Fenster schließen
 MPIfG - Aus der Forschung - Forscherportrait

 

 

Sigrid Quack:
Die Grenzgängerin


Ralf Grötker
 

 
Sigrid Quack untersucht mit ihrer Forschungsgruppe, wie NGOs, Unternehmen und staatliche Institutionen auf internationaler Ebene Abkommen aushandeln und Standards etablieren, die zuweilen nicht weniger verbindlich wirken als Gesetze.
 
Dienstagmorgen. Studierende und Doktoranden haben sich im Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung zum Methodenseminar „Logik der Sozialforschung“ versammelt. Auf den Tischen stehen Namensschilder: Vornamen. Man spricht Englisch. Ein Blick in die Runde zeigt, dass dies auch einen praktischen Grund hat. Vermutlich ist es für Solomon, Oleksandr und Felipe einfach leichter so. Der Kurs ist Teil der international aufgestellten Max Planck Research School, des gemeinsamen Doktorandenprogramms des MPIfG mit der Universität zu Köln.
 
Ein Buch wird während der Sitzung herumgereicht: „Vom Einzelfall zum Typus“. Sigrid Quack lässt ihre Studenten zunächst in Zweiergruppen diskutieren; trägt dann, während sie sich flink durch den Raum bewegt, die Ergebnisse auf einem Flipchart zusammen. Wozu braucht man eine Typologie? Sind grüne und rote Äpfel verschiedene Typen? Später stellen zwei Teilnehmer in einem Referat ein anspruchsvolles Methodenpapier vor, in dem gezeigt wird, wie sich der Möglichkeitsraum einer Typologie mit technischen Kniffen erweitern oder komprimieren lässt.
 
Der Einstieg ins Thema durch das gemeinsame Brainstorming – „das klappt nicht immer so gut“, meint Sigrid Quack hinterher, beim Treffen zum Mittagessen. Seit fünf Jahren leitet die Soziologin die Forschungsgruppe „Grenzüberschreitende Institutionenbildung“ am MPIfG in Köln. Das Gespräch kommt darauf, wie Quack zusammen mit ihrer damals im Grundschulalter befindlichen Tochter den Umzug nach Köln gemeistert hat. Man spricht über Schulen, Kinderbetreuung. Quack erzählt von der Zeit, als sie – wenn überhaupt – mit der ganzen Familie zu wissenschaftlichen Konferenzen angereist war. Trotz aller Einschränkungen: „Wissenschaftlerinnen mit Familie sehen sich oft dem Druck ausgesetzt, familiäre Belange zurückzustellen. Da muss man widerstehen können, sonst wird man überrollt von dieser Lawine“, betont die Wissenschaftlerin und heute alleinerziehende Mutter.
 
Wenn man genau zuhört, kann man bemerken, dass die eher zurückhaltend wirkende Frau mit der kleinen runden Brille und den hinters Ohr gestrichenen dunklen Haaren nicht ganz fremd ist im Rheinland. Man muss allerdings schon sehr genau nachfragen, bis sie dazu Auskunft gibt. Aufgewachsen auf einem kleinen Gehöft in der Nähe von Mönchengladbach, hatte es sie es lange Jahre eher weggezogen aus der Gegend. Erst, zum Studium, nach Paris 8 Vincennes-Saint-Denis, der damals noch auf einem Militärgelände kampierenden Universität von Deleuze, Foucault und Lyotard. Dann, weil es in Paris kein Bafög gab, ans Institut für Soziologie der FU Berlin. Nach dem Diplom ging es weiter als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung.
 
