweise geringen internen Konsumquote.“ Zusätzlich habe China den Vorteil der Rückständigkeit für sich entdeckt. Der Computerhersteller Lenovo, der als Marktführer Mitbewerbern wie DELL oder Apple die Kundschaft abspenstig macht, ist dabei nur ein Beispiel für die erfolgreiche Aufholjagd durch Adaption bestehender Techniken und Verfahren.
 

« Der chinesische Aufschwung beruhte auf einer beispiellos hohen Investitionsquote und einer vergleichsweise geringen internen Konsumquote. »


 
Als weiteren wichtigen Faktor der Wachstumsdynamik der chinesischen Wirtschaft nennt Tobias ten Brink die starke Einmischung des Staates in die Ökonomie: „Gerade das macht China so spannend für die vergleichende politische Ökonomie, die sich mit den Wechselwirkungen zwischen Wirtschaft, Politik und Gesellschaft in unterschiedlichen Ländern und Regionen befasst: Die in den Sozialwissenschaften üblicherweise vorgenommene Trennung von Wirtschaft und Politik existiert in China noch weniger als in liberalen Marktwirtschaften.“
 

 

Der Staat schafft die Grundlagen für den Kapitalfluss


 
In China spielt der Zentralstaat eine entscheidende Rolle, indem er über die Verwaltung und die Rechtsetzung hinaus die Grundlagen für den Kapitalfluss schafft – indem er etwa eine funktionierende Infrastruktur im Transport-, Energie- und Kommunikationssektor zur Verfügung stellt. Außerdem kontrolliert er nicht nur wichtige Industrieunternehmen und Schlüsseltechnologien, sondern dirigiert auch in die Geldgeschäfte und Investitionen der größten Banken hinein. Die gewaltigen Konjunkturprogramme, die während der Weltwirtschaftskrise 2008 und 2009 aufgelegt wurden, seien ein Beispiel für den „erheblichen wirtschaftspolitischen Spielraum“, über den Peking durch die Kontrolle des Geldes verfügt. Als in der Krise auch der chinesische Wirtschaftsmotor ins Stottern geriet, veranlasste die Regierung das im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt größte Konjunkturpaket der Welt: umgerechnet rund 460 Milliarden Euro. Dies habe nicht nur die einheimische Wirtschaft vor dem Fall bewahrt, so ten Brink. „Damals erwies sich China als Rettungsanker der Weltwirtschaft.“
 

« In der Krise 2008 und 2009 erwies China sich als Rettungsanker der Weltwirtschaft. »


 
Weil dieser staatliche Interventionismus, verbunden mit einem ausgeprägten marktliberalen Unternehmergeist, sich mehr an makroökonomischen Erfolgsparametern orientiere als an den Bedürfnissen der Bevölkerung, könne ten Brink zufolge das System nicht das sein, was der Kommunistischen Partei Chinas vorschwebte, als sie „sozialistische Marktwirtschaft“ als offiziellen Kurs vorgab. „Vielmehr ist in China eine neuartige Variante des Kapitalismus entstanden, ein wettbewerbsgetriebener Staatskapitalismus, der in sich äußerst heterogene Produktionsregime, Unternehmenstypen und staatliche Politiken vereint. Dessen Wachstumserfolge müssen eigentlich jeden Verteidiger des freien Marktes verstummen lassen.“
 

 

Die Abhängigkeit vom Weltmarkt bleibt bestehen


 
Das bedeutet aber nicht, dass es keine Destabilisierungsgefahren gibt. „Die extrem hohe Abhängigkeit vom Weltmarkt bringt erhebliche Gefährdungen mit sich.“ Welche negativen Auswirkungen diese Abhängigkeit hat, wurde schon in den Jahren 2008 und 2009 spürbar, als infolge der globalen Krise und des Endes des Konsumbooms in den Mitgliedstaaten der OECD die chinesischen Exporte um ein Viertel zurückgingen. „Bei der vorwiegend für den Weltmarkt produzierenden Elektronik- und Textilindustrie, aber auch in anderen Sektoren ging die Zahl der Entlassungen in die Millionen. Dazu kam, dass die finanziellen Ressourcen für ausländische Investitionen durch die Kreditkrise geringer wurden“, sagt Tobias ten Brink. Die naheliegende Idee, durch eine Stärkung des Binnenmarktes die starke Abhängigkeit der chinesischen Wirtschaft vom Weltmarkt zu beenden, bringt für die Regierung ein anderes Problem mit sich. „Dazu müssten die Löhne erheblich angehoben und die sozialen Sicherungssysteme massiv ausgebaut werden. Doch das wiederum würde aus Sicht großer Teile der Machteliten die niedrigen Arbeitskosten und Steuern als wichtigste Wettbewerbsvorteile Chinas eliminieren.“
 

