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 MPIfG - Aus der Forschung - Themen

 

 

Informelle Ausgrenzung ethnischer Minderheiten und lokale sozioökonomische Entwicklung
Der Fall Kolumbien im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert


Irina Rosa España Eljaiek
 

 
Die Auswirkungen informeller Arten ethnischer Ausgrenzung auf die soziale und wirtschaftliche Entwicklung von Regionen werden in der sozialwissenschaftlichen Literatur ausführlich dargestellt. Weniger Aufmerksamkeit hat bis jetzt jedoch eine genaue Beschreibung der theoretischen Zusammenhänge erhalten, die erklären, wie es durch die Reaktionen lokaler sozialer Akteure auf ausgrenzende Maßnahmen zu diesen Auswirkungen kommt.
 

 
Sowohl die Auswirkungen informeller ethnischer Ausgrenzung als auch die Art und Weise, in der diese zustande kommen, lassen sich am Beispiel Kolumbiens besonders gut untersuchen. In der früheren spanischen Kolonie galten während der Kolonialzeit formelle Regeln, die zu einer Ausgrenzung der afrikanischstämmigen und indigenen Bevölkerung sowie einer Bevorzugung der spanischen Kolonisten führten. Obwohl diese formellen Ausgrenzungsregeln durch die Unabhängigkeit von Spanien ihre Gültigkeit verloren, ist historiografisch belegt, dass die ethnische Ausgrenzung informell anhielt – insbesondere während der republikanischen Epoche des späten neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts.
 
Die informelle ethnische Ausgrenzung fand auf regionaler Ebene statt und wirkte sich in sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht auf die lokale Entwicklung aus. In der wissenschaftlichen Literatur wird dieses kolumbianische Phänomen als rassische Regionalisierung (regionalization of the race) bezeichnet. Es beschreibt das historische Fortbestehen kolonialer, ethnisch geprägter Siedlungsmuster und besagt, dass sich die Nachfahren der spanischen Kolonisten eher in den kolumbianischen Zentralanden niedergelassen haben, während die Nachfahren der afrikanischen und indigenen Bevölkerung überwiegend in den Küstengegenden leben. In einem Kontext, in dem die Ausgrenzung afrikanischstämmiger und indigener Bevölkerungsgruppen informell weit verbreitet ist, können daher Rassismus und Ausgrenzung zu einer schwächeren sozioökonomischen Entwicklung der Regionen führen, in denen diese Gruppen stark vertreten sind. Dies gilt insbesondere dann, wenn der Anteil der afrikanischstämmigen Bevölkerung überdurchschnittlich hoch ist.
 

 


 
Abb. 1: Indikatoren zur sozioökonomischen Entwicklung Kolumbiens im späten neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert
 
Indikatoren zur sozioökonomischen Entwicklung Kolumbiens im späten neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert
Als "afrikanischstämmig" beziehungsweise "spanischstämmig" werden Gemeinden bezeichnet, in denen der Anteil der afrikanischstämmigen beziehungsweise der spanischstämmigen Bevölkerung über dem nationalen Durchschnitt liegt.
Quelle: Volkszählung, erste statistische Industrieerhebung, Ministerium für Bildung (1911).
 


 

 
Abbildung 1 stellt anhand ethnischer Merkmale die regionalen Unterschiede bei verschiedenen Indikatoren zur sozioökonomischen Entwicklung im Kolumbien des späten neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts dar.
 

« Impliziter Rassismus kann sich negativ auf die lokale sozioökonomische Entwicklung auswirken. »


 
Es wird deutlich, dass afrikanischstämmige Gemeinden schwächere Indikatoren der sozioökonomischen Entwicklung aufweisen. So ist dort die Anmelderate in staatlichen Grundschulen niedriger, die Zahl der staatlichen Grundschulen geringer und die Analphabetenrate höher als im Durchschnitt aller Gemeinden. Zudem weisen afrikanischstämmige Gemeinden niedrigere Werte beim Kapitalstock pro Kopf und den Industrie unternehmen auf. Diese Ergebnisse legen die Vermutung nahe, dass impliziter Rassismus negative Auswirkungen auf die lokale sozioökonomische Entwicklung hat.
 
