Die ökonomische Erfolgsgeschichte Deutschlands war eng verwoben mit einem Modell der Reproduktion: Über die Trias von Normalarbeit,
Sozialstaat und Ernährerfamilie war ein Gefüge wirksam, das zwar mit sozialen Hierarchisierungen verknüpft war, aber in hohem Maße
auch Erhol- und Familienzeiten garantierte. In den letzten Jahren erfolgten Weichenstellungen, die einen Umbau des Reproduktionsmodells
initiierten. Hierüber fand jedoch weder ein gesellschaftlicher Diskurs statt, noch rechtfertigen aktuelle Entwicklungen in der Arbeits-
und Lebenswelt der Menschen den Umbau in seiner Form. Das Gegenteil scheint der Fall: Der Umbau erweist sich als zusätzliche Belastungsquelle
für viele Menschen und konterkariert damit implizit das Ziel, Arbeits- und Lebenskraft nachhaltig abzusichern.
Kerstin Jürgens
ist Professorin für Mikrosoziologie an der Universität Kassel. Sie forscht zum Wandel der Erwerbsarbeit und liefert Expertise zum Zusammenhang
von Arbeit und Leben. Ausgewählte Publikationen: Arbeits- und Lebenskraft: Reproduktion als eigensinnige Grenzziehung (2009), Deutschland
in der Reproduktionskrise (Leviathan, 2010), Prekäres Leben (WSI-Mitteilungen, 2011).