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 MPIfG Kunstaustellungen

 

Der befreite Pinocchio
Hann Trier | Druckgrafiken


 

Dauerausstellung

Eine Sammlung von 11 Aquatinten auf Kupfer und Zink mit Anspielung auf die Illustrationen von Enrico Mazzanti, Carlo Chiostri und Attilio Mussino sowie Zitaten und Kommentaren zu bestimmten Stellen des Textes von Carlo Collodi
Auflage: 24 Exemplare | 90 x 70 cm | Verlag: Hann Trier


 

 
Hann Trier zählt zu den wichtigsten Protagonisten der ungegenständlichen Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Präsenz seiner Leinwand-, Decken- und Wandgemälde in großen Museen und öffentlichen Gebäuden sowie die zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland zeigen seine Bedeutung über nationale Grenzen hinaus. Bereits ein Jahr nach Kriegsende gehört Trier zur Alfterer Donnerstagsgesellschaft: Künstler, Kunsthistoriker und Kunstfreunde, die neue Wege finden, Fläche und Raum neu gestalten wollen. Er entscheidet sich 1949 für eine den Malprozess reflektierende Malweise. Nicht die Formbeschreibung, die Abbildung, sondern die Darstellung einer Bewegung ist wichtig für ihn. Er will die Spontaneität der Handschrift und der Bewegungen des Körpers sprechen lassen und entwickelt das Stilprinzip des beidhändigen Malens, das er so beschreibt: "Malen heißt in zusammenhängendem Ablauf auf überschaubarer Fläche tanzen. Im Fließen, im Staccato, im Anhalten, in der Wiederkehr der Pinselschläge tanzt der Rhythmus. Ich springe in ihn hinein, indem ich mit den Pinseln so tanze, dass Tanz sichtbar wird." Auch die Bewegungen in der Sprache - Wörter, die eine hörbare Dynamik bergen - erforscht er schließlich in seinen Bildern.
 

 

"Ein Maler ist einer, der immer malt." (Hann Trier, 1999)
 
Hann Trier, 1915 geboren in Düsseldorf-Kaiserswerth, wuchs in Köln auf. Seit 1972 malte er in seinem Atelierhaus in Mechernich-Vollem. Er starb 1999 in Castiglione della Pescaia.
 

 

Druckgrafik im Werk Hann Triers


 
Der Druckgrafik kommt innerhalb des Gesamtwerks Hann Triers thematisch wie stilistisch eine eigene Bedeutung zu. Auch hier entwickelt er Verfahren, die die Handschrift als Charakeristikum und Thema seiner Arbeit wahren und sichtbar machen. In drei Jahrzehnten entstehen Einzelblätter, Sequenzen und Mappen, die sich auf literarische und kunstwissenschaftliche Aufsätze sowie Fabeln und Kinderbücher beziehen. Mit diesen Folge wollte er freilich nie ein Buch oder einen Text illustrieren. Vielmehr sind sie - obwohl sie zu einzelnen Textstellen in Beziehung stehen - als witzig-ironische Kommentare zum Zeitgeschehen oder als bildnerische Transponierung der literarischen Aussage zu verstehen. Den Abschluss der Reihe der Druckgrafiken bildet 1976 die Radierfolge zur Pinocchio-Fabel.
 
In der Radierfolge Der befreite Pinocchio zitiert Hann Trier Momente aus der Fabel von Carlo Collodi aus dem Jahre 1883, um diese neu zusammenzufügen und auf eigene Weise als den "befreiten Pinocchio" (befreit vom wohlerzogenen angepaßten Jungen, der er am Ende des Buchs geworden ist) zu interpretieren. Von den 36 Abenteuern der Holzpuppe trifft der Maler eine Auswahl, die zusammen mit dem von ihm verfassten Prolog zu einem eigenwillig kommentierten Werk wird. Die unwiderstehliche Kombination von Witz und Moral des Kinderbuchs beflügeln Triers Phantasie. Ihm gefallen Pinocchios unbändiger Wille nach uneingeschränkter Freiheit und die forsche Frechhheit der Holzpuppe. Triers Italienliebe kommt zum Vorschein, wenn er im Prolog vermerkt, dass Pinocchio aus Italien stammt, "wo das Formulieren von Geboten nicht an sofortigen Gehorsam gebunden ist".
 

