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 MPIfG - Aus der Forschung - Forscherportrait

 

 

Britta Rehder:
Arbeitnehmerinteressen im Zentrum


Anja Arp
 

 
Die ehemalige Stipendiatin der Hans-Böckler-Stiftung und langjährige wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kölner Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung ist umgezogen. Als Professorin lehrt und forscht sie nun an der Ruhr-Universität in Bochum.
 
Der Campus der Reform-Uni hat den Charme der 1970er-Jahre. Ein kühler Betonklotz reiht sich an den anderen. Trotz Lageplan ist das Gebäude GC, in dem die Professorin für Politikwissenschaften/Politisches System Deutschland sitzt, nur schwer zu finden. Und dann kommt die nächste Hürde: Wo verbirgt sich in dem „Laborynt“ von gleichförmigen Fluren Raum 04/145? Nach einigem Herumirren gibt es dafür aber auch eine echte Entschädigung: Kaffee und Kuchen in einem freundlichen hellen Büro mit schönen Holzmöbeln, großen Fenstern und überraschenderweise mit einem Ausblick direkt ins Grüne. Britta Rehder fühlt sich offenbar wohl auf dem zunächst so unwirtlich wirkenden Campus in Bochum: „Es ist vielleicht nicht besonders schön, aber es ist sehr herzlich. Die Menschen sind sehr nett, und es ist halt eine Campus-Universität. Das heißt, es sind alle Studierenden hier auf dem Campus vertreten. Und jetzt wird es Sommer und die sitzen draußen auf den Wiesen. Und die Antiquare kommen und stellen ihre Buchstände auf. Das ist alles sehr lebendig.“
 
Als sie im April 2011 ihre Stelle als Professorin für Politikwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum antrat, hatte Britta Rehder die üblichen Vorurteile im Kopf: „Ich kannte natürlich auch die Anekdoten über diese riesige Uni.“ Die Zahlen sprechen für sich: 30.000 Studierende und 5.000 Beschäftigte – das sind auch für eine renommierte Universität gigantische Ausmaße. Dafür kann man an der Ruhr-Uni aber auch nahezu alle Fächer studieren. Und als Professorin kann man immerhin vor 200 Studierenden eine Vorlesung halten. Etwa zum Thema „Einführung in das politische System der Bundesrepublik Deutschland“ – der Klassiker. „Als Erstes musste ich mich daran gewöhnen, dass man hier Vorlesungen im großen Hörsaal mit einem Mikrofon hält.“ Die neue Aufgabe bereitet der 41-jährigen Politologin viel Freude: „Es ist nur wahnsinnig viel Arbeit, wenn man sich die Vorlesung zum ersten Mal erarbeiten muss. Dann ist nach der Vorlesung quasi vor der Vorlesung – aber man lernt auch viel.“
 

« Nach der Vorlesung ist vor der Vorlesung – aber man lernt auch viel. »


 
Britta Rehder stammt aus einer Arbeiterfamilie. Sie wurde 1970 in Kaltenkirchen in Schleswig-Holstein geboren und ist eigentlich mit Haut und Haaren Norddeutsche: „Mein Vater war Tischler und meine Mutter Hausfrau. Ich bin also ein richtiges Arbeiterkind.“ Und sie weiß: „Alles, was ich heute bin, habe ich im Grunde meiner Grundschullehrerin zu verdanken. Meine Eltern hatten große Vorbehalte, mich auf das Gymnasium zu schicken – aus verschiedenen Gründen.“
 
Die „kleine“ Britta war von Anfang an eine gute Schülerin. Und obwohl die Eltern sich lange sperrten, hat ihre Grundschullehrerin darauf bestanden: Das Kind gehört auf das Gymnasium! Die Lehrerin konnte sich durchsetzen, und Britta Rehder hat nach dem Abitur Politikwissenschaft und Pädagogik als Diplom-Studiengang in Hamburg studiert. Sie erinnert sich: „Das war ein langer Kampf. Ich habe angefangen mit Geschichte und Germanistik. Und habe dann in den ersten zwei Jahren meines Studiums ungefähr 50 Prozent aller Studienfächer, die man an der Uni in Hamburg studieren konnte, ausprobiert. Das ging von Afrikastudien über Geografie bis sonst wohin. Aber die Politikwissenschaft hat mich einfach besonders interessiert.“
 