« Die Volksrepublik China hat eher die Züge eines fragmentierten Parteienstaates als die einer strikten Diktatur. »


 
Ein weiteres Problem sieht der Wissenschaftler im politischen System selbst begründet. Auch wenn sich das Gerücht über China als einen von der Kommunistischen Partei von oben nach unten durchdirigierten Einheitsstaat hartnäckig halte, präsentiere sich in Wirklichkeit ein ganz anderes Bild. „Schon allein die Koexistenz von 22 Provinzen, 5 autonomen Regionen und 4 Städten mit dem Status einer Provinz stellt ein ziemlich disparates Gebilde dar“, beschreibt er die vielfältige Realität in China, die dadurch eher die Züge eines fragmentierten Parteienstaates habe als die einer strikten Diktatur. Darüber hinaus erweise sich durch die Aufteilung in 5 Regierungsebenen eine Detailsteuerung als unmöglich. Entsprechend groß sei die Rolle der lokalen Regierungsbeamten und Behördenvertreter. Nach ten Brinks Beobachtung beschränken sich diese nicht nur auf reine Verwaltungsakte, sondern beteiligen sich auch am Wirtschaftsleben ihrer Region. „Praktisch fördern sie nicht nur, sondern ersetzen auch wirtschaftliche Aktivitäten und entwickeln dabei ähnliche Kompetenzen wie Unternehmer“, zudem verfügen „etwa 90 Prozent der reichsten 20.000 Chinesen über sehr gute, häufig verwandtschaftliche Beziehungen zu hohen Regierungs- oder Parteifunktionären.“
 
Dabei unterstützten auch Korruption und Bestechung die vielfältigen Allianzen zwischen Unternehmen, Partei und Staat, wobei die regionale Wirtschaftsförderung im Mittelpunkt steht. Dadurch sei ein geschäftiger Wettbewerb etwa zwischen den Stadtregierungen entstanden, die versuchten, möglichst viele Subventionen oder Investoren für ihre Region zu gewinnen. Doch hat diese Form der innerchinesischen Standortkonkurrenz auch ihre Kehrseiten: „Es sind Probleme der Überinvestition sowie der Verdopplung von Investitionen festzustellen, die aus der anarchischen Konkurrenz entstehen.“ Zudem drohen Spekulationsblasen an den Immobilienmärkten zu platzen und sich Kredite zunehmend als „faul“ herauszustellen.
 

 

Die Konjunktur ist durch soziale Unterschiede gefährdet


 
Sollte die weltweite Konjunktur nicht im erwarteten Maße anziehen, ist Gefahr für das ganze System im Verzug. Das habe auch die Regierung in Peking erkannt. Denn schon seit einiger Zeit versucht sie, die Kreditvergabe zu reduzieren. Doch die chinesische Lokomotive verhält sich dem Gesetz der Masse folgend mit einem langen Bremsweg. Als Sand im Getriebe könnten sich auch und gerade die enormen sozialen Unterschiede im bevölkerungsreichsten Land der Welt erweisen. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt hat China Japan als zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt abgelöst. Doch sagt allein der BIP-Wert nichts über die Wohlstandsverteilung innerhalb eines Landes aus, da die Einkommensunterschiede bei seiner Bemessung keine Rolle spielen. „Neueren Schätzungen zufolge verfügen 0,4 Prozent der Haushalte über 70 Prozent des Reichtums. Der Lohnanteil am BIP ist von 53 Prozent im Jahr 1992 auf unter 40 Prozent gesunken“, sagt ten Brink. Damit steht in China eine vergleichsweise geringe Zahl von Menschen aus wirtschaftlichen und politischen Eliten Millionen gewöhnlicher Werktätiger gegenüber. Unter ihnen gibt es viele, die als niedrig bezahlte Wanderarbeiter auf der Suche nach Arbeit herumziehen. Jahrzehntelang hätten sie das Rückgrat der chinesischen Wirtschaftsentwicklung gebildet und schweigend zu Dumpinglöhnen am Fließband Waren für den Westen montiert.
 

