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 MPIfG - Aus der Forschung - Forscherportrait

 

 

Kathleen Thelen:
Vergleichen, um den besseren Weg zu finden


Christoph Fleischmann
 

 
Kathleen Thelen, Ford Professor of Political Science am Massachusetts Institute of Technology in Cambridge, ist seit 2005 Auswärtiges Wissenschaftliches Mitglied am MPIfG. In ihrer Forschungsarbeit widmet sie sich der vergleichenden politischen Wissenschaft, dem Historischen Institutionalismus und der Institutionentheorie. Sie untersucht die Entstehung und Entwicklung wirtschaftspolitischer Institutionen in wohlhabenden, westlichen Demokratien, insbesondere mit Blick auf Arbeitsbeziehungen, Ausbildungssysteme sowie Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik.
 
Im nächsten Jahr erscheint das Oxford Handbook of Historical Institutionalism. In der Einleitung wird man lesen können, dass ein Sammelband von Kathleen Thelen und Sven Steinmo den Historischen Institutionalismus als Forschungsansatz etabliert hat. Ist das nicht eine großartige Ernte für eine Forscherin, dass die Theorierichtung, die sie selbst geprägt hat, mit einem eigenen Oxford-Handbuch geehrt und damit in den Kanon des eigenen Faches aufgenommen wird? Kathleen Thelen wehrt ab: Der Begriff sei nicht ihre Erfindung gewesen. Die theoretische Idee, um die es gehe, sei auf einem Workshop diskutiert worden, aus dem dann der Sammelband mit Sven Steinmo entstanden sei. Als sie beide die Einleitung zu dem Band geschrieben hätten, hätten sie noch einmal gefragt, wer von den Workshop-Teilnehmerinnen und -Teilnehmern eigentlich den Begriff des „Historischen Institutionalismus“ aufgebracht habe, aber keiner wollte es gewesen sein. In Ermangelung anderer Kandidaten sei der Begriff mit ihr assoziiert worden.
 
Nach all den Vorbehalten formuliert Thelen vorsichtig: „Wenn man an den Begriff denkt, dann denkt man an eine Handvoll Leute, zu denen auch ich gehöre“, um dann mit einem Lächeln hinzuzufügen „und darauf bin ich schon irgendwie stolz.“ Von sich wegzuweisen und andere ins Spiel zu bringen scheint bei Kathleen Thelen keine Attitüde zu sein. Beeindruckend war ihre Laudatio bei der Emeritierung von Wolfgang Streeck, bei der sie feststellte, dass man bei solchen Anlässen (endlich einmal) laut und deutlich über die Kollegen all das Positive sage, das man empfinde.
 
Beim Gespräch einen Tag nach der Emeritierung strahlt sie eine sympathische Zugewandtheit aus. Sie antwortet präzise, aber sie nimmt auch ernst, was der andere zu erzählen hat: „Darüber muss ich auf der Zugfahrt gleich nachdenken.“ So fühlt sich die Zeit mit ihr an wie eine Diskussion aus der Studienzeit, als man noch im Modus des Gesprächs die Welt verstehen wollte, und nicht wie ein Interview mit der für ihr Fach bedeutenden „Ford Professorin für Politische Wissenschaften am Massachusetts Institute of Technology“.
 

 

Der Wandel von Institutionen


 
Im Historischen Institutionalismus sieht Kathleen Thelen eine Alternative zu der Vorstellung, dass Institutionen allein funktional zu erklären seien. So als seien sie zu einem bestimmten Zweck gegründet und man müsse nur die Intention der Gründer aus ihnen herauslesen, um sie zu verstehen. Dagegen hält Thelen, dass Institutionen oftmals andere Funktionen übernehmen würden als die, für die sie geschaffen wurden. Darin sieht sie ihren speziellen Beitrag zum Historischen Institutionalismus: zu erforschen, wie sich Institutionen verändern. Welche politischen Kräfte und Koalitionen wirken in Institutionen, und welche Strategien wenden sie an? Solche Fragen schärfen den Blick für das politisch Mögliche. Institutionen determinierten nicht einfach das Verhalten der Akteure, so Thelen, sie setzten zwar Parameter, innerhalb derer aber seien durchaus Veränderungen möglich. Sie bekennt sich zu einem optimistischen Blick auf das Mögliche.
 