Seit Jahren befasst sich Quack mit „grenzüberschreitender Institutionenentwicklung“, „globalen Diffusionsprozessen“, „Cross-Border-Governance“ und „transnationalen Communities“ – soweit einige der Schlagworte aus Titeln von Veröffentlichungen und Forschungsprojekten. Es ist nicht ganz einfach zu erklären, was diese auch in der Wissenschaft schillernd und mehrdeutig benutzten Begriffe konkret bedeuten. „Governance“ zum Beispiel. Quack sagt es so: „Governance steht für die absichtsvolle Regelung kollektiver Sachverhalte unter der Mitwirkung nicht nur staatlicher, sondern auch wirtschaftlicher und zivilgesellschaftlicher Akteure. Im Zuge der Internationalisierung machen die Folgen kapitalistischen Wirtschaftens heute nicht mehr an den nationalstaatlichen Grenzen halt. Hieraus entwickelt sich ein Bedarf an internationaler Regelung etwa von Arbeitsschutz, Umweltschutz, Menschenrechten oder Zugang zu Wissen.“ Darum also geht es: um das In- und Miteinander von staatlichen Organisationen, NGOs und Unternehmen, die auf internationaler Ebene Vereinbarungen treffen, welche mehr oder weniger verbindlichen Charakter haben. Das untersucht die Kölner Forschergruppe aktuell anhand von Fallbeispielen wie Urheberrechtsstandards oder im Finanzbereich anhand von Rechnungslegungsstandards und der wenig regulierten Organisation des Mikrokreditsektors.
 

« Governance steht für die absichtsvolle Regelung kollektiver Sachverhalte unter der Mitwirkung nicht nur staatlicher, sondern auch wirtschaftlicher und zivilgesellschaftlicher Akteure. »


 
Quacks Forschungsgruppe hat ein besonderes Interesse an den neuen Bewegungen und Communities. Einige der neueren Erkenntnisse auf diesem Feld sind durchaus überraschend. Mit ihrer Rekonstruktion der internationalen Diskussionen um das Urheberrecht konnten Sigrid Quack und ihr Kollege Leonhard Dobusch beispielsweise zeigen, wie und warum eine zunächst schwache und diffuse Koalition zivilgesellschaftlicher Gruppen, die sich um Institutionen wie die an die Ziele der Free-Software-Bewegung anknüpfende Organisation Creative Commons am Ende erfolgreicher agieren konnte als ein Konsortium von Unternehmen aus Unterhaltungselektronik- und Medienindustrie. Das seitens der Industrie Ende der 1990er-Jahre begonnene Unterfangen, auf dem Markt einen Gerätestandard durchzusetzen, welcher das Abspielen illegal erlangter Medien unmöglich machen sollte (Digital Rights Management – DRM), scheiterte nämlich. Erst Apple, dann der Medienkonzern EMI und schließlich Amazon verabschiedeten sich in den vergangenen Jahren von DRM. Zu deutlich zeichnete sich ab, dass die DRM-Koalition ihre Ziele den auf den Geschmack des freien Wissens gekommenen Konsumenten nicht würde verkaufen können.
 
Der Fall zeigt auch in allgemeinerer Hinsicht, wie es um die Fähigkeit schwacher Akteure im transnationalen Raum bestellt ist, Aufmerksamkeit zu erregen und den Meinungsbildungsprozess zu beeinflussen. „Oft wird ja gesagt: Aufgrund der inhaltlichen und institutionenbedingten Komplexität vieler Fragen, die etwa in der EU verhandelt werden, haben eher solche Akteure die Oberhand, die finanziell gut ausgestattet sind. Häufig mag das auch der Fall sein. Vieles hängt aber auch ab von den Begriffen und Slogans, mit denen ein politisches Anliegen artikuliert wird. Wenn es einem Akteur gelingt, seine Vorhaben und Forderungen so darzustellen, dass sie zugleich schlagkräftig sind und doch eine gewisse Unschärfe haben, die es erlaubt, unterschiedliche Ziele darunter zu subsumieren, kann er damit großen Erfolg haben“, resümiert Quack. So konnte etwa Creative Commons mit einer einfach verständlichen Lizenz, die es Urhebern und Urheberinnen ermöglicht, Dritten abgestufte Rechte der Weiterverwendung und Verbreitung von digitalen Inhalten einzuräumen, weltweit eine Vielzahl von Unterstützern aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen gewinnen. Wikipedia übernahm diese Form der Lizenzvergabe und machte Creative Commons damit zum vorherrschenden Standard für freie Inhalte.
 