« Knapp ein halbes Prozent der Haushalte besitzen über 70 Prozent des Reichtums. »


 
Doch immer häufiger gehen Menschen auf die Straße, um gegen die herrschenden Ungerechtigkeiten zu protestieren. Nach Auffassung des Forschers hängt das Erwachen von Widerstand mit einem Verhaltenswandel an der gesellschaftlichen Basis zusammen. „Die Wanderarbeiter siedeln sich in den Städten an und entwickeln soziale Ansprüche“, so ten Brink. „Bei der Streikwelle im Sommer 2010 in der Provinz Guangdong wurden offensiv Forderungen nach besserer Bezahlung gestellt, die beteiligten Arbeiter hielten Versammlungen ab und wählten eigene Delegierte.“
 
Der Regierung seien die Destabilisierungsgefahren solcher Tendenzen offenbar bewusst. Doch zeigten ihre Reaktionen das tiefe Dilemma, in dem sie steckt: „Eingeklemmt zwischen dem öffentlichen Versprechen, den Konsum zu stärken und die soziale Sicherung auszubauen, womit nicht zuletzt die wachsenden Ansprüche der arbeitenden Bevölkerung befriedigt werden sollen, und dem fortdauernden Glauben an die mit niedrigen Löhnen verbundenen Wettbewerbsvorteile, schwankt die Staatsführung zwischen ausgleichend-autoritativen und desorganisiert-despotischen Formen des Krisenmanagements“, beschreibt ten Brink das Spannungsfeld hinter den Kulissen des Wirtschaftserfolges.
 
Auf Druck reagiert die Regierung mit Gegendruck, aber auch mit Gesetzen und realen Programmen, wie etwa den Bestimmungen zur Heraufsetzung des Mindestlohns oder dem Ausbau sozialpolitischer Infrastrukturen. Dafür wurden offiziellen Angaben zufolge 20 Prozent der umgerechnet 460 Milliarden Euro aus dem Konjunkturpaket investiert. Mit diesem Geld habe die Regierung Sozialversicherungsprogramme nach westlichem Muster vorangetrieben, sagt ten Brink. Nach seiner Ansicht stellen diese Bemühungen, einen sozialpartnerschaftlichen Interessenausgleich zu schaffen, einen Beweis dafür dar, dass die Staatsparole von einer harmonischen Gesellschaft mehr als ein bloßes Lippenbekenntnis ist.
 
Allerdings greifen solche Maßnahmen zu kurz. „Weder ließ sich damit die Welle von Protesten eindämmen noch die Stärkung des Binnenmarktes garantieren.“ Vor allem aber fehle es an funktionsfähigen Arbeitnehmervertretungen. Sofern diese überhaupt in den Betrieben vor Ort zu finden seien, träten die Repräsentanten der staatlichen Gewerkschaften eher als „Co-Manager und Organisatoren von Freizeitaktivitäten“ in Erscheinung denn als Interessenvertreter der Arbeitnehmer. Ihre enge Anbindung an den Parteistaat verhindere eine unabhängige Gewerkschaftsarbeit.
 

 

Kapitalismus ohne Krisen?


 
Zwar geht der Forscher nicht von einem bereits absehbaren Ende der chinesischen „Erfolgsgeschichte“ aus. „Die Gefahren sind aber trotzdem real“, betont er. „Genauso wie es viele günstige Umstände waren, welche die Wirtschaft dynamisierten, gibt es Schattenseiten, die das genaue Gegenteil auslösen können.“ Dabei könnten sich die Faktoren, die das chinesische Wirtschaftswunder vorangetrieben haben, als ebenjene Zentrifugalkräfte erweisen, die es aus der Kurve werfen. Neben der Abhängigkeit vom Export und den Schwankungen des Weltmarktes hält Tobias ten Brink die sozialen Ungerechtigkeiten für besonders risikoträchtig.
 
Alles in allem, so ten Brink, sei China keineswegs eine große Ausnahmeerscheinung. „Die Behauptung, China ist China und folglich mit nichts zu vergleichen, ist ein Mythos.“ Den Vergleich zu anderen Kapitalismen zu suchen betrachtet er demzufolge als wichtigen Teil seiner Aufgabe als Politikwissenschaftler. Ihm geht es nicht allein um spannende Details, sondern auch um Beweise dafür, dass in China universelle Züge der kapitalistischen Modernisierung identifiziert werden können. Und dabei erweise sich einmal mehr, dass „ein Kapitalismus ohne Krisen und soziale Widersprüche nicht zu haben ist. Das gilt auch für den neuen chinesischen Kapitalismus“.
 