Kathleen Thelen hat aber nicht nur Theorien entworfen, sondern immer auch empirisch gearbeitet und die Politiken verschiedener Länder verglichen. Hierfür kam sie auch seit ihrer Dissertation Mitte der 1980er-Jahre immer wieder nach Deutschland. Sie studierte damals in Berkeley, der linken Hochburg für Politologen, und hatte mit einigen anderen jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern Interesse an Arbeitsbeziehungen. Der Blick in ein Land wie Deutschland, das korporatistischer organisiert war, schien eine interessante Alternative zum amerikanischen Kapitalismus. Sie interessierte sich für Modelle, die ökonomische Effektivität mit sozialer Solidarität verbanden. Wird das wissenschaftliche Interesse also von politischem Willen gesteuert? Kathleen Thelen lacht: „Ich bin eine Amerikanerin, ich suche immer nach Alternativen.“ Und sie ergänzt: nach Alternativen für einen egalitäreren Kapitalismus.
 

« Ich bin eine Amerikanerin, ich suche immer nach Alternativen - nach Alternativen für einen egalitäreren Kapitalismus. »


 
Aber es sei ja nicht so, dass politische Entscheider die Wissenschaftler um Lösungen anbetteln würden, meint Thelen. Sie verfolge eine wissenschaftliche Agenda. Wenn etwas davon politisch genutzt werde, freue sie sich. Zum Beispiel führte der englische Guardian sie kürzlich als eine wichtige Ideengeberin für die neue Labour-Mannschaft um Ed Miliband an. Über diese Zuschreibung des Guardian sei sie überrascht gewesen, aber es sei schön, wenn das, was sie forsche, Resonanz in der politischen Arena finde. Diese Resonanz ist wohl deswegen besonders gut möglich, weil ihre theoretische Arbeit auf Veränderungen und die Strategien für Veränderungen fokussiert.
 

 

Varieties of Capitalism – Varieties of Liberalization


 
Der historische Blick nimmt die Veränderungen wahr, der Ländervergleich schaut auf die Unterschiede. Veränderung und Differenzierung – beides kommt in der Debatte zum Tragen, in der sich Kathleen Thelen schon seit vielen Jahren engagiert: der Diskussion über die Varieties of Capitalism, orchestriert von Peter Hall und David Soskice, mit denen sie freundschaftlich verbunden ist und die sie neben Wolfgang Streeck als ihre wichtigsten Impulsgeber bezeichnet. Die Grunderkenntnis dieser Diskussionen, die längst in den Mainstream der öffentlichen Auseinandersetzung durchgesickert ist: Kapitalismus tickt nicht überall gleich auf der Welt. Es gibt unterschiedliche Formen des Kapitalismus: den eher liberalen Typ angelsächsischer Prägung und den eher korporatistischen oder koordinierten Kapitalismus, wie er in vielen europäischen Ländern anzutreffen ist.
 
Wolfgang Streeck aber schüttete Wein in das Wasser der Differenzierung: Er sah, dass alle Formen des Kapitalismus einem Trend zu immer mehr Liberalisierung unterworfen seien. Die Unterschiede würden sich also angleichen. An dieser Stelle kommt nun Kathleen Thelen mit ihrem neuesten Buch ins Spiel: Ja, gibt sie Wolfgang Streeck Recht, es gebe diesen Großtrend zu immer mehr Liberalisierung in den letzten zwei Jahrzehnten; aber ein Ja auch gegenüber Hall und Soskice, denn es gebe selbst beim Liberalisieren wiederum Unterschiede. Thelens Schlussfolgerung: Es gebe Varieties of Liberalization, so der Titel ihres Buches, also unterschiedliche Wege der Liberalisierung. „Das ist genau der Punkt, an dem ich in dieser Debatte stehe.“ Thelen sieht die Wahrheit in den konträren Positionen ihrer verschiedenen Impulsgeber – und macht damit ein konstruktives Angebot an beide.
 
Was sind die Varieties of Liberalization? Es gebe einmal die klassische Deregulierung der Wirtschaft, durch die immer mehr Bereiche des wirtschaftlichen Handelns – wie Tariffindung, Ausbildung und Arbeitsmarktpolitik – von staatlichen Rahmenbedingungen gelöst und Marktgesetzen unterworfen würden. Ein Prozess, den Thelen in Amerika beobachtet, wo schwache Gewerkschaften diese Entwicklung nicht verhindern konnten.
 