Wie es mit dem Urheberrecht weitergeht, ist ungewiss. Selbst wenn viele Akteure, auch in der Wissenschaft, heute die Creative-Commons-Lizenz verwenden und somit ein deutliches Zeichen für „freies Wissen“ setzen: Die nächste Runde der Auseinandersetzungen, beispielsweise das Anti-Produktpiraterie-Handelsabkommen ACTA, wird nicht zwischen privaten Akteuren ausgetragen, sondern in zwischenstaatlichen Verhandlungen, die bisher weitgehend hinter verschlossenen Türen stattgefunden haben. Quack: „Was das Urheberrecht betrifft, ist für uns die nächste Forschungsfrage, wie sich aus dem kleinen Erfolg der Creative-Commons-Bewegung Mobilisierungen entwickeln, die stärker in den politischen Bereich übergreifen: Auseinandersetzungen in den Parlamenten und andere Gesetze im Europäischen Parlament. Dabei spielt sicherlich auch die transnationale Piratenpartei-Bewegung eine Rolle.“
 

« Creative Commons konnte mit einer einfach verständlichen Lizenz weltweit eine Vielzahl von Unterstützern aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen gewinnen. »


 
All dies scheint weit entfernt von den Themen, mit denen Sigrid Quack einmal an den Start gegangen war. Die Diplomarbeit behandelte noch das Thema: „Die Aufteilung von Hausarbeit bei Postbeschäftigten“. Wie kommt man von dort zur „Grenzüberschreitenden Institutionenbildung“? „Ein Befund meiner Studie war damals: Schichtarbeit ist ein Trigger, um die häusliche Arbeitsteilung aufzubrechen. Also ein Phänomen aus der Arbeitswelt“, erzählt Quack. „Darauf aufbauend habe ich mich mit Teilzeitarbeit befasst. Ich wollte wissen, ob Teilzeitarbeit ins Prekariat führt. Heute stellt man das so dar, als ob diese Frage ein neues Thema wäre. Aber das stand damals schon auf der Tagesordnung. Dabei habe ich nicht nur die Situation zu einem Zeitpunkt betrachtet, sondern ganze Lebensverläufe in die Untersuchung einbezogen.“ Im Ergebnis stellte sich heraus, dass die langfristige soziale Situation von Teilzeitarbeitern stark mit Branchen und Industriesektoren zusammenhing. „Ich habe mich dann im Anschluss daran mit Beschäftigungssituationen in Betrieben befasst, zunächst mit der Untersuchung von Umstrukturierungen im Bankensektor in Deutschland und Großbritannien, dann mit internationalen Anwaltskanzleien und Unternehmensberatungen. Dabei bin ich darauf gestoßen, dass viele Institutionen in diesem Feld auf der internationalen Ebene einen starken Einfluss ausüben. Am Ende habe ich die Unternehmen nicht mehr als wirtschaftliche Institutionen untersucht, sondern in Bezug auf ihre regelsetzende Funktion.“
 
In den zurückliegenden Jahren hat Sigrid Quack sich gemeinsam mit ihren Kollegen Leonhard Dobusch, Paul Lagneau-Ymonet und Olga Malets sowie den Doktoranden und Doktorandinnen der Forschungsgruppe vor allem damit befasst, die Entwicklung und Umsetzung von Regulierung und Standards in unterschiedlichen Feldern zu rekonstruieren. Momentan geht es darum, den systematischen Vergleich stärker herauszuarbeiten und Einflussfaktoren zu spezifizieren, die dazu führen, dass eine Regelung effektiver oder weniger effektiv ist. „Theorien mittlerer Reichweite“: Diese Art Resultate erwartet die Soziologin.
 
