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 MPIfG - Aus der Forschung - Forscherportrait

 

 

Sascha Münnich:
Der Ideenretter


Hannes Koch
 

 
Sascha Münnich war von 2005 bis 2013 zunächst Doktorand in der International Max Planck Research School on the Social and Political Constitution of the Economy (IMPRS-SPCE), danach wissenschaftlicher Mitarbeiter am MPIfG. Für seine Dissertation „Die Entdeckung der Arbeitslosenversicherung: Ideen, Interessen und die Entstehung wohlfahrtsstaatlicher Institutionen“ wurde er 2010 mit der Otto-Hahn-Medaille der Max-Planck-Gesellschaft ausgezeichnet. Seit April 2013 ist er Juniorprofessor für International Vergleichende Soziologie an der Georg-August-Universität Göttingen. In seiner Forschung beschäftigt er sich mit den sozialen und kulturellen Bedingungen kapitalistischer Ökonomien und der sie flankierenden Wohlfahrtsstaaten.
 
Die Schlagzeile „Er kann es“ prangt auf dem Spiegel-Titel. Herbst 2011: Vom Cover des Nachrichtenmagazins fixierten Helmut Schmidt und Peer Steinbrück die Leser. Der ehemalige SPD-Kanzler verlieh dem aktuellen Kandidaten den Ritterschlag und empfahl ihn als Nachfolger Angela Merkels. Aber halt, bei dem reproduzierten Spiegel hier im Regal stimmt etwas nicht. Die Gesichter wurden ausgetauscht. Rechts sitzt nun honorig mit Schmidt-Stock Jens Beckert, Direktor des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung, und links, dem Altvorderen leicht zugeneigt, Sascha Münnich. Beim Abschied aus dem MPIfG, wo Münnich zuletzt als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig war, haben Kollegen ihm das Fake-Cover im März 2013 geschenkt. Nun steht es vor einer Reihe Bücher in seinem neuen Büro an der Universität Göttingen. „Hoffentlich erleide ich nicht das gleiche Schicksal wie Peer Steinbrück“, sagt Münnich, schwarzgrauer Kinnbart, Pferdeschwanz.
 
Scheitern ist nie auszuschließen. Man sollte diese Variante einkalkulieren. Aber darauf, dass Sascha Münnich in dieser Gefahr schwebt, deutet nichts hin. Mit 35 Jahren ist er kürzlich Juniorprofessor am Institut für Soziologie geworden. Nachdem er erst 2009 an der Universität zu Köln promovierte, darf er nun selbst Doktoranden begleiten.
 

« Er kann es! »


 
Professorenstatus, Büro, Mitarbeiterinnen, eigenes Budget – Münnich hat eine wissenschaftliche Hochgeschwindigkeitskarriere hingelegt. Am früheren Göttinger Institut für Sozialpolitik bei Professorin Ilona Ostner schuf er während des Studiums die Grundlage für sein Schwerpunktthema – die Erforschung des Wohlfahrtsstaats. Kaum ein Jahrzehnt später hat der Professor in rotem T-Shirt und grünem Schlabberhemd nun ein Zimmer im selben Gebäude bezogen, in dem seine ehemalige Professorin noch immer arbeitet. Mit seinem zweijährigen Sohn und seiner Frau, die im Sommer 2013 das zweite Kind zur Welt brachte, ist Münnich kürzlich nach Göttingen übergesiedelt, wo er sich persönlich und familiär verwurzelt fühlt.
 
Aus seiner wissenschaftlichen Arbeit der vergangenen Jahre sind zwei Begriffe nicht wegzudenken: Interessen und Ideen. Dieses Begriffspaar spielt die zentrale Rolle in Münnichs Dissertation über die „Entdeckung der Arbeitslosenversicherung“. Diese Institution wurde im Deutschland der Weimarer Republik und in den USA im Rahmen des New Deal Mitte der 1930er-Jahre gegründet. Münnichs Frage: Warum konnten Politik, Unternehmerverbände und Gewerkschaften sich damals auf diesen Schritt verständigen, während das vorher nicht möglich gewesen war?
 