Das Fach reizte sie, weil es der realen Politik so nahe ist und weil es auch viel mit Geschichte zu tun hat. Das erinnerte sie an ihren politikwissenschaftlichen Geschichtsunterricht in der Schule, den sie so sehr gemocht hatte. Britta Rehder hat sich damals 18 Semester Zeit gelassen und weiß auch, dass dies aus heutiger Sicht ein echtes Privileg ist: „Ich habe lange mit meinem Studium gehadert – ich bin ausgestiegen, wieder eingestiegen. Also, ich habe eigentlich so alles mitgemacht an Studienzweifeln. Damals konnte man nicht unbedingt vermuten, dass ich später Karriere an einem Max-Planck-Institut oder als Professorin machen würde“, erklärt sie lachend.
 
Eine Verbleibstudie ihrer Kommilitonen zu der Frage, welche Positionen die Absolventen der Politikwissenschaft später besetzen, ging aus von der sorgenvollen Arbeitshypothese: Politologen sind zu allem fähig, aber zu nichts zu gebrauchen. „Und so fühlte ich mich auch“, erklärt Rehder. Ende der 1990er-Jahre hat sie sich deshalb auf alle möglichen Stellen beworben, um ein Gefühl für ihren Marktwert zu bekommen. Die Hypothese der Studie bestätigte sich keineswegs, und Britta Rehder ging in die Wissenschaft. Warum? „Weil es zum richtigen Zeitpunkt die richtige Ausschreibung des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung gab, zu einem Projekt über den Einfluss der Internationalisierung auf die Arbeitsbeziehungen. Zu dem Thema hatte ich studiert. Ich habe diese Ausschreibung gesehen und gedacht: Ja, das will ich.“
 

« Ich habe diese Ausschreibung vom MPIfG gesehen und gedacht: Ja, das will ich. »


 
Ihr Stipendium wurde damals in Kooperation mit der Hans-Böckler-Stiftung vergeben. Die junge Diplom-Politologin sah für sich bei der Ausschreibung in der ZEIT eigentlich keine Chancen. Doch dann kam es anders. Nach dem Graduiertenkolleg bietet ihr das Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin an, und im selben Jahr 2002 schließt sie auch ihre Promotion an der Humboldt-Universität zu Berlin ab.
 
Das Thema „Arbeitsbeziehungen“ ist Britta Rehders zentrales Forschungsthema. Das hat sicherlich auch mit ihrer Herkunft zu tun. Ein weiterer Grund: Während ihres Studiums war sie als Aushilfe im Buchhandel tätig. Und da gab es immer mal wieder Auseinandersetzungen mit den Arbeitgebern, in denen sie sich engagierte. Irgendwann ist einer der Betriebsräte auf Britta Rehder zugekommen und hat sie für die Gewerkschaft geworben. Das war damals noch die HBV, also die Gewerkschaft Handel, Banken, Versicherungen, die heute in ver.di aufgegangen ist: „Ich finde das Thema so wichtig, weil die Arbeitsbedingungen so vieler Menschen, ohne dass es dem Einzelnen bewusst ist, durch die Auseinandersetzungen im Politikfeld Tarifpolitik und Arbeitspolitik strukturiert werden. Arbeit ist für viele Menschen einer der absolut wichtigsten Bereiche ihres Lebens. Und wie Arbeit und Arbeitsbedingungen reguliert werden und wie die gesellschaftlichen Konflikte, die damit einhergehen, gelöst werden, das ist nach wie vor ein zentrales Thema.“
 

« Die Auseinandersetzungen im Politikfeld Tarifpolitik und Arbeitspolitik prägen die Arbeitsbedingungen vieler Menschen, ohne dass ihnen dies immer bewusst ist. »