« Der Gegensatz von Arbeit und Kapital verwischt sich. »


 
Anders sehe es hingegen in Deutschland aus: Hier hätten die Gewerkschaften einen starken Stand besonders in der Industrieproduktion, wo sie Institutionen der Beteiligung und sozialen Sicherung erfolgreich verteidigen konnten. Aber neben diesem gut geschützten Kern bilde sich eine wachsende Peripherie aus prekären Arbeitsverhältnissen, dem Zurückfahren staatlicher Unterstützung und damit verbunden der Privatisierung von Risiken. Dualisierung nennt Thelen das und macht klar: Kern und Peripherie hängen zusammen: „Ausgedehnte Arbeitsplatzgarantien für die Arbeiter im Kern werden zunehmend ,erkauft‘ durch Outsourcing-Strategien, die von der Liberalisierung in der Peripherie profitieren“, heißt es in ihrem Buch. Im Gespräch weist sie auf eine Folge dieser Entwicklung hin: Der Gegensatz von Arbeit und Kapital verwische sich; stattdessen entstünden unterschiedliche Interessenlagen zwischen den Arbeitern im Kern und in der Peripherie.
 

 

Kann der Kapitalismus egalitärer werden?


 
Aber Thelen sieht neben Deregulierung und Dualisierung noch eine dritte Form der Liberalisierung, die sie als „eingebettete Flexibilisierung“ bezeichnet: Flexibilisierung bei starker sozialer Solidarität. Dänemark ist hier ihr Beispiel. Dort habe man den Arbeitsmarkt etwa durch die Reduzierung der Arbeitslosenunterstützung liberalisiert, dafür aber massiv in ein flexibles System von Aus- und Fortbildungen investiert, die den Menschen einen besseren Weg aus der Arbeitslosigkeit ermöglichten und für eine stärkere Beteiligung von Frauen an der Erwerbsarbeit gesorgt hätten.
 
Auch wenn Thelen die Situation in Dänemark keineswegs idealisiert oder zum Modell erhebt, ihr Vergleich provoziert fast automatisch beim Zuhörer die Frage: Können wir es in Deutschland nicht doch besser machen? Die Wissenschaftlerin Kathleen Thelen gibt keine schnellen Lösungen, sondern antwortet mit einer weiteren Differenzierung, die zum Nachdenken anregt: Es gebe Änderungen, die man zurücknehmen könne und andere, die irreversibel seien, erklärt sie. Wenn es um Projekte oder Förderungen gehe, die von der Regierung finanziert seien, so könne die Folgeregierung meistens die Förderung wieder entziehen. Anders sei es, wenn man Bereiche, wie zum Beispiel die Bildung, stärker dem Markt öffne. Mit Investitionen von privaten Trägern entstünden mächtige neue Interessengruppen, die in Zukunft die Geschicke in diesem Feld massiv mitbestimmten; deswegen seien Entscheidungen zur Marktöffnung oft nur schwer umkehrbar.
 
Aber Thelens Optimismus findet auch Ermutigendes: Die höhere Beteiligung von Frauen am Erwerbsleben, besonders in Dänemark und den Niederlanden, sei eine Entwicklung, die ebenfalls nicht mehr umkehrbar sein dürfte. Ein interessanter Punkt: Vielleicht kommt es für Veränderungen hin zu einem egalitäreren Kapitalismus nicht so sehr darauf an, staatliche Ressourcen umzulenken, sondern neue Personengruppen in einem institutionellen Gefüge zu platzieren, sodass sie mit ihren Interessen dort für Veränderungen der Institutionen sorgen. Es macht Spaß, mit dieser sympathischen und gelehrten Frau zu diskutieren, weil man spürt, dass es hier nicht nur um Handbuchwissen geht, sondern tatsächlich darum, die Welt besser zu verstehen.
 

 
Zum Weiterlesen
  • Orfeo Fioretos, Tulia G. Falleti, and Adam Sheingate: Oxford Handbook on Historical Institutionalism. Oxford University Press, Oxford 2015 (im Erscheinen).
  • Kathleen Thelen: Varieties of Liberalization and the New Politics of Social Solidarity. Cambridge University Press, New York 2014.

 
Quelle
Christoph Fleischmann: Kathleen Thelen: Vergleichen, um den besseren Weg zu finden. In: Gesellschaftsforschung 2/2014. Köln: Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, 2014, 14–17.

 
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