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 MPIfG Kunstaustellungen

 

VUNO oder Der Blick von unten
Gereon Heil


 

Ausstellung vom 27. August bis 24. September 1999


 

 
Heils Werke sind inspiriert durch frühgeschichtliche Holzschnitzereien und Steinritzungen. Seine durch die subjektive Wahrnehmung persönlich gefärbten Bilder verändern das Ausgangsmotiv oft ins Groteske. Der Anlaß für seine Malerei, so sagt er, ist "nicht der sichtbare, sondern der in den Dingen vorgestellte Raum sowie der imaginierte Blick durch die Ritzen zurück in die Welt des Malers bzw. Betrachters. Die alten, an Kinderzeichnungen erinnernden Zeichen, wie sie die Arawak-Indianer auf Gouadeloupe in die Felsen ritzten, sind für mich Kommunikationsstellen zwischen dem Oben und Unten, dem Außen und Innen." Auf großformatigen Einzelbildern, die er zum "Arawak"-Zyklus gruppiert, setzt Heil seine Motive um. Später läßt er in Pappmaché und Ton geformte Skulpturen in Bronze gießen und verwendet deren Abbildungen anschließend fototechnisch weiter in seiner Serie "Kopflastig". Gereon Heil, Vertreter eines psychologisch-sachlichen Stils, präsentiert ein "in sich stimmiges Kunstbild, dessen Entwicklung zu beobachten man sich gerne als Aufgabe stellt" (Eugen Grominger, Professor an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf).

 
Die Ausstellung der Werke von Gereon Heil ist zugleich die erste einer Reihe von Ausstellungen, die das MPI für Gesellschaftsforschung in den kommenden Jahren veranstalten wird Jeden Herbst wird das MPIfG Werke eines Nachwuchskünstlers in seinen Räumen präsentieren. Die Ausstellungen werden durch Beiträge von Sponsoren und Eigenleistung der Künstler finanziert. Die diesjährige Ausstellung wurde durch einen Spendenbeitrag des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall ermöglicht.
 

 

VUNO oder Der Blick von unten
Gedanken zu den neuen Bildern von Gereon Heil


von Dieter H. Stündel
 
Für den Oberen hat der Blick  von unten etwas Devotes. Für  den Unteren kann er  Offenbarung des Oberen sein.  Der von unten Blickende sieht  die Unterseite des Oberen, das, was unter dem schönen Schein liegt. Dann entlarvt der Blick  von unten den Oberen. Er kann dem Unteren zeigen, was der Obere gegenüber denen, die darüber sind, verborgen hält. Der Obere des Oberen sieht vom Oberen, der für ihn der Untere ist, nur den schönen Schein, also das, was er sehen will. Für einen auf der gleichen Stufe würde er zweidimensional wirken - ein Mensch ohne Tiefe, doch ob es solche Gleichgestellten in der Realität überhaupt gibt, daran besteht berechtigter Zweifel.
Die Tiefe der Schönheit, die für den Oberen der Oberen glänzt, stellt für ihn nichts als das rechte Werbehändchen dar, das da besagt, sieh meine Blüte an, lass dich von mir belatschern, ich bin was Besseres. Der Untere sieht nur die Form des schönen Scheins, der nach oben huldvoll winkt. Nach unten fällt der Schatten. Der Untere sieht, was zu dem schönen Schein geführt hat und worauf der schöne Schein basiert.

 
So fußen die anmutigen Seerosen im dunkelgrün-schwarzen Morast. Und dort unten wohnt er, Vuno. Wenn er aus Wassertiefen in Höhen blickt, hat er die Optik Fisch. Das Ende seines Blicks ist blau-weißliche Wasseroberfläche, die farbig vielleicht noch ein Stück hellen Himmels widerspiegelt, doch davon weiß Fisch nichts. Wohl aber Vuno! Sicher, in Tiefen des Wassers fühlt sich Vuno geborgen. Von hier aus oberflächelt er.
Manchmal sieht er Enden in seinen Tiefen gründeln. Wenn es zu viele sind, wird es ihm eng. Dann durchdringt er das Tropfenzelt seines Wasserhimmels, und, da er es nicht anders gewohnt ist, bohrt er sich abermals in Felsen. Mimt den kleinen Steinbeißer, der sich bis an Grenzen zwischen Stein und umgebender Lufthülle durcharbeitet, sodass gerade noch einige feste Felselemente den vollständigen Blick auf den Himmel verhüllen. Naturbetrachtungen aus fester Hülle steinerner Geborgenheit. Ohne die Elemente wäre ihm der Himmel ein wild Gewimmel von blau und weiß, hell und dunkel, grau und gräulich - also kurz gesagt: langweilig. Vuno Stärke liegt im Kontrastegucken.

