Wolfgang Streeck Und wenn jetzt noch eine Krise käme?
Essay zur Zukunft des Kapitalismus in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung | 08.09.2009
"Die Rettung muss gelingen, sie muss bald gelungen sein, und sie wird lange nicht wiederholbar sein. Auch deshalb wird sich die Politik nie wieder dazu verstehen können und dürfen, der Wirtschaftsklasse bei der Vermehrung des Kapitals freie Hand zu lassen."
Jürgen Beyer Kein Weg zurück: Die Zukunft der Finanzmärkte
Beitrag im
Forschungsmagazin der Universität Hamburg, 01.06.2009 | 01/2009, S. 12-18
"Die internationale Verbreitung einer am Aktionärsinteresse ausgerichteten Unternehmensführungs- und Kontrollpraxis hat die Entstehung der Finanzkrise begünstigt. Die Entwicklung einer weniger risikobehafteten globalen Finanzmarktarchitektur ist heute dennoch eher in Sicht als die Rückkehr zu den alten nationalen Strukturen der Deutschland AG. [Mit Grafiken von Lothar Krempel]"
Wolfgang Streeck Rückkehr des Staates oder Ende der Politik?
Essay im Handelsblatt, 10.03.2009, Nr. 48, S. 9
"Die Finanzkrise hat dazu geführt, dass das Ende der Handlungsfähigkeit des Staates als Konfliktversicherer, Lückenbüßer und Retter absehbar geworden ist. Das ist wahrscheinlich ihr nachhaltigster Effekt: dass sie die halbherzigen Konsolidierungsversuche des letzten Jahrzehnts beendet. Zutiefst alarmierend an dem neuerlichen Wachstumsschub bei den Staatsschulden ist, dass er kein einmaliger Zwischenfall ist, sondern die Fortsetzung eines langen, aber eben nicht unendlich verlängerbaren Trends."
Wolfgang Streeck Lektion zum Kapitalismus
Essay zur Bankenkrise in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, 28. September 2008
Nicht die Krise ist das große Rätsel des Kapitalismus, sondern die Fiktion der Stabilität. Menschen können das schwer begreifen; denn sie brauchen Sicherheit und Heimat. Der Markt wird ihnen das nie gewähren.
Beiträge des MPIfG zum Kongress 2008 der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS)
Der 34. Kongress
der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS), zu dem sich im Oktober
2008 1700 Sozialwissenschaftler aus dem In- und Ausland an der Universität
Jena trafen, stand unter dem Motto "Unsichere Zeiten". Gegenstand waren
unter anderen ökonomische Krisen, die mit der fortschreitenden
Globalisierung auch in den reichen westlichen Staaten soziale Schichten
erreichen, die als sicher galten.
Wolfgang
Streeck diskutierte mögliche Zusammenhänge zwischen der
Flexibilisierung von Arbeitsmärkten und Familienstrukturen und setzt diese
in Beziehung zu der gleichzeitig gesunkenen Geburtenrate. Denn parallel zum
Niedergang des Normalarbeitsverhältnisses seit den 1970er Jahren haben auch
die familiären Beziehungen an institutioneller Verbindlichkeit verloren. Als
Ursache der Koevolution von Arbeitsmärkten und Familienbeziehungen kommen
sowohl die Attraktivität freier Märkte als auch die von ihnen ausgehenden
wirtschaftlichen Zwänge in Frage. Der gegenwärtige Übergang zu einer neuen,
auf Hebung der Geburtenrate zielenden Sozialpolitik ist ein Beispiel, wie
die Expansion von Marktbeziehungen und die von ihr ausgehende Unsicherheit
auch der persönlichen Lebensverhältnisse Forderungen nach staatlicher
Intervention nach sich ziehen. Die Logik ist dieselbe wie in der
Bankenkrise, wo die Befreiung der Kapitalmärkte von traditionellen
Beschränkungen und die zunehmende Kommodifizierung des Geldes den Staat
gezwungen haben, mit öffentlichen Mitteln stabile Erwartungen und
gegenseitiges Vertrauen wiederherzustellen. In beiden Fällen, und
wahrscheinlich generell, erzeugt Kapitalismus ein Bedürfnis nach staatlicher
Ersatzbeschaffung für soziale Beziehungen, die als Folge ihrer Vermarktung
ihre ursprünglichen Funktionen nicht mehr zu erfüllen vermögen.
Christoph Deutschmanns These im Beitrag "Der kollektive
'Buddenbrooks-Effekt': Die Finanzmärkte und die Mittelschichten“ ist, dass
sich jenseits des aktuellen Geschehens schon seit geraumer Zeit
sozialstrukturelle Spannungen aufgebaut haben, die das gesellschaftliche
Krisenpotenzial von Finanzmarktblasen deutlich erhöht haben. Mit der
strukturellen Aufwärtsmobilität in der Gesellschaft kommt es zu einem
wachsenden Ungleichgewicht an den Vermögensmärkten derart, dass einem
überproportionalen Wachstum der Anlage suchenden Finanzvermögen eine
sinkende Zahl potenziell solventer Schuldner gegenübersteht. Die Folgen sind
eine Neigung zum Netto-Kapitalexport und eine tendenzielle Überliquidität an
den Finanzmärkten, mit negativen Auswirkungen auf das wirtschaftliche
Wachstum und die soziale Lage der gleichen Mittelschichten, die vom
Nachkriegswohlstand zunächst profitiert hatten:
„Wir haben es nicht mit einer neuen dynamischen Entwicklung, sondern im
Gegenteil mit einer Degeneration des Kapitalismus zu tun, die zu
Kapitalmarktzusammenbrüchen und gesellschaftlichen Krisen führen muss. Das
Problem des Kapitalismus liegt gerade in seinem eigenen Erfolg. Der
Kapitalismus mobilisiert die Individuen, oft sehr erfolgreich, mit dem
Versprechen auf "Wohlstand für alle". Aber sollte dieses Versprechen
wirklich eingelöst werden – was dann?"
Die Finanzkrise hat Ansehen der Kreditbranche schwer beschädigt. Banken und
Sparkassen müssen nun vor allem das Vertrauen ihrer Kunden zurückgewinnen.
Guido
Möllering, wissenschaftlicher Mitarbeiter am MPIfG und
Vertreter der neuen Vertrauensdiskussion in den Sozialwissenschaften,
plädiert für das nur scheinbar rückständige Gefühl: "Bei jedem
Vertrauensmissbrauch wird immer gleich nach Kontrolle gerufen. Das ist ein
Reflex, der wenig bringt. Wer kontrolliert die Kontrolleure? Das führt nur
zu einer Spirale des Misstrauens. ... Angesichts von kontinuierlichem
Wachstum und positiven konjunkturpolitischen Signalen haben wir uns
zunehmend unverwundbar gefühlt. Die Folgen davon erleben wir derzeit im
Finanzsektor. Bedenken Sie, dass die Ratingagenturen stets selbst betont
haben, dass ihre Bewertungen nichts als Meinungen seien. ... Erstaunlich
ist, dass das Finanzsystem überhaupt durch solche Sicherheitsfiktionen
aufrecht erhalten wird. ... Gleichwohl ist es wichtig, jetzt über
symbolische Akte wieder Vertrauen aufzubauen. ... Es geht darum, die
Ungewissheit wieder zu akzeptieren."
(Interview in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, 3.2.2008)