 
Tobias ten Brink war von 2009 bis 2012 wissenschaftlicher Mitarbeiter am MPIfG. Während dieser Zeit arbeitete er an seinem Forschungsprojekt „Die chinesische Spielart des Kapitalismus in transnationaler Perspektive“ mit dem Ziel, das theoretische Instrumentarium der vergleichenden Kapitalismusforschung für ein Verständnis des chinesischen Systems nutzbar zu machen. Ten Brink studierte Politologie und Gesellschaftswissenschaften an der Goethe-Universität Frankfurt. Seit 2012 lehrt er dort im Fachbereich Gesellschaftswissenschaften.

 

 
Zum Weiterlesen
  • Tobias ten Brink (Hg.): Globale Rivalitäten: Staat und Staatensystem im globalen Kapitalismus. Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2011.
  • Tobias ten Brink: Strukturmerkmale des chinesischen Kapitalismus. MPIfG Discussion Paper 10/1. Köln: Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung 2010.
  • Tobias ten Brink: Chinas neuer Kapitalismus: Wachstum ohne Ende? In: Aus Politik und Zeitgeschichte 39, 9–15 (2010).
  • Tobias ten Brink: Chinas Kapitalismus: Entstehung, Verlauf, Paradoxien. Schriften aus dem Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, Bd. 78. Frankfurt a.M.: Campus 2013.
  • Barry Naughton: The Chinese Economy: Transitions and Growth. Cambridge: MIT Press 2007.

 
Quelle
Tobias ten Brink: China: Der kurze Marsch in den Kapitalismus. In: MPIfG Jahrbuch 2013-2014. Köln: Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung 2013, 17-24.
 

 

 

Der Mythos China

Gastkommentar von Geny Piotti
 

 
Der chinesische Kapitalismus hält die Türen für ausländische Investoren geöffnet und lockt mit Arbeitsplätzen zu Dumpinglöhnen. Doch einfach ist es nicht, Produktionen nach China auszulagern. Warum deutsche Investoren trotzdem dem Mythos folgen, erklärt Geny Piotti.
 
In den letzten Jahrzehnten sind die deutschen Auslandsdirektinvestitionen in Entwicklungsländer, insbesondere China, deutlich gestiegen. Sogar die neueste Finanzkrise scheint Unternehmen, die in China präsent sind, nicht von einem neuen Engagement abgehalten zu haben. Gleichzeitig zeigen Studien, dass im täglichen Geschäft in China unerwartete Schwierigkeiten auftreten, die die Wirtschaftlichkeit der ausländischen Unternehmen möglicherweise beinträchtigen können. Neueste Daten über die Rentabilität von Unternehmen in China lassen sich zumindest nicht eindeutig interpretieren. Betont die Deutsche Außenhandelskammer optimistisch, dass mehr als die Hälfte, 52,9 Prozent, der Unternehmen innerhalb der ersten drei Jahre ihrer Präsenz in China rentabel geworden sind, kann aus dieser Studie auch eine anderslautende Botschaft herausgelesen werden. Immerhin brauchen 47,1 Prozent der Unternehmen länger als vier Jahre, um rentabel zu wirtschaften. Etwa 10 Prozent der Unternehmen warten noch immer auf den Erfolg in China. Bis in China profitabel produziert werden kann, vergeht, wenn es überhaupt gelingt, oft ein langer Zeitraum.
 

« Gerade die Vorteile, die sich Unternehmen von China versprechen, erweisen sich erstaunlicherweise häufig als die größten Probleme. »


 
Gerade die Vorteile, die sich Unternehmen von China versprechen, erweisen sich erstaunlicherweise häufig als die größten Probleme. Anstatt mit konstant niedrigen Arbeitskosten werden sie mit steigenden Kosten konfrontiert, da es den Firmen schwerfällt, qualifizierte Mitarbeiter zu finden und zu behalten, insbesondere in und um Großstädte wie Peking und Shanghai. Die Erwartungen an den riesigen chinesischen Absatzmarkt werden oft durch die gewaltige Konkurrenz von anderen ausländischen Unternehmen sowie von chinesischen Firmen gebremst, die teilweise über politischen Schutz verfügen, nicht zuletzt, wenn es um Fragen des Rechts am geistigen Eigentum geht.
 