 
Für die Politikwissenschaftlerin steht fest, dass wir uns zurzeit in einer großen Umbruchphase befinden. „Ich glaube nicht, dass es so weit kommt, dass wir auf eine Amerikanisierung zulaufen und die Gewerkschaften in die Bedeutungslosigkeit versinken. Aber wir sehen, dass die Tarifverträge erodieren und dass die Gewerkschaftsbewegung sich aufspaltet. Wir sehen, dass es bestimmte Berufsgruppen gibt, die innerhalb ihrer Berufsstände versuchen, auf eigene Faust ihre Interessen zu vertreten. Und wir sehen, dass die Arbeitgeberseite sich, partiell zumindest, aus der Sozialpartnerschaft verabschiedet.“ Das deutsche Wirtschaftssystem nach dem Krieg zeichnete sich durch ein hohes Maß an Organisation und eine starke Verflechtung der Akteure aus. Diese Netzwerke lösen sich nun schrittweise auf. Und in der Folge funktioniert das langjährig bewährte Tarifsystem nicht mehr. Die alten Konfliktlösungsmechanismen versagen. In einem fragmentierten Gewerkschaftssystem wird dann mehr gestreikt als in einem System, in dem es große Einheits- und Industriegewerkschaften gibt – so lautete ihre Analyse schon vor zehn Jahren, jetzt bewahrheitet sie sich offenbar.
 
Britta Rehder versteht sich als Forscherin am Nerv der Zeit. „Es gibt viele spannende Themen, aber das wichtigste Kriterium ist für mich immer: Es muss politisch und gesellschaftlich relevant sein.“ So hat sie zum Beispiel ihre Dissertation über betriebliche Bündnisse geschrieben. Das Thema Arbeitsrecht ist neu hinzugekommen, während sie das Thema „Internationalisierung von Arbeitsbeziehungen“ in Deutschland schon seit Langem verfolgt. „Die Unternehmen sind dahin gegangen, wo sie ihre neuen Märkte antizipieren. Wenn ich als Unternehmer entscheide, China ist ein Markt, dann gehe ich einfach nach China. Und da kann eine deutsche Gewerkschaft und ein deutscher Betriebsrat sagen, was er will. Daran wird man nichts ändern können.“
 
Ihr aktuelles Forschungsgebiet ist das Arbeitsrecht, in dem sie sich auch habilitiert hat. Unter dem Titel „Rechtsprechung als Politik: Der Beitrag des Bundesarbeitsgerichts zur Entwicklung der Arbeitsbeziehungen in Deutschland“ erscheint dazu demnächst auch ein Buch im Campus-Verlag. Sie geht dabei der Frage nach, wie sich das deutsche Arbeitsrecht verändert, das sich während der Weimarer Republik entwickelt hat. Der ursprüngliche Anspruch war: Wenn Arbeitgeber und Arbeitnehmer in einen Rechtsstreit treten, dann sollte dies auf Augenhöhe geschehen. Dies sieht Britta Rehder gefährdet. Als „Vater des deutschen Arbeitsrechts“ gilt der Jurist Hugo Sinzheimer. In seinen Augen muss die Rechtsprechung zwar unabhängig sein, sie darf aber auch nicht blind dafür sein, dass der Arbeitgeber im Zweifelsfall am längeren Hebel sitzt. Diese Asymmetrie der Macht zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer sei demnach das zentrale Problem auf den Arbeitsmärkten. Die Arbeitsbeziehungen bleiben also nach wie vor ein Themenschwerpunkt, allerdings jetzt mit der Gewichtung: Welche Rolle spielen Gerichte? „Weil das Arbeitsrecht ein Rechtsgebiet ist, das sehr stark durch Richterrecht geprägt ist, schließt sich hier ein ganz großer Themenkomplex an, nämlich die Rolle von Gerichten in der Politik.“ Zu diesem Thema hat die Wissenschaftlerin auch lange in den USA geforscht.
 

