In seiner "Berliner Rede" im März 2009 nannte Bundespräsident Köhler die Finanzkrise eine Bewährungsprobe für die Demokratie. Doch sind die Institutionen etablierter Demokratien gerüstet, diese und andere Krisen zu meistern? Umfragen in vielen dieser Länder belegen, dass eine wachsende Anzahl der Bürger skeptisch auf die Funktionsweise der Demokratie blickt. Symptome dieses Ansehensverlusts sind eine sinkende Wahlbeteiligung, der Mitgliederschwund der Parteien sowie das verbreitete Misstrauen gegenüber Politikern und Parteien. Zwischen den an die Regierung gerichteten Erwartungen und deren Fähigkeit, diese zu erfüllen, wächst eine Kluft: Während weiterhin die Verantwortung, Krisen zu bewältigen, bei der Politik verortet wird, schwindet das Vertrauen der Bevölkerung, dass ihr dies tatsächlich gelingt. Vor dem Hintergrund international vergleichender Untersuchungen und demokratietheoretischer Überlegungen prüfen die Vorträge dieser Reihe, ob die Demokratie aktuellen Herausforderungen gewachsen ist.
Die Vorträge finden in den
Räumen des Max-Planck-Instituts für
Gesellschaftsforschung statt (Anreise)
und beginnen jeweils um 17 Uhr s.t. (Ende 18:30).
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In many established democracies, citizens look with dismay at politicians, parties and politics in general. As a result, voter turnout declines, parties lose members and political elites are distrusted. Citizens seem to have lost faith in democracy’s ability to deal with pressing problems. Based on comparative research and normative theory, this lecture series addresses the question whether democracy can live up to the challenges it faces.
The lectures
are from 5 s.t. to 6:30 p.m. at the Max Planck Institute for
the Study of Societies (directions).
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23. April 2009
Politisches Vertrauen und die Akzeptanz
wohlfahrtsstaatlicher Reformen in Deutschland
Oscar W. Gabriel, Universität Stuttgart
Oscar W. Gabriel ist Leiter der Abteilung "Politische Systeme und Politische Soziologie"
am Institut für Sozialwissenschaften der Universität Stuttgart.
Seit mehr als einem Jahrzehnt steht die Politik in Deutschland vor der Herausforderung,
das bestehende System sozialer Sicherungen den aus dem demografischen Wandel und den
fiskalischen Zwängen resultierenden Bedingungen anzupassen. Die Debatte über Ziele,
Mittel und Wirkungen der von der Regierung Schröder eingeleiteten Reformen verlief
hoch kontrovers und war politisch folgenreich. Die Bildung der Linkspartei und die
Abwahl der Koalition aus SPD und GRÜNEN war eine Folge der Auseinandersetzung um die
Zukunft des Systems der sozialen Sicherung in Deutschland. Offenkundig fand die Reform
des traditionsreichen deutschen Wohlfahrtsstaates in großen Teilen der Bevölkerung keine
hinreichende Unterstützung. Auf der Grundlage von im Rahmen eines DFG-Projekts im
Dezember 2007 erhobenen, bundesweit repräsentativen Umfragedaten behandelt der Vortrag
die Akzeptanz der in den Politikfeldern Gesundheit, Rente und Familie durchgeführten Reformen.
Der Vergleich dieser Politikfelder ist deshalb sinnvoll, weil es sich bei der Gesundheits- und
Rentenpolitik um redistributive Politiken handelt, bei der Familienpolitik hingegen um eine
distributive Politik. Erwartungsgemäß schlägt sich dies in der Akzeptanz der betreffenden
Reformen nieder. Zur Erklärung der betreffenden Einstellungen knüpft der Vortrag an
Überlegungen Mark Hetheringtons an, der für die Vereinigten Staaten einen Zusammenhang
von Reformakzeptanz und politischem Vertrauen nachwies, insbesondere bei der Reform
redistributiver Politik. Hetherington führte das Scheitern der von der Regierung
Clinton angestrebten Gesundheitspolitik auf einen Mangel an Regierungsvertrauen,
insbesondere bei Personen mit konservativen politischen Überzeugungen zurück.
Derartige Muster lassen sich auch für Deutschland nachweisen. Das Vertrauen zu
den politischen Institutionen erweist sich als eine der wichtigsten Determinanten
der Reformakzeptanz durch die Bürger West- und Ostdeutschlands.
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14. Mai 2009
Why We Still Hate Politics
Colin Hay, University of Sheffield
Colin Hay is Research Director of the Department of
Politics at the University of Sheffield and co-director
of the Political Economy Research Centre (PERC).
Politics was once a term with an array of broadly positive connotations,
associated with public scrutiny, deliberation and accountability.
Yet today it is an increasingly dirty word, typically synonymous with
duplicity, corruption, inefficiency and undue interference in matters
both public and private. How has this come to pass? Why do we hate and
despise politics and politicians so much? How pervasive is the contemporary
condition of political disenchantment and disaffection? And what can be done about it? In his talk,
Colin Hay brings together themes from his book "Why We Hate Politics" with more recent work
to present an alternative diagnosis of the condition of political disaffection
and disengagement afflicting the advanced liberal democracies.
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25. Juni 2009
Representative versus Responsible Government
Peter Mair, European University Institut, Florence
Peter Mair is Professor of Comparative Politics and Government
and Current Chairman of the Faculty of Political and Social Sciences at the European
University Institute.
Since the end of the 1980s, the long-standing tension between the demands of
representative government and those of responsible government has become
substantially more acute. For a variety of reasons, it has become increasingly
difficult for parties in government to function as representative agencies.
At the same time, for a host of other reasons, these same parties face
increasingly powerful constraints imposed by the demands of responsible
government. In the past, this sort of tension was overcome through the
mobilisation capacities of the parties themselves. Now, these capacities
have waned, while the tension itself has become more acute. None of this
bodes well for the legitimacy of party government and party democracy.
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9. Juli 2009
Transformation des Politischen?
Gary S. Schaal, Universität Hamburg
Gary S. Schaal ist Professor für Politische Theorie
und Ideengeschichte an der Helmut-Schmidt-Universität
Hamburg.
In der normativen Demokratietheorie mehren sich genauso wie in einem
spezifischen Strang der empirischen Demokratieforschung jene Stimmen,
welche die liberale Demokratie heute als Postdemokratie bezeichnen.
Diese Diagnose wird sowohl in affirmativer als auch kritischer
Perspektive gestellt. In seinem Vortrag vertritt Schaal die These,
dass wir Zeitzeugen einer Transformation des Politischen sind.
Die Bedeutung dieser Transformation erschließt sich jedoch erst dann,
wenn man den Begriff des Politischen sehr präzise fasst.
Eine solche Konzeptualisierung soll in einem ersten Schritt vorgestellt werden.
In einem zweiten Schritt wird der Zusammenhang zwischen Neoliberalismus und
dem liberalen Ideal der Responsivität (als zentrales Ideal liberaler Demokratie)
diskutiert. Es wird angenommen, dass die Responsivität sich zunehmend
als dysfunktionales Ideal erweist. In einem letzten Schritt sollen die beiden
Stränge zusammengeführt und die These von der Entwicklung hin zur Postdemokratie
als Transformation des Politischen gedeutet werden.
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