Der Mythos China ist nicht ausschließlich ein zeitgenössisches Phänomen. Der Traum vom unersättlichen chinesischen Markt gehörte schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts zum westlichen Chinabild. Bereits der britische Chefunterhändler in Nanjing, Sir Henry Pottinger, hatte geglaubt, mit der Vertragsunterzeichnung durch das britische Königreich einen so großen Markt erschlossen zu haben, dass alle Baumwollfabriken aus Lancaster nicht genügend Stoff herstellen könnten, um die Nachfrage aus nur einer einzigen chinesischen Provinz abdecken zu können. Diese Erwartungen erfüllten sich zur Enttäuschung der britischen Kaufleute nie. Wie kam es aber dazu, dass der Mythos China in der heutigen Phase des westlichen Kapitalismus erneut kreiert wurde?
 
Eine Antwort auf diese Frage liefert die Analyse der sozioökonomischen Prozesse, die in den letzten Jahrzehnten deutsche Unternehmen dazu veranlasst haben, Investitionen in China zunehmend als positiv und notwendig für den wirtschaftlichen Erfolg zu betrachten und dabei ein Wunschdenken über Geschäfte in China zu fördern. Unternehmensnetzwerke – das A und O der heutigen Organisation der Industrieproduktion – garantieren nicht nur Flexibilität in den Produktionsprozessen. Sie können auch Druck ausüben. Kleine und mittelständische Unternehmen, die in Lieferketten operieren, sind beispielsweise gezwungen, sich in China zu engagieren, weil ihre Kunden zukünftige Geschäftskooperationen infrage stellen können, wenn die Auftragnehmer nicht bereit sind, sie auch in China zu beliefern.
 
Unternehmen können aber auch entscheiden, in China zu investieren, weil Firmen in ihrem Netzwerk das ebenfalls zunehmend tun und dies mit der Hoffnung auf einen Prestigegewinn verbunden ist. Egal welcher Druck – der der Kunden oder der des Netzwerks – innerhalb des Entscheidungsprozesses von Unternehmen auch überwiegen mag: Unternehmen müssen ihre Entscheidungen intern und öffentlich rechtfertigen. Sie müssen sich selbst davon überzeugen, dass sie eine gute Entscheidung gefällt haben, gerade wenn sie „gezwungen“ gewesen sind, sie zu treffen.
 
Wer waren nun die Akteure, die zum positiven Chinabild beigetragen haben? Mit dem Ziel ausländische Investitionen nach China zu locken, ist die chinesische Politik sicherlich sehr aktiv dabei gewesen, den ausländischen Wirtschaftsdelegationen die glitzernden Seiten des Landes zu zeigen und die Effizienz der chinesischen Bürokratie bei der Bereitstellung von Produktionsinfrastrukturen zu beweisen. Überwiegend allerdings muss der Mythos China als „made in Germany“ angesehen werden: Der öffentliche Diskurs in Deutschland hat die Notwendigkeit von Standortverlagerungen damit begründet, die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft zu erhalten. China wurde als kostengünstiges Land und riesiger Absatzmarkt für deutsche Produkte beschrieben. Mögliche produktionsbedingte Probleme sind dabei weitgehend ausgeklammert worden.
 

 
Geny Piotti ist seit 2011 Science Officer der European Cooperation in Science and Technology – COST. Nach ihrem Studium in Politikwissenschaften und Soziologie an den Universitäten Florenz und Brescia promovierte sie 2002 im Fach Wirtschaftssoziologie an der Universität Brescia. Von 2005 bis 2010 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am MPIfG.

 

 
Zum Weiterlesen
  • Deutsche Außenhandelskammer: German Business in China. Business Confidence Survey, 2011.
  • Geny Piotti: Cost Reduction through Relocation, or the Construction of Myths in Discourse. Competition and Change 13(3), 305–326 (2009).
  • Geny Piotti: Deutsche Unternehmen im Reich der Mitte. In: Al-Laham, Andreas et al. (Hg.): Internationale Unternehmungen und das Management ausländischer Tochtergesellschaften. Wiesbaden: Gabler, 2011, 85–113.
  • Steffi Schmitt: Shanghai-Promenade. Spaziergänge zwischen den Zeiten. Gießen: VVB Laufersweilen Verlag, 2004.

 
Quelle
Geny Piotti: Der Mythos China. In: Gesellschaftsforschung 2/2011. Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung Köln, 2011, 11-12.

 
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