Welchen praktischen Wert könnte das Know-how haben, das sich eine Forscherin wie Sigrid Quack im Laufe der Jahre erwirbt? Gibt es jemanden, den sie gern beraten würde? „Ich weiß, dass es im Rahmen des Europäischen Parlaments verschiedene Initiativen gibt, mehr Möglichkeiten der Bürgerbeteiligung zu schaffen, um Konsumenten in Fragen der Finanzregulierung zu vertreten. Da wäre ich gern als begleitende Beraterin dabei. Momentan gibt es in diesem Feld noch wenig Aktivität. Oft wird dies auf die Komplexität und den technischen Charakter der Regulierung zurückgeführt. Ich bin mir da nicht so sicher: Gleiches gilt schließlich auch für Urheberrechtsfragen. Und für die gibt es mittlerweile eine große Öffentlichkeit.“
 
Auch die eigene akademische Arbeit lässt sich durch die Brille der Forschung zu den „Communities“ betrachten: In gewisser Hinsicht ist auch eine Forschungsgruppe ein eher locker definierter Zusammenhang. „Schließlich arbeitet man in der Gesellschaftsforschung nicht, wie in den Naturwissenschaften, gemeinsam an einem Projekt, sondern versucht eher den theoretischen Rahmen und die gemeinsame Herangehensweise abzustecken“, so beschreibt Quacks Doktorand Philip Mader die Arbeit am Institut. Wie ließe sich die Ausrichtung auf gemeinsame Ziele verstärken?
 
Das Beispiel der Creative Commons zeigt, dass der Erfolg der gemeinsamen Sache stark abhängt von kleinformatigen und alltagsnahen Aktionsformen, die ohne großen Aufwand betrieben werden können – wie die Auszeichnung eigener Werke mit der „CC-Lizenz“. Jeder, der die Website der Non-Profit-Organisation besucht, kann vorgefertigte Lizenzen für eigene Werke mühelos selbst übernehmen und wird damit zugleich gewissermaßen Teil einer Gemeinschaft von Beitragenden und Nutzern. Könnte man sich etwas Ähnliches für eine Forschungsgruppe vorstellen?
 
Sigrid Quack überlegt. „Eigentlich haben wir so etwas bereits: unseren Blog.“ Governance Across Borders wurde vor drei Jahren initiiert und wird seitdem von der Forschungsgruppe betrieben – nicht nur, um dem Netzwerk beteiligter Wissenschaftler eine öffentliche Plattform zu bieten. Der Blog dient auch der internen Kommunikation. Er stiftet eine neue Form des Zusammenhalts untereinander – was paradoxerweise womöglich nicht in der gleichen Weise funktionieren würde, wenn die Mitteilungen im Blog lediglich den Gruppenmitgliedern selbst zugänglich wären. Blog-Autor Philip Mader hat sich mit seinem Thema Mikrokredite sogar bereits einen gewissen Ruf erarbeitet. Aber ist regelmäßiges Bloggen für viele nicht einfach ein zu großer Aufwand? Sigrid Quack selbst zählt eher zu den seltenen Autoren auf http://governancexborders.com. „Doch es lohnt sich: Gerade mit gut recherchierten Beiträgen zu komplexen sozialwissenschaftlichen Themen, wie etwa auch zu Reformen von Rechnungslegungsstandards nach der Finanzkrise, kann man eine breite Leserschaft erreichen. – Dass ich nun jemand bin, die immer einen Tag Recherche braucht, bevor sie einen Blogeintrag schreibt, ist mein Problem, das liegt nicht in der Art des Blogs.“
 

 
Quelle
Ralf Grötker: Sigrid Quack: Die Grenzgängerin. In: Gesellschaftsforschung 1/2012. Köln: Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, 2012, 15-19.

 
Fenster schließen