« Die Asymmetrie der Macht zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer ist das zentrale Problem auf den Arbeitsmärkten. »


 
Britta Rehder hat sich als junge Nachwuchswissenschaftlerin am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung von Anfang an wohl gefühlt. Die Gründe liegen auf der Hand: Zum einen gibt es hierzulande nicht so viele gesellschaftswissenschaftliche Forschungseinrichtungen. Und dann sind die Arbeitsbedingungen am MPIfG für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ausgesprochen gut – gerade in der Qualifikationsphase, erklärt die junge Professorin: „Am MPIfG hat man wirklich die Ruhe, an seiner Forschung zu arbeiten und an seinem Lebenslauf zu feilen. Dort bieten sich zahlreiche Möglichkeiten, weil es ein hoch integriertes Institut ist, in dem jeder mit jedem über seine Forschungsthemen reden kann. Es gibt dort eine ganze Ansammlung von Koryphäen und viele ausländische Gäste, die das Know-how aus einem internationalen Kontext mitbringen. Das aufsaugen zu dürfen und das alles lernen zu dürfen, ist einfach ein Geschenk.“
 
Das hört sich ganz danach an, als würde man diesen Hort der Gesellschaftwissenschaften nie wieder verlassen wollen. Doch da holt einen dann die Realität schnell wieder ein. Denn auch am MPIfG gibt es fast nur noch befristete Verträge. Lebenszeitstellen bieten Max-Planck-Institute nur noch selten, denn sie verstehen sich als Qualifizierungsinstanz auf dem Weg zu einer Hochschulprofessur oder anderen wissenschaftlichen Führungsposition. „Mir ist es eigentlich dann auch nicht so schwergefallen, weil ich mittlerweile doch zwölf Jahre da war.“
 
Sie genießt es jetzt als Professorin, ganz ihre eigene Herrin zu sein. Das war am Max-Planck-Institut anders, denn dort arbeitet man innerhalb eines Forschungsprogramms, das wesentlich von den Direktoren geprägt wird. Neben der Forschung schlägt ihr Herz für die Lehre. Sie hat schon während ihrer Zeit am MPIfG fast jedes Semester Uni-Seminare angeboten. Doch jetzt als Professorin ist das für sie noch einmal eine ganz andere Herausforderung, schon allein wegen der umfangreichen Prüfungsverfahren. Sie fühlt sich ihren Studenten verpflichtet, zumal sich die Rahmenbedingungen seit ihrer eigenen Studentenzeit drastisch verändert haben. Durch die Umstellung auf das Bachelor-Master-System ist das Studium wesentlich straffer und verschulter geworden. Viele Studenten haben heute zwanzig Wochenstunden Lehrveranstaltungen: „Da müssen Sie sich als Dozentin ziemlich genau überlegen, wie viel Text Sie ihren Leuten noch zumuten können.“
 
Britta Rehder lebt nach wie vor in Köln und pendelt nach Bochum. Denn trotz ihrer norddeutschen Herkunft fühlt sie sich ein klein wenig als echte Rheinländerin. Köln ist in ihren Augen zwar nicht schön, aber lebendig. Dennoch schließt sie einen Umzug nach Bochum auch nicht aus. Viel Freizeit hat sie ohnehin nicht. Denn wie bei so vielen Forschern gehört ihre Leidenschaft vor allem der Wissenschaft – und das kostet viel Zeit. Sie lebt alleine und kocht gern für sich und ihre Freunde. „Ich bin nicht der Mensch, der intellektuell arbeitet und dann in der Freizeit in eine Kunstausstellung geht. Sondern ich muss was ‚Matschiges‘ in den Händen haben und mache dann lieber Kartoffelknödel.“
 
Ohne ihre Grundschullehrerin und das MPIfG hätte sie wohl niemals diese wissenschaftliche Karriere gemacht – da ist Britta Rehder sich sicher. Und ihr Arbeiterelternhaus: „Beide haben das miterlebt. Mein Vater ist vor einigen Jahren gestorben. Aber meine Mutter erlebt jetzt auch, dass ich Professorin bin, und auch wenn sie nicht wirklich versteht, was ich eigentlich mache: Stolz ist sie allemal.“
 

 
Zum Weiterlesen
  • Britta Rehder: Rechtsprechung als Politik. Der Beitrag des Bundesarbeitsgerichts zur Entwicklung der Arbeitsbeziehungen in Deutschland. Frankfurt a.M.: Campus, 2011.
  • Britta Rehder: Verschwindet das Arbeitsrecht? In: Die Mitbestimmung 57(1+2), 54–57 (2011).

 
Quelle
Anja Arp: Britta Rehder: Arbeitnehmerinteressen im Zentrum. In: Gesellschaftsforschung 1/2011. Köln: Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, 2011, 11-15.

 
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