Die Unterscheidung von Interessen und Ideen hilft Münnich bei der Beantwortung. Der Begriff „Interesse“ ist im Sinne des materialistischen Grundsatzes „das Sein bestimmt das Bewusstsein“ zu verstehen. Gesellschaftlich handelnde Personen, Gruppen oder Institutionen verfolgen demnach Anliegen, die ihre ökonomische und soziale Lage widerspiegeln. Ideen hingegen lassen subjektive, kulturell bestimmte und zeitgebundene Abweichungen von den objektiven Interessenlagen zu.
 
Diese Unterscheidung nutzbar zu machen, gelingt Münnich am Beispiel der Genese der Arbeitslosenversicherung. Was vor dem ersten Weltkrieg scheiterte, wurde zehn Jahre später realisiert, „weil sich der Ideenhorizont verschoben hatte“. Die materielle Situation von Kapital und Arbeit war grundsätzlich dieselbe, aber die Interpretationen änderten sich. „Es kam zur Neudefinition von Interessen, weil bestimmte Ideen wirksamer wurden“, erklärt Münnich. Dazu gehörte die katholische Soziallehre, deren Grundsätze Arbeitsminister Heinrich Brauns als Vertreter des Zentrums von 1920 bis 1928 kontinuierlich in der Reichsregierung vertrat. In den guten Jahren der Weimarer Republik wandten sich entscheidende Akteure mehr und mehr vom Klassenkampf ab und der Sozialpartnerschaft zu.
 

« In den guten Jahren der Weimarer Republik wandten sich entscheidende Akteure mehr und mehr vom Klassenkampf ab und der Sozialpartnerschaft zu. »


 
Dieser Ansatz enthält eine Erklärung dafür, warum gesellschaftliche Verhältnisse niemals starr sind, sondern durch subjektive, kulturelle und vor allem auch diskursive Faktoren in Schwingung versetzt werden können. Gerade der letzte Aspekt ist wichtig: Ideen gewinnen Gestaltungsmacht, weil sie in der Kommunikation zwischen gesellschaftlichen Akteuren formuliert, weiterentwickelt und schließlich mehrheitsstiftend werden. Individuen und soziale Gruppen haben in dieser Betrachtungsweise Handlungsspielraum und werden durch die materiellen Umstände, in denen sie leben, nicht vorherbestimmt – wenngleich letztere natürlich eine wichtige Rolle bei der Herausbildung von Weltbildern spielen. „Es bestehen aber immer Entwicklungsmöglichkeiten“, so Münnich, „das gibt Hoffnung.“
 
Trotz dieser optimistischen Betrachtungsweise war die Zeit der Promotion, wie für die meisten Doktoranden, auch für Münnich eine Herausforderung. Besonders in der Endphase kommt man aus der gedanklichen Endlosschleife des wissenschaftlichen Themas kaum heraus. Der Jungprofessor hat da jedoch einen Vorteil, weil er regelmäßig Zuflucht in einer ganz anderen Sphäre findet.
 
Auftritt Sascha Münnich und die PmC Allstars: In rotem Hemd und schwarzem Anzug tritt der Sänger in den Kegel des Spotlights. Applaus, das Publikum kennt ihn. Mit Soul-Bass und ziemlich amerikanischem Akzent intoniert er „Georgia on my mind“, einen dieser ewigen Jazzstandards aus den 1930er-Jahren. Eine Mischung aus Gottesdienst und Pop: Die Orgel legt den Teppich, das Schlagzeug kommt dazu. Perfekte Musik, die Münnich, spätestens seit er achtzehn Jahre alt ist, nicht loslässt. „Ich habe immer in Bands gespielt.“ Zuerst Keyboard, dann Bass, schließlich konzentrierte er sich auf den Gesang. Hier beherrscht er verschiedene Genres. Im gelb-grünen Hawaii-Hemd gibt er auch gerne den hektischen Funksänger, der über die Bühne tigert und posiert. Seine neue Band heißt „Men in Black“. Er beschreibt sie als „Soul Show Band“. Aufnahmen und Videos gibt es noch nicht. Angeblich erinnert sie an die Blues Brothers. Man wird von ihr hören.
 