 
Es gibt Zeiten, da wirkt Unbelebtes belebt. Dann zeichnen sich kleine Männchen auf schillernder Oberfläche ab, grinsen ihn deftig an, drehen ihm eine lange Nase, oder, in Ermangelung einer solchen, lange Ohren. Ohren wie Tiefseemuscheln. Ohren von einer Größe, als könne man durch sie sehen. Diese Wesen sind dem Felsen verbunden, markieren eine weitere Grenze, bevor der Himmel hereinbricht. Von außen verschwinden ihre exakten Formen im grauen Stein, in den sie geritzt, gemeißelt, gehämmert sind. Der Blick Vuno sieht sie als Umrisszeichnungen auf vielfarbigen, geradezu feurig lebenden Flächen. So als fließe Lavastein und suche noch seine endgültige Form. Sie liegen davor und doch irgendwie gleichzeitig dahinter, denn wenn Vuno seine Felsenhülle verlässt, dann offenbaren sich ihm die echten monströsen Gestalten.
 
Den Gesichtern nach sind sie Pappkameraden einer alten Schule. Der fast immer gleiche Ausdruck verweist den Betrachter Vuno blickschnell auf das Wesentliche - ihre Unterschiede. Sicher, einigen wenigen scheinen Ohren abhanden gekommen zu sein, und deren Gesichter sind dann auch gleich von ausgeprägtem Weltschmerz zerquält.
 
Vuno registriert aber ein entscheidendes Detail. Es beginnt an jener Stelle, wo der Kopf endet, wo eigentlich ein mehr oder weniger dichter Haarschopf das verwitterte Haupt krönen sollte. Vuno kann aus seiner Position nur Andeutungen aufnehmen, doch in seinem Geist formen sich gerade noch sichtbare Details zu gewaltigen Gebilden, die den Kopf und damit auch das Individuum in seiner Gänze beherrschen.
 

 

"Kopflastig"


 
Vuno sieht bei einem nur einen knappen roten Rand, der gleich einem Halo über ihm zu schweben scheint. Diese Impression ergänzt er durch einen Kopfreif und daran befestigte Stäbe, die die rote Sonne in einer gewissen Höhe halten. Sein Gedankenreichtum macht die Ohrenwesen zu Hutwesen. Besonders spaßig ergänzt er den mit dem Doktorhut, dem er durch eine dazwischen geschraubte Angströhre Professorenstatus verleiht, und ein Zierkäppi à la Hundertwasser wird in Vuno Fantasie zur ornamentbekritzelten Traperistensäule von schweillgender Schönheit. Einem Brutalo mit gelber Aura lässt er einen Baseballschläger aus dem Kopf erwachsen. Dem Platzhirsch unter den Figuren verleiht er blau mäanderndes Geweihgewächs und schwarzen Gesichtern gesteht er so viel Balancefähigkeit zu, dass er bei ihren Hüten auf gedankliche Verknüpfung zwischen Haupt und Hut verzichtet.
 
So versteht Von-unten-nach-oben diese Welt von Gereon Heil.
 
Dieter H. Stündel, Mitarbeiter beim WDR, Joyce- und Carroll-Übersetzer, lebt in Siegen
 
© Dieter H. Stündel
 

"The View from Below"


 
On Thursday, August 26, 1999, the Max Planck Institute for the Study of Societies will open an exhibit of paintings and sculptures by Gereon Heil, a young artist based in Düsseldorf. The exhibit will be open to the public from August 27 to September 24, 1999. Inspired by ancient wood carvings and petroglyphs, Gereon Heil's paintings often take on a grotesque form which is accentuated by an unusual, very subjective perspective. His reason for painting is, he says, "not what you see, but the space you imagine is there and the view you imagine existing in that space, looking back out at you, at the artist, at the viewer. For me, the ancient petroglyphs of the Arawak Indians of Guadeloupe, which are reminiscent of children's drawings, are places where communication between the top and the bottom, the inside and the outside is possible." This point of view is reflected in a series of large paintings Heil has entitled "Arawak," and in his papier mâché and clay sculptures, some which he has cast in bronze. In his series "Kopflastig" ("Topheavy"), the sculptures are photographed and integrated into new paintings. Calling Gereon Heil's psychologically realistic style "well-rounded," Eugen Grominger of the Düsseldorf Academy of Art has said, "it will be a pleasure to keep track of his progress." The exhibit of Gereon Heil's work is the first in a series of exhibits of work by young artists the MPI for the Study of Societies plans to host every fall in the coming years. The exhibits will be paid for by sponsors and by the artists themselves. This year's exhibit has been made possible by support from the Arbeitgeberverband Gesamtmetall (the metal sector's employers' confederation).
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