 
Pinocchio "kann sich daher in einem abenteuerlichen Leben richtig entfalten und erliegt den Anpassungszwängen nur, indem er seine Gestalt so ablegt, dass er auch seine Identität verliert: Ein Trick, der sein Überleben als Prototyp geradezu herbeiführt. Der prächtige Rebell hat es mit einem Wechselbalg von guter Fee zu tun. Freund und Feind sind schwer zu unterscheiden: Hunde sind bestechlich, Richter sperren den Unschuldigen ein. Der Zirkusdirektor redet wie ein Intellektueller im dritten Programm. Ärzte diagnostizieren laut vor den Kranken gegeneinander. Ein Denkmal aus Puppe, Tier und Mensch entsteht, bei dem die Inschrift auf dem Sockel so ungereimt ist wie die Gestalt selbst. Sobald das Geschehen sich zuspitzt verdreifachen sich die Wortklänge, vervielfachen sich die Zurufe; wie ja auch Kaninchen, Marder, Mäuse und Esel nur in der Mehrzahl vorkommen" (aus dem Prolog des Künstlers zu den Radierungen).
 

 

Grafische Technik


 
Trier selbst bezeichnet die Pinocchio-Folge als "so etwas wie ein Kompendium meiner grafischen Technik". Er verwendet für die zehn auf die Titelseite folgenden Blätter zwei Platten: Auf die kleinere, beim Drucken stets querformatig gestellte, rot-schwarz gedruckte Kupferplatte zeichnet er meist in der Vernis-mou-Technik (Weichgrundradierung, Radierverfahren mit weichem Ätzgrund, bei dem im Durchdrückverfahren auf aufgelegtes Papier gezeichnet und anschließend geätzt wird) mit Aquatinta (Radierverfahren, bei dem mittels Aquatintakorns durch verschiedene Ätzstufen malerische Graustufen erzielt werden).In der größeren, grün-schwarz gedruckten Zinkplatte druckt er daneben, aber auch teilweise darüber. Obwohl die Zinkplatte jeweils die Schrift trägt, dient sie keineswegs nur als kommentierendes Beiwerk zur Aussage der Kupferplatte. Vielmehr scheinen sie ein Zwiegespräch mit einander zu führen. Die Mehrschichtigkeit und Sprunghaftigkeit des Inhalts kommen so zum Vorschein, und auch der Künstler kann sich in das Geschehen um Pinocchio einmischen.
 

 
Text nach:
Uta Gerlach-Laxner, "Vorwort" und Alfred M. Fischer: "Die Druckgrafik im Werk Hann Triers", in: Uta Gerlach-Laxner (Hrsg.), 1994, Hann Trier: Werkverzeichnis der Druckgrafik. Köln: Wienand.
 
Sabine Fehlemann, "Vorwort", in: Sabine Fehlemann (Hrsg.), Hann Trier: Monographie und Werkverzeichnis. Köln: Wienand.
 

 
Der befreite Pinocchio ist ein Geschenk der 1997 emeritierten Gründungsdirektorin Prof. Renate Mayntz an das Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung. Bereits seit 1985 konnten die Grafiken aus der Privatsammlung des Ehepaars Mayntz-Trier als Dauerleihgabe in den ehemaligen Institutsräumen ausgestellt werden. Anlässlich des Einzugs in ein neues Gebäude in der Kölner Südstadt übergab Prof. Mayntz dem Institut 1998 die Radierfolge.
 

Kurzbiographie


 

 
1915 geboren in Düsseldorf-Kaiserswerth
1933 als Austauschschüler in Frankreich
1934-38 Kunstakademie in Düsseldorf, mit Staatsexamen in Berlin
1939-41 Militärdienst
1941-44 Technischer Zeichner in Berlin
1944-45 Militärdienst
1945-46 Thüringen, eine Zeitlang Bühnenbildner in Nordhausen
1946-52 lebt auf Burg Bornheim bei Bonn; Mitglied der Alfterer Donnerstagsgesellschaft
1952-55 Medellín, Kolumbien; Reisen nach Ekuador, Venezuela, Mexiko und Yukatán
1955 lebt in New York; Reise durch die USA
1955-56 Gastdozent an der Hochschule der Künste in Hamburg
1957-80 Professor an der Hochschule für bildende Künste Berlin; Studenten u.a.: Peter Klasen, Georg Baselitz, Marwan, Thomas Kaminsky
1966-92 Wand- und Deckenmalerei, u.a.: Schloss Charlottenburg in Berlin, Universität Heidelberg, Rathaus in Köln, Residenz des Botschafters der Bundesrepublik Deutschland am Heiligen Stuhl in Rom, "Wasserwerk" Bonn, Wallraf-Richartz-Museum/Museum Ludwig in Köln, Von der Heydt-Museum in Wuppertal
1999 gestorben in Castiglione della Pescaia

 
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