Erfrischend ist Musik, weil sie alle anderen Gedanken wegbläst. Die Vermutung aber, dass sie gar nichts mit Münnichs Hauptberuf zu tun habe, trifft dennoch nicht zu. Die Antennen des Soziologen bleiben immer ausgefahren – vielleicht nicht auf der Bühne, aber vorher und nachher. Es gab Tage, da sang Münnich erst bei einer Gartenparty der steinreichen Adelsfamilie von Hardenberg und abends dann für die Ledermänner eines Harley-Davidson-Treffens am Eder-Stausee. Solche Einblicke in unterschiedliche soziale Milieus schärfen den Blick für die Realitäten der Gesellschaft. Die semiprofessionelle Musikerkarriere hat Münnich davor bewahrt, „als Wissenschaftler nur unter Wissenschaftlern zu verkehren“.
 

« Die semiprofessionelle Musikerkarriere hat Münnich davor bewahrt, als Wissenschaftler nur unter Wissenschaftlern zu verkehren. »


 
Als grundlegende Motivation seiner Tätigkeit beschreibt der Soziologe den Wunsch, einen „ehrlichen Blick auf die Gesellschaft“ zu werfen. Geweckt wurde sein Interesse an sozialen, ökonomischen und politischen Entwicklungen in den 1980er-Jahren von Lehrern am Gymnasium, die er als „stramm links“ bezeichnet. Die dieser Gesellschaftskritik innewohnende Haltung findet Münnich als „Ausgangspunkt“ zwar auch heute noch richtig. Direkt anschließen müsse sich aber die kritische Auseinandersetzung mit dieser Art der Kritik. Arbeitsthesen, so Münnich, sollten anhand konkurrierender Theorien und der Empirie immer sorgfältig überprüft werden. So arbeitet er sich auch heute noch an „geschlossenen, mechanistischen Weltbildern“ ab, die die Menschen nicht entkommen lassen wollen.
 
Seine politische Einstellung bezeichnet er selbst als „linksliberal“. Dass der kapitalistische Markt die Herausforderung, materielle Güter zu produzieren und zu verteilen, bewältigen kann, stellt Münnich nicht in Abrede. Als beherrschendes Ordnungsprinzip für die gesamte Gesellschaft eigne sich dieser Mechanismus aber nicht. „Der Markt ruft Wirkungen hervor, die politisch eingehegt werden müssen“, formuliert Martin Höpner, Forschungsgruppenleiter am MPIfG in Köln, eine Grundannahme Sascha Münnichs.
 
Die „sozialen und ethischen Folgewirkungen wirtschaftlichen Handelns“, wie Höpner sagt, werden auch beim nächsten großen Projekt des Juniorprofessors eine zentrale Rolle spielen. Erste Bestandteile hat Münnich in seinem Aufsatz „Von Heuschrecken und Bienen: Profit als Legitimationsproblem“ vorgelegt. Darin analysiert er die Debatten in Deutschland und Großbritannien, die das verstärkte Auftreten von Hedgefonds und Private-Equity-Firmen nach dem Jahr 2000 auslöste.
 

« Der Markt ruft Wirkungen hervor, die politisch eingehegt werden müssen. »


 
Politiker wie der damalige SPD-Chef Franz Müntefering bezichtigten diese Firmen damals, eine neue Form des brutalen Finanzkapitalismus zu praktizieren, die mehr Schaden als Nutzen anrichte. Münnich nimmt diese Debatte als Anlass zu fragen, welchen Raum unterschiedliche Gesellschaften dem Kapitalismus bereit sind einzuräumen. Am Beispiel Deutschlands und Großbritanniens erklärt er, wie verschiedene ethische Ansprüche an den Markt begründet, kommuniziert und weiterentwickelt werden. Er plant, über die „Legitimation von Profit“ im Laufe der kommenden Jahre sein nächstes Buch zu veröffentlichen. Hier zeige sich, wie Martin Höpner meint, ein Wesenszug von Münnichs Soziologie. „Es geht ihm um die theoretische und gleichzeitig die empirische Brisanz des Themas.“
 

 
Zum Weiterlesen
  • Sascha Münnich: Von Heuschrecken und Bienen: Profit als Legitimationsproblem. In: Leviathan, Sonderband 27. München: Nomos, 2012, 283–301.
  • Sascha Münnich: Interessen und Ideen: Die Entstehung der Arbeitslosenversicherung in Deutschland und den USA. Frankfurt a.M.: Campus, 2010.

 
Quelle
Hannes Koch: Sascha Münnich: Der Ideenretter. In: Gesellschaftsforschung 1/2013. Köln: Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, 2013, 16-19.

 
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