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 MPIfG - Aus der Forschung - Standpunkt

 

 

Klasse oder Kultur: Der Mythos von den Abgehängten


Daniel Bax
 

 
Nach Donald Trumps Überraschungserfolg bei den US-Präsidentschaftswahlen im November 2016 war für viele Beobachter rasch ausgemacht, wer für Hillary Clintons Niederlage verantwortlich zu machen sei. Dies sei die Rache der "Abgehängten" an ihren abgehobenen Eliten. Jene Eliten hätten die Sorgen und Ängste der einfachen Arbeiter vor Globalisierung und Migration einfach nicht ernst genommen, so lautete eine gängige Diagnose in vielen Medien. Das Wort vom "Trumpenproletariat" machte die Runde. Und hatte der französische Soziologe Didier Eribon in seinem autobiografischen Buch "Rückkehr nach Reims" nicht diagnostiziert, Frankreichs Linke habe die traditionelle Arbeiterklasse vergessen, weswegen diese sich nun dem Front National an die Brust werfe?
 
In der Tat beruhte Trumps Überraschungssieg darauf, dass es ihm gelang, die Staaten des Rust Belt im Nordwesten der USA für sich einzunehmen. Mit einer für einen republikanischen Präsidentschaftskandidaten bis dahin ungehörten Anti-Freihandels-Rhetorik hatte Trump um die Wähler aus der ehemaligen Industrieregion der USA gebuhlt, die seit Jahrzehnten unter dem Niedergang ihrer einst mächtigen Stahlwerke und Autofabriken, unter Verarmung und Abwanderung leiden. Frühere Hochburgen der Demokratischen Partei wie Pennsylvania, Ohio, Michigan und Wisconsin fielen der Reihe nach an Donald Trump und besiegelten seinen Einzug in das Weiße Haus.
 

« Das Mehrheitswahlrecht in den USA verführt dazu, jene Faktoren für die Wahl Trumps, die am Ende den Unterschied machen, dramatisch überzubewerten. »


 
Das Mehrheitswahlrecht in den USA mit seinem The-Winner-takes-it-all-Prinzip verführt jedoch dazu, jene Faktoren, die am Ende den Unterschied machen, dramatisch überzubewerten. Dabei gehört es zu den Evergreens des US-Wahlkampfs, dass eine Kandidatin oder ein Kandidat, will sie oder er Erfolg haben, den Eindruck erwecken muss, für einen grundlegenden Wandel zu stehen. Deswegen muss sie oder er insbesondere deutlich machen, nichts mit dem Establishment von Washington zu tun zu haben. So hielten es schon Ronald Reagan, Bill Clinton, George W. Bush und Barack Obama. Letzterer punktete mit dem simplen Slogan Change. Nun war es Trump, der den Nimbus des Außenseiters und Aufräumers erfolgreich für sich reklamierte.
 
Trumps Kampagne konzentrierte sich stark auf die weiße Kernwählerschaft der Republikaner, die ihn als einen der ihren betrachtete. Stärker als sein Vorgänger Mitt Romney mobilisierte er viele Arbeiter und vormalige Nichtwähler. Doch dass es sich dabei vorwiegend um wirtschaftlich "Abgehängte" handelte, ist ein Klischee. Der durchschnittliche Trump-Wähler, der ihn in den Vorwahlen unterstützte, verfügte über ein Haushaltseinkommen von 72.000 US-Dollar – deutlich mehr als das US-amerikanische Durchschnittseinkommen von 56.000 US-Dollar. Die Wähler von Hillary Clinton und Bernie Sanders kamen im Vergleich nur auf 61.000 US-Dollar.
 
Entsprechend stimmten die tatsächlich "Abgehängten", die weniger als 50.000 US-Dollar im Jahr verdienen – das Dienstleistungsproletariat und die Working Poor –, überwiegend für Hillary Clinton. Trump dagegen lag bei der unteren Mittelschicht und den Besserverdienenden leicht vorne – vor allem aber bei weißen Männern und Frauen, auch solchen mit College-Abschluss. Nicht Einkommen und Bildung, sondern die Hautfarbe machte den Unterschied.
 