Obgleich die Daten auf eine mögliche negative Korrelation zwischen ethnischer Ausgrenzung und der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung auf lokaler Ebene hindeuten, können sie nichts über den kausalen Zusammenhang aussagen, der erklärt, in welcher Weise sich Rassismus auf die lokale Entwicklung auswirkt. Das heißt, sie können nicht in vollem Umfang das Kräftespiel zwischen der Ausgrenzung und den lokalen sozialen Akteuren verdeutlichen, das in afrikanischstämmigen Regionen zu einer schwächeren Entwicklung führt.
 
Zur Untersuchung dieses Kausalzusammenhangs bedarf es einer detaillierten Fallstudie. Hierzu bietet sich die im Nordwesten Kolumbiens gelegene Region Chocó an. Historisch betrachtet ist sie eine von ethnischer Ausgrenzung betroffene Region, da sie den landesweit höchsten Anteil afrikanischstämmiger Bevölkerung und eine niedrige sozioökonomische Entwicklung aufweist – insbesondere hinsichtlich der geringen Versorgung mit öffentlichen Gütern.
 

 


 
Abb. 2: Reaktionszusammenhang zwischen informeller ethnischer Ausgrenzung und der Bereitstellung öffentlicher Güter auf lokaler Ebene
 
Reaktionszusammenhang zwischen informeller ethnischer Ausgrenzung 
			und der Bereitstellung öffentlicher Güter auf lokaler Ebene
Quelle: España Eljaiek (2017).
 


 

 
Die Studie zeigt, dass ein Reaktionszusammenhang (Abb. 2) zwischen der informellen ethnischen Ausgrenzung und der Bereitstellung öffentlicher Güter auf lokaler Ebene besteht. Demzufolge bringt diese Ausgrenzung drei Typen lokaler Akteure hervor, nämlich "nicht benachteiligte", "mäßig benachteiligte" und "stark benachteiligte". Die Akteure reagieren auf die ethnische Ausgrenzung mit fünf verschiedenen Verhaltensweisen: "Übernahme", "Anpassung", "mangelnde Kooperation", "Modifizierung" und "Widerstand". Diese Verhaltensweisen können die informelle ethnische Ausgrenzung verändern oder verstärken. Dies wirkt sich wiederum auf die lokale Bereitstellung öffentlicher Güter aus, sofern die Akteure in diese eingebunden sind. Verhaltensweisen wie Übernahme, Anpassung und mangelnde Kooperation führen zu einer eher geringen Bereitstellung öffentlicher Güter, wohingegen Modifizierung und Widerstand einer besseren Versorgung mit lokalen öffentlichen Gütern eher förderlich sind.
 

 

Lokale Entwicklung im Fall nicht benachteiligter Akteure: Übernahme der Ausgrenzung


 
Nicht benachteiligte lokale Akteure sind von der informellen ethnischen Ausgrenzung nicht betroffen, da sie nicht die entsprechenden soziorassischen Merkmale aufweisen. Die ethnische Ausgrenzung ermöglicht ihnen vorteilhafte Positionen, in denen sie den Zugang zu Ressourcen steuern können. Oft haben diese Akteure in der lokalen politischen Ökonomie daher Machtpositionen bei der Bereitstellung öffentlicher Güter inne. Ihre bevorzugte Verhaltensweise ist demzufolge eine Übernahme der informellen ethnischen Ausgrenzung, was unwirksame Initiativen zur Bereitstellung lokaler öffentlicher Güter an die ausgegrenzten Bevölkerungsgruppen zur Folge hat.
 
Dies entspricht der vorherrschenden Verhaltensweise der spanischstämmigen Minderheit in Chocó, da diese Eliten den Zugang zu Ressourcen steuern. Um ihre Macht zu erhalten, reproduzieren sie die informelle ethnische Ausgrenzung, indem sie implizit die Werte der spanischen Kolonisten als Ideal für die Gesellschaft in Chocó übernehmen. Wenn sie verantwortliche Positionen in der lokalen politischen Ökonomie innehaben, zeigt sich diese Übernahme in Versäumnissen, Nachlässigkeit und Korruption bei der Bereitstellung öffentlicher Güter für die mehrheitlich armen afrikanischstämmigen Chocoanos.
 