« Nicht Einkommen und Bildung, sondern die Hautfarbe machte den Unterschied. »


 
Ähnlich ist es bei der "Alternative für Deutschland". Zwar erzielte auch sie Spitzenergebnisse in strukturschwachen Regionen, die von hoher Arbeitslosigkeit geprägt sind: in der Region um Bitterfeld, im östlichen Vorpommern, im Norden Mannheims und in Ludwigshafen. Bei den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen punktete sie zweistellig in Gelsenkirchen, im Essener Norden oder in Duisburg-Marxloh sowie unter Arbeitern und Arbeitslosen. Mehrere Studien zeigen aber, dass es zu kurz greifen würde, die AfD als eine Partei der "Abgehängten" zu betrachten. Anhänger der AfD verfügen laut einer Forsa-Umfrage aus dem Jahr 2016 im Schnitt über ein Haushaltseinkommen von 3.140 Euro – etwas mehr als der Durchschnittsbürger oder die Wähler von SPD (3.000 Euro) und Linkspartei (2.690 Euro). Und das Institut der deutschen Wirtschaft ermittelte 2017 für die AfD-Wähler: 25 Prozent von ihnen hätten ein hohes Bildungsniveau, 55 Prozent ein mittleres (Realschule) und 20 Prozent ein niedriges. Auch das Nettoeinkommen ihrer Wähler liege über dem Durchschnitt: Ein Drittel von ihnen soll sogar zum reichsten Fünftel der Bevölkerung zählen. Das Image einer Prekariatspartei sei falsch. Auch viele Besserverdienende und ein sozialdarwinistisch eingestelltes Bürgertum sympathisieren mit der Partei, die wirtschaftspolitisch immer noch einen rechten, marktliberalen und nur wenig sozialen Kurs vertritt.
 
Nicht sozioökonomische Indikatoren wie Einkommen, Alter und Bildung geben den Ausschlag für die Hinwendung zu Rechtspopulisten, sondern vielmehr das Geschlecht, die politische Sozialisation, eine negative Einstellung zu Flüchtlingen und bestimmten (muslimischen) Einwanderern sowie eine allgemeine Unzufriedenheit mit der gesellschaftlichen Entwicklung und dem politischen System. Auch Abstiegsängste spielen eine Rolle, haben aber nicht zwangsläufig mit den objektiven Lebensverhältnissen zu tun. In einer Umfrage aus dem März 2016 beurteilten 79 Prozent der AfD-Wähler die eigene wirtschaftliche Situation sogar als gut bis sehr gut – mehr als der Durchschnitt.
 
Die Wähler rechtspopulistischer Parteien streben folglich keinen Klassenkampf an, sondern einen Kulturkampf. Es stört sie nicht, dass die herrschenden Eliten sich bereichern, sondern dass sie eine in ihren Augen liberale und kosmopolitische Kultur vertreten und befördern. Sie wünschen sich nicht mehr Teilhabe, sondern eine Gegen-Elite, die stärker mit den eigenen, konservativen Werten verbunden ist. Deshalb ist es fraglich, ob linke Parteien diese Wähler allein mit dem Versprechen auf mehr "soziale Gerechtigkeit" zurückgewinnen können. Denn diese Wähler wollen ja gerade weniger Gleichheit – zumindest weniger Rechte für Flüchtlinge und Einwanderer sowie deren Nachkommen und weniger Rechte für Muslime, Homosexuelle und Frauen. Einige von ihnen sind sogar bereit, dafür gegen ihre eigenen ökonomischen Interessen zu stimmen. Ihren als höher empfundenen Status gegenüber anderen Gruppen zu verteidigen, ist ihnen wichtiger.
 

 

 
Daniel Bax ist Redakteur für Migration und Integration im Inlandsressort der taz und Autor des Buchs "Angst ums Abendland" (2015). Als Journalist in Residence am MPIfG im Herbst 2016 beschäftigte er sich mit den Hintergründen für den Aufstieg des Populismus in europäischen Ländern. Journalists in Residence haben die Möglichkeit, Einblicke in die wissenschaftliche Arbeit des MPIfG zu erhalten und sich mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus dem In- und Ausland intensiver als in ihrem Berufsalltag auszutauschen. Das Programm sieht vor, dass sie am Institutsalltag teilhaben und sich im Dialog mit den Forschern einem selbst gewählten Projekt widmen.
 
Quelle
Daniel Bax: Klasse oder Kultur: Der Mythos von den Abgehängten In: Gesellschaftsforschung 1/2017. Köln: Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, 2017, 3-4.
 

 

 
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