 

Lokale Entwicklung im Fall mäßig benachteiligter Akteure: Anpassung oder Modifizierung


 
Mäßig benachteiligte Akteure sind von der informellen ethnischen Ausgrenzung – anders als die nicht benachteiligten Akteure – in mittlerem Umfang betroffen. Sie verfügen über einige der relevanten soziorassischen Merkmale, doch sind sie von Ausgrenzung weit weniger betroffen als ein stark benachteiligter Akteur. Hauptgrund hierfür ist, dass mäßig benachteiligte Akteure entweder Zugang zu Ressourcen haben oder die für die informelle ethnische Ausgrenzung relevanten Attribute relativ unauffällig sind. Hierdurch wird ihre Benachteiligung minimiert.
 
Mäßig benachteiligte Akteure zeigen im Wesentlichen zwei Verhaltensweisen: Anpassung oder Modifizierung. Anpassung wird durch regelmäßige Praktiken erkennbar, die die ethnische Ausgrenzung implizit reproduzieren. Wenn mäßig benachteiligte Akteure auf lokaler Ebene Positionen zur Bereitstellung öffentlicher Güter innehaben, zeigt sich ihre Anpassung in impliziten Praktiken, die unwirksame Initiativen zur Bereitstellung öffentlicher Güter für die ausgegrenzten Bevölkerungsgruppen zur Folge haben.
 
Beispielsweise war dies in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts bei der neuen afroeuropäischen Elite von Chocó der Fall. Sie ist eine Minderheit der Bevölkerung, die Menschen mit teils afrikanischen Vorfahren umfasst. Zwar bekamen sie die Auswirkungen der informellen ethnischen Ausgrenzung zu spüren, doch konnten sie schließlich ihre gesellschaftliche Stellung verbessern und Zugang zu Ressourcen wie Vermögen und Bildung erhalten. Diese verbesserte soziale Stellung bewirkte, dass sie sich anpassten, indem sie die Werte der spanischen Kolonisten reproduzierten. Wichtiger jedoch ist, dass die Anpassung eine implizite Anwendung ausgrenzender politischer Maßnahmen umfasste, wenn diese Akteure in der lokalen politischen Ökonomie über Positionen verfügten, die für die Bereitstellung öffentlicher Güter relevant waren. Sie handelten dem Wohlergehen der lokalen afrikanischstämmigen Mehrheit zuwider, indem sie etwa implizit die Immigration spanischstämmiger Menschen unterstützten, nachlässig handelten oder knappe öffentliche Mittel in Luxusprojekte investierten.
 

« In einer verbesserten sozialen Stellung reproduzieren mäßig benachteiligte Akteure die informelle ethnische Ausgrenzung. »


 
Eine zweite Gruppe mäßig benachteiligter Akteure versucht, die informelle ethnische Ausgrenzung zu modifizieren. Dieses Verhalten führt zu wirksamen Initiativen, die der Bereitstellung öffentlicher Güter für den Großteil der ausgegrenzten Bevölkerung dienen. Wie die mäßig benachteiligten angepassten Akteure verfügen auch die Modifizierer über einige Merkmale, die auf eine afrikanische Herkunft hinweisen: Ebenfalls gelang es ihnen, ihre gesellschaftliche Stellung mithilfe von Geld oder Bildung zu verbessern. Außerdem wurden viele von ihnen Mitglieder der öffentlichen Verwaltung von Chocó. Im Gegensatz zu den mäßig benachteiligten angepassten Akteuren veränderten diese Akteure jedoch ausgrenzende politische Maßnahmen, wie etwa die implizite ethnische Trennung im Bildungswesen. Dies war ein wichtiger Schritt hin zu einer verbesserten Bereitstellung öffentlicher Güter, wie etwa dem Angebot von mehr Schulen für die arme Mehrheit afrikanischstämmiger Chocoanos.
 

 

Lokale Entwicklung im Fall stark benachteiligter Akteure: mangelnde Kooperation oder Widerstand


 
In Chocó bilden stark benachteiligte Akteure die Mehrheit der Bevölkerung. Sie sind von ethnischer Ausgrenzung stark betroffen, denn sie weisen die soziorassischen Merkmale auf, die für die informelle ethnische Ausgrenzung relevant sind. Zudem verfügen sie über einen relativ schlechten Zugang zu materiellen oder personellen Ressourcen. Stark benachteiligte Akteure reagieren üblicherweise mit zwei Verhaltensweisen: mit mangelnder Kooperation oder mit Widerstand gegen die Ausgrenzung.
 
Mangelnde Kooperation führt zu einer Reproduktion der informellen ethnischen Ausgrenzung; sie umfasst Rivalitäten, feindseliges oder egoistisches Verhalten innerhalb der gleichermaßen benachteiligten Bevölkerung. Dies war die Situation vieler Chocoanos, die beispielsweise miteinander konkurrierten und dadurch Initiativen zur Bereitstellung öffentlicher Güter auf nationaler und lokaler Ebene behinderten.
 
Stark benachteiligte Akteure leisten jedoch auch Widerstand gegenüber der informellen ethnischen Ausgrenzung, der sich in Form von Protesten, Forderungen oder Beschwerden über implizite ausgrenzende politische Maßnahmen oder Akteure äußert. Üblicherweise verbessert dieser Widerstand die Bereitstellung öffentlicher Güter jedoch nicht, da stark benachteiligte Akteure einen äußerst beschränkten Zugang zu Ressourcen haben. Sie sind nicht in der Lage, die Bereitstellung öffentlicher Güter durch die lokale politische Ökonomie wirksam zu beeinflussen. Dennoch setzen stark benachteiligte Akteure mit ihrem Widerstand deutliche Zeichen für einen Änderungsbedarf. Im Laufe der Zeit sind einige ihrer Forderungen durch mäßig benachteiligte modifizierende Akteure aufgegriffen worden.
 

« Der Widerstand stark benachteiligter Akteure setzt deutliche Zeichen für einen Änderungsbedarf. »


 
Kurz gesagt erklärt die informelle ethnische Ausgrenzung die lokal unterschiedliche sozioökonomische Entwicklung in Kolumbien. Dabei ist das Kräftespiel zwischen den lokalen Akteuren und Mechanismen der Ausgrenzung von großer Bedeutung. Zweifellos könnte weitere Forschung zu einer systematischen Klärung der Frage führen, weshalb sich in dem beschriebenen Reaktionszusammenhang ähnlich benachteiligte Akteure entweder für die eine oder die andere Verhaltensweise entscheiden. Jedoch können bereits die vorgestellten Ergebnisse Aufschluss über Themen geben, die in anderen Forschungsarbeiten zu den Auswirkungen von ethnischer Ausgrenzung auf die lokale sozioökonomische Entwicklung fast immer unberücksichtigt geblieben sind.
 

 
Irina Rosa España Eljaiek ist Postdoktorandin am MPIfG. Sie war von 2012 bis 2016 Doktorandin an der International Max Planck Research School on the Social and Political Constitution of the Economy (IMPRS-SPCE). Sie studierte Volkswirtschaftslehre an der Universität von Bogotá.
Forschungsinteressen: Wirtschaftsgeschichte; Rassenbeziehungen; Institutionentheorie; Regionalentwicklung.

 

 
Zum Weiterlesen
  • Irina Rosa España Eljaiek: Actors, Institutional Change and Reproduction: The Colombian Case of Racial Exclusion and Local Socioeconomic Performance 1886–1950. Studies on the Social and Political Constitution of the Economy. Köln: International Max Planck Research School on the Social and Political Constitution of the Economy (IMPRS-SPCE) 2017.
  • John Gaventa: Power and Powerlessness: Quiescence and Rebellion in an Appalachian Valley. Urbana und Chicago: University of Illinois Press 1982.
  • Paul Pierson: Politics in Time: History, Institution and Social Analysis. Princeton und Oxford: Princeton University Press 2004.
  • Karen D. Pyke: What Is Internalized Racial Oppression and Why Don't We Study It? Acknowledging Racism's Hidden Injuries. Sociological Perspectives 53(4), 551–572 (2010).
  • Wolfgang Streeck und Kathleen Thelen: Institutional Change in Advanced Political Economies. In: dies. (Hg.), Beyond Continuity: Institutional Change in Advanced Political Economies. Oxford und New York: Oxford University Press 2005, 1–39.
  • Peter Wade: Blackness and Race Mixture: The Dynamics of Racial Identity in Colombia. Baltimore: The John Hopkins University Press 1993.

 
Quelle
Irina Rosa España Eljaiek: Informelle Ausgrenzung ethnischer Minderheiten und lokale sozioökonomische Entwicklung: Der Fall Kolumbien im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. In: MPIfG Jahrbuch 2017-2018. Köln: Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung 2017, 